Mein Mann "zerdenkt" Alles

Hallo Forum,

ich wende mich heute an Euch, weil ich mit meinen Überlegungen nicht mehr weiter komme. Ich hoffe jemand hat eventuell eine neue Perspektive für mich, einen Tipp oder eine Idee an die ich bisher noch nicht gedacht habe.

Es geht um meinen Mann. Er hat sich in den letzten Jahren sehr verändert und leider zum Negativen und ich verstehe einfach nicht was los ist.

Zur Vorgeschichte: Wir sind Mitte 40 und kennen uns seit unserer Teenagerzeit. Wir sind in der selben Kleinstadt aufgewachsen und hatten einen großen gemeinsamen Freundeskreis. Wir hatten immer viel Spaß zusammen, er war damals ein richtig cooler Typ, immer zu Späßen aufgelegt, bei jeder Aktion dabei, Jemand zum Pferde stehlen. Ich hab ihn damals schon sehr gemocht und gerne Zeit mit ihm verbracht, wir waren (teils mit Freunden, teils nur zu zweit) unterwegs zum Feiern, auf Festen, Konzerten und Festivals.
Dann haben wir uns ein paar Jahre kaum gesehen, haben in verschiedenen Städten und Ländern gelebt, hatten aber immer lose Kontakt. Jetzt wohnen wir beide wieder in unserem Heimatstädtchen und vor 8 Jahren hat es dann ZOOM gemacht, wir haben uns verliebt und sind seit 6 Jahren verheiratet. Wir wohnen in einem schönen, fast abbezahlten Haus mit Garten in einer ruhigen Gegend, nur Kinder konnten wir leider nicht bekommen, aber wir haben ein Heer von Neffen und Nichten, daher haben wir uns damit arrangiert. (Er war nie sooo begeistert vom Thema Kinder, hätte aber natürlich "mitgemacht", hätte es denn geklappt.)

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass er sich schleichend verändert hat, von der "coolen Socke" von früher ist nicht mehr viel übrig. Er ist total verkopft geworden, alles muss bis ins letzte Fitzelchen zerdacht werden, spontane Unternehmungen sind (im Gegensatz zu früher) so gut wie unmöglich geworden, es werden duzende stets negative was-wäre-wenn-Szenarien durchgespielt und teilweise sind seine Gedankengänge für mich nicht nachvollziehbar.

Wenn wir zum Beispiel übers Wochenende einen Städtetrip machen wollen, werden im Vorfeld alle möglichen Szenerien durchgegangen, Überlegungen wie "Was wenn der Zug ausfällt?" -> Drama! Ich denke mir: dann nehmen wir den nächsten oder fragen beim Bahnschalter nach was die Optionen sind. Irgendwie kommen wir schon ans Ziel. "Was wenn es Stau gibt, wir viel später ankommen und dann im Hotel an der Rezeption keiner mehr ist? Woher kriegen wir den Schlüssel?" -> Drama! Und wenn ich dann versuche ihn zu beruhigen und sage: Kein Problem Schatz, ich kümmere mich, ich rufe von unterwegs an und sage, dass wir uns verspäten oder ich habe gelesen die Rezeption ist 24h besetzt oder die haben dort ein Schlüsselkästchen, wir kommen auf jeden Fall in unser Zimmer, dann beunruhigt ihn diese unwahrscheinliche Unstimmigkeit so sehr, dass er ganz nervös und fahrig (und schlecht gelaunt) ist.
Und so geht es ständig. Er macht sich so viele Sorgen und Gedanken um alles mögliche und so gut wie immer waren seine Bedenken völlig unbegründet, weil am Ende alles super klappt.

Und so langsam habe ich echt die Faxen dicke. Ich versuche ja verständnisvoll zu sein und auf ihn einzugehen, ihm die Sorgen zu nehmen, aber ich merke wie ich tief in mir drinnen immer wütender werde. Ich würde ihm ja gerne helfen und diese "Alles wird schrecklich!"-Gedanken aus seinem Kopf reissen, aber ich weiß nicht wie.

Sind das Neurosen? Eine Midlife-Crisis? Eine Depression? Oder etwas anderes?

Ich versehe auch nicht, was das ganze ausgelöst hat. Wir führen ein sorgenfreies Leben, haben ein schönes Zuhause, keine finanziellen Sorgen, viele Freunde und Familie, wir mögen unsere Jobs, wir haben keinen Grund zur Klage, alles könnte super und wir überglücklich sein. Wenn da nicht ständig diese dunkle Wolke über uns hinge.

Natürlich habe ich mit ihm gesprochen und er sagt selber er vermisst sein altes Ich, das unbeschwert und sorgenfrei durchs Leben ging und will gar nicht so sein. Er leidet auch an Schlafstörungen, weil ihn die Gedanken nicht loslassen und manchmal schafft er es auch nur mit einem Glas Wein überhaupt müde zu werden.

Gibt es hier auch Zerdenker und habt ihr einen Tipp für mich? Wie kann ich helfen? Was würde Euch beruhigen? Wie durchbricht man das Gedankenkarusell?

Oder habt ihr einen Partner der ähnlich tickt und wie geht ihr damit um?

Danke fürs Lesen.

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Ich bin kein Psychologe aber für mich klingt das nach einer Zwangsstörung. Meiner Meinung nach sollte er sich da professionelle Hilfe suchen.

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Da könntest du recht haben... danke.

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Ich bin Psychotherapeutin und für mich klingt es sehr nach einer psychischen Erkrankung. Zwangsstörung wäre möglich, meine erste Hypothese wäre aber die sogenannte "Generalisierte Angststörung" - kannst ja mal im Internet nachlesen, ob das passen würde. Bei dieser Erkrankung ist eine Verhaltenstherapie zu empfehlen. Der erste Schritt wäre für Kassenpatienten eine "Psychotherapeutische Sprechstunde", um eine Fachmeinung und qualifizierte Behandlungsempfehlung zu bekommen.

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Mein Partner ist auch verkopft. Daher hat er auch solche Gedanken, wie dein Mann, aber er denkt weiter und bis zu den Antworten. Also er fragt sich, ob man den Schlüssel noch bekommt und hat dann aber im Kopf, "anrufen und klären" oder er bittet mich eben darum, es zu klären oder zu recherchieren, was möglich ist. Dann hat er seine Antwort und gut. Warum geht dein Mann nicht diesen Gedanken zu Ende - hast du ihn das mal gefragt? Frag ihn mal, wenn er mit konkreten Fragen kommt -> Zug weg -> was möchtest du machen, wenn wir den Zug verpassen? Seine Antwort müsste sein: "wir nehmen den nächsten" oder "wir holen unser Auto" oder oder. Und dann fragst du ihn, ob das für ihn tragbar ist und er so diese Sorge loslassen kann.
Ich kann aber auch absolut deine Wut verstehen und dass die Unternehmungslust sehr darunter leidet. Da habe ich noch keine Lösung. Stresst ihn evtl der Job und er ist überlastet, wenn dann noch private "Sorgen" reinkommen?

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Das zu-Ende-denken ist ein guter Tipp. Ich versuche zwar bisher immer, ihm gute Lösungen aufzuzeigen, zumeist findet er dabei aber auch wieder ein Haar in der Suppe, was mich frustriert. Fast als "wöllte" er, dass etwas schief geht (was natürlich Unsinn ist).
Vielleicht gebe ich zu schnell auf und sollte den Weg bis zur befriedigenden Lösung mit ihm gemeinsam gehen. Bis er sagen kann "Ja, jetzt mache ich mir darüber keine Sorgen mehr." Vielen Dank, das werde ich versuchen. :-)
Ab und an ist sein Job auch mal stressig (dann bin ich besonders einfühlsam und lasse seine Gereiztheit nicht an mich ran, ich weiß ja, er ist nicht mit mir sauer, sondern mit der Situation), aber jetzt nicht in dem Maße, dass er wochenlang unter Strom steht.
Private Sorgen gibt es selten und wenn mal zB Knatsch in der Familie ist, bin ich immer für ihn da, höre zu und bin auf und an seiner Seite.

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Du hast es selber schon richtig benannt "Gedankenkarusell" - viele Menschen erkranken in Laufe ihres Lebens an einer Depression oder Angsterkrankung. Da ist sicher eine therapeutische Hilfe des beste Weg. Zur Entspannung helfen auch Online Apps der Krankenkasse. Schau mal bei seiner Versicherung.

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Ich bin diejenige, die bei uns mit so etwas ihre Probleme hat.

Bei mir liegt es an der Schilddrüse und dadurch bin ich auch mangelernährt. Bin ich falsch eingestellt (zu viele Hormone) und nehme nicht genug Mineralstoffe und Vitamine zu mir, bin ich mental überhaupt nicht mehr belastbar, ängstlich und kann kaum schlafen.

Deswegen wäre mein Rat sich erstmal beim Hausarzt ordentlich durchchecken zu lassen. Einfach um eine körperliche Ursache komplett auszuschließen...

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An etwas Körperliches hatte ich noch garnicht gedacht! Er lässt zwar immer mal wieder seine Werte beim Hausarzt prüfen, das letzte Mal ist jetzt aber auch schon wieder ein paar Jahre her. Ich werde ihm das vorschlagen. Gibt es spezielle Werte, auf die besonders geachtet werden sollten? Im Bezug auf die Schilddrüse zum Beispiel? Oder auf welche Mineralstoffe und Vitamine sollte geachtet werden um einen Mangel auszuschliessen?
Ich kenne mich mit Blutbildern nicht aus, ich weiß nur das der Begriff "großes Blutbild" gerne mal fälschlich verwendet wird und da nicht automatisch alle Werte geprüft werden.
Ich danke Dir. #blume

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Hi,
Eisen, Vitamin D, Vitamin B (12?), bei den Schilddrüsenwerten ist das so eine Sache, da sind wohl nicht alle Allgemeinmediziner gleich firm. Aber wenn er den Grund anspricht, müsste der Hausarzt wissen, welche Werte er abfragen muss.

vlg tina

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Ich finde das auch schon sehr extrem und denke, er braucht da dringend professionelle Hilfe. Du wirst ihm da nicht raus helfen können, leider!

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Der Vater einer Freundin hatte sowas auch mal. Wenn scheinbar winzigkleine Probleme auftraten, konnte er die Gedanken nicht loslassen. An Weihnachten einmal „Was ist, wenn das Auto zufriert und wir nicht mehr reinkommen, weil die Türen vereist sind“. Für ihn und seine ganze Familie war das sehr belastend.
Ich denke auch, dass man sich da professionelle Hilfe holen sollte.

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Hey!
Das klingt nach einer Angststörung oder Depression. Er sollte sich auf jeden Fall beim Hausarzt vorstellen, damit ist nicht zu spaßen, insbesondere damit nicht: "manchmal schafft er es auch nur mit einem Glas Wein überhaupt müde zu werden."

Der tsh-Wert der Schilddrüse und die freien Werte wären wichtig.

Mein Mann hat in diesem Zustand eine Therapie beim Psychologen begonnen, um die Gedankenkreisel stoppen zu lernen.

Liebe Grüße
Schoko

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Wie gehts ihm sonst so? Wie ist die Stimmung?

Schlafstörungen und Gedankenkarussell sind bei mir die klassischen Anzeichen für einen depressiven Schub. Als ich die Depression das erste mal diagnostiziert bekommen habe, hatte ich das über Wochen und mir ging es nach und nach immer schlechter und ich habe einfach nicht verstanden wieso, weil "eigentlich geht es mir doch gut".

Wenn das auf ihn zutrifft: Bitte ihn zum Hausarzt zu gehen, vielleicht auch schon mit der Vermutung einer psychischen Erkrankung, bitte auch offen alle "komischen Sachen" dem Arzt/der Ärztin erzählen. Da sollten physische Ursachen ausgeschlossen werden - bei wurde damals ein großes Blutbild gemacht und ich war beim Kardiologen. Parallel anfangen einen Therapieplatz zu suchen. Dauert erfahrungsgemäß ein wenig, aber da sollte dann auch eine Diagnose gestellt werden. Im besten Fall ist es die Schilddrüse, da kann man einfach Medikamente nehmen und dann kann man den Termin beim Psychologen/Psychiater auch absagen.

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Im normalen Alltag ist die Stimmung gut, da hat er keine Unsicherheiten in seinen gewohnten Abläufen. Es tritt vermehrt bei "Störungen" im System auf, gerade wie ein Wochenendurlaub. (Hat übrigens alles super geklappt.)
Danke Dir.

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Ganz einfach: Wenn wann kaum Sorgen hat, dann macht man sich welche.

Geht mir manchmal nicht anders.

Ich weiß nicht warum, aber intelligente Menschen neigen dazu, nicht einfach mal Sachen auf sich zukommen zu lassen.

Macht doch einfach mal ne Wette. Wenn alles glatt geht, dann feiert ihr in nem schönen Restaurant auf seine Kosten.
Geht was wirklich hanebüchen schief, dann zahlst du die Wiedergutmachung: Taxi, McDonalds-um-2-Uhr-Nachts, halbe -Stunde-Rückenmassage, Tequila in der Bahnhofsspelunke...

Meine Güte, da Leben kann so spannend sein und so etwas ist doch das Salz in der Suppe.

Bearbeitet von kaumSorge