Freundin gestorben, ihr Tod reißt alte Wunden auf

    • (1) 11.12.18 - 12:35

      Letzt Woche ist meine Freundin gestorben. Ich bin noch dabei, das zu begreifen. Ich erhielt den Anruf, als ich gerade mit den Kindern beim Augenarzt war. Ihre Tochter hat mich informiert.

      Zuerst wurde mir schlecht, dann bin ich erstmal zum Klo geflüchtet, weil ich dachte, ich muss mich gleich übergeben.

      Mein Kopf hat dann auf Autopilot geschaltet. Ich habe das mit den Augenarzt noch durchgezogen und bin abends noch mit meiner Tochter zur Tanzprobe gegangen. Geweint habe ich da noch nicht, ich hatte nur so leichte Anwandlungen von Atemnot und Panik.

      Die Geschichte dahinter ist tragisch. So ein Worst Case-Verlauf, den man sich nicht ausdenken kann.

      Alleinerziehend, schon seit längerer Zeit verwitwet, in den letzten 2 Jahren ist alles aus dem Ruder gelaufen. Die Tochter, welches auch seit 7 Jahren die beste Freundin von meiner Tochter ist, entwickelte eine Form von Epilepsie und der Bruder meiner Freundin hatte im letzten Winter einen Schlaganfall. Er hatte ein kleines Unternehmen, was abgewickelt werden musste. Die Eltern pflegen ihn zuhause, sind aber selber zu alt, um alles alleine zu schaffen. Meine Freundin hat sich aufgerieben und dann hatte ihre Tochter ihren ersten Freund und hat nur noch Mist verzapft und ist in der Schule abgesackt.

      Meine Freundin hatte im letzten Winter einen Zusammenbruch, war 2 Wochen verschwunden. Ich wusste von nichts und konnte niemanden erreichen. Die Tochter war in der Zeit bei den Großeltern.

      Jetzt im Sommer hat das Jugendamt die Tochter in einer Wohngruppe untergebracht. Sie musste auch das Schuljahr wiederholen.

      Vor zwei Wochen hatte ich noch lange mit meiner Freundin telefoniert. Sie hat viel geweint und hat sich sehr zurückgezogen. Sie war seit dem Tod ihres Mannes erwerbsunfähig. Hatte somit also auch ohne ihre Tochter keine Struktur mehr. Sie hatte vorher auch noch einen Hund und eine Katze, die versorgt werden mussten. Der Hund ist vor 2 Jahren gestorben, die Katze wurde im letzen Jahr überfahren. Sie hatte also gar keine Struktur mehr in ihrem Leben. Sie hatte zum Schluss noch viel Kontakt mit ihren Eltern, da es ja um die Pflege ihres Bruders ging.

      Nun ist sie tot. Ich habe das nicht kommen sehen.

      Das Schlimmste für mich: Das Leben geht gnadenlos weiter. Der Terminkalender ist voll, ich habe tausend Verpflichtungen, Weihnachten steht vor der Tür usw.

      Und bei vielen Menschen habe ich das Gefühl, dass sie das gar nicht ernst nehmen, weil es ja nicht mein Partner oder meine Eltern oder sonstige Angehörigen waren, sondern "nur" meine Freundin.

      Die Einrichtung kann nicht offen mit mir sprechen, da sie der Schweigepflicht unterliegt und die Eltern von ihr habe ich ja noch gar nicht kennengelernt. Für sie gehöre ich ja auch nicht mit zur Familie.

      Mit der Tochter kann ich nicht über alles sprechen, denn sie ist ja noch ein Kind und braucht eigentlich selber Hilfe.

      Und die Familie möchte im engsten Kreis Abschied nehmen und ich gehöre nicht dazu. Mit meinen Kindern kann ich nicht ganz offen darüber sprechen, da sie ja auch noch zu jung und damit total überfordert sind.

      Ich muss den ganzen Tag funktionieren, als ob nie was gewesen wäre. Und ich weiß nicht, wohin mit mir. Manchmal steigt die Panik in mir auf und dann wieder fällt mir irgendwas aus der Hand, weil ich so zitterig und fahrig bin. Und dann zerfalle ich zu Staub und bin nur noch am Heulen.

      Der Vater meiner Kinder ist selbst nicht greifbar, da er letzte Woche selbst einen Verkehrsunfall hatte und erst jetzt wieder arbeiten kann und nicht schon wieder fehlen kann.

      Ich weiß nicht, wie das alles weitergehen soll. Gestern war ich so verwirrt, da habe ich das Telefon in die Hand genommen und wollte mir ihr über ihre Tochter reden und habe dann erst geschnallt, dass ich sie nicht mehr anrufen kann. Ich habe Angst, dass ich den Verstand verliere. #zitter

      • Achso, sorry, alte Wunden: Mein Vater starb auch so überraschend, als ich 9 Jahre alt war. Meine Mutter war dann auch alleinerziehend und musste aber ziemlich schnell wieder arbeiten gehen. Es war keine Zeit zum Trauern. Ich hatte einen Zusammenbruch nach dem Abitur, als ich zum Zeitpunkt meines Schulabschlusses begriffen habe, dass ich keinen Vater habe. Und ich hatte Angst, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Ich hatte einen Studienplatz und sollte mir in einer anderen Stadt eine Wohnung suchen und meine Freundinnen sind alle woanders zum Studieren hingegangen.

        Oje du Arme, lass dir mal drücken :-(
        Natürlich nimmt dich das extrem mit, schliesslich war Sie eine langjärige Freundin!
        Sie musste in Ihrem Leben wohl einiges mitmachen und hat nun hoffentlich Ihren Frieden gefunden. Ist Sie denn plötzlich gestorben oder war es eine längere Krankheit?
        Wenn es eine längere Krankheit war, kann man sich schon ein bisschen darauf einstellen, auch wenn so eine Nachricht immer furchtbar ist. Plötzlich aus dem Leben gerissen zu werden ist besonders heftig.
        Die wenigsten brechen nach so einer Nachricht sofort in Tränen aus. Das muss sich erst mal setzen und zum Trauern benötigt man Ruhe.
        Deiner Tochter kannst du natürlich sagen, dass die Mama ganz traurig ist, weil die Freundin in den Himmel gegangen ist. Kinder verstehen mehr als man denkt.
        Nunja, was soll ich sagen, da muss leider jeder alleine durch. Den Verstand verlierst du sicher nicht, das ist halt ein Trauerprozess. Lass es einfach zu.
        Mit deinen "Altlasten" würde ich das erst gar nicht in Verbindung bringen. Deine Vergangenheit hat doch damit nichts zu tun, versuche das zu trennen wenns geht...
        Alles Gute#liebdrueck

        • Ich wusste, dass sie körperlich angeschlagen ist, denn sie war ja vor einem Jahr schon mal im Krankenhaus. Aber ich dachte, sie ist jetzt unter ärztlicher Aufsicht und kommt wieder auf die Füße. Sie hatte immer bessere und schlechtere Phasen. Eine zeitlang hatte sie mal Rücken. Das war auch unschön und hat lange gedauert, aber irgendwann hörte das auch wieder auf. Da war ich noch mit ihr einkaufen usw. Das sind ja alles Dinge, die zu schaffen sind. Aber mindestens muss ich leider sagen, dass sie über lange Zeit Raubbau am eigenen Körper betrieben hat. Kaffee, Zigaretten, schlecht gegessen (dabei konnte sie gut kochen), Alkohol zum Einschlafen, Medikamente. Sie war ja in der Altenpflege tätig, also wenn sie vorgehabt hätte, sich umzubringen, hätte sie wohl genau gewusst wie. Aber sie ist an Organversagen gestorben. Auf dem Sofa liegend.

          Ich konnte mich eben wie bei meinem Vater nicht verabschieden. Bei noch relativ jungen Menschen rechnet man einfach noch nicht damit, dass sie sterben könnten.

          Ich kriege es irgendwie immer noch nicht auf die Reihe...

          • Nein, man kriegt es nicht auf die Reihe, wenigstens nichg von heute auf morgen,,das braucht Zeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand plötzlich stirbt oder krank war, ob er jung ist oder älter. Wenn man jemanden geliebt hat, ist es immer schlimm und muss erstmal verarbeitet werden.
            Allerdings darfst Du die Todesfälle, die Du in Deinem Leben leider erleben wirst, nicht summieren und immer wieder alte Erlebnisse hochholen und begrübeln, denn dann hast Du ein echtes Problem. Der Todesfall Deiner Freundin hat nichts mit dem Tod Deines Vaters zu tun.
            Ich habe vor 4 Jahren innerhalb weniger Monate meine seelenverwandte beste Freundin und meinen Mann verloren, ich weiß, wovon ich schreibe - und selbstverständlich waren das nicht die einzigen lieben Menschen, an deren Gräbern ich stand.
            Ich wünsche Dir liebe Menschen, mit denen Du reden kannst oder schau nach einer Trauergruppe in Deinem Ort, das hilft manchen Menschen auch. Liebe Grüße von Moni

            • Danke für deine lieben Worte. Ja, es ist wohl jedes Mal wieder anders.

              Was mich am meisten belastet ist dieses komische Gefühl, dass das Leben einfach ganz normal weitergeht. Ich meine, mein Kopf weiß das. Mein Exmann hat schon zwei Kolleginnen beerdigt (beide Krebs). Ich bin damals bei den Kindern zuhause geblieben. Ich kannte sie ja auch nicht so gut. Trotzdem war das damals schlimm. Bei der einen war ich noch auf der Hochzeit und dann bekam sie die Diagnose. Es ging alles so schnell. Wir wussten es zwar, aber trotzdem ist man so hilflos.

              Im letzten Jahr bekam ein guter Freund von mir eine Krebsdiagnose, aber er hat wirklich Glück im Unglück gehabt. Er muss zwar eine Chemotherapie machen, aber es ist noch so rechtzeitig erkannt worden, dass er das überleben wird.

              Wenn man anfängt darüber zu sprechen, bekommt man viele solche Geschichten mit. Ich selber hatte auch Hautkrebs, aber das war ein kleiner Eingriff und fertig. Ich soll regelmäßig zur Vorsorge kommen. Da wurde nicht viel Aufhebens drum gemacht.

              Ich bin mittlerweile soweit gekommen, dass ich mir gesagt habe, dass ja nicht jede Krankheit den schlimmstmöglichen Verlauf nehmen muss. Das muss ich mir auch sagen, sonst würde ich ja jedes Mal in Panik ausbreche, wenn jemand ernsthaft krank wird.

              Und was ich noch gar nicht erwähnt habe: Mein Exmann hatte am demselben Tag, an dem meine Freundin gestorben ist, einen Autounfall. Das Auto ist total schrott, aber er hat fast gar keine Verletzungen davon getragen, außer vielleicht ein Prellungen und Schmerzen vom Gurt. Er war nicht mal im Krankenhaus.

              Ich habe das Autowrack noch gesehen und da ist mir kurzzeitig schlecht geworden.

              Wir haben gerade letzte Woche noch darüber geredet, was wir alle für ein Glück haben, dass alles noch mal gut gegangen ist. So ein Auto kann man ja ersetzen. Und dann kam die Nachricht, dass mein Freundin gestorben ist.

              Und man fragt sich: Was will mir das Leben damit sagen?

              Dann kommen diese ganzen Gedanken: Wieviel Zeit habe ich noch? Wie lange wird meine Mutter noch leben? Darf ich überhaupt glücklich sein, wenn meine Freundin gestorben ist und ihre Tochter nun Vollwaise ist?

              Ich bin viel zu traurig und kraftlos, um jetzt aus meinem Leben alles rauszuholen, nochmal alle Chancen zu nutzen, Träume zu verwirklichen usw.

              Es ist so verwirrend. Gestern war ich bei Aldi einkaufen. Alle sind in Vorweihnachtsstimmung. Und ich dachte so: Komisch, die benehmen sich alle ganz normal und haben keine Ahnung, dass für mich jetzt alles anders ist.

              Ich habe mir die Leute so angeguckt und mich gefragt, wieviele von denen vielleicht gerade trauern oder Liebenskummer haben und sich total zusammenreißen, dass es keiner merkt.

              Eine Frau mit einem Rollator stand da vorn an der Kasse zum Einpacken und ich stand an der Kasse weiter hinten und hatte gerade meine Sachen aufs Band gepackt. Dann sah ich, wie der Frau aus ihrem Korb eine Schokolade runtergefallen ist. Ich habe alles stehen und liegen gelassen und habe mich nach vorne gedrängelt und habe die Schokolade aufgehoben. Die Frau hat sich sehr gefreut, da sie das gar nicht gemerkt hatte.

              Ich habe noch so gedacht, die hat sie bestimmt für ihre Enkelkinder gekauft. Ich hätte sie am liebsten umarmt.

              Die Kassiererin an der Kasse hat sich auch bedankt, dass ich das gemacht habe. Überhaupt habe ich dann erst gemerkt, dass mich alle an der Kasse angelächelt haben.

              Dann bin ich zum Auto und ein Mann lief mir hinterher. Ich hatte meine EC-Karte im Kartenleser stecken lassen. Ich fand das so aufmerksam von ihm und dann habe mich mich bedankt und ihm frohe Weihnachten gewünscht.

              Ich war einen kurzen Moment von Glückseeligkeit erfüllt, weil ich das so schön fand alles.

              Und im Auto dann fiel mir wieder ein, dass meine Freundin dieses Jahr Weihnachten nicht mehr erleben wird. Und dann musste ich wieder weinen.

              Und wieder dieser Gedanke: Ich kann doch jetzt nicht einfach so weiterleben, wenn meine Freundin nicht mehr da ist. Einfach so zum Alltag übergehen.

              Was auch noch dazu kommt: Die Familie hat sich eine Beerdigung im allerkleinsten Familienkreis gewünscht. Und da ich nicht zur Familie gehöre, konnte ich nicht dabeisein. Ich hänge total in der Luft. Alles, was habe ich habe, sind ein Gespräch mit dem Betreuer der Tochter und einmal 1 1/2 Stunden Zeit mit ihr und meinen Kindern.

              Die Kinder waren wie immer. Es gab keine Tränen, kein gar nichts. Wir sprachen darüber, was sie jetzt so macht und wie es in der Schule läuft. Ansonsten haben die Kinder rumgealbert wie immer.

              • Jedes Ereignis für sich ist schlimm, was Du aufzählst - unbestritten. Aber gleichzeitig gibt es doch auch soviele schöne Ereignisse - und das ist wichtig, sonst würde man durchdrehen.
                Und doch, Du kannst weiterleben, auch ohne Freundin. Was ist denn die Alternative?
                Ich konnte auch nicht bei der Beisetzung meiner Freundin sein. Sie wohnte viel zu weit weg und ich konnte meinen damals schon sehr kranken Mann nicht nochmal ein paar Tage alleine lassen. Ich war ja schon zwei Tage weg, als ich nochmal zu ihr in die Klinik fuhr. Ich saß einen Tag an ihrem Bett und als ich mich verabschiedete, wusste ich, ich sehe sie nie mehr wieder - das vergisst man auch nicht.
                Zur Stunde der Beerdigung war ich in der Kirche meiner Stadt, die ihr auch immer sehr gut gefallen hatte, zündete eine Kerze für sie an und betete für sie. Wäre das für Dich eine Möglichkeit zum Abschiednehmen? Das kann man auch machen, wenn man ansonsten mit Kirche nicht viel am Hut hat.
                Kinder trauern vollkommen anders als Erwachsene. Wenn es ihnen gutgeht, dann ist das in Ordnung so.
                Meine Enkelin liebte ihren Opa über alles - sie saß in der Küche, als mein Mann im Schlafzimmer starb und bekam am Babyphon mit, dass er nicht mehr atmet. Sie verabschiedete sich auf ausdrücklichen Wunsch alleine von ihm, war noch lange an seinem Bett, legte ihm eine Zeichnung aufs Bett - das Kind war 9 Jahre alt. Sie tröstete mich, wenn ich weinte, obwohl sie ihren Opa auch sehr vermisste. Sie war ja bei uns genauso zuhause wie bei sich. Trotzdem war sie viel "gefasster" als die Erwachsenen.
                Sie hat einfach gewusst, dass er sehr krank war und ihm es jetzt sicher bessergeht.
                Grübel bitte nicht darüber nach, wie lange Du noch lebst oder sowas - dafür bist Du nun wirklich noch zu jung. #liebdrueck
                Nicht umsonst gibt es den Spruch "genieße jeden Tag, als wäre es dein letzter".
                An den sollte ich auch manchmal denken......#zitter
                Alles Gute.
                LG Moni

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