4 Jahre

    • (1) 04.02.19 - 10:12

      Heute ist der vierte Todestag meines großen Bruders. 364 Tage im Jahr versuche ich, wie es sein Wunsch war, nicht zu weinen. Aber immer, wenn dieser Tag kommt, könnte ich von morgens bis abends weinen. Ich konnte mich nicht von ihm verabschieden, obwohl wir sein ganzes Leben lang wussten, das dieser Tag kommen wird. Er war von Geburt an schwer krank. Wir haben so viel zusammen erlebt. Er war meine einzige bezugsperson, wir hingen zusammen wie Zwillinge... und so fühlt es sich auch nach vier Jahren so an, als wenn ein Teil von mir einfach mit ihm gestorben ist.
      Ich weiß, das er nicht wollte, das ich weine. Ihm war immer wichtig, das man nach vorne schaut und das Leben genießt, bei jeder Kleinigkeit. Und doch fehlt er mir so sehr und ich wünschte, ich könnte nur für einen kurzen Moment nochmal mit ihm reden. Jetzt bin ich zweifache Mutter, er hingegen musste schon früh erfahren, das er niemals Kinder in die Welt setzen durfte, weil er seine Krankheit weitervererben würde. Aber ich weiß, er hätte sehr gerne Kinder gehabt. Er wäre ein toller Onkel gewesen. Ich frage mich ab und zu, wie es wohl sein würde, wenn er noch da wäre... Er hätte noch immer einen wichtigen Platz bei uns. Mein Mann und er sind gerne mal um die Häuser gezogen... ab und zu war er ein Wochenende zu Besuch bei uns. Immer eine schöne Zeit. Und das vermisse ich so sehr.
      Ich kann mit meinem Mann schlecht darüber reden, da er anders trauert, als ich. Und sonst habe ich niemanden, mit dem ich mich über meinen Bruder unterhalten kann. Vllt hilft das schreiben mir hier, den Tag ohne großes Geheule zu überstehen. Ich möchte nicht den ganzen Tag vor meinen Kindern weinen, sie sind noch viel zu jung, als das sie verstehen könnten, warum ihre Mama weint.
      Danke fürs lesen.

      • Ich finde, Du hast alles Recht der Welt zu trauern! Du hast einen schlimmen Verlust erlitten, ein ganz besonders wichtiger Mensch fehlt in Deinem Leben.
        Dein Bruder wollte Dir bestimmt sagen, dass Du seinetwegen nicht im Kummer um ihn untergehen, sondern Dein Leben weiter leben sollst.
        Aber trotzdem muss man auch trauern! Das ist ganz wichtig, um irgendwie zu lernen, damit zu leben.
        Lass Deine Trauer zu! Schreie und weine, wenn Dir danach ist. Rede über Deinen Verlust. Mit Familienangehörigen oder guten Freunden. Reden ist so wichtig. Viel schlimmer wäre es, seinen ganzen Kummer in sich reinzufressen. Es gibt auch Selbsthilfegruppen oder Trauerpsychologen, mit denen man sprechen kann. Schweigen und verdrängen kann auch krank machen.
        Du kannst auch einen Brief an Deinen Bruder schreiben, in dem Du all Deine Gefühle ausdrückst. Oder Du richtest Dir eine kleine Ecke in Deiner Wohnung für ihn ein mit einem Foto und einer Kerze, die Du zu bestimmten Momenten anzündest. Oder eine Kiste mit Fotos von ihm, die Du bei Bedarf heraus holst, um Dich zu erinnern.
        Alles Gute.

        • Danke für deine Worte.
          Ich war wegen anderen Gründen zu seinem todeszeitpunkt in Therapie, die Therapeutin hat mich gut aufgefangen. Ich habe es definitiv nicht verdrängt. Es belastet mich auch nicht im Alltag, soweit habe ich es verarbeitet. Aber ich kann mir momentan nicht vorstellen, den Schmerz über seinen Verlust je abschütteln zu können.
          Seine Fotos stehen zwischen unseren Familienfotos, seine liebsten Sachen sind auch bei uns und stehen offen. Ich habe auch eine erinnerungskiste mit Dingen, die ihm besonders wichtig waren.
          Aber all das ersetzt natürlich nicht diesen Menschen, mit dem ich mich wirklich blind verstanden habe.

          Der Tag war schwer für mich. Ich hab, während meine Jungs mittags schliefen, etwas geweint. Und es tat auch gut. Aber wie gesagt, es ändert leider nichts an dem vermissen.
          Er ist einfach nicht mehr da.

          • Hallo!

            Es tut mir wirklich sehr leid. In deinem Text ist so viel Trauer aber auch ganz viel Liebe zu lesen.

            Darf ich fragen was dein Bruder hatte? Warum er zu früh gehen musste?

            Ich glaube auch, dass dein Bruder nicht möchte, dass es dir schlecht geht, aber Trauer zulassen ist ein ganz wichtiger Prozess, damit es dir besser geht! Und Kinder dürfen deine wahren Gefühle kennen lernen und du kannst ihnen somit vorleben, dass es gut ist, Gefühle raus zu lassen! Oder vielleicht kannst du die Kinder für eine kurze Zeit mal anderweitig betreuen lassen und zum Grab fahren und dort mal deine Trauer herauslassen. Es wird dir sicher gut tun!

            Du warst und bist eine starke Schwester für deinen Bruder!!

            • Vielen Dank für deine lieben Worte.

              Mein Bruder hatte zwei Gendefekte; die Blackfin-Diamond-Anämie (dabei stellt man keine roten Blutkörperchen her) und den IG2-Subklassen-Defekt (keine weißen Blutkörperchen), heißt, er hat niemals eigenes Blut hergestellt. Er hat sein Leben lang Bluttransfusionen bekommen. Da vorallem seine erste Erkrankung verdammt selten ist, wurde nie wirklich dazu geforscht. In Kombination der Defekte haben wir nie einen anderen Menschen getroffen. Er war eigentlich immer ein Versuchskaninchen, gezwungenermaßen, alles musste in kleinen Schritten bei ihm getestet werden. Die Ärzte wussten nie, wo sie richtig waren, was leider auch zu seinem Tode geführt hat, sie haben zu lange mit einer rettenden OP gewartet... Er starb zwei Monate vor seinem 28. Geburtstag. Aber er war so unglaublich stark... Es gab viele Momente, wo er dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Die Ärzte sagten erst, er wird keine 5 Jahre alt. Als er da rüber war, hieß es keine 12... Keine 14... Keine 16... Ab 18 sagten sie gar nichts mehr.
              Seine Erkrankungen haben viele Begleiterkrankungen nachgezogen; Ostheoporose, Diabetis, sehr empfindliche Knochen...
              Er war vom Kopf her ganz normal, nur sein Körper war nicht so stark, wie seine Seele.

              Meine Söhne sind erst 18 und 4 Monate alt, das können sie wirklich noch nicht verstehen... Aber wenn es soweit ist, werde ich ihnen auf jedenfall von ihrem Onkel erzählen... Es stehen ja auch seine Fotos offen, irgendwann würde eh die Frage kommen, wer das wohl ist.

              Mein Bruder hat so gesehen kein Grab... Er wollte anonym auf einer Wiese beerdigt werden, ich weiß nicht genau, wo er liegt... Aber der Ort bedeutet mir auch nicht so viel.
              Ich habe gestern Abend mit einer gemeinsamen Freundin von meinem Bruder und mir noch länger geschrieben... Wir haben zusammen geweint, aber auch gelacht. Wir haben uns Erinnerungen erzählt und uns vorgestellt, wie er jetzt wohl mit meinen Kindern umgehen würde. Er hätte ihnen gerne Blödsinn beigebracht und mit ihnen rumgescherzt... Und das lässt mich nach all dem Weinen wieder lächeln. Ich bin ihm so dankbar für die Stärke, die er mir gegeben hat!

              • Dein Bruder war wirklich ein ganz besonders starker Mensch . So enorme Diagnosen und dann hat er es immer wieder allen gezeigt.

                Nun hat er es aber vielleicht ein Stück weit leichter... im Himmel ... Ohne Ärzte, OP's, Schmerzen und Sorgen...!

                Deine Kinder sind noch sehr jung. Das ist natürlich wahr. Aber sie dürfen ihre Mama auch mal weinen sehen (auch wenn sie den Grund natürlich nicht verstehen). Aber Mama darf auch mal weinen und traurig sein. Und deine Kinder erfahren dadurch, dass weinen dazu gehört aber dass sich für sie aber dabei nichts ändert. Mama kümmert sich immer noch genauso um alles und alles läuft ganz normal. Mama ist "bloß mal traurig". Verstehst du was ich meine?

                Und irgendwann wirst du ihnen stolz vom Onkel berichten!

Top Diskussionen anzeigen