Erziehung

13.08.17 - 04:59

Scham?

Hallo

Gibt es eine falsche und eine richtige Scham?

Ich frage daher, da ich mich mit meiner Freundin darüber unterhalten habe. In dieser Diskussion ging es darüber ob wir (also Erwachsene/Eltern) unsere Kinder zu ihrer natürlichen Scham noch eine zusätzliche fiktive/grausame Scham darauflegen.

Laut BzGA haben Kinder bis über (und auch während) die Pubertät hinaus keinerlei Probleme sich in ihrem gewohnten Umfeld zb unbekleidet zu zeigen bzw sich für längere Zeit aufzuhalten, erst durch das Zutun der Eltern wird eine falsche Scham erzeugt, wie zb dass dies zur Intimsphäre des Kindes gehöre usw.

Bitte nicht falsch verstehen, mir geht es nicht darum ob eure Kinder "nackig" herumlaufen, sondern nur um das empfinden dieser aufgezwungenen Zusatzscham.

Bei meiner Freundin ist es nämlich so, dass sie ein sehr offenes Verhältnis zu ihren Kindern hat (11 und 14) ganz ohne irgend ein Zutun und vorallem durch verzicht von irgendwelchen zusätzlich künstlich erzeugter Scham. Bei uns in der Familie ist es eher so, dass alles oder jeden Falls das meiste immer hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Ich finde diese Entwicklung sehr erschreckend oder ist das normal? Wie seht ihr das?

Danke für eure Antworten
LG Claudia

8 direkte Antwort(en) auf den ausgewählten Beitrag:

13.08.17 - 07:08

Hallo Claudia

Befürworten kann ich das schon, dass viele Eltern ihren Kindern zu ihrer natürlichen Scham noch eine zusätzliche übertriebene Scham mitgeben. Dazu gibt es viele verschiedene Situationen, die nicht mal immer das Thema 'Nacktheit' beinhalten, sondern zb wenn man dem Kind ein Schuldbewusstsein aufs Auge drückt, nur weil die Situation für die Eltern selbst peinlich ist.

Aber wahrscheinlich betrifft es doch hauptsächlich das Thema Nacktheit, leider, und es wird den Kindern suggeriert, dass man sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr in der Öffentlichkeit zum Beispiel umzieht oder auszieht oder durch die Wohnung rennt und dass das Kind im Bad seine eigene Privatsphäre genießen will und so weiter, und so weiter.

Erst gestern im Freibad erlebt, eine Mutter mit Kind (schätze 8 oder 9) auf der Liegewiese und das Kind sollte seine Badesachen anziehen. Die Mutter hat so einen Aufstand gemacht, dass sie kürzester Zeit sämtliche Blicke auf sich zog, zum Schluss baute sie dem Kind ein Rondell aus einem Strandtuch und einem Badetuch, dass bloß niemand was sehen konnte. Leider gab die Konstruktion nach :-( . Aussage der Mutter, heutzutage hats doch nur noch Perverse überall.

Mein Sohn hingegen hat sich kurz und schnell auf freier Flur umgezogen, ist doch nichts dabei.

Das meiste was mich doch an dieser falschen Scham stört, ist dann immer die Erläuterung dazu, zb weil man sein Kind nicht (mehr) nackt sehen will, oder weil es dann nur noch um Sexualität geht und das ginge Eltern wiederum nichts an usw.

Die Gesellschaft zwingt uns mittlerweile so zu denken und alle die dies nicht tun, sind???

Viele Grüße Schubart

13.08.17 - 11:32

Ich denke schon, dass es das gibt. Nicht nur körperlich.

Ich bin damit aufgewachsen, dass ich mich für natürliche Entwicklungen schämen sollte. Je nachdem, was Erwachsene wie bewertet haben. Kommentar "Schämst du dich nicht".

In meinem Umkreis gab es lockere Erwachsene, die mir durchaus Grenzen zeigten und Werte vermittelten, mit vielen Situationen aber einfach menschlich umgingen.
Und dann gab es Erwachsene, die vieles bewerteten und Kindern ein Schamgefühl auferlegten.

"Das tut man doch nicht".

In der Öffentlichkeit lachen, seufzen, einen Witz witzig finden, Kinder einfach so ansprechen, fragen ob man mitspielen darf, mit dem Finger in der Nase... usw.

bezogen auf den Körper: immer nur mit passender Unterwäsche rausgehen, der Arzt könnte es ja sehen, wenn Hose und Hemd nicht zusammen passen. Grund sich zu schämen usw.

WAS KÖNNTEN DIE ANDEREN DENKEN ?!

SCHÄMST DU DICH NICHT ?!

Natürlich ist es sinnvoll seinen Kindern Werte und Umgangsregeln beizubringen, vorzuleben.

Dennoch sollten Kinder auch selbst ein eigenes Empfingsverhalten erlernen können.
Grenzen der Kinder respektiert werden.

Umgekehrt galt damals auch oft, wenn ich als Kind NICHT wollte, weil ich mich schämte (egal ob anerzogen oder natürlich, weil es mir unangenehm war), wurde das übergangen :-[

Bei meinem Kind sehe ich es lockerer. Mein Kind darf NICHT alles. Dennoch gebe ich keine Gründe vor sich zu schämen. Die Worte Schuld und Scham lasse ich raus.
Dennoch entwickelt mein Kind ein eigenes Schamgefühl. Persönliche Grenzen, die meinem Kind unangenehm sind. Das darf auch so sein!
Anders merke ich, dass mein Kind mit manchem lockerer umgeht, wo ich erst mal würgen muss. Da ich eben mit den oben genannten Extremen aufgewachsen bin, versuche ich für MICH erst mal zu klären, ob ICH es WILL, ob es MEINE Schamgrenze ist oder eine anerzogene, die mir selbst eigentlich im Weg ist.

Was möchte ich? Aus welcher Zeit stammt es? Was würden die Leute heute denken? (Gesetze). Alles kann man sich auch nicht erlauben, nur weil man es selbst möchte. Aber ich muss mich auch nicht prophilaktisch einsperren (emotional, räumlich, Verhalten), nur weil andere denken KÖNNTEN. Ich brauche mich auch nicht dafür schämen, wenn ich mir 4 Döner kaufe. 1. es geht niemanden was an. 2. wenn ich Hunger habe, darf ich essen (solange es mein Geld ist und ich niemanden beklaut habe). 3. geht es niemanden was an, ob ich die für mich oder für andere kaufe.
Es gab durchaus Erwachsene in meinem Umfeld, die mir zu diesem konkreten Punkt Scham auferlegen wollten. Das hat mich lange beeinträchtigt. Vor allem wenn sie in meiner Nähe waren. Die Scham war das eine. Die Angst vor Strafe (geschimpft zu werden, warum ich mich nicht schäme) war das andere. Beides unangenehm schlimm.

Ebenso furchtbar fand ich, wenn ich mich für etwas schämte oder mir etwas unangenehm war, das einfach abgetan wurde. :-( :-(
Nur weil Erwachsene bewertet haben, dass ich mich in der Situation nicht schämen müsste. :-[

Von daher: ja ich denke schon, dass es eine natürliche Scham gibt und eine zusätzliche.
Jeder Mensch hat da seine eigenen Vorlieben, Gefühle usw.
Was wann ab wann anerzogen ist und was natürlich, ist denke ich schwer einzuschätzen. Dann wenn es fließend ist. Dann wenn die Vorbilder eher nebenbei damit umgehen.

Klar anerzogen ist es, wenn es wirklich thematisiert wird und Kindern die Scham fast schon aufgezwungen wird (oder so dermaßen betont offen damit umgegangen wird, dass Kinder sich später ihren eigenen Bereich durch das Gegenteil-Verhalten schaffen)

Ob sich ein Kind wie die Eltern verhält, weil es es so gesehen hat oder auch die eigene Vorstellung ist
oder sich gegenteilig verhält, weil sich abgrenzen will oder weil es einfach ein anderes Naturell hat,

ist oft schwer zu sagen und denke ich auch nicht sooo wichtig, das dann zu klären.
Sondern wichtiger einen Weg zu finden, damit umgehen zu lernen.

Meinem Kind versuche ich zu vermittteln, dass sie sich nicht für ihre Scham/Unsicherheit/Unangenehmen Gefühle / Gefühle "schämen muss".

"Schäm dich weil du dich dafür schämst!" #schock#schock#nanana#klatsch
"Schäm dich, weil du dich nicht dafür schämst" :-(#zitter
etwas das ich aus meiner Kindheit nicht weiter übertragen werde! #schein#schein

Dennoch versuche ich zu vermitteln, dass andere Menschen, andere Grenzen haben
und nur weil ich etwas locker sehe, es anderen vielleicht weh tut - oder weil manches anderen Menschen nichts ausmacht, bei mir eben ein wunder Punkt ist.
Dass es dabei NICHT um die BEWERTUNG geht, sondern darum einen Weg zu finden, wie man miteinander umgehen kann.

14.08.17 - 15:11

Hallo, wir hatten so eine Situation letztens. Meine Älteste (12) ist voll in der Pubertät, zeigt sich vor uns gegenüber aber noch nackt, generell sind wir sehr offen alle miteinander. In ihr Zimmer kann man vom Nachbarhaus direkt reingucken. Dort wohnen 2 Erw. und 2 Jungs von 10 und 12 Jahren.
Ich kam also (ja, nach Anklopfen!) in ihr Zimmer, draußen war es stockdunkel, im Zimmer sehr hell, sie tanzt, nur mit Slip bekleidet, wild im Zimmer herum. Ich habe sie schon darauf aufmerksam gemacht, dass es angebracht wäre, die Plissées zu schließen. Für mich hat das etwas mit Erziehung /Aufmerksam machen zutun und nicht mit dem Aufdrängen irgendeiner Scham. Es gehört sich einfach nicht, nackt im Zimmer herumzuspringen, wenn es Zuschauer geben könnte. Sie hatte da einfach nicht dran gedacht.
VG

14.08.17 - 15:46

natürlich ist scham auch anerzogen. aber es ist auch natürlich vorhanden - und das schon weit vor der pubertät.

selbst bei naturvölker wurde beobachtet, dass die kids, wenn sie ihr (nichts verbergendes) lendenschnürchen verloren haben (nur ein band, keine schürze) beschämt wieder eins ummachten. also scham gibt es. was auch immer man zu verbergen wünscht.

und klar, wenn du es offensichtlich unangenehm findest, wenn deine kinder in eine umzieh-situation oder toilettensituation reintrampeln lernen sie, dass das etwas "geheimes" "schamerfülltes" ist. wenn du nackig durch die wohnung läufst, ist es aber nicht gegeben, dass die kids das normal finden. irgendwann setzt da auch die scham ein. auch der erzwungene anblick eines nackten menschen kann für das kind übergriffig sein.

somit definierst du natürlich stark, wei verschämt dein kind wird. und ob das zu viel oder zu wenig ist, kann dir keiner sagen. denn die schamgrenze ist in jeder familie anders.

bei uns ist es so, dass wir bei den kids bis sie ca 4 waren noch nicht mal protestiert haben, wenn sie bei uns in die Toilette mitkamen. Danach war es uns selber unangenehm - somit ist die Tür zu. Latscht eines jetzt rein, wenn ein Erwachsener nackt ist, wenden wir uns ab, ohne in Gekreische auszubrechen. Textet mein Sohn mich zu, während ich mich gerne umziehen würde, stelle ich ihn auch mal raus mit der Erklärung "du, ich möchte mcih jetzt umziehen. Und das lieber alleine".

Handkehrum akzeptiere ich, wenn er irgendwo die Tür zu hat....

14.08.17 - 20:09

Hallo,
Meine Kinder sind erst 6 und 4, aber eine gewisse Scham ist bei der großen schon länger gegeben.

Bei uns zu Hause gibt es wenig Tabus, die Kinder können immer ins Bad, auch wenn ich/mein Mann grad unter der Dusche sind, oder auf der Toilette.

Früher war ich nie alleine auf der Toilette, mittlerweile schick ich sie jedoch raus , wenn es bei mir länger dauert, und sie es sich gemütlich machen wollen.
Der Kleine hat noch keine offensichtliche Scham, und die große nur bei Fremden.
Bei der Familie, Großeltern und meiner Schwester hat sie keine Probleme sich nackt zu zeigen, aber bei Fremden findet sie es peinlich und vermeidet es.
Lg

15.08.17 - 11:28

>>Ich frage daher, da ich mich mit meiner Freundin darüber unterhalten habe.<<
Die gute, alte Freundin...#schein

15.08.17 - 12:23

Ich habe weder meiner Tochter noch meinem Sohn gesagt, sie sollen nicht nackt durch die Gegend laufen. Das kam dann von alleine. in Unterwäsche gar kein Problem.

18.08.17 - 14:42

Hallo,

ich denke, daß viele Eltern zu manchem Verhalten einfach eine abwertende Haltung haben und diese den Kindern vermitteln - damit wird ein Stück weit "Scham" anerzogen. Ich meine damit nun nicht nackig herumlaufen, das trifft auf viele Bereiche zu.

Der Eine würde sich schämen, wenn er beim schwarzfahren erwischt würde, der andere wenn er ständig als letzter ins Ziel kommen würde, ein anderer wenn er andere Leute beklauen würde .... usw.

Ja, ich gestehe - ich habe vor meinen Kindern sicher schon mal den Satz gesagt: "Dafür würde ich mich schämen"....

LG

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