Weltschmerz

      • (5) 01.07.16 - 23:12

        ...oh ja...goldrichtig dieser ruhige, melodiöse Song... #liebdrueck

        Nietzsche hat Gedichte geschrieben? Das ist mir gänzlich neu. Die düstere Grundstimmung passt auf jeden Fall zu Weltschmerz!

        ...und dass das das einzige Gedicht sein soll, mit du je etwas anfangen konntest, kann ich nur schwer akzeptieren! Das muss geändert werden. Definitiv. :-)

        • Ja, Nietzsche hat Gedichte geschrieben, aber die haben es nie zu so richtig großer Berühmtheit gebracht. Es sind auch nicht sonderlich viele, glaube ich.

          Diesen Text habe ich in der 10. Klasse als Deutscharbeit vorgelegt bekommen. Der Rest der Klasse hat gekotzt - ich habe die beste Deutscharbeit in meiner gesamten Schullaufbahn geschrieben und alle hielten mich für endgültig durchgeknallt ob meiner Begeisterung. #rofl

          Lyrik ist einfach nicht so mein Ding. Dass es GAR kein anderes Gedicht gibt, das ich mag, ist vielleicht auch übertrieben - Sylvia Plath mag ich noch ganz gern.

          Aber generell bin ich für Lyrik zu.... unruhig. Ich kann mich nur schwer über längere Zeit mit so wenig Text beschäftigen. #hicks

          Schön, dass Dir die Musik gefällt!

          • (7) 02.07.16 - 21:56

            "Diesen Text habe ich in der 10. Klasse als Deutscharbeit vorgelegt bekommen."

            #schock

            Warst du auf einer Schule für hochbegabte Mutanten?!?!

            :-D

            Das Gedicht ist selbstverständlich kein einfaches. Keines, bei dem einen die Intention des Autors ins Auge springt. Umso ärgerlicher daher, wenn da eine Mitschülerin bei der Nachbesprechung nicht ins Klagelied auf die doofe Auswahl miteinstimmt, sondern leidenschaftlich anfängt, mit dem Lehrkörper zu diskutieren.#aerger ;-)

            Ich hatte da ein ganz ähnliches Erlebnis. Das wir in der Oberstufe. Unsere Lehrerin teilte uns ein Gedicht aus, ein sehr seltsames. Ich verabschiedete mich geistig und war den Rest der Stunde damit beschäftigt, irgendwie intelligent zu kucken, während sich eine Mitschülerin überaus begeistert mit der Lehrerin über den Inhalt ausließ. Manchmal fühlt man sich als Mensch wie vom anderen Planeten. Das war so ein Moment, denn ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie man aus diesen wenigen Versen so viel herauslesen konnte.

            Heute lese ich Gedichte sehr gerne. Es gibt viele, die mir nichts sagen, aber es gibt auch andere, bei denen ich wegen der geschliffenen äußeren Form und der poetischen, schönen Sprache Gänsehaut bekomme. Wenn dann noch inhaltlich ein Gedanke oder eine Idee transportiert wird, den/die man so ganz diffus schon vorher hatte, aber nie in Worte fassen konnte, dann kann es berührend sein, dass dies einem anderen gelungen ist, und das auf so elegante Weise.

            Lyrik und Poesie, Literatur im Allgemeinen, ist eine Form künstlerischen Ausdrucks, genauso wie Musik oder die Malerei, die Bildhauerei oder oder oder. Wahrscheinlich hat da jeder seine Präferenz. Ich kann mich zum Beispiel stundenlang vor den blauen Hund von Picasso stellen, das macht nichts mit mir, während mein Nebenmann in absolute Verzückung gerät. Da fehlt MIR der Zugang, aber vollumfänglich. :-D

            Liebe Grüße
            Luka

            • #rofl

              Nein. Keine Schule für hochbegabte Mutanten. Ein Gymnasium mit Musik/Kust/Sport-Schwerpunkt. Ich war bei Musik. :-)

              Dennoch stimmt das mit den Mutanten zum Teil, zumindest ich muss das im schulischen Kontext für mich in Anspruch nehmen. Ich bin zwar nicht hochbegabt, aber habe mich schon immer am allermeisten für das abseitige Zeug interessiert. Mein Mann sagt, ich sei ein Nerd - nur eben ohne Technik. #rofl
              Das drückte sich dann halt darin aus, dass ich niemals in den Bereichen gut war, in denen alle gut waren. Ich war im Wahlbereich garantiert im kleinsten Kurs, ich habe mir in den Abiklausuren immer das Thema gesucht, das sonst keiner behandelt hat (Englisch-LK: alle wählen das Sachthema, ich das Shakespeare-Sonett, weil mich Realpolitik einfach tödlich langweilte) usw - und damit ein echt mieses Abi gemacht. Aber immerhin eins, das mich interessiert hat. #schein Am Sonett lag es übrigens nicht - das war eine der besten Klausuren.

              Naja, und das Nietzsche-Gedicht halte ich heute rückblickend für eine der Arbeiten, wo der Lehrer ausprobiert hat, was man dieser Klasse eigentlich *wirklich* zumuten kann. Im Unterricht immer den Standardkram durchgenudelt (ich lernte mit eingeschlafenem Gesicht Lyrik wirklich hassen) und in der Arbeit dann - BÄM - Nietzsche. #rofl
              Alle haben gekotzt, ich hab so viel geschrieben wie sonst nie. Der Lehrer war völlig aus dem Häuschen und auch irgendwie überrascht, dass überhaupt jemand dem Gedicht etwas abringen konnte. Meine Klasse kam endgültig zu dem Schluss, dass ich irgendwie von einem anderen Stern sein müsse.

              Und so zog sich das durch. Ich habe immer auf Sparflamme gekocht, aber bei experimentellen Orchideenthemen hatte ich meine lichten Momente.

              Ich finde Literatur großartig. Ich lese viel, begeistert und ambitioniert. Aber eben keine Gedichte. Und keine Comics.

              • (9) 03.07.16 - 22:31

                He, mit dir hätte ich gerne mein Abi gemacht! Wir hätten uns prima ergänzt, die eine blind, die andere taub. :-D Ich hätte dir meine minutiös ausgearbeiteten Exzerpte zu allen langweiligen 0815-Themen zur Verfügung gestellt und du hättest meinen Blickwinkel erweitern, mich quasi in die Botanik einführen können ;-). Das wäre doch mal eine win-win-Situation gewesen... :-)

                Ja, mit den Gedichten ist es leider häufig so, dass das bisschen Neugier und Interesse, das man eventuell am Anfang noch mitbringt, spätestens bei der 2. Gedichtanalyse vollends und unwiderruflich erstickt wird.

                Es gibt zig Gedicht, die genau diese Verschandelung im Unterricht und ihre Effekte kritisieren:

                Bernd Lunghard
                Gedichtbehandlung

                Heut haben wir ein Gedicht durchgenommen.
                Zuerst hat’s der Lehrer vorgelesen,
                da ist es noch schön gewesen.

                Dann sind fünf Schüler drangekommen,
                die mussten es auch alle lesen;
                das war recht langweilig gewesen.

                Dann mussten drei Schüler es nacherzählen –
                Für eine Note; sie hatten noch keine,
                da verlor das Gedicht schon Arme und Beine.

                Dann wurde es ganz auseinander genommen,
                und jeder Vers wurde einzeln besprochen.
                Das hat dem Gedicht das Genick gebrochen.

                „Warum tat der Dichter dies Wort wohl wählen?
                Warum benutzte er jenes nicht?“
                Und schließlich: „Was lehrt uns dieses Gedicht?“

                Dann mussten wir in unsre Hefte eintragen:
                Das Gedicht ist ab Montag aufzusagen.
                Die ersten Fünf kommen Montag dran.

                Mich hat das zwar nicht weiter gestört;
                ich hab das Gedicht so oft heut gehört,
                dass ich es jetzt schon auswendig kann.

                Aber viele machten lange Gesichter
                und schimpften auf das Gedicht und den Dichter.
                Dabei war das Gedicht zunächst doch sehr schön.

                So haben wir oft schon Gedichte behandelt.
                So haben wir oft schon Gedichte verschandelt.
                So sollen wir lernen, sie zu verstehn.

                So ungefähr :-).

                Eine weitere Schwierigkeit ist, dass viele klassische Gedichte, die im Deutschunterricht durchgenommen werden, schlichtweg von Schülern nicht verstanden werden können, weil ihnen die entsprechende Lebenserfahrung fehlt. Hallo? Wie soll bitte ein 14jähiger Schüler, Rilkes "Panther" oder Kästners "Sachliche Romanze" verstehen können? Mit der falschen Auswahl der Gedichte macht man auch einiges kaputt. Zur Ehrenrettung der Deutschlehrer muss man aber sagen, dass es tatsächlich nicht einfach ist, für Jugendliche das Richtige zu finden. Letztes Jahr fiel mir ein Gedicht von Ulla Hahn vor die Füße, das in meinen Augen gut geeignet ist:

                Nie mehr

                Das hab ich nie mehr gewollt
                um das Telefon streichen am Fenster stehn
                keinen Schritt aus dem Haus gehn Gespenster sehn
                das hab ich nie mehr gewollt

                Das hab ich nie mehr gewollt
                Briefe die triefen schreiben zerreißen
                mich linksseitig quälen bis zu den Nägeln
                das hab ich nie mehr gewollt

                Das hab ich nie mehr gewollt
                Soll der Teufel dich holen.
                Herbringen. Schnell.
                Mehr hab ich das nie gewollt.

                *seeufz*

                Das versteht doch jeder, der schon mal verliebt war, von 6 bis 99, oder? #verliebt

                Aber ich will dich nicht missionieren. Literatur ist Literatur. Ob nun Epik oder Lyrik, das ist in der Tat Geschmackssache. Literatur lädt in allen ihren Gattungen zum Sinnieren und Träumen ein, nicht wahr? :-)

                Grüße
                Luka
                P.S.: ...warum schrieb ich eigentlich Picassos "blauer" Hund?...war wohl ein Freudscher #kratz;-)...

    Es streiten sich die großen Philosophen

    seit alters her schon um das Thema Frau.

    Der eine singt ihr Lieder in den schönsten Strophen,

    der andre wünscht sie in den Höllenofen.

    Nur leider stimmt das meiste nicht genau.

    Das Thema lässt sich nur von Fall zu Fall behandeln,

    weil unterschiedlich und sehr delikat.

    Die Frauen wandeln sich, wie sich die Zeiten wandeln,

    auch soll man sie nicht öffentlich verschandeln -
    Volksgut in Ehren, doch Frauen sind privat.

    Die Frau ist wie ein Dom, vor dem wir stehen,

    geheimnisvoll, voll Mystik, wunderbar.

    Man kennt sie nicht, von außen nur gesehen,

    es fehlt der Schlüssel, um hineinzugehen.

    Die Liebe ist der Schlüssel zum Altar.

    Bist du dann endlich zum Altar gekommen -
    in welcher Rolle, das liegt ganz an dir -
    vielleicht hast du das höchste Glück erklommen,

    wirst feierlich als Priester aufgenommen,

    wer weiß? Vielleicht nur als ein Opferstier. ;-)

    (von Fred Endrikat, 1890-1942)

    • (11) 02.07.16 - 22:23

      :-D

      Sag mal, warum kommen wir Frauen bei euch Männern so schlecht weg??? #schmoll Sind wir wirklich die betörenden Sirenen, die den liebestrunkenen Mann aus höchst zweifelhaften Motiven anlocken? Das mag ich nicht glauben.

      Aber schau mal, Günter Kunert (*1929) schlägt in dieselbe Kerbe. Das Gedicht heißt sogar bezeichnenderweise "Erfahrungswerte" :-D. Und das geht so:

      Fast jede Frau ist eine femme fatale.
      Besiegt durch Leiblichkeit dein armes Ich.
      Und solche Frauen gibt es ohne Zahl
      und du hast keine andre Wahl:
      sie haben dich.

      Rings aufgestellt die Venusfallen,
      geschürzt, verlockend und verlogen.
      Du glaubst die Lügen ihnen allen
      und wirst zu deinem Glück betrogen.
      Und küsst die Krallen.

      Erfüll dir eine Illusion, die Leiden schafft,
      Affekt, autistisch schöner Schein.
      Du hast dich in ein Bild vergafft,
      am Ende mangelt es an Kraft,
      aufs Neue blind zu sein.

      Oh je.

      Der Mann scheint die Schnauze gestrichen voll zu haben.

      Da wünsche ich dir, dass du entgegengesetzt zu seinen "Erfahrungswerten", mehrheitlich die Priesterweihe von der holden Weiblichkeit erhalten hast! :-D

      Schmunzelnde Grüße
      Luka

(14) 10.07.16 - 21:41

Ich hoffe, du hast deinen Weltschmerz schon längst verwunden, trotzdem finde ich den Thread so schön, dass ich mitmachen muss. Hab ihn heute erst entdeckt....

Hier also meine Trosttexte:

Ich weiß, das Gedicht ist irgendwie abgenudelt, insbesondere die Zeile "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", aber in Gänze gelesen spendet es mir oft Trost:

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Einer meiner Lieblingstexte bei Weltschmerz und anderem Ungemach ist folgender:

Das Gasthaus (Rumi)

Jeden Morgen ein neuer Gast.
Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt
als ein unerwarteter Besucher.
Heisse sie alle willkommen und bewirte sie!
Selbst wenn sie eine Schar von Sorgen sind,
die mit Gewalt aus deinem Haus
die Möbel fegt,
auch dann, behandle jeden Gast würdig.
Es mag sein, dass er dich ausräumt
für ganz neue Wonnen.
Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lächelnd an der Tür
und lade sie ein.
Sei dankbar für jeden, wer es auch sei,
denn ein ein jeder ist geschickt
als ein Führer aus einer anderen Welt.

Und dann bekommst du noch ein paar Trostlieder auf die Ohren:
https://g.co/kgs/F2Kjvd

https://g.co/kgs/dzLtSF

http://youtu.be/GkmqQvtuaQY (Achtung, eher so ein Lied zur Katharsis und kitschig ist es auch)

Und bei Liebeskummer unbedingt:
https://g.co/kgs/v61JxT

Halt die Ohren steif!!

Die Alltagsprinzessin

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