Gehen oder bleiben? - Wann weiß man ob man sich trennen kann/muss?

Hallo in die Runde,

ich schätze eure kreativen Antworten und Perspektiven sehr und hoffe auf eure Einschätzungen zu meiner Situation.

Ich bin seit 8 Jahren mit meinem Partner zusammen. Er ist der Vater meines zweijährigen Sohnes und wir leben zusammen in einer wunderschönen Wohnung. Wir haben viele gemeinsame Freunde. Verheiratet sind wir nicht, das Sorgerecht teilen wir aber. Er hat eine enge Bindung zu unserem Sohn und liebt ihn sehr! 

Schon mit der Schwangerschaft hat sich unser Verhältnis sehr verändert. War er früher auch eher unabhängig, distanziert und recht unempathisch, wurden diese Charakterzüge mit den sich wandelnden Hormonen für mich unerträglich. Er hat nie meinen Bauch angefasst und wollte (während Corona und in meiner Schwangerschaft) unbedingt ins Ausland gehen für ein paar Monate. Es gab wahnsinnig viel Streit deswegen, weil ich das nicht wollte. Ich war im Modus Nestbau und nicht im Modus Raus in die Welt. Er hat das nie verstanden und hat sich nicht besonders gut um mich gekümmert und mich eher allein gelassen. Nach der sehr traumatischen Geburt, mit Säuglingsinfektion und ungeplantem Kaiserschnitt, bin ich eine postpartale Depression abgerutscht. Mein Partner konnte mich überhaupt nicht auffangen, hat mir nur vorgehalten, wie anstrengend und ängstlich ich war und hat mich wieder emotional allein gelassen. 

Ich habe mich dann als Mutter einfach sehr verändert und gemerkt, wie wichtig es ist, einen Partner um sich zu haben, dem man vertraut, der einen auffangen kann und der dich in schweren Zeiten supporten kann. Unsere Beziehung funktioniert nur dann, wenn ich gut gelaunt bin und auf alles Bock habe.  

Ein Beispiel: Als mein Kind gerade drei Monate alt war, wollte er den ersten großen Urlaub mit Freunden machen und ist eine Woche früher allein losgefahren, weil er beruflich dort zu tun hatte. Ich sollte allein mit dem Kind nachkommen. Ich fand die Reise und seine Abwesenheit sehr früh und habe ihm das auch gesagt. Trotzdem habe ich mich darauf eingelassen. Als kleine Side-Note: Wir haben ein sehr intensives kleines Kerlchen als Sohn, der auch damals kaum schlief. Ein einfaches Kind war er und ist er bis heute nicht. Ich war also eine Woche mit dem Baby allein, es war die absolute Überforderungshölle und bin dann allein, noch immer traumatisiert und komplett überfordert, in den Flieger gestiegen und dann noch mal 2,5 Stunden Auto gefahren, nur um dann von ihm zu hören: Siehste? Hat doch geklappt, warum hast du dich so angestellt? 

Ich spüre eine wahnsinnige Sehnsucht in mir, endlich mal richtig supported und geliebt zu werden. Und wenn nicht das, dann wenigstens in Ruhe leben zu können. Ich bin die meiste Zeit wirklich unglücklich und sehne mich nach Veränderung. Aus welchen Gründen auch immer (teilweise gab es welche): Mein Partner war nicht da, als ich ihn gebraucht habe. Er ist nicht mit zur Beerdigung meiner Oma gefahren, die mir sehr nah war. Er hat mich nicht in der postpartalen Sache unterstützt, indem er Hilfe gesucht oder sich informiert hat, obwohl ich ihm meine Vermutung mitgeteilt habe. Er fragt mich nie, wie es mir geht oder nimmt mich in den Arm. Gleichzeitig mache ich mir aber extreme Vorwürfe aufgrund der möglichen Trennung, meinem Kind die Familie wegzunehmen. Ich habe Angst davor, das gemeinsame Leben zu verlieren. Unsere Wohnung, die Freunde (viele davon sind eher seine Freunde), den Familienalltag (zu dritt aufwachen, noch jemanden in der Wohnung zu haben). Ich habe Angst davor, mit Ende Dreißig von vorne anfangen zu müssen, allein zu sein, einsam.   

Ich will das Beste für mein Kind und befinde mich nun in der absolut miesen Situation, dass es das nicht gibt. Denn entweder bleiben wir zusammen und ständig herrschen Konflikte, seine Kälte mir gegenüber und meine passiv-aggressive Art ihm gegenüber oder wir trennen uns und mein Kind wird im ständigen Wechselmodell leben müssen. (Eine andere Variante ist wahrscheinlich nicht machbar für uns).

Ich möchte hier nicht rumheulen, ich weiß, ich bin selber dafür verantwortlich, in diese Situation geraten zu sein. Aber ich möchte nun den bestmöglichen Weg finden und möglichst ohne Reue eine Lösung finden...

Ich freu mich auf eure Gedanken hierzu! 





 

Bearbeitet von SISI1985
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Ich bin mir sicher, dass das keine leichte Situation für dich ist.
Letztendlich war dein Partner schon immer so. Ich vermute, dass er mit deinen Emotionen schlichtweg überfordert ist und nicht nachfühlen kann, wie es dir geht.
Gleichzeitig setzt er dich mit unbedachten Kommentaren unter Druck, um dich bei der Stange zu halten.
Wenn du so unglücklich bist, dann trenn dich. Dein Sohn wird das überleben und du auch. Du hast so eine Chance auf ein glückliches Leben. Am Anfang wird er sicher hart, aber du schaffst das.

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Ich habe deinen Text nicht gelesen, sage also nichts zum Inhalt (sorry ist noch zu früh für mich, ich scroll hier nur ein bisschen durch). Ich blieb an deiner Überschrift hängen.

Wann weiß man ob man sich trennen kann/muss.

Können tust du es immer und, wenn du beim müssen angelangt bist, ist es eigentlich zu spät...diese Entscheidung ist kein kann oder muss, sondern ein will...es geht darum was du willst, was sich für dich stimmiger, qualitativer anfühlt. du brauchst keine Erlaubnis und du brauchst kein "das sit passiert, daher muss ich"

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Du sagst mit keinem Wort, dass da Liebe zu deinem Partner im Spiel ist. Er ist keine Bereicherung für dich. Viel mehr geht es dir um seine Freunde - die du ggf auch ohne ihn besuchen könntest oder den Punkt nutzen könntest, um eigene Freunde kennenzulernen, es geht um die Wohnung - da kann man es sich auch ohne Partner in anderen 4 Wänden gemütlich machen oder um das Familienleben - weniger Wäsche, weniger Rücksicht, mehr Selbstbestimmt, weniger Kompromisse usw.
Fakt ist, du nimmst dem Kind nicht den Vater, denn der wird er ja bleiben.
Fakt ist auch, dass es überhaupt nicht schlimm ist, mit 40, 45 oder 50 Jahren eine Partnerschaft zu beenden und irgendwann wieder offen für einen neuen Partner zu sein. Du könntest dies zum Anlass nehmen, um dich zu finden: was willst du, wo willst du hin, wo siehst du dich in ein paar Jahren, was willst du noch erleben, was muss ein Partner für Eigenschaften haben...

Wenn man sich die Frage schon stellt "gehen oder bleiben", ist es m. M. n. Zeit zu gehen. In einer intakten Beziehung stellt man die Frage nicht, sondern genießt die Zeit miteinander.

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Das ist ja ein sehr umfassender Forderungskatalog, den dein Mann da (für ihn wohl: auf einmal) zu erfüllen hat. Wird er denn von dir auch geliebt, supportet, unterstützt, Hilfe für ihn gesucht, in schwierigen Situationen begleitet? Davon lese ich nirgends, nicht mal den Part mit der Liebe. Oder braucht er das alles nicht, da er ja nicht Mutter ist?

Partnerschaft ist keine Einbahnstraße.

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Liebe Sisi,
Man spürt, dass es dir in der Beziehung aktuell nicht gut geht, gleichzempfindest du eure Gesamtsituation nicht als schlecht und erwartest schuldgefühle im Falle einer Trennung.
Ich würde - glaube ich - erst mal klar und ehrlich kommunizieren, dass du unglücklich bist und über Trennung nachdenken. Wenn ihm eure Beziehung, euer gemeinsames Leben wichtig ist, ist er vielleicht bereit an sich zu arbeiten, dir entgegen zu kommen. Vielleicht wäre auch eine Paartherapie was für euch. Vermutlich ist er nicht in der Lage sich um 180 Grad zu drehen, aber vielleicht kann er dir ein Signal geben ob sich für dich das kämpfen um eure Beziehung lohnt oder ob er dich einfach so ziehen lässt.

Alle gute für dich!

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Ehrlich gesagt finde ich dich ein bisschen drüber. Traumatische Geburt... Überforderungshölle, davon immernoch traumatisiert...

Hast du die postnatale Depression ordentlich behandeln lassen? So ein nachgeburtlicher Hormonumschwung kann schon was auslösen. Aber alles kannst du auch nicht mit Hormonen erklären!

Eine Woche allein mit Baby ist echt kein Grund so dramatisch zu werden. Das haben Frauen, die weit von der Familie weg leben oder deren Mann im Ausland arbeiten, länger.

Wenn dein Mann wirklich auch noch ein weniger emotionaler Zeitgenosse ist, als komplett unemphatisch würde ich ihn nach deiner Beschreibung nicht einordnen, dann habt ihr nunmal mehrere Kollisionspunkte.

Da müsst ihr beide an euch arbeiten.

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Dass er mit Baby verreisen will, finde ich jetzt nicht so dramatisch, aber Alleinereisen macht man einfach nicht wenn man ein Baby zuhause hat, da verbringt man so viel Zeit wie möglich mit dem Baby. Dich dann noch mit Flugzeug und Auto nachkommen zu lassen ist echt daneben.

Ich kann dir nur sagen was dein Sohn bei einer Trennung verpasst: Gar nichts.

Meine Schwiegermutter war auch so ähnlich (hat allerdings auch noch Autistin) und bis heute merkt man dass sie irgendwann mal gelernt hat, dass die Gesellschaft erwartet dass man die Kinder kontaktiert, aber das wars auch schon. Mein Mann hat sein gesamtes Leben über noch nie "ich liebe dich" gehört. Er hat nie einen Menschen gehabt, der ihn verstanden hat, weil seine Mutter Probleme einfach nicht verstehen konnte. Er war richtig schockiert als er dann in meiner Familie feststellte, dass man gegenüber seinen Kindern und Eltern Zuneigung zeigen darf, sie z.b. in den Arm nehmen und sagen dass man stolz ist oder so.


Ganz ehrlich, einsam bist du eh schon. Aber die emotionalen Schäden die so ein Verhalten bei deinem Sohn verursacht solltest du nicht unterschätzen. Ich kann mir nicht vorstellen nach deiner Beschreibung dass dein Mann langfristig ein Wechselmodell will (da müsste er sich bei Freunden und Reisen viel zu sehr einschränken), aber da kennst du ihn besser. Aber selbst wenn, hat dein Sohn wenigstens immer eine Woche diese emotionale Kälte nicht. Und das ist sehr viel Wert.

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Hallo in die Runde,

danke für die Antworten, die wie immer zahlreich und total unterschiedlich sind.

Zu euren Fragen/Anmerkungen:
Ich habe die postpartale Depression in Angriff genommen und bin seit ca 6 Monaten in therapeutischer Behandlung. Ich bin mir sicher, dass ich viele Fehler habe, extrem sensibel bin und viel Ruhe und Rückzug brauche. Das ist seit der Geburt noch viel schlimmer geworden. Ich bin ihm gegenüber nicht immer fair und reagiere schnell über, weil ich ihm nicht vertraue, dass er mit meinen Sorgen und Ängsten gut umgeht. Ich selber funktioniere gerade auch nicht besonders gut. Außer dem Mama-Sein und meinem anstrengenden Job kriege ich nicht wirklich viel hin. Ich habe keine richtigen Interessen mehr und beriesle mich abends einfach nur noch. Ich bin ein bisschen wie taub und abgestumpft und habe überhaupt kein Gefühl mehr für mich.

Es fällt mir unheimlich schwer, meinen eigenen Anteil in dieser Sache zu sehen bzw. ihn nicht zum Hauptverantwortlichen zu machen. Er hat mich so oft manipuliert, mich allein gelassen.

Wir waren letztes Jahr in Paartherapie für ca. 6 Monate. Das hat aber kaum was gebracht. Er wollte in Therapie gehen, um seine Probleme mit Nähe zu bearbeiten, hat zwei Online-Stunden gemacht und es dann wieder sein lassen. Es gibt bei ihm einfach keinen Leidensdruck, er findet sich ok so...

Bzgl. meiner Liebe für ihn: Ich weiß nicht, ob ich ihn noch liebe. Auf eine Art schon, ich sehne mich auch unheimlich danach, dass wir es schaffen und wir aus der Sache rauskommen. Andererseits hatten wir dieses Thema schon immer und nun kann ich es einfach nicht mehr ausblenden...

Tatsächlich unterstütze ich ihn schon und versuche, seine Bedürfnisse so gut es geht wahrzunehmen. Wenn sie gegen meine Bedürfnisse gehen, ist das natürlich schwierig.

Wir verbringen null Zeit miteinander.