Vertretung bei Krankheitsfällen/Schichtdienst

    • (1) 22.03.18 - 14:46

      Hallo,

      ich bin seit einigen Jahren fest in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung angestellt mit 80% Teilzeit, was hier 32 Stunden/Woche entspricht. Schon von Beginn an gab es hohe krankenbedingte Ausfälle, die wir im Team durch Vertretung ausglichen (wir sind zu 8 und benötigen jeden Tag insgesamt 3 Mitarbeiter, um alle Dienste abzudecken). Dies führte dazu, dass wir phasenweise hohe Überstunden ansammelten. Auf unsere Nachfrage, ob ggf. Springer oder Leasingkräfte möglich wären, wurde verneint. In schlimmen Fällen bekamen wir Vertretung durch andere Einrichtungen des Verbundes. Seit knapp 2 Jahren ist der Einrichtungsleiter nur noch Verbundleiter und hat sich aus dem Einrichtungsgeschehen zurückgezogen. Dafür wurde aus unserem Team eine Kollegin als pädagogische Leiterin eingesetzt, sie ist also jetzt direkte Vorgesetzte. Die Krankheitsfälle sind seither nicht weniger sondern eher noch mehr geworden. Zudem wurden teilweise Klienten aufgenommen, die wir als Team nicht hätten aufnehmen wollen, was zu sehr konfliktgeladenen Diensten und auch einigen Herausnahmen führte. Mit knapp 150 Überstunden habe ich letztes Jahr im September eine Überlastungsanzeige geschrieben. Darauf gab es ein Gespräch mit meiner pädag. Leiterin und dem Verbundleiter sowie einer Vertreterin der MAV. Auch in der Supervision haben wir dazu gesprochen und es wurde uns empfohlen, eben nicht mehr dauernd einzuspringen, um das Problem in die Leitungsebene zu transferieren. Konkret heißt das, dass jetzt immer dann, wenn kein anderer kann, unsere pädagogische Leiterin einspringt und die Dienste schiebt (sie selbst meldet auch nicht Überlastung oder gibt das Problem an die Verbundleitung weiter)...führt auch bei ihr zu hohen Überstunden. Ich habe, durch eine Woche genehmigtes Überstundenfrei, seit September immerhin knapp die Hälfte meiner Überstunden abbauen können. Diese Woche wurde ich allein 3x angefragt, ob ich irgendwelche Dienste vertreten kann. Ich habe drei Mal nein gesagt. Eben gerade das dritte Mal bei meiner pädagogischen Leiterin. Hier wurde mir suggeriert, dass sie ja auch einen der WE-Dienste machen würde und selbst auch Termine verschoben hätte dafür und ich außerdem die letzte Option sei, da sie alle anderen schon gefragt hatte. Ich bin bei meinem "nein" geblieben, denn es ging um einen Wochenenddienst und wir haben Besuch und ich sehe meinen Mann schon unter der Woche kaum und mag meine Kids auch ungern mit dem Besuch allein stehen lassen - trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.

      Kennt ihr sowas?
      Wie reagiert ihr?

      LG

      a79

      • Hallo,

        ich weiss jetzt nicht so ganz genau, was du lesen möchtest, aber ich kann dir versichern, dass es in fast allen sozialen Einrichtungen genau so abläuft! Die kleinen Angestellten werden so etwas von ausgebeutet und sollen arbeiten bis zum Umfallen, am Ende bekommen sie ggf. ein Lächeln und ein Dankeschön von den zu betreuenden Menschen, die man ja natürlich nicht im Stich lassen kann, wenn der absolute Personalmangel mal wieder sich so richtig zeigt!
        Da kannst du eigentlich nicht viel ändern, ausser dich selbst schützen, indem du regelmäßig Nein sagst und dich ggf. beruflich neu orientiert, weit weg vom sozialen Bereich, dort verdienen nur die kaufmännische Leitung und der Träger ordentlich ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, so wie du regelmäßig!

        Liebe Grüße und es tut mir leid, dass ich nix erfreulichere dazu beitragen kann, da ich nicht denke, dass es in der nächsten Zeit die Situation für soziale Berufe besser wird.

        • Danke Dir für Deine Antwort!
          Dass es in vielen sozialen Einrichtungen genau so läuft, weiß ich ja, wird uns allen ja auch suggeriert. Dennoch finde ich es schon ermutigend, dass Du mich darin bestätigst, mich selbst zu schützen. Ich persönlich glaube, genau wie Du, dass sich etwas ändern wird, wenn mehr und mehr Mitarbeiter diese Praxis nicht mehr mitmachen und sich eben nicht mehr ausbeuten lassen. Ist ja kein Wunder, dass allerorts so wenig pädagogisches Fachpersonal zu finden ist - bei den Bedingungen.
          Nichts desto trotz würde ich mich beruflich gerade nicht verändern wollen - lieber möchte ich helfen, die Rahmenbedingungen zu verändern.

          LG

          a79

      Wenn du langfristig etwas ändern möchtest, musst du zwingend beim "Nein" bleiben. Es muss der Gesellschaft richtig weh tun, dass Menschen in sozialen Berufen so wenig wert geschätzt werden. Wir alle wollen versorgt sein, wenn es uns schlecht geht. Egal ob jung oder alt, aber wir wollen selbst dafür nicht eintrteten und finanziell einstehen. Deshalb verdiennen wir (bin Fachkrankenschwester) auch so wenig.
      Wenn in eurer Einrichtung jeder 150-200 Überstunden vor sich herschiebt, spart das ordentlich Personalkosten. Als ich letztes Jahr kündigte (nach über 17 Jahren übrigens) war ich bei überschaubaren 90 Überstunden. Freiwillig habe ich mir 45 auszahlen lassen (Netto 7,80€/h) und wollte den Rest als Freizeit. Ich habe mich bis zuletzt auf die Hinterfüße gestellt, weil man meinen Wunsch zwar gehört, aber in der angespannten Pesonalsituation ignoriert hat. So nach dem Motto: Na, die wird schon noch klein beigeben. Habe ich nicht und so blieb ich in meinen letzten 2 Arbeitswochen mitten in einer Krankheitswelle gepflegt ein paar Tage daheim, um die restlichen Stunden abzubauen.
      Aber es gibt auch Positivbeispiele. Ich habe in ein kleineres KKH gewchselt, das deutlich vorausschauender plant. Dort wird Personal aquiriert und eingestellt, bevor expandiert wird. Ich kenne es nur anderstrum. Man baut aus und stellt dann fest, dass das Personal nicht reicht, welches dann beworben und last but not least eben auch eingearbeitet werden muss.
      Bleib daheim, mache Dienst nach Vorschrift und arbeite genau soviel wie du auch bezahlt wirst. Das tue ich als Krankenschwester schon lange. Ich kümmere mich ordentlich um meine Patienten, arbeite gerne im Team und lege den Fokus auf den Menschen, der da bedürftig ist. Aber: Ich sage "Nein", was ich nicht schaffe bleibt liegen, ich bleibe nicht länger und übernehme auch nicht dauernd ärztliche Tätigkeiten oder arbeite für lau jemand Neues ein. Das sehe ich gar nicht ein. Leistung muss vergütet werden und wer meint das nicht tun zu müssen kann kein Engagement erwarten.
      So schlecht stehen wir gar nicht da: Wir sind viele und man braucht uns und sucht uns. DAS ist eine echte Chance. Lobby hin oder her. Berufsverbände oder Gewerkschaften-egal. Es gibt eine klare Aufgabenbeschreibung und nicht mehr hast du zu leisten. Wer mehr von dir will, soll sich erkenntlich zeigen

    • (5) 23.03.18 - 00:56

      Hi!

      Dein schlechtes Gewissen ist normal, grade in dem Berufszweig neigt man dazu. Aber dein NEIN ist absolut richtig!!!
      Es wird immer schön von Personalmangel gesprochen, es gäbe nicht ausreichend ausgebildete Fachkräfte. Das glaube ich nicht, denn ich kenne viele Fachkräfte die fachfremd arbeiten weil sie keinen Bock mehr haben.
      Die Bedingungen müssen sich ändern und mit deinem NEIN gehst du den richtigen Weg.
      LG,
      Hermiene

      Guten Morgen,

      ich kann Dich sehr gut verstehen, bin aber der Meinung, daß Du genau richtig handelst im Moment und ich hoffe, daß es noch viele, andere, in der Pflege arbeitenden, Menschen gibt, die das eben so tun bzw. bald so handeln. Nur so wird sich in dem Bereich hoffentlich bald etwas ändern.

      LG

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