Frage an alle mit einem sozialen Beruf

    • (1) 30.08.19 - 11:06

      Hallo zusammen,

      ich überlege schon seit längerem, ob ich nicht in den sozialen Bereich gehen sollte, d.h. umschulen, neues Studium etc.

      Grund:
      Ich arbeite derzeit im Finanzsektor eines Großunternehmens. Ich verdiene da zwar viel Geld, aber irgendwie erfüllt mich diese Arbeit nicht. So richtig "Sinn in der Arbeit" finde ich nicht, wie auch, wenn man den ganzen Tag nur Zahlen rumschubst ;-)

      Ich stelle mir das natürlich sehr romantisch vor:
      Klar, man bekommt weniger Gehalt, aber dafür macht man einen Job, der wirklich Sinn verleiht. Ist ja eigentlich sehr erfüllend...

      Und meine Frage ist:
      Wer von euch hat einen sozialen Beruf und wie schätzt ihr diesen ein? Welche Vor- und Nachteile seht ihr in diesem? Würdet ihr nochmal einen sozialen Beruf wählen?
      Was würdet ihr euren Kindern raten bzw. zu bedenken geben, wenn es sich für einen sozialen Beruf entscheiden möchte.

      DANKE #blume

      • Hallo,

        bei mir und vielen anderen ist es anders herum. Ich habe jetzt 20 Jahre in einem sozialen Beruf hinter mir und werde ab Oktober ein Studium starten, damit ich mich von der sozialen Schiene etwas entferne. Meine Erfahrung ist, dass die sozialen Berufe in den letzten Jahren noch mehr an Attraktivität verloren haben, da die Arbeitsbedingungen sich sehr verschlechtert haben und die Bezahlung noch geringer im Vergleich zu anderen Berufen mit deutlich weniger Verantwortung ist.
        Ich habe schon lange nicht mehr das Gefühl, dass ich Sinnvolles mache, da die Bürokratie und das Wirtschaftliche im Vordergrund stehen. Soziale Einrichtungen sind knallharte Wirtschaftsunternehmen, die aus den Mitarbeitern und den "Klienten" das letzte herausquetschen! Ist von der Politik so gewollt.
        Also ich würde mich an deiner Stelle sehr informieren über deinen Wunschberuf und ggf. ein Praktikum machen und mich mit vielen Menschen, die auch schon länger in diesem Beruf arbeiten unterhalten. Das wird dir weiterhelfen.

        Liebe Grüße 🙂

      Hallo,
      ich selbst habe nicht direkt in einem sozialen Beruf gearbeitet, aber hatte im früheren Job sehr viel Kontakt mit Sozialarbeitern.
      Der Sozialvereich ist groß und genauso unterschiedlich sind die Bedingungen an Stress, Arbeitszeit, der Möglichkeit "helfen" zu können. Auch die Bürokratie ist, wenn auch überall vorhanden, unterschiedlich hoch.
      Gleich ist, mehr oder weniger, die Bezahlung. Da kannst du ja mal den TVöd SuE ansehen, da sind auch die Berufe aufgelistet und der Verdienst. Caritas etc. zahlen ähnlich.
      Ein Vorteil ist, du kannst, wenn du möchtest, oft wechseln, Sozialarbeiter sind gesucht. Auf jeden Fall solltest du kommuniktativ, aber auch strukturiert sein und belastbar (die Geschichten der Klienten nicht mit nach Hause nehmen).
      Ob du Erfülkung in einer sozialen Tätigkeit findest, kannst nur du wissen...manche Kollegen taten das, andere nicht.
      Auf Anhieb würde ich vllt sagen, wäre Schuldnerberatung was für dich, wenn du aktuell "was mit Zahlen" zu tun hast.
      Aber vllt gibt es auch Alternativen. Wenn du gut verdienst, könntest du auch Arbeitszeit reduzieren ("Brückenteilzeit" am besten, dann kannst dubwieder zurück" ) ubd dich ehrenamtlich engagieren. Vllt erstmal für ein Jahr, dann merkst du, ob es dir gefällt.
      lg

    • Moin!

      Ich arbeite auch "mit Zahlen" und verdiene entsprechend gut.
      Zum Ausgleich bin ich ehrenamtlich im sozialen Bereich mit Beeinträchtigen tätig.
      Gemeinsam mit ihren jeweiligen Bezugsbetreuern. Und was ich da manchmal mitbekomme ist nicht ohne.

      Fast alle balancieren am Rande des Burnout, die Klienten sind z. T. sehr fordernd und einnehmend, alle nehmen die Geschichten mit nach Hause und nochmals würde wohl kaum einer den Beruf erneut wählen.

      Ich persönlich würde es auch nicht hauptberuflich machen. Schlecht bezahlt und reichlich Stress muss man mögen.
      Daher bin ich sehr froh, wenn ich nach 2x wöchentlich 90 Minuten Ehrenamt Feierabend habe. Trotzdem beschäftigt man sich auch immer noch sehr viel privat mit allem.

      Der Tipp mit dem Ehrenamt in der Freizeit ist gut. Guck mal in deiner Gegend nach offenen inklusiven Angeboten wie Chor, Theater o. ä. Über diese Schiene bekommt man schon einen guten Einblick. Und vielleicht ist das ja wirklich so erfüllend für dich, dass du dann auch komplett beruflich umsatteln willst.

      Mit Gruß
      von Klos

      Hallo!

      Die Entlohnung ist oft unter aller Kanone, Selbstausbeutung wird praktisch in vielen Bereichen vorausgesetzt. Gelder sind knapp, und das nicht nur bei deiner Bezahlung: der PC mit dem man arbeitet ist 5 Jahre alt, der Drucker noch deutlich älter, der Bürostuhl hat vor 15 Jahren mal unter 100 Euro gekostet und ist entsprechend Bandscheibenfreundlich.

      Länger bleiben weil jemand ernsthaft Hilfe braucht und nur da kann wird eigentlich vorausgesetzt, egal wo - ob nun eine Schwangerenberatung nach 18 Uhr weil die Frau sonst arbeitet, oder als Kitaleitung den Elternabend bis 21 Uhr durchführen und am nächsten Tag ab 6:30 zum Frühdienst antreten, und weil die Kollegin, die Spätdienst machen sollte sich offenbar einen Magen-Darm-Virus von den Kindern eingefangen hat und sonst auch keiner kann, bleibst Du bis 17:30 bis das letzte Kind geholt wird. Und den Elternabend hast du auch in deiner Freizeit vorbereitet, in der Arbeit hast du keine Ruhe für sowas.

      Ob es wirklich so erfüllend ist, wenn man permanent gegen Windmühlen kämpft - Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, Behörden, die Behinderten und Benachteiligten allzu gerne Steine in den Weg legen etc. ist halt auch davon abhängig, wie groß deine Frustrationstoleranz so ist.

      Es muss schon wirklich Herzblut dabei sein und die Rahmenbedingungen sind oft erschreckend schlecht. Wenn man schon mies bezahlt wird auch noch den Ventilator im Büro selber kaufen müssen etc. summiert sich halt auch.

      Wenn Dein Herz wirklich dran hängt und du ganz konkret weißt, was es sein soll (nicht nur "Irgendwas soziales") dann mach es, aber bitte schau es dir vorher genauer an, etwa durch ehrenamtliche Tätigkeit, die dich schon mal in Kontakt bringt.

    • Hallo,
      ich arbeite in einem sozialen Beruf.
      Vorneweg, das Arbeiten mit Menschen muss man wirklich mögen um in einem sozialen Beruf zu arbeiten. Es sind da auch nicht alle Dankbar für deine Arbeit, egal wieviel Mühe man sich gibt, genauso gibt es auch Menschen, deren Einstellungen du nicht teilst, da muss man professionell bleiben können. Deswegen ist es wichtig vorab Erfahrungen mit Praktika oder einem Ehrenamt zu sammeln, da man sich den Alltag oft nur schwer vorstellen kann.
      Das Arbeiten und der Umgang mit Menschen muss einem liegen und ist oft auch eine Herausforderung, da es so viele unterschiedliche Menschen gibt, mit verschiedenen Kulturen, Einstellungen usw. Meistens braucht man viel Geduld, starke Nerven, aber auch Empathie und Verständnis. Natürlich gibt es auch tragische Fälle und Geschichten die einem sehr, sehr nahe gehen. Da muss man davon Abstand halten können.
      Man hat am Ende des Tages auch kein „Resultat“ von seiner geleisteten Arbeit, was man direkt sieht, bei der Arbeit gibt es auch keine Lösungsmöglichkeiten im Sinne von „drück Knopf A dann kommt B raus“. Was in einem Fall zum Erfolg führt kann im anderen nichtsbringend sein. Da ist es wichtig immer wieder seine Arbeit zu reflektieren, sich stetig weiterzubilden und auch mal kreative Lösungen zu finden. Dazu braucht man auch die Einschätzung der Kollegen, Teamfähigkeit ist hier deshalb gefragt.
      Zum Job gehört auch viel „Papierkram“, man muss sich also auch auf Büroarbeit einstellen.
      In sozialen Berufen herrscht meistens Personalmangel, also muss man hier mit viel Stress rechnen und Überstunden, bei der Bezahlung kannst du dich an den Tvöd richten. Manchmal ist Schichtarbeit nötig, oft kann man aber relativ flexibel auch in Teilzeit arbeiten.
      Belohnt wird man natürlich oft mit zufriedenen/dankbaren Menschen und klar kann das auch sehr erfüllend sein. Und ich finde der Job wird auch nicht langweilig, dadurch das man mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun hat.
      Ich habe es jetzt versucht mal ganz allgemein zu halten, es kommt natürlich immer drauf an was für einen sozialen Beruf du erlernen willst, da gibt es natürlich große Unterschiede.
      Ich persönlich würde meinen Beruf auch nochmal wählen.

      Ich bin Ärztin. Viele Jahre hatte ich den Eindruck, meine soziale Einstellung würde mir vom Gehalt abgezogen werden und den Chefs die Berechtigung geben, unmengen an unbezahlten Überstunden von mir zu verlangen, da ich die Patienten ja nicht im Stich lassen kann. Das ist oft pure Ausbeutung!
      Mittlerweile gibt es langsam ein Umdenken, die Arbeitsbedingungen verbessern sich. Meine jetzige Stelle ist toll, da habe ich nicht mehr das Gefühl, ausgebeutet zu werden und verdiene auch anständig. Mir gefällt mein Beruf wieder sehr, für mich einfach der Richtige.
      Wichtig ist, dass du einen Job hast, in dem du dich wohl fühlst. Und dass du mit den Kollegen gut auskommt. Vielleicht kannst du ein Praktikum im anvisierten Beruf machen, um auszuprobieren, ob er der Richtige für dich ist.

      Es kommt meiner Meinung nach auch darauf an, was du machst. Du arbeitest immer mit den Randständigen der Gesellschaft mit denen größtenteils keiner was zu tun haben will. Von den Bereichen SGB II, XII und Straffälligenhilfe kann ich nur abraten. Sicherlich gibt es auch dort Menschen denen du helfen kannst und die dafür auch dankbar sind, aber der größte Teil hat eine riesige Anspruchshaltung. Ich suche mir nach der Elternzeit einen anderen Job. Hab keinen Bock mehr auf das tägliche Gemecker und Beschimpfungen der Leute. Nett vorstellen vom Klientel und dass man echt noch helfen kann, kann ich mir bei Kranken, Alten und Behinderten. Da sind die Arbeitsbedingungen aber teilweise unter aller Kanone. Mach erst mal was ehrenamtlich. Vielleicht reicht dir das schon aus, dein Bedürfnis anderen Menschen helfen zu wollen, auszuleben. Wenn man noch nie in so einem Beruf gearbeitet hat, malt man es sich meistens schöner aus, als es tatsächlich ist. Viel helfen kann man nicht immer. Da sind oft die äußeren Umstände und manchmal will sich der andere auch nicht helfen lassen oder steckt in seinem Muster fest.

      Ich bin Sozialpädagogin und bereue meine Berufswahl definitiv nicht. Jedoch muss ich sagen, dass man auch immer ein großes Stück selbst dafür verantwortlich ist, wo man im sozialen Bereich landet. Ich habe eben geschaut, dass ich nicht bei schlecht bezahlten Arbeitgeber lande, ich keine Tätigkeit ausübe die nur zerrt und ich nicht der Depp vom Dienst bin. Tatsächlich arbeite ich mittlerweile überwiegend im Büro, habe aber immer noch den pädagogischen/methodischen Anteil, der mir Spaß macht.

      Wir haben viele unprofessionelle schwarze Schafe in diesem Bereich für die Methodik, Legitimation, Professionsethik und Selbstreflexion ein riesen Fremdwort sind. Dieser Faktor war mit ein Grund, weshalb ich auf gar keinen Fall mehr in der ambulanten und stationären (neben der schlechten Bezahlung für maximalen Einsatz) unterkommen möchte. Durch diese ständige "Bauchpädagogik" wird der Beruf leider sehr entwertet. Naja, wie gesagt, Soziale Arbeit ist das was man draus macht.

      Was auch belastbar werden könnte, ist der Umstand, dass deine geleistete Arbeit nur schwer messbar ist und alles unwahrscheinlich kleinschrittig ist. Außerdem musst du dich mit dem Gedanken anfreunden, dass viele Versäumnisse (insbesondere in der Kindheit) dazu führen, dass Verhaltensweisen und Erkrankungen so chronisch sind, dass sich kaum was bessert und der Gedanke von Integration ganz weit nach hinten rutscht. Schade eigentlich.

      Aber ich habe auch immer die Befürchtung, dass Leute, deren Intention überwiegend darin liegt Menschen helfen zu wollen, ganz schön auf die Nase fallen - und nicht unbedingt gut für Klienten sind. Da sitzt noch einiges dahinter und diese von dir beschriebene romantische Vorstellung wirkt dann leider auch sehr unprofessionell. Das kann man alles auch ehrenamtlich machen.. Im Studium hätten uns unsere Dozenten den Kopf abgerissen, hätten wir sowas gesagt. Das Helfen wollen sollte natürlich auch berücksichtigt werden, ist (sollte) aber nur ein Minimini Kriterium für den Entschluss sein.

      Lg

      Vielen herzlichen Dank für eure Antworten, Erfahrungen und Tipps!

      Ja, ich glaube, man sieht "von außen" viele Berufe einfach zu romantisch oder nur das, was man sehen möchte.

      Den Tipps, ein Ehrenamt in diesem Bereich zu machen, finde ich super und werde das definitiv in Angriff nehmen.

      Zum Thema "Dinge nicht mit nach Hause nehmen" wird bei mir wahrscheinlich schwierig und habe ich so nicht richtig bedacht.

      Zudem glaube ich auch, dass gewisse Aufgaben sehr viel Spaß machen können, aber bestimmte Rahmenbedingungen einfach dazu beitragen, dass einem die Arbeit "madig" gemacht wird!

      Vielen Dank für euren Input #blume

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