Abtreibung, offen damit umgehen oder immer noch ein Tabu

Ich habe aufgrund einer Trisomie 21 Diagnose einen Abbruch vornehmen lassen in der 18.Woche.
Natürlich wussten da schon alle im Umfeld von der Schwangerschaft.
Mein Partner wollte, dass ich einfach sage, dass ich eine Fehlgeburt hatte, was ich auch getan habe.
Er hat insbesondere die Befürchtung dass seine Eltern, die sehr gläubig sind, ansonsten den Kontakt abbrechen
Ich finde es schlimm so was als Kind von den Eltern befürchten zu müssen .
Die stellen ihre eigenen Prinzipien doch über die Beziehung zum Kind.
Mein Partner war auch ganz klar für den Abbruch, aber dazu stehen will er nicht.
Meine Eltern wissen es und haben nie was dazu gesagt.
Auf der Arbeit hab ich es auch nicht erzählt, obwohl ich im Gesundheitswesen arbeite und da schon Toleranz erwarten würde.
Meiner Schwester würde ich es auch sagen, aber sie hat rin behindertes Kind und ich glaube nicht, dass sie die Toleranz hätte meine Entscheidung zu respektieren, die sie aber für sich selbstverständlich erwartet hat, als sie sich für die Fortsetzung der Schwangerschaft entschied.
Wie sind eure Erfahrungen?

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Puhh!
Die Abtreibung eines Kindes mit Trisomie 21 ist ein Thema, das immer polarisieren wird.
Hier wird ein Kind abgetrieben, dass aller Wahrscheinlichkeit nach ein glückliches erfülltes Leben führen würde.
Es ist etwas ganz anderes als Trisomie 18 oder 13.
Für mich persönlich ist es ein sehr emotionales Thema. Ich habe selbst einen kleinen Sohn mit Trisomie 21 erwartet. Zu Beginn der 20. SSW kam es zu Komplikationen wahrscheinlich durch eine aufsteigende Infektion. Wir haben alles versucht , die Schwangerschaft aufrecht zu erhalten, aber ein paar Tage später kam Friedrich still zur Welt.
Wenn ich dann lese, das andere Eltern dann in ungefähr derselben SSW ihr Kind absichtlich sterben lassen, versetzt es mir einen Stich ins Herz.
Es bestürzt mich auch immer wieder, dass Menschen mit Trisomie 21 nicht dasselbe Recht auf Leben haben wie ein genetisch unauffälliger Mensch.
Du musst damit rechnen das du teilweise auf Unverständnis stoßen wirst, wenn du die Wahrheit sagst.
Selma

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Nun ja, ich glaube nicht dass Menschen mit Trisomie 21 ein all zu einfaches Leben haben. Ich finde es bemerkenswert, wenn ein Paar ein Kind trotz dieses Syndroms bekommt. Trotzdem wird sich immer die Frage stellen, was mit dem Kind passiert, wenn sich die Eltern nicht mehr darum kümmern können. Ich hätte ein Kind mit Trisomie 21 niemals ausgetragen. Lg

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Hallo!

Ja, ich würde es genau so handhaben wie dein Mann.
Persönlich war ich noch nicht in der Lage, aber habe in meiner Schwangerschaft einen Vorgeschmack erhalten, was passieren könnte.

Damals habe ich den Praenatest machen lassen und wurde von vielen kritisch beäugt. Mir wurde der Wille zur Abtreibung schon unterstellt, obwohl dieser Test ja auch dazu diesen kann, um die Geburt und Behandlung eines bspw. T21 Kindes besser planen zu können. Oder eben im Vorfeld schon "vorgewarnt" zu sein, was mögliche Herzfehler oder auch die Klinikwahl betrifft.
Die Leute haben ihre Sätze im Gespräch mit mir unterbrochen, die Gesichter verzogen und den Praenatest verurteilt. Wir haben das Geschlecht bestimmen lassen und den Mitmenschen dann auch gesagt, dass es ziemlich sicher ein Junge wird und mit dem Test begründet.
Die jüngeren Gesprächspartner haben ihn meistens selbst machen lassen, die älteren verurteilten den Test. Dabei handelte es sich sehr wohl um reflektierte, gebildete Menschen mit naturwissenschaftlichem Studium, die ich sonst rationaler erlebt hatte.

Tatsächlich hätte ich in eurer Situation wohl genau so reagiert und die Schwangerschaft beenden lassen. Nach den Erfahrungen würde ich das allerdings niemandem mitteilen.

Liebe Grüße
Schoko

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Hallo,

ich kann dich gut verstehten, dass es dich nervt wie die Leute mit dem (angeblich?) heiklen Thema Abtreibung bei Trisomie umgehen. Wir haben einen Harmonytest sobald wie möglich machen lassen, eben weil wir im Falle einer Trisomie die SS beendet hätten. Es gibt Menschen und Mütter, die wachsen über sich hinaus nach solch einer Diagnose und stemmen ihr Leben auch mit einem behinderten Kind - mein größter Respekt! - aber ich selbst möchte immer noch frei entscheiden, ob ich mein Leben einzig und allein nur noch nach dem kranken Kind richten möchte, die Hürden, die Komplikationen, die Blicke der Anderen (erzähl mir keiner, dass nicht fast überall hinter dem aufgesetzten Lächeln getuschelt wird). Bei uns kamen noch weitere bereits vorhandene (gesunde) Geschwisterkinder dazu.

Erzählt haben wir niemandem von dem Test, wäre das Ergebnis positiv auf T18/21 etc gewesen, hätte ich abgetrieben. Zu dem Zeitpunkt wußten aber auch nur ich und mein Mann davon. Meine Schwiegerelten sind sehr religiös, die hätten wohl den Kontakt abgebrochen oder erstmal getobt. Meine Eltern sind da "realistischer" und "toleranter", wenn man das bei dem Thema überhaupt so sagen darf...

"Blöd" dass du es erst so spät erfahren hast. Überall eine Fehlgeburt zu erzählen finde ich fast schon "makaber" den Frauen gegenüber, die eine "echte" hatten. Aber ehrlich: immer noch besser als die blöden Kommentare von Leuten, die wohl mit wenigen Ausnahmen selbst nie in der Situation waren, ein T21-Kind zu haben. Die würden dir garantiert noch absprechen, dass du trauern darfst. Und das würde mich persönlich noch mehr belasten als die "Lüge". Du hast die Reaktionen ja schon gut selbst eingeschätzt, du kennst "deine Leut" gut genug um zu wissen, wie die Abtreibung eurer Verhältnis wohl schädigen würde. Daher erzähl eben von einer Fehlgeburt, dass das Kind nicht lebensfähig war, wohl aufgrund eines genetischen Defekts.

Alles Gute und viel Kraft! Und mein Beileid natürlich zu Eurem Verlust.

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Das hast du sehr gut auf den Punkt gebracht.

Treibt man ein Kind mit Trisomie ab, ist man ein Unmensch und darf nicht trauern, denn man hat es ja so gewollt. Treibt man nicht ab, darf man sich nicht über die Belastung eines behinderten Kindes beschweren, denn man hat es ja so gewollt, wäre ja alles durch eine Abtreibung vermeidbar gewesen.

Wie mit allen Sachen unter Müttern: du kannst nur falsche Entscheidungen treffen🤦‍♀️

Mein Mann und ich hätten in der 1. Schwangerschaft ein behindertes Kind bekommen, in der zweiten jedoch nicht, weil wir in dieser Angelegenheit zwar über unser Leben bestimmen können, aber nicht über das des ersten Kindes. Wir haben auch nicht die Ressourcen dafür.

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Tja, wie man es macht, ist es falsch. Diese Doppelmoral in der Gesellschaft kotzt mich auch echt an.
Frauen verurteilen, wenn sie ihr RECHT einfordern, und auf der anderen Seite dann sagen, dass im Nachhinein eine Abtreibung das Bessere gewesen wäre. Sowas schäbiges... Den Frauen ein schlechtes Gewissen einprägen wollen, aber selbst in der Situation mit großer Wahrscheinlichkeit genauso handeln. Pfui, kann ich da nur sagen. Entweder man bleibt bei seiner Meinung oder man hält sich bei gewissen Themen einfach raus. Denn wenn man nicht selbst in dieser Lage ist, wird man niemals eine echte Entscheidung treffen oder den Gedankengang nachvollziehen können.
Es wird immer Leute geben, die sich auf den Schlips getreten fühlen. Das ist bei sehr vielen anderen Themen doch genauso. Ruf mal "impfen oder nicht", "stillen oder Flasche" oder "tragen oder nicht" in einen Raum voller Mamas und Schwangere... Du wirst deinen Lebtag nicht mehr froh. Das ist wie eine Atombombe, die man über dem Raum loslässt. So schnell explodiert das.
Leben und Leben lassen...

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Du schuldest niemandem absolute Ehrlichkeit und Offenheit, schon gar niemandem, der nicht in deiner Situation steckt und dich eh nur verurteilen würde.

Ich hätte genauso wie du gehandelt.

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Gerade weil ich viele Jahre gute Kontakte zu einer Schule für mehrfach behinderte Kinder hatte, habe ich volles Verständnis dafür, wenn Eltern sagen, nein das schaffen wir nicht, wir brechen die Schwangerschaft ab.
Man kann wunderbar Kommentare über das abgeben, was man tun würde - und jedes Kind annehmen usw. - wenn man nie direkt die Verzweiflung von Eltern 15jähriger Kinder miterlebt hat, die psychisch und physisch schon längst am Ende sind.
Wahrscheinlich würde ich auch nur von einer Fehlgeburt erzählen, weil man eben nicht von allen Leuten Verständnis erwarten kann, es geht manche Leute auch schlicht nichts an.
Außerdem hätte ich keine Lust, mein Innerstes nach außen zu kehren und um Verständnis zu betteln.
Es ist und bleibt ein sensibles Thema, weil es ja auch fast in jeder Familie unerfüllte Kinderwünsche gibt, deshalb ist auch oft Rücksicht geboten.
Ich kann nicht für meine Entscheidung von ALLEN erwarten, dass sie es gutheißen - nur - rechtfertigen muss ich mich auch nicht.
Toleranz fordert man schnell ein - ist aber wirklich oft nicht so einfach. Nur für meine eingeforderte Toleranz darf ich auch nicht auf den Gefühlen anderen herumtrampeln.....
LG Moni

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Zuerst einmal mein Beileid für deinen Verlust.

Ich persönlich würde wahrscheinlich offen damit umgehen. Wir haben nie einen Test machen lassen, da meine Tochter nach vielen Jahren mit unerfülltem Kinderwunsch nach medizinischer Behandlung zu uns kam. Ich hätte einfach jedes Kind willkommen geheißen und sie ist zum Glück gesund.
Wir gehen offen damit um, wie sie entstanden ist und dass wir im Moment versuchen noch ein Kind zu bekommen. Das ist also kein Geheimnis. Im Gegenzug erzählen mir die anderen Frauen oft von ihren Problemen und auch von Tests dieser Art. Viele sagen offen, dass sie die Schwangerschaft beendet hätten, wenn man etwas gefunden hätte. Ich kann das aus ihrer Sicht verstehen obwohl ich wahrscheinlich auch dieses mal anders handeln würde. Das steht aber niemals zwischen uns, denn der eine geht niemals in den Schuhen des anderen 🤷‍♀️
Menschen die dich lieben und mögen sollten zu dir stehen, auch wenn sie anderer Meinung sind. Das macht für mich Freundschaft und Familie aus. Vielleicht kannst du doch einmal versuchen offen zu sein Ich stelle es mir schwer vor, solch ein Geheimnis ewig mit mir herum zu tragen.

Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Liebe und Gute für die Zukunft.

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Die Entscheidung war sicher unglaublich schwer. Und auch die Entscheidung zur Kommunikation nach außen ist schwer. Vor allem, weil sie so schnell getroffen werden muss und dein Partner sie zum Teil dir schon vorgesetzt hat.
In eurem Fall nicht die Wahrheit zu sagen, ist ein Schutz...und das ist hundertprozentig in Ordnung. Wenn man sich so fühlt. Aber es ist auch ein Prozess...wo sich vl Unstimmigkeiten für einen selber auftun und wo sich Gefühle verändern können. Warum kann ich meinen Verlust nach außen nicht so beschreiben und benennen, wie er ist? Warum "muss" ich darüber eine andere Geschichte erzählen?
Ich kann dich verstehen und würde auch gern einen authentischen Umgang mit meinem Erlebten erfahren.
Die Diskrepanz besteht für mich folglich zwischen den Punkten - die die anderen Posterinnen so toll beschrieben haben - und deinem eigenen Prozess. Wenn du nach einiger Zeit drauf kommen solltest, dass du die Kommunikation anders haben willst, dann kannst du das immer noch machen.

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Mein Beileid zu eurem Verlust!
Nicht jede Familie kommt mit einem behinderten Kind zurecht. Und ich finde es richtig, Entscheidung nach dem Test treffen zu dürfen.
Die Schwester meines Mannes hat einen geistig behinderten Sohn bekommen, der jetzt 6 Jahre alt ist. Sie ist total überfordert, ihr Mann auch. In der Familie wird es nur gestritten und geschriehen. Die beiden sind am Ende... Die Beziehung zu anderen leidet sehr darunter. Nicht wegen dem Kind! Sondern wegen den Eltern! Die können damit überhaupt nicht umgehen und konnten viele Jahre die Behinderung nicht akzeptieren um dem Kind die nötige Unterstützung zu geben. Der Junge tut mir sehr leid...
Nicht jede Mutter kommt mit der Behinderung ihres Kindes zurecht.
Ich finde es wichtig, dass man durch den test eine Entscheidung treffen "darf"!
Ich würde es aber nicht jedem erklären, den niemanden geht es was an! Es wäre MEINE Entscheidung und ICH müsste mit der Entscheidung "für oder gegen das Kind" leben. Und nicht die anderen!
Ich wünsche euch alles Gute!

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Hallo,
ich kann deinen Mann schon verstehen, es ist ein sensibles Thema und die meisten Leute reagieren dann entsetzt und mit Vorwürfen.
Ich würde aber ebenso wie ihr entscheiden.
Es hat auch nichts damit zu tun, das diese Kinder auch ein recht suf Leben haben...
Ich arbeite einfach im Bereich der Behindertenhilfe und hsbe tatsächlich beteits zwei Menschen, welche diesen Gendefekt hatten bis zum Tode begleitet.
Beide waren, ob ihrer Generation, sehr fit.
Aber, und das ist für mich ein wichtiger Punkt: Die Spanne der Beeinträchtigungen ist riesig und, beide sind mit mitte 50 Anfang 60 letzendlich berwits verstorben..
Nicht an der Trisomi, nein sie sind sehr zeitig an Demenz erkrankt und das war letztendlich die Todesursache... Bei einer weiteren Bewohnerin mittlerweile das selbe.. und das ist niemanden groß bewusst... Das leben ist das eine, aber bereits 60% aller Trisomie 21 Menschen sind mit 60 jahren an Demenz erkrankt.. theoretisch.... Praktisch ist, wenn ich mir so unseren Schnitt ansehe, die Zahl noch höher und es startet auch noch zeitiger... Das und vieles andere, was damit einhergeht, wird nicht weiter beleuchtet.
Ich respektiere jeden, der sich dieser Aufgabe stellt, aber ebenso, wenn jemand für sich entscheidet, dies nicht zu wollen.

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Das Erschütterndste, was ich von Eltern schwerstbehinderter Kinder sooo oft hörte, war der furchtbar traurige, deprimierende Satz: "was wird aus *Maria*, wenn wir Eltern wirklich mal nicht mehr können...?" Ich konnte das so gut verstehen.
Daran denkt man nicht, wenn man im - in dem Moment wirklich ehrlich gemeinten -Kinderwunsch-Enthusiasmus sagt, dass jedes Kind willkommen ist, egal, wie schwer behindert.
Die Eltern waren meist auch erst Mitte 40 und die meisten wirklich sehr angeschlagen, wenn sie ehrlich waren. Jahrelange Sorgen, auch finanzielle, Krankenhaus- und Ärztemarathone zermürben unendlich - und wenn man das Kind noch so liebt.
LG Moni

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Tja, diese Kinder landen dann später bei uns im betreuten Wohnen/ Wg's.. Je nach Schweregrad...
Ich bin ehrlich, bei uns in der Einrichtung geht es noch mit dem Betreuungsschlüssel, aber er wird schlechter.. Es kommt kein Personal mehr nach, oder kein angagiertes.. Auch der Rahmen, seitens des Gesetzgebers ist nicht mehr atraktiven.. wenn ich mir die Zukunft anschaue... Auch der behindertenbereich wird wie Senioreneinrichtungen enden... Sat, sauber, zufrieden... für mehr wird es bald nicht mehr reichen... Förderung/Beschäftigung.. Luxus und ehrlich.. jetzt schon kaum noch realisierbar, egal wie motiviert man ist...
Es ist sehr demotivierend, wir der Bereich abschmiert.. Personalmangel, schlecht bezahlt... Sry, aber wer will schon eine letzendliche 5 Jährige Ausbildung machen , um dann im Schichtdienst, wenn du noch gegängelt wirst, von den Bewohnern geschlagen usw... machen, bei schlechter Bezahlung? So idealistisch ist doch heute niemand mehr, oder eher sehr sehr wenige... Und alleine Verantwortung zu übernehmen.. Das ist echt ein Problem heutzutage..