Kinder und Alkohol

Hallo,

ich bin Vater von zwei Kindern, 11 und 8.
Ich wollte nicht im Vater-Forum posten, weil ich mich da ungern diesbzgl. labeln lasse.

Es geht mir um das Thema Alkohol und Essen/Trinken bei Kindern.

Ich würde gerne eine Frage stellen bzw. ein Diskussion anleiern, die weniger ethischer, ästhetischer, gesetzlicher, denn mehr die Gesundheit und die Normativität betrifft.

Ich lese immer wieder Berichte oder Forenbeiträge, wo Väter und Mütter kategorisch und verallgemeinernd Alkohol in Lebensmitteln für Kinder ablehnen.
Dass man es für sich und seine Kinder tut, finde ich ok. Aber dass man es als eine antropologische Konstante postuliert, finde ich problematisch.

Warum? Ich meine, dass Alkohol im Tiramisu oder in der Schwarzwälder Kirschtorte zur kognitiven Entwicklung eines Kindes (auch eines Erwachsenen) nichts beiträgt, ist common sense, ist kein Streitpunkt - auch ich bin da d'accord.
Und dass das Argument nicht zieht 'Ich wurde geschlagen und geschadet hat es mir nicht.', brauche ich auch nicht zu diskuttieren.

Aber dass Kinder ab und zu ein Tiramisustück essen, der in Amaretto und Kaffee getränkt ist, stört mich persönlich nicht. So viel ich bis dato gelesen habe, gibt es da keine relevanten Artikel, Studien, Hinweise zu. Ich habe das Gefühl - mehr ist es leider nicht -, dass der (Einfach-)Zucker eine wesentlich größere Rolle in der Gegenwart einnehmen sollte für Eltern, die sich Sorgen um den Alkohol im Lebensmittel für Kind machen, als der Alkohol.

Vllt. geht es mir letztendlich doch um normative Brutalität (hätte gern ein sanfteres Wort) vieler Eltern, die absolute Wahrheiten sehen oder ontologisieren wollen (an die sich alle halten sollten), um irgendwas zu schützen, um die Stabilität ihres Daseins zu wahren. Vielleicht. Aber warum dann so dezidiert antropologisch determiniert? Warum nicht fragend, gemeinsam erforschend (jenseints von Gut und Böse)?

Mal schauen, was kommt.

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Hey!

Mein Sohn wird erstmal keinen Einfachzucker bekommen- UND keinen Alkohol, wo auch immer.
Mir geht es darum, dass er den Alkohol nicht mit Süßigkeiten in Verbindung bringen soll.
Alkohol ist zu Recht bitter und würde von Kindern abgelehnt werden. Da möchte ich ihn nicht konditionieren, dass man ihn mit genügend Süße sehr wohl essen kann.
Ich möchte auch nicht, dass er den Eindruck bekommt, dass Alkohol etwas alltägliches ist, das überall zur Verfügung steht und zu sämtlichen Gelegenheiten untergerührt wird.

Er soll lernen, dass es ein Genussmittel ist, den man ggf zu einem besonderen Essen trinkt oder mit dem man anstößt.

Mein Hintergrund ist auch, dass wir familiär sehr vorbelastet sind. Es gibt in beiden Familien sehr viele Alkoholiker und ich möchte dem entgegen wirken.
Er wird später Alkohol trinken dürfen- aber auch von Anfang an gewöhnen und aufwachsen muss er mit diesem Geschmack nicht.
Zudem wird er ständig den Opa sehen, der bei jedem Treffen irgendwo den Alkohol unterjubelt- über den Crêpe muss Amaretto gegossen werden, der Kaffee wird mit Rum verfeinert, abends werden die teuren Whiskeygläser ausprobiert- natürlich nicht mit Apfelsaft. Und weil man gerade noch so gemütlich beisammensitzt, ist noch der Rotwein offen.
Zudem haben wir auch noch adhs im Gepäck- da soll der Sohn nicht lernen, dass er sich nach dem großen Stück Tiramisu ruhiger fühlt.

Mein Wort zum Sonntag ;)
Mein Schwiegervater wird das anders sehen- aber da weiß man auch, wo es hinführt.


Liebe Grüße
Schoko

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Hey Schoko,

danke für deine Worte.

Weder ich noch meine Exfrau trinken Alkohol bzw. sehr wenig.
Wir haben familiär keine Vorbelastungen.
Zudem sind wir beide ziemliche Extremsportler, ich beschäftige mich seit zwei Jahrzehnten mit Ernährung. Meine Kinder bekommen das dann natürlich vorgelebt, kennen da auch schon mehr Distinktionen als viele andere Kinder im gleichen Alter ;)

Meine Kinder stehen da auch nicht auf das Vergorene - probiert haben sie schon bzw. zu probieren versucht ( ;)))) ) haben schon beide mal Bier oder Sekt. Doch meine Ältere mag z. B. Tiramisu mit Kaffee und mit Amaretto, meine Jüngere überhaupt nicht.

Ich erinnere mich an einen Kindergeburtstag vor 4 Jahren. Da habe ich Tiramisu mit und ohne Alkohol gemacht und habe es den Kinder und deren Eltern überlassen sich zu bedienen, wo sie wollten.
Das allein führte schon zu einem Drama.
Damals viel mir natürlich nichts mehr ein als das Beispiel von der Elefantenfamilie anzuführen, die sich an irgendwelchen Beeren gesättigt hat, um dann Schlangenlinien zu laufen.
Dachte mir, so what, ein guter Schlaf nachher für alle Famienbeteiligten, kann passieren, kein Drama, gesundheitlicher Schaden nicht nachhaltend in diesen Mengen und in dieser Häufigkeit.
Heute würde eine solche Diskussion anders lösen...

Ich glaube mir geht es um die Lockerheit bzw. um die Bereitschaft und Offenheit über seine Unlockerheit (bzw. Lockerheit auf meiner Seite) zu sprechen, sich selbst zu kritisieren. Oft verhindert die kategorische Ablehnung jegliches konstruktive Gespräch, eben ein schönes Miteinander ohne stets dieselben Einstellung z. B: zur Ernährung und Kindern zu haben.

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Korr.
* fiel

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hi,

ich bin da auf deiner seite. ich koche auch oft soßen mit einem schuß rot- oder weißwein.
meine kids bekommen im italienurlaub auch ein tiramisu, auch wenn da alkohol mit drinnen ist.

ich denke, dass heutzutage vieles einfach übertrieben wird. ich sehe kein problem darin, wenn man es nicht übertreibt, so wie die meisten anderen dinge im leben auch.
so sehe ich es auch mit dem thema zucker und vielen anderen dingen.

alkohol:
vielleicht liegts auch daran, dass alkohol bei uns auch kaum eine rolle spielt. mein mann trinkt mal gerne ein radler, ich trinke nur zu feierlichkeiten mal ein glas, wenn überhaupt.

viele grüße
eddi

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Ich finde es problematisch Alkohol mit Zucker zu vergleichen.
Alkohol ist ein Nervengift und nicht umsonst in der Schwangerschaft tabu. Was alkohol in der Schwangerschaft auslösen kann, kann man sich unter dem Begriff FAS anschauen.
Alkohol steht für mich auf einer Stufe mit Nikotin und anderen Drogen. Ich würde doch auch nicht auf die Idee kommen meinem Kind eine Zigarre in die Hand zu drücken oder zwischendurch mal ein bisschen Kautabak zu geben. Natürlich nur für den Geschmack 🤪

Auch bei Jugendlichen befindet sich das Gehirn noch in der Entwicklung und Alkohol schädigt nachgewiesen diese Entwicklung. Da ist es auch relativ egal was man persönlich für eine Meinung dazu hat. Meinungen ersetzen keine Fakten.

Ob die Menge in einem Tiramisu ausreicht um zu schädigen, sei mal dahin gestellt. Aber warum sollte ich meinem Kind so etwas geben, wenn es gleichwertige Alternativen ohne gibt? Alkohol ist nichts unabdingbares. Wenn Eltern aber vorleben, dass es ohne Ja nicht schmeckt und ein Gläschen Wein jeden Abend ach so wichtig ist, dann finde ich das bedenklich. Da sollten die Eltern sich dann mal hinterfragen.
Bei Zucker achtet man doch auch darauf, dass Kinder lernen, dass es nichts alltägliches ist.

Um ehrlich zu sein gehe ich aber davon aus, dass du provozieren willst 🤷🏻‍♀️

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"Aber warum sollte ich meinem Kind so etwas geben, wenn es gleichwertige Alternativen ohne gibt?"

Genau! 👍

Warum sollte mein Kind Tiramisu essen, wenn es pana Cotta gibt? Oder Pudding.

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Oder einfach Tiramisu ohne Alkohol und Kaffee.

Koffein halte ich übrigens auch von meinem Kind fern. Ebenfalls ein Nervengift. Brauchen Kinder alles nicht.

Wie es dann im Jugendalter ist steht auf einem anderen Blatt.

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Worauf beziehst du in diesem Kontext die "anthropologische Konstante"?

Darauf, dass es seit jeher kulturübergreifend Usus war, seinen Kindern (un-) wissentlich Gift zu verabreichen?
Dass man alkoholgetränkte Korken zum schlafen gegeben hat?
Oder epochenabh. alles nicht so eng sah wie die Helikopter von heute?

Wenn die Ergebnisse der Forschung sich zunehmend gegen jeden Tropfen in jedem Alter aussprechen und informierte Eltern das ernst nehmen, dann kann man ihnen das wohl nicht zum Vorwurf machen.
Da ist es nur zu befürworten, wenn Eltern sich an die Wahrheit versuchen zu halten. Das ist in Proseminaren eine Zeitlang aus der Mode gekommen, wird jedoch vernünftigerweise wieder angestrebt.

Konstant war in jedem Fall der schlechte, vernachlässigende, missbrauchende Umgang mit Kindern. Hier haben wir jedoch im letzten Jahrhundert erstmals deutliche Fortschritte gemacht.

Alkohol ist ein massives Problem - gerade in Deutschland. In meiner Familie sind Menschen daran gestorben. Wenn Menschen ab dem Erwachsenenalter kiffen, macht mir das überhaupt keine Sorgen.

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Den Vergleich zw. Kiffen und Alkoholtrinken hast du mir jetzt vorweggenommen. Uuh.

"Worauf beziehst du in diesem Kontext die "anthropologische Konstante"?

Darauf, dass es seit jeher kulturübergreifend Usus war, seinen Kindern (un-) wissentlich Gift zu verabreichen?
Dass man alkoholgetränkte Korken zum schlafen gegeben hat?
Oder epochenabh. alles nicht so eng sah wie die Helikopter von heute?"

Oh nein.
Vielmehr, dass zwei Eltern, die auf 'Annahmen solcher antropologischer Konstanten' - ob informiert oder nicht, ob studiert oder nicht - sich begegnen, dabei oft nicht in der Lage sind, diese Annahmen zu diskuttieren, damit entspannt ins Gespräch zu gehen, die Annahmen im Augenblick der (kritischen aber auch vllt. spannenden) Begegnung als Hypothesen zu verstehen, sondern sich an die Haare gehen und sich zumindest sehr unwohl fühlen, wenn's ans Eingemachte geht.
Eigene Überzeugungen zu hinterfragen, führt oft - so meine Erfahrung und Vermutung - gleich oft zu existentiellen Ängsten; So als ob würde der unerwartete Ausgang des hinterfragenden Gesprächs einen gleich zu einer gegenteiligen Handlung zwingen, als ob ein drohender Schatten Zwangsräumung des bisher gelebten alias Damokleschwert über einem lauern.
Hier denke ich auch an Adorno - vllt. kommt da was hoch??? hmm -, der der Halbbildung ihren Begriff gab nicht ganz entgegen. Weiß nicht mehr, wie genau und wo er es sagte aber es war in etwa: 'Das Barbarische am Halbgebildeten erkennt man daran, dass wenn man ihn kritisiert, er mit Wut einem entgegnet' (jetzt mal ganz abgesehen, was ich davon halte und was Adornos Gesamtanliegen war).

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Vielleicht verstehe ich, worauf du hinaus willst.
Man kriegt sich in die Haare, weil alle Beteiligten sehr unter Druck stehen. Außer dir, du würdest gerne eine friedliches, offenes Gespräch führen - Ausgang ungewiss, alles kann, nichts muss.

Es wird aber oftmals gar nicht über Alkohol oder nicht Alkohol gesprochen, sondern implizit gefragt, wer ist die beste Mutter, der beste Vater. (was evtl. gleichbedeutend ist mit: wer hat die Hausaufgaben des Halbgebildeten gemacht und wirklich jeden Wikipedia-Eintrag nebst Aktualisierung gelesen)
Elternschaft ist mit unheimlich viel Druck verbunden, alle fühlen sich stets beobachtet und sind zugleich höchst verunsichert, weil kaum einer von uns den Elternführerschein gemacht hat.

Und als Frau (also mal ss gewesen) sag ich dir: das kann alles irre anstrengend sein, wir erleben den Blick von außen, das strenge Regelwerk - was darf ich als Schwangere, was nicht! - nochmal intensiver. Das macht empfindlich. Und das verhindert das entspannte Ringen um den richtigen Umgang mit x,y, Alkohol usw.
Wir wollen nicht mehr ringen, wir sind müde!

Persönlich denke ich, dass Kinder in bestimmten Bereichen Orientierung im Sinne von klaren Regeln brauchen. Alkohol oder nicht Alkohol sollte nicht permanent hinterfragt werden. Da weiß man, woran man ist und kann sich den wirklich bedeutsamen Fragen des Lebens zuwenden.

Und was Adorno am Buffet gemacht hätte, bei der Frage mit oder ohne:
Der hätte seine Beine in die Hand genommen und wäre gerannt. Dann hätte er sich seinen akkuraten Schlips mit dem Geodreieck frisch gebunden und sich in seinem Büro verbarrikadiert.

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"Vllt. geht es mir letztendlich doch um normative Brutalität (hätte gern ein sanfteres Wort) vieler Eltern, die absolute Wahrheiten sehen oder ontologisieren wollen (an die sich alle halten sollten), um irgendwas zu schützen, um die Stabilität ihres Daseins zu wahren. Vielleicht. Aber warum dann so dezidiert antropologisch determiniert? Warum nicht fragend, gemeinsam erforschend (jenseints von Gut und Böse)"

Normative Brutalität: nö, es geht ihnen nicht ums Recht haben, Macht ausüben etc. an sich. Warum auch!?
"Man" Nacht hier zum Glück nicht mehr, was "Man" von anderen so mitbekommt, sondern informiert sich selbst. Sapere aude, liebe Mamas und Papas!

Stabilität des Daseins: wieso? Heutzutage entscheiden sich viele Paare bewusst für ein Kind. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, mit bestimmten Vorstellungen (Erziehung, Zukunft). Und in der Regel für 1-2 Kinder, die müssen sitzen, es gibt keine Generalprobe. Gerne Anfang, Mitte 30, gebildet und halbwegs fähig im Umgang mit Medien und Informationen = wir wollen das beste für unser Kind. Passt hierzu Alkohol? Ne, so schafft der Leon Maximilian den Übertritt ins Gymnasium nicht, daher nein.

Gemeinsam erforschen: bitte nimm das jetzt mit Humor, aber so ähnlich haben auch schon Pädophile versucht, ihre Spielchen zu legalisieren.

Gut und Böse? Unterschätze die Eltern nicht. Sie unterscheiden zwischen Richtig und Falsch und das ist schlicht und ergreifend ihr Job.