selektiver Mutismus

    • (1) 23.09.16 - 06:40

      Meine fast sechsjährige Tochter leidet an selektiven Mutismus . Hat jemand Erfahrung damit und kann mir berichten wie ihr das in den Griff bekommen habt?
      Ab 5.Oktober sind wir bzw mein Kind in psychologischer Behandlung, hätte aber gerne gewusst, was so auf uns und meine Tochter zukommt. Danke

      • evtl wärst du im Forum "Leben mit Handycap" besser aufgehoben mit deiner Frage.

        Unsere Tochter hat starke Sprechprobleme und geht seit kurzem in einen Spezialkindergarten, der auf Sprach- und Sprechprobleme spezialisiert ist. In den meisten Bundesländern gibt es Sprachheilkindergärten, nur eben in Bayern nicht.
        Besucht deine Tochter denn so einen?
        Bei unserem neuen KiGa sind Kinder mit Mutismus, oder selektivem Mutismus. Die Leiterin meinte neulich zu mir, dass die kleine Gruppe, die hohe Anzahl an Bezugspersonen, die ausführliche Logopädie, etc. in der Einrichtung bei den meisten Kindern Wunder wirkt.
        Also wenn ihr noch keinen Spezialkindergarten habt, dann würd ich auf jeden Fall schauen, dass ihr einen findet

        • Hallo!

          Mutismus ist aber eine Angststörung und keine Sprachstörung.

          Den Vorschlag Sprachheilschule bekamen wir unseren Sohn auch mal und es wäre die total falsche Entscheidung gewesen, ihn dorthin zu schicken.

          Er ist auf unserer Regelschule eingeschult worden. Nicht sprechend und hat die ersten vier Schuljahre auch geschwiegen. Ich glaube, er konnte erst reden als ihm klar wurde, dass es vollkommen egal ist , ob er es tut oder nicht. Seine Lehrer -und er hatte eine Menge, weil es zwischendurch immer wieder Wechsel gab- waren alle verschieden, aber es einte sie die Tiefenentspannung. Da mein Sohn ansonsten zeigte, was er konnte, haben sie irgendwann den Mutismus gar nicht mehr zum Thema gemacht. Sie haben auch nicht versucht, ihn zum Reden zu drängen.

          Als er dann redete, haben die andren Kinder den Unterschied gar nicht bemerkt und die Lehrer haben kurz im Stillen (!) die "La-Ola-Welle" geschoben und schon war wieder Alltag als wäre nie was gewesen. Der einzige Unterschied war der, dass er ab der 5.Klasse mündlich benotet wurde, was keine Veränderung der Noten mit sich brachte.

          Leider funktioniert das nicht an allen Regelschulen so entspannt, was schade ist.

          LG

      Ich kannte mal ein Mädchen mit selektivem Mutismus, mittlerweile ist sie erwachsen.
      So weit ich mitbekommen habe, hat sie zB. Vorträge daheim auf Kassette aufgenommen (ist schon ein paar Jahre her, wie man merkt ;)) und hat das vor der Klasse abgespielt, Dinge zeigen etc. ging ja.
      Ich glaube, ich habe sie mit etwa 20 Jahren zuletzt gesehen, sie hat immer noch nur genickt oder den Kopf geschüttelt und gelächelt.
      Wir Bibliothekarinnen waren von der Mutter informiert worden, wir haben darauf geachtet, allfällige Fragen immer so zu stellen, dass sie mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden konnten.

      LG Irene

    • Danke für eure lieben Antworten.

      Wir sind ja im okt bei einer Psychologin, die spezialisiert ist. Wir als Eltern sind froh über jede Hilfe.
      Wir hatten bis vor kurzem keine Ahnung dass es sowas überhaupt gibt. Und ihre Kigapädagogin hat sich via Internet schlau gemacht damit sie die Kleine im Kiga bestmöglichst betreuen kann.
      Sprachlich hat sie keine Probleme, nur eben im Beisein anderer Leute bringt sie nichts raus und wird stocksteif. ANGST! Bis jetzt dachten wir an SCHÜCHTERN oder STUR, aber dass sie diese Situationen so sehr belasten hätten wir nicht gedacht. Ach Gott!!! Was hab ich ihr allles zugemutet?!?! Ich mach mir Vorwürfe!
      Falls ihr noch Tips habt, damit sie diese Angst überwinden kann, bin ich sehr dankbar.

      • Hallo!

        Es ist gut, wenn ihr jemanden im Boot hat, der sich mit der Materie auskennt. Dazu noch jemanden, der sich gern und motiviert schlau macht. Damit bist du schon mal entlastet.

        Ich würde an deiner Stelle die Psychologin bitten, den Kontakt mit der Erzieherin (?) zu suchen, um ihr mit Rat und tat zur Seite zu stehen.

        Die Erzieherinnen in dem Kiga meines Sohnes haben sich selber ordentlich Druck gemacht, weil das Kind doch gefälligst zur Einschulung reden sollte. Dadurch hatten wir alle ein Zeitlimit und das war schlecht. Hat ja auch nicht geklappt.

        Erst mit der Einschulung und mit den Lehrern, die sehr dankbar waren für einen Ratgeber von außen, wurde es für meinen Sohn und für uns als Familie einfacher.

        Wir sind ordentlich rumgeeiert bis wir das Richtige für unseren Sohn gefunden haben. Das ist das, worüber ich noch viel nachdenke und ich wünschte, wir hätten eher die richtigen Leute getroffen.

        Irgendwann hatten wir uns aber an das stumme Kind gewöhnt und ich wollte Mutismus nicht als Lebensthema für unsere Familie haben. Er konnte ja nicht nur nicht reden, er konnte und kann eine ganze Menge mehr. Und er hat ja kommuniziert! Mit Blicken, mit Gesten und irgendwann dann schriftlich. In der Schule wurde seinetwegen kein Kuschelkurs gefahren. Er musste schon seine Leistung bringen und hat das auch gemacht. Er hat Freunde, ist eher introvertiert, aber kein Außenseiter. Selbst stumm hatte einen tollen Humor. (Der ist jetzt redend noch besser.) Mit Kindern gab es die wenigsten Schwierigkeiten. Erwachsene mussten das Schweigen immer und immer wieder thematisieren. Das hat mich dann irgendwann sehr genervt.

        Mein Sohn ist vier Jahre total schweigend durchs Leben und durch die Schule gegangen. Das war manchmal bizarr, aber ich glaube nicht, dass er unglücklich war. Dass es Situationen gibt, in denen Schweigen für ihn selber doof war, sollte er ja merken,. nur Druck hatten wir alle zum Ende hin gar keinen mehr. Er war eben so. Wir hätten ja nicht aus ihm herausprügeln können.

        Als er in die vierte Klasse kam, gab einen neuen Klassenlehrer (hier geht die Grundschule über sechs Jahre). Mit dem traf ich zum Gespräch und er meinte so zwischendurch: "Wäre schon gut, wenn der Knabe bis zum Schulwechsel reden würde!"
        "Ja, wäre auch nett gewesen, wenn er zur Einschulung geredet hätte!"
        "Auch wieder wahr. Dann warten wir einfach ab, wa?"

        Deshalb kann ich dir nur raten, möglichst ruhig und geduldig zu sein! Wenn du gelassen bist, kann deine Tochter das auch sein. Mein Sohn ist sicher ein Extrembeispiel, aber auch er redet jetzt, ist immer noch kein Schwätzer, aber es fällt nicht mehr auf. Und er hat locker die Gymnasialempfehlung bekommen. Ganz locker.

        Alles Gute!

        • Danke , das gibt mir Mut!
          Sie geht jetzt das dritte Jahr in den Kiga und in diesen 3Jahren wurde soooo viel rumgedoktert an ihr. Auch bei einer psychologin waren wir. Die hat das "Problem " zwar vernutet, aber nix gesagt!!!!
          Na ja.....es tut schon gut zu wissen, dass es auch andere gibt und dass es Hilfe gibt.
          Vielen Dank

          • Moin!

            Wir hatten ganz viel Glück mit unserer Schule. Ich weiß, dass es nicht überall so läuft.

            Im Nachhinein empfinde ich die Kiga-Zeit als schrecklich anstrengend und eben druckvoll. Als wir das erst Mal vermuteten, dass es ein Problem gibt, wurde von Seiten den des Kigas von einem "Machtspiel" geredet. Ekelhaft.Die Erzieherin dort war dann auch ziemlich gemein zu meinem Sohn. Das war schrecklich.

            Immer wurde mit Schule gedroht und das ginge dann so nicht usw. usf. Das war dann ein anderer Kiga, aber unentspannt war man auch dort, wenn auch auf liebevollerer Art.

            Du kannst dir vorstellen, wie aufgeregt wir alle vor der Einschulung waren?

            Dabei kam mit der Schule die Entspannung. Den Lehrern haben wir in mehreren Gesprächen vorher klar gemacht, dass wir gar nicht von ihnen erwarten, dass sie mein Kind zum Sprechen bringen sollen, dass ihre einzige Aufgabe darin bestehe, dem Kind beizubringen, was sie auch den anderen Kindern beibringen.

            Mutismus war dann wirklich nie mehr ein Thema. In keinem einzigen Elterngespräch. Plötzlich ging es nur darum, was er gut kann (was das meiste war) und was er vielleicht besser machen könnte (Hefter ordentlich oder so). Sein letzter Klassenlehrer empfand es als wohltuend, dass er so leise war und damit auch andere ruhig machen konnte. Es war eine eher laute Klasse. Mündlich wurde er nicht benotet, die "Sozialbeauftragte" der Schule hat sich unaufgefordert um einen Nachteilsausgleich gekümmert und fertig war die Laube.

            Deshalb ja mein Rat, ruhig zu bleiben. und offen, auch und gerade mit den zukünftigen Lehrern.

            Mein kleiner Sohn war dann auch selektiv mutistisch light. Da konnten wir schon sehr locker sein und haben gar kein Thema daraus gemacht. Er hatte ein bisschen Musiktherapie im SPZ und bekam dann die wirklich allerbeste, allerliebste Lehrerin der Welt, mit der er gleich geredet hat (im Kiga hat er nie geredet. Nie.). Er wurde auch sofort zum KlassenSPRECHER gewählt, was der größte Treppenwitz der Geschichte ist. Bei ihm konnten wir dem Ganzen echt mit Humor begegnen, welcher uns bei Sohn 1 gefehlt hat.

            Und manchmal war ich ein bisschen dankbar für den Mutismus. Wenn ich meine Kinder mit manchen anderen verglichen habe, hatten wir es im Grunde ziemlich leicht. Bei ADHS und LRS winken alle genervt ab, beim Mutismus waren alle sehr interessiert und vor allen Dingen motiviert. Meine Kinder machten ja alles, was sie sollten, sie redeten nur nicht. Sie haben nicht gestört, sie waren und sind gut in der Schule, sie redeten nur nicht. Ich begegnete mal so nebenbei dem Rektor und der meinte: "Was kann man sich als Lehrer mehr wünschen als Mutisten? Die machen was sie sollen und stören nicht. Super!" Dabei hat er dann gelacht und hat sich am Ende ebenso über meine redenden Kinder gefreut wie alle anderen auch.

            Deine Tochter leidet nur, wenn du leidest. Mein großer Sohn hat es sich schwerer gemacht als nötig und stand sich manchmal selbst im Weg, aber wirklich gelitten hat er nur in diesem ersten Kiga, wo man ihm mit Unverständnis begegnete. Danach hatte er meist gute Laune und hat mit seinem Charme viele um den Finger gewickelt.

            LG

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