Sehr lebhafter 4 Jähriger...Vorboten von ADHS?

    • (1) 14.06.18 - 12:28

      Hallo,
      ich war schon ewig nicht mehr aktiv. Nun beschäftigen mich meine Gedanken aber seit einiger Zeit so sehr das ich mir gerne Meinungen und Anregungen anhören würde.
      Zuerst kurz zu unserer Vorgeschichte. Mein Sohn wird nächsten Monat 4 Jahre alt und war schon immer sehr lebendig. Die Babyzeit bestand eigentlich nur aus Schlafen oder Schreien. Er war auch schon damals immer in Bewegung. Heute ist er ein sehr sehr aufgewecktes Kind. Er brauch immer Aktion und Bewegung (die er auch bekommt). Der Kindergarten sprach mich nun auch bei einem Elterngespräch an. Sie sagten sie hätten das Gefühl er wäre immer auf der Flucht und hätte für nichts Ruhe und Zeit. Keiner der Erzieher nahm das Wort ADHS konkret in den Mund aber daraufhin wollten Sie mich aufmerksam machen. Zu Hause fängt es schon morgens an. Er macht die Augen auf und gibt 200 % ( da gibt es kein nochmal kuscheln oder ähnliches). Mittags wenn ich Ihn um halb 1 aus der Kita hole schläft er 2 Stunden (Schlafen ist hier übrigens gar kein Problem und das war es auch noch nie). Am Nachmittag dann wieder Vollgas. Er ist sehr laut, redet sehr sehr sehr viel und hat einen starken Kopf. Soll heißen: Dinge die nicht so laufen wie er möchte werden mit viel weinen, schreien und bocken quitiert. Seine Toleranzschwelle ist sehr gering genau wie seine Geduld. Er muss immer im Mittelpunkt stehen. Gespräche zwischen mir und meinem Mann sind in seiner Gegenwart echt eine Herausforderung. Es fällt extrem im Spiel mit gleichaltrigen auf. Mein Sohn möchte immer in Bewegung sein. Mit einem Freund im sitzen etwas länger als 10 Minuten zu spielen ist völlig unmöglich. Trotzdem ist er sehr beliebt bei anderen Kindern. Er ist einfühlsam und kümmert sich rührend um kleinere. Auch nach einer Auseinandersetzung mit uns Eltern ist er hinterher sehr anhänglich und gelobt dies oder das nicht mehr zu sagen oder zu tun doch es gelingt ihm nicht. Oft werden Dinge einfach in die Ecke geworfen aus Frust und dann habe ich zum Teil selbst das Gefühl er erschrickt sich darüber weil er vorher nicht nachdenkt und es erst begreift wenn es schon passiert ist.
      Ist er erstmal völlig "drüber" so nennen ich und mein Mann es, ist es sehr schwer an ihn ranzukommen. Er versteht nicht wann Schluss ist. Er lacht dann und macht einfach weiter. Nicht weil er es provozieren will, vielmehr habe ich das Gefühl er kommt dann aus dem Strudel nicht raus und versteht den Ernst nicht.
      Ich hatte all dies schonmal beim Kinderarzt angesprochen. Dieser sagte ich solle es noch ein bisschen beobachten und wir sprechen nochmal bei der nächsten U. Nun habe ich aber das Gefühl das es immer ausgeprägter wird und erneut einen Termin in 2 Wochen vereinbart.
      Ich weiß nicht wie oft ich am Tag sage "sei bitte nicht so laut", "bitte mach nicht so doll" usw. Aber ich hab das Gefühl er kann einfach nicht anders.
      Ich würde ihm gerne seine Rast und Ruhelosigkeit nehmen. Ich bin zur Zeit sehr verunsichert und lese viel über Hyperaktivität und ADHS. Viele Viele Punkte die dort genannt werden treffen tatsächlich auf meinen Sohn zu und das beunruhigt mich. Aber möchte ihm auch einfach keinen Stempel aufdrücken.
      Habt ihr ähnliche Erfahrungen und was macht ihr? Denkt ihr auch in die Richtung ADHS? Wie kann ich ihn begleiten und welches sind die nächsten und sinnvollen Schritte? Ich habe so viele Fragen. Eigentlich würde ich mich einfach über Erfahrungen und Meinungen freuen da ich niemandem im Umfeld habe dem es ähnlich geht. Hier gibt es gefühlt nur "Musterkinder".

      Danke schon einmal im vorraus.

      • (2) 14.06.18 - 17:23

        Hallo, das Gespräch mit dem Ki-Arzt in Kürze ist doch schonmal ein guter Anfang. Evtl. würde ich jemanden mitnehmen, der im Wartezimmer suf das Kind aufpasst, sodass du erstmal in Ruhe sprechen kannst. Du willst deinem Sohn ja auch nicht vermitteln, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Der Ki-Arzt überweist euch dann bestimmt weiter. Alles Gute!

        (3) 14.06.18 - 17:53

        Hallo!

        Seit Jahren habe ich beruflich in Kindergärten und Schulen aller Stufen mit Kindern zu tun und habe selbst drei Kinder, eines davon könnte das sein, das du beschreibst.

        Mein ältestes Kind war lange Zeit "so" wie deins und ich fand es sehr anstrengend. Ich habe auch kurz davor gestanden, ADHS anzunehmen. Ich denke nach vielen Jahren der Begegnung mit Kindern und Erwachsenen, dass es einfach nur schrecklich ist, wie wenig wir unsere Kinder so akzeptieren können, wie sie sind. Wir vergleichen, messen, diagnostizieren und behandeln die Kinder. Sie "passen" uns nicht, sie überfordern uns, stressen uns... und dabei sind die meisten einfach ganz normale Kinder!!! Ja, sie sind laut, sie sind wild, aber sie sind viel weniger unnormal oder gar krank. Dieser Blick macht es uns nur einfacher, von unsrer eigenen Unfähigkeit abzulenken, ihnen einen Lebensalltag zu bieten, in dem sie sein dürfen, wie sie sind. Gerade weil in den Bildungseinrichtungen keine große Akzeptanz der "wilden" und "lauten" Kinder existiert, jeder am liebsten ruhige und angepasste Menschen um sich hat die "funktionieren" haben wir als Eltern Angst, dass unsere "schwierigen" Kinder nicht zurechtkommen und wollen Sie passend machen.

        Durch die einfache Akzeptanz der Wesensart unserer Kinder hat sich bei uns so viel entspannt. Unser wildes und lautes Kind kann sich heute ohne irgend welche Behandlung oder große Erziehung völlig angemessen verhalten, hat halt seine Reibungsprozesse und Konflikte gehabt, konnte aber durch unsere bedingungslose Akzeptanz zu Hause irgendwann verstehen, was sinnvolles Verhalten und kontraproduktives Verhalten ist und ist sozial sehr fähig geworden.

        Du schreibst so tolle Dinge über dein Kind, das klingt für mich so normal und gesund... Wenn es die Rahmenbedingungen erhält, seine Power sinnvoll zu kanalisieren, Aktivitäten machen kann, wo Energie, Bewegung etc. verbraucht werden und dann immer wieder Phasen kommen, in denen es üben kann auch mal zur Ruhe zu kommen, diese Phasen vielleicht auszudehnen, dann sollte es sich weiterhin toll entwickeln.
        Wichtig ist aus meiner Sicht auch, als Eltern für sich was zu tun, um die Energie zu haben, einem Kind gerecht zu werden, was anders ist als man selbst. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine?

        Vielleicht entspannt dich ja der eine oder andere Gedanke von mir.

        Liebe Grüße

        Judith

        (4) 14.06.18 - 20:55

        Hi,
        das klingt schon sehr anstrengend.
        Was du beschreibst könnten entsprechende Vorboten sein, müssen aber nicht. ADS bedeutet nicht unbedingt laut und flippig sondern setzt sich aus vielen kleinen Bausteinchen zusammen.
        Für meinen Sohn ist es zum Beispiel schon sehr schwierig an einem Essen teilzunehmen. Er ist dabei ununterbrochen in Bewegung und es reicht die kleinste Kleinigkeit um ihn abzulenken. In seinem Kopf fahren die Gedanken regelrecht Geisterbahn (eigene Aussage).

        Eine AD(H)S Diagnose wird in der Regel erst ab fünf Jahren gemacht. Trotzdem ist es natürlich richtig dass Du dich an einen Arzt gewendet hast, vor allem wenn auch die Erzieher dich auf sein Verhalten aufmerksam gemacht haben.
        Wir sind schon lange eingebunden in die Frühförderung weil bei meinem Sohn schon immer große Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich waren.

        Gibt es in deiner Familie AD(H)S oder Autismus? Normalerweise kommt sowas in der Familie nicht plötzlich vor, meistens stellt sich aber erst bei der Testung des Kindes heraus dass einer der Eltern/Großeltern es auch hat.

        In meinem Umfeld wird den Famillien mit ADSlern auch immer geraten sich im Bereich Kommunikation weiterzubilden (das machen z.B. Familienberatungsstellen).
        ADSler leben beispielsweise im Hier und Jetzt, deshalb kannst du Versprechungen für zukünftiges Verhalten total vergessen. Klare, kurze Ansagen, positive Formulierungen und Bestärkungen sind für diese Kinder super wichtig da sie eh schon oft genug von allen Seiten ein negatives Feedback erhalten...
        Ich selber bin ein großer Fan von Thomas Gordon (Familienkonferenz) und lese darin immer wieder gern. Diese Gesprächstechniken bringen auch bei ADSlern viel.

        Alles Gute :)

      • Du beschreibst EXAKT mein Kind!

        Er ist jetzt 5. Letztes Jahr war so schrecklich! Er war eh schon immer so auf Action aus und letztes Jahr hat er noch ein drauf gelegt. Dazu kam das er ein geschwisterchen bekommen hat. Gespräche mit anderen waren nicht möglich. Es wurde dann gehauen und gebissen sodass ich mich nicht mal 5min mit jemanden in seiner Gegenwart unterhalten konnte. Er brauchte volle Aufmerksamkeit.
        Mittlerweile ist es wieder etwas besser geworden. Ich las auch wieder recht viel letztes Jahr und habe dadurch u.a. erfahren das Jungs im 5ten Lebensjahr (also mit 4 Jahren) ein erhöhten Testosteronspiegel haben und der dann wieder absinkt zum 6ten lebensjahr(also mit ca.5).
        Ich war auch wie du beim Kinderarzt. Wir hatten eine Überweisung bekommen zu einer Praxis die Kinder psychologisch betreut. Dort wurden diverse Tests gemacht. Die Auswertung steht noch aus.

        Ich glaube nicht an adhs. Ich weiß das mein Kind sehr sensibel ist und sehr empfänglich für Reize. Er kommt nicht zu Ruhe und saugt alles ein. So fürsorglich er gegenüber kleineren sein kann so ängstlich ist er bei Situationen die ihn neu sind und verunsichern.

        Kinderarzt ist auf jedenfall ein guter Weg. Versuch an euch zu arbeiten und nicht an dem Kind was zu verändern. Bilde positiv Sätze. Das Wort "nicht" aus deinem Wortschatz streichen. Versuche Pausen ein zurichten damit er runterfahren kann. Ich hab mein Kind zb dann bis 10 oder 20 zählen lassen als so aufgekratzt war und als ich merkte, er rattert es runter, das ganze dann rückwärts. Oder ich hab mich mit ihm hingesetzt oder hingelegt und dann sowas wie Meditation gemacht. Also tief durchatmen, Augen schließen usw. und dann war er auch wieder empfänglich für was man sagte.

        Mir fällt auf, dass du sehr viel mit "nicht" formulierst. Wir haben mit unserem Kind die Abmachung, dass er nur draußen Schreien darf. Ist er in der Wohnung laut, Frage ich ihn nach dieser Regel und er gibt sie wieder, wwodurch eine Einhaltung einfacher für ihn ist.

        Unser ist drei und benötigt auch viel Input und noch mehr Bewegung (nach 2 Stunden Kinderturnen mit Kindern 3-6 Jahre ist er nur halbwegs platt), er redet wie ein 4-5jähriger und es ist oft anstrengend.

        Wie reagierst du auf seine Reizüberflutung? Ist sein Zimmer reizarm?

        Welche Konsequenz würdest du aus einer Diagnose ziehen?

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