Ma hatma Glück, ma hatma Pech, Mahatma Gandhi

    • (1) 14.02.19 - 10:12

      Guten Morgen,
      mein Sohn, knapp 4, macht alles laaaaaangsam. Er is(s)t langsam. Er zieht sich langsam an. Er putzt sich langsam die Zähne. Er pieselt langsam.

      Wenn ich ihn machen lasse, sitzt er bis zu einer Stunde auf dem Töpfchen.
      Er braucht zehn Minuten, um sich einen Schuh anzuziehen.
      Er läuft nicht, er trippelt. Wir brauchen fast zwanzig Minuten, um den zwei Häuser weiter gelegenen Kindergarten zu erreichen.

      Was mich daran stört ist nicht die Tatsache, dass er wirklich lange dafür braucht. Er ist drei Jahre alt und darf sich gerne seine Zeit nehmen, um auszuprobieren, wie genau der Knopf zugeht o.Ä. Wenn er es denn mal tun würde. Stattdessen ist er immer mit etwas anderem beschäftigt oder er macht einfach gar nichts.

      Beispiel:
      Ich sage: "T., zieh dir bitte die Socken, die Unterhose und die Hose an."
      Was bei meinem Sohn ankommt: "Zieh dir eine Socke an. Dann steh nackt, mit einer Socke am Fuß, herum und spiel versonnen mit deinem Pullermann."

      Beispiel:
      Ich sage: "Putz dir bitte die Zähne. Hier hast du die Zahnbürste. Wenn einmal das Lied kommt, putze ich nach."
      Er beginnt zu putzen. Nach zwei Sekunden: "Oh, eine Fliege summt in der Luft herum."
      Er läuft hinterher, das Zähneputzen ist vergessen.
      So geht das den ganzen Morgen.

      Mittags hole ich ihn vom Kiga ab und er kriegt erst mal einen Schreianfall. Sind wir dann zu Hause und er hat sich beruhigt (wenn es doof läuft, dauert das auch schon mal ne Stunde), essen wir. Er braucht etwa 45 Minuten für ein kleines Stück Brezel und eine Scheibe Gurke. Mittlerweile stehe ich auf, wenn ich gegessen habe, und fange an, den Haushalt zu machen, weil ich sonst zu nichts komme.

      Auch wenn ich dabeibleibe, geht es nicht voran. Hilfsangebote werden ausgeschlagen, teilweise kriegt er Schreianfälle, die bis zu 1,5 Stunden dauern können. Das geht seit 1,5 Jahren so und so langsam bin ich echt am Ende.

      Sind wir dann (morgens oder auch mittags) endlich mal fertig und bereit, das Haus zu verlassen, heult er auf der Treppe los: "Iiiiich will in den Kiiiindergaaaarten!!!" (Oder ins Judo o.Ä., wohin wir gerade unterwegs sind)
      Ich sage ihm dann, dass wir ja auf dem Weg da hin sind, aber halt eben laufen müssen, um den Kindergarten/das Auto o.Ä. zu erreichen. Bringt nichts, er heult weiter. Macht dann aber so kleine Trippelschrittchen, dass wir ewig nicht ankommen. Jeder Termin, den wir einhalten müssen, ist ein einziger Kampf.

      Wer hat noch so einen kleinen Meister des passiven Widerstands? Habt ihr Tipps für mich und den kleinen Mahatma Gandhi?

      Viele Grüße!

      • (2) 14.02.19 - 10:30

        Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass du zuviel verlangst.

        Du musst dabei bleiben oder es selbst machen.
        Selbst mein 5 jähriger hat wichtigeres zu tun als sich anzuziehen oder seine Zähne zu putzen. Kinder haben nunmal völlig andere Prioritäten und vor allem kein Zeitgefühl.
        Ein "bitte mach das und das" von mir, ohne, dass ich bei bin kann ich am Wochenende machen, aber nicht wenn ich los muss.

        Sohnemann hat jetzt eine Uhr in seinem Zimmer, damit arbeiten wir ab und an. "Wenn der rote Zeiger da und da ist, dann...." aber er ist eben auch schon älter.

        • (3) 14.02.19 - 10:34

          Du hast mich falsch verstanden.
          Wir haben in der Regel keinen Zeitdruck. Er hat morgens bis zu zwei Stunden, um zu frühstücken und sich fertigzumachen.
          Es macht keinen Unterschied, ob ich dabei bin.
          Ich mache ihm eine Anziehstraße, damit es übersichtlicher ist, und setze mich daneben. Aber selbst da dauert es unglaublich lange, bis er in die Puschen kommt. Er hält ellenlange Monologe und braucht für einen Satz ungefähr zwei Minuten. Erst wenn er fertig geredet hat, will er sich dann ein Kleidungsstück anziehen. Dann wieder ein Monolog. Dann wieder ein Kleidungsstück. So geht es, wenn ich dabei bin.
          Helfen darf ich ihm meistens nicht, da flippt er aus, weil er es selbst machen will. Aber er macht es halt auch nicht. Auch nicht, wenn ich ihm immer wieder sage, was er machen soll.
          Ich habe ihm eine Eieruhr gestellt. Hat nichts gebracht.
          Ich habe so getan, als wären wir Ritter, die in die Schlacht ziehen und dafür die Rüstung anziehen müssen. Hat zwei Tage ein bisschen geholfen, danach war es wie immer.

      (4) 14.02.19 - 10:37

      Chapeau vor deiner Geduld. Ich hätte das Zwutschgerl wahrscheinlich einfach unter den Arm geklemmt und hätte ihn in den KiGa getragen. Auch unter Protest.
      Wir haben, was das essen angeht, auch so eine Schnarchnase. Durften wir auch schon von den Erzieherinnen anhören 😅 die haben aber eine coole Idee, die wir auch zuhause umsetzen. Die Kinder haben eine halbe Stunde Zeit zu essen, was normalerweise völlig ausreicht. Kurz vor Schluss der Zeit kommt die "Zwei-Minuten-Sanduhr". Wenn die abgelaufen ist, wird abgeräumt und das Essen ist vorbei. Funktioniert einwandfrei 🖒🖒🖒
      Vielleicht hilft euch das ein bisschen.

      • (5) 14.02.19 - 10:54

        Danke für deinen Beitrag!
        Ja, so machen die es in der Kita auch. Wir haben es hier mit einer Eieruhr versucht, das hat nicht geklappt. Aber vielleicht versuche ich es auch mal mit einer Sanduhr, damit er auch ein optisches Signal hat.

        Das "Zwutschgerl" (cooles Wort #rofl ) hat leider noch eine kleine Schwester, die im Tragetuch getragen wird, deshalb ist Tragen leider keine Option. Habe ich zwar schon gemacht, aber da wäre ich dann mit den insgesamt etwa fünfundzwanzig Kilo extra fast die Treppe runtergeflogen und einen leichten Tritt hat die kleine Schwester vom Bruder auch abgekriegt. :-( Danach hab ich das lieber gelassen.

    (6) 14.02.19 - 12:52

    Darf ich mal fragen, wie es in der Kita läuft? Beobachten sie das Gleiche?
    Wenn ja, dann würde ich zumindest mal - bei nächster Gelegenheit - den Kinderarzt darüber informieren. Mir geht es gar nicht darum, dass das Kind langsam ist. Langsam heißt nicht gleich langsam. Langsam kann auch mit Gewissenhaftigkeit oder Ehrgeiz verbunden sein. Aber wenn das stets so ist, er gar nicht dabei bleibt, die Aufmerksamkeitsspanne massiv kurz ist (nicht altersentsprechend ist - hier würde ich in kleinen Schritten ansetzen: 1. Socken anziehen, erst wenn das erledigt ist Unterhose usw.), er sich noch so gar keinen Überblick über alltägliche einfache Abläufe (Erst müssen wir dasAuto erreichen, um dann zu XY fahren zu können usw) erarbeitet hat, er so verträumt und/oder ablenkbar ist (mehr als Gleichaltrige - daher würde ich ein Elterngespräch in der Kita wollen), er irgendwie sonst "spezieller" zu sein scheint (tribbeln, stunden fürs Essen brauchen in Portionen wie ein Spatz usw), ja dann würde ich mit unserer Ärztin mal darüber sprechen (aber vorerst Infos vom Kindergarten einholen, um mir einen Überblick zu verschaffen).
    Kommt er denn alleine von a nach b? Oder bleibt er dort auch "hängen", wenn er wohin soll?
    Wie kommt er mit Veränderungen klar? Z.B. wenn Judo mal asfällt, weil ihr zum Arzt müsst oder ähnliches? Bettgehrituale?
    Spielverhalten?
    Würde euch vllt eine Whiteboard helfen, auf welcher die einfachen Tagesabläufe kurz strukturiert sind?

    Ja er ist erst knapp 4 Jahre und für vieles hat er Zeit. Aber das heißt nicht, dass man sich strukturelle Abläufe nicht auf kreative Art und Weise leichter gestalten darf oder nicht soll.
    Ich denke: alles was euch hilft, etwas schneller und reibungsloser/konfliktfreier durch den Alltag zu kommen wäre begrüßenswert.

    Unser Kleiner knapp 4 kann vieles von diesen Sachen noch nicht alleine, ist aber auch in der Entwicklung weiter zurück als Gleichaltrige (mit Pflegegrad). Aber er weiß sehr wohl, dass man zuerst in die Garage muss, um dann mit dem Auto losfahren zu können. Das finde ich bei euch nicht altersentsprechend, ich würde - wie bereits erwähnt - am Ball bleiben und mich informieren wie es in der Kita ist. Vorab würde ich die Erzieherinnen grob informieren worum es mir geht, damit sie sich zuvor explizit nochmal Zeitnehmen können, auf genau solche Sachen zu achten.

    Sorgen möchte ich hier wirklich keine Streuen, aber es wäre halt wünschenswert, wenn euer Alltag nicht menr so massiv ausgebremst werden würde und oft braucht es dann halt entsprechende Unterstützung. Dafür muss man aber darüber sprechen und gerade die Kita kann da mit dir an einem Strang ziehen und sich mit dir gemeinsam überlegen, was euch helfen könnte.
    Kinderarzt: ich finde es nunmal sehr wichtig, seinen Kinderarzt solche Infos zu geben, weil ein Kinderarzt das Kind i.d.R. nur selten und von kurzer Dauer sieht. Es hilft einfach dabei, sich ein Bild vom Kind zu machen.

    Liebe Grüße und alles Gute, Snow

    • (7) 14.02.19 - 17:45

      Hallo liebe Snowdrops und danke für deinen Beitrag, der mir sehr weiterhilft! Es ist schon fast beruhigend, zu wissen, dass noch jemand "etwas anderes" dahinter vermutet. Auch ich habe oft das Gefühl, dass "irgendwas mit meinem Sohn nicht stimmt". Es ist ja nicht nur so, dass er einfach trödelt oder sehr verträumt ist. Er hat auch Schreianfälle von bis zu 1,5 Stunden Länge, der Rekord liegt bei knapp 4 Stunden an einem Tag. Er beginnt dann zu schreien, weil
      - die Strümpfe immer wieder runterrutschen
      - er eine Tür zumachen wollte, die ich schon zugemacht habe
      - eine Situation nicht so abgelaufen ist, wie er das wollte (er beruhigt sich dann erst wirklich, wenn die Situation dann so nachgespielt wurde, wie er sich das vorgestellt hat)
      usw.

      Ich weiß, dass all die oben geschilderten Situationen in gewissem Umfang normal für sein Alter sind, aber sicherlich nicht in dieser Vehemenz. Er schreit dann so verzweifelt, als würde er gefoltert, und ich merke als Mutter richtig, dass er nicht aus Trotz schreit, sondern aus Verzweiflung.
      Und ja, in diesen Moment denke ich an eine Autismus-Spektrum-Störung.

      Im Kindergarten bekommt man morgens und mittags das Geschrei mit und auch die Situationen, weshalb das Geschrei ausgelöst wird. Aber natürlich hält man es dort für einen Erziehungsfehler; dabei ist an Erziehung in solchen Momenten überhaupt nicht zu denken.
      Das Geschrei in Kombination mit seiner extremen Trödelei bringen mich langsam an den Rand der Verzweiflung. Heute Mittag haben wir eine Stunde gebraucht, um von der Kita nach Hause zu kommen - dort noch mal Pipi machen und Hände waschen, dann Jacke und Schuhe anziehen, nach Hause (zwei Häuser weiter!!!) gehen - eine Stunde. Ich geh am Stock.

      Er spielt sehr schön alleine und ist in der Kita nicht auffällig, außer dass er auch dort gerne trödelt.
      Er ist feinmotorisch sehr geschickt und kann sich sprachlich gut ausdrücken.
      Er zeigt soziales Lächeln/Verhalten, ist sehr empathisch, interagiert gut mit anderen, erkennt Emotionen. Das ist dann wiederum das, was mich an der Autismus-Spektrum-Störung zweifeln lässt.

      In zwei Monaten haben wir die U8 und ich werde das definitiv ansprechen. Aber unser KiA ist vom alten Schlag und ich fürchte fast, auch er wird es auf die Erziehung schieben.

      • (8) 14.02.19 - 18:51

        Hi mmmmmmba, bin ich froh, dass du meine Antwort nicht in den falschen Hals gekriegt hast und mir nicht böse bist.

        Ich kann dir nur empfehlen dich mal bei rehakids vorzustellen, da sind sehr viele Eltern mit Kindern (ASS betroffen) und dort kann man dir sicherlich Input geben (Einschätzungen zum Beispiel).

        Ich habe kein Kind mit ASS, aber ich muss gestehen: ich dachte bei deinem Post ein wenig in diese Richtung.

        Aber ich habe - wie gesagt - kein Kind mit ASS und möchte das alles keinesfalls überbewerten.

        Ich würde mich wirklich mal bei rehakids vorstellen (ich bin dort auch und mir wurde immer super weitergeholfen) und mir Input holen. Entscheidend für mich ist dein Bauchgefühl, welches dich offebar daran zweifeln lässt, ob die Entwicklung und Auffälligkeiten nicht doch eine spezielle Ursache wie ASS haben könnten oder nicht.
        Das sagt mir, dass es schon "speziell" ist und zumindest über das "normale Maß" hinausgehen muss (Bspl Schreianfälle, "gehe am Stock" usw.).

        Ich würde mit dem KiA auch sehr direkt meine Vermutung mitteilen und um Untetstützung via Überweisung bitten. Wobei: Für KJP brauchst du eine solche m.W. nicht immer. Für unsere KJP brauchten wir z.B. keine (Konsil).
        Erst später wurde irgendwann eine verlangt, warum weiß ich nicht.

        LG und alles Liebe, Snow

        • (9) 15.02.19 - 15:48

          Danke dir!
          Ich habe mich jetzt mal bei einem Autismusforum angemeldet und hoffe dort auf Input. Bei Rehakids werde ich auch mal vorbeischauen.
          Das Interessante ist - er hat diese Schreianfälle seit einer missglückten Kita-Eingewöhnung. Und bei meiner Großen fingen solche Schreianfälle auch genau mit der Eingewöhnung in jener Einrichtung zusammen, nur hielten diese etwa 2 Monate an und hörten dann wieder auf.
          Wenn unser Sohn nicht in die Einrichtung geht, ist er sehr viel verträglicher. Heute zum Beispiel war er zu Hause - und hat bis jetzt nicht einmal geschrien. #gruebel

          • (10) 16.02.19 - 08:03

            Hi! Ich würde snowdrops zustimmen! Möchte aber ergänzen dass es auch andere Dinge außer ASS geben kann, die dahinter stecken. “normale“ Aufmerksamkeitsdefizitsstörung oder so. Ich würde auch den Kia fragen, und wenn du das Gefühl hast, er nehme es nicht ernst, würde ich mir eine zweite Meinung einholen.

(11) 14.02.19 - 13:15

Ich musste bei deinem Beitrag herzlich lachen... vielen Dank dafür.

Wir haben auch so ein Kind.. irgendwie.. Trödelinchen heißt das ;)

Sie möchte immer gerne spielen. So "nebenbei".. und erzählen.. so viel erzählen. Demnach dauert auch alles ewig, wenn man sie "lässt" ... ich muss immer nochmal und nochmal sagen, dass wir jetzt mal los wollen.

Die kleine Schwester macht im Moment jedoch "Trödelalarm" - wenn Kind 1 im Flur steht mit der Aufforderung "Schuhe anziehen" und stattdessen Szenen aus König der Löwen nachspielt und das seit 5 Minuten wird Mini irgendwann etwas "ungehalten", da in der Zwischenzeit (nach Frühstück, Zähne putzen und Anziehen) schon wieder müde.

Aber auch ansonsten... fordere ich einige Mal nett auf und irgendwann nicht mehr. Da gibt es dann den strengen Ton und Blick und den Hinweis, dass ich ernst meine, dass wir uns ein bisschen beeilen müssen. Manchmal führt das zu Drama, oft aber versteht sie das inzwischen. Oder auch "ich sage es jetzt noch einmal nett" - sie weiß, dass das das Zeichen ist, dass es gleich "stressig" wird und macht dann meistens mit. Auch funktioniert bei ihr Wettbewerb (jedoch mag ich das nicht so gerne) - wer ist am schnellsten angezogen?! Sie möchte schon gerne immer am schnellsten sein (macht nur nicht mit ;) ).

Man muss sie auch beim Essen oft erinnern zu essen und so.

Was ich aber meine... ich erinnere sie oft, oft auch nett, ich spiele mit ihr auch während des Anziehens (z.B. wir ziehen ein Baby an) und so mal bzw. sage dann sowas "ja, nachdem du deine Socken angezogen hast" (aber nur Kleinigkeiten, sonst kann sie sich nicht mehr lösen) usw. usw. ... aber es gibt auch ein "Ende"... da werde ich dann "streng" und mache Druck. Es ist eben manchmal so, dass man nicht unendlich Zeit hat. Morgens kommen wir inzwischen mit ca. 60 Minuten zwischen Aufstehen und Losgehen inkl Frühstück und Wickeln + Anziehen Kind 2 hin. Aber nur mit meiner Anleitung.

Gutes Durchhalten.

  • P.S. unsere Tochter ist noch nicht ganz 3,5 Jahre - kann alles selbst, kennt auch die Abläufe und ist kognitiv und sozial sehr sehr fit, motorisches Mittelmaß ;)

(13) 14.02.19 - 13:51

Ich finde die Sätze die Du ihm erwiederst zu lang und zu viel für einen 3 jährigen. "Putz dir die Zähne bis das Lied zu Ende ist" reicht meiner Meinung erstmal, anstatt noch 2 weitere Dinge in einem Satz zu nennen und einzufordern.

(15) 14.02.19 - 14:56

Hi,

ich habe hier zwei Modelle:

Modell 1
Mädchen, 10 Jahre, 5. Klasse
Seit sie vier war, war mir klar: Dieses Ausmaß an Verträumtheit ist "nicht normal", auch wenn die Kindergärtnerinnen damals meinten "Och, die sind alle so". Nein, waren sie eben nicht.
Oft kommt das, was ich sage, gar nicht zu ihr durch (Ohren und Hörvermögen sind laut Test völlig in Ordnung, sie ist im Gegenteil sogar eher empfindlich was Lautstärke angeht), weil der Kopf gerade nicht "an" ist, sondern irgendwo in den Wolkenschlössern herumschwebt. Die ersten drei Schuljahre waren die Hausaufgaben ein einziger Krampf, ab der vierten Klasse wurde es dann besser. Trotzdem braucht sie oft noch lange für Aufgaben, gestern z.B. drei Stunden für die Deutsch-Hausaufgaben, die ich auf einen Zeitaufwand von ca. 45 Minuten schätzen würde. Sie hat aber auch gute Tage, an denen es in einer vernünftigen Zeit klappt. Problematisch wird es vor allem immer, wenn sie den Eindruck hat, es sei viel, und wenn sie so gar keine Lust hat.
Mein Learning: je ruhiger ich bleibe, desto besser geht es, und drängeln hilft in den meisten Lebenslagen Null Komma Garnichts. Unterstützung ist besser als Schimpfen, denn das führt nur dazu, dass sie sich schlecht fühlt, weil sie in dem Moment nicht anders kann. Berühren, Blickkontakt, nach dem Auftrag nachfragen, wiederholen lassen was sie tun soll, engmaschig im Blick behalten, ob sie noch dabei ist. Und: (zumindest an sehr verträumten Tagen) eins nach dem anderen. Dreiteilige Aufträge sind zum Scheitern verurteilt, wenn das Kind gerade durchhängt.
Ich merke inzwischen genau, ob meine Nachricht (im ersten Schritt) bei ihr angekommen ist. Und ob sie auch (im zweiten Schritt) über die Antwort nachdenkt, oder gerade wieder in Gedanken abgebogen ist. "Träumerchen" heißt das auch, oder beim Kinderarzt ADS.
Es ist manchmal anstrengend und frustrierend (auch da sie, auch laut Test, ja durchaus ein schlaues Mädchen ist). Die schulischen Leistungen sind okay, wenn auch nicht überragend (Zwischenzeugnis-Durchschnitt war 2,5). Dafür arbeiten wir aber auch viel, und ich investiere viel Zeit in Hausaufgabenbetreuung und Üben.
Übrigens: Der Papa war als Kind ganz ähnlich.

Modell 2:
Mädchen, 6 Jahre, 1. Klasse
Schon als sie kleiner war, fiel auf: Wenn ich die Große zu etwas aufforderte, mein Auftrag nicht zu ihr durch kam, und ich nachfragte: "Was sollst du machen?", konnte die Kleine regelmäßig sagen, worum es ging - "Zähne putzen!" / "Dich bettfertig machen!" / "Deinen Ranzen holen!". Sie bekam offenbar wesentlich mehr mit. Auch sonst stellte ich fest: Sie reagierte zwar auch öfters mal nicht auf Aufforderungen, aber nicht weil sie diese nicht mitbekommen hätte, sondern weil sie schlicht keine Lust hatte. Den Unterschied merkt man.
Während die Große in der ersten Klasse stundenlang an den Hausaufgaben saß (und die Oma oder ich daneben - "Komm, die nächste Aufgabe!"), macht die Kleine das gleiche Pensum selbständig in ca. 10-20 Minuten.
Lesen hat sie durch Erfragen der Buchstaben schon im Sommer vor der ersten Klasse gelernt. Beigebracht habe ich ihr das nicht, nur ihre Fragen beantwortet.
Sie lernt irre schnell auswendig. Sie sollte z.B. bei der Weihnachtsfeier der ersten Klasse ein Gedicht vorlesen. Ja Pustekuchen, nachdem sie es zum dritten mal übungshalber gelesen hatte, konnte sie es auswendig, und hat es dann auch bei der Feier auswendig vorgetragen.
Übe ich mit der Großen z.B. die Mittelgebirge und ihre höchsten Berge, das 1x1 oder sonstwas, das in den Bereich auswendig lernen fällt, muss ich der Kleinen ständig sagen, dass sie nicht vorsagen soll, weil sie die Infos ruck zuck nur vom Zuhören drauf hat. Vorgestern haben sie spaßeshalber zusammen die Englisch-Vokabeln der Großen geübt. Ging super, die zwei hatten ein riesen Spaß, als ich beide abgefragt habe.

Will sagen: Ich weiß natürlich nicht, ob dein Kind ein Träumerchen in diesem Sinne ist, aber wenn, dann kannst du das nur in kleinsten Schritten ändern, und musst im Wesentlichen lernen, damit umzugehen. Das wird sich aber erst im Lauf der nächsten Jahre zeigen. Ich würde an deiner Stelle mit dem Kindergarten in Kontakt bleiben, auch ggf. mal bei Trainern u.ä. nachhören, wie es da so ist, und die Beobachtungen auch mit dem Kinderarzt teilen.
Und sei vorsichtig beim Vergleich mit Geschwistern bzw. anderen Kindern. Wenn ein Träumerchen wirklich nicht anders kann, führt das schnell auch zu großem Frust beim Kind.

Viel Geduld wünscht
Angel08

  • (16) 15.02.19 - 15:52

    Danke für deinen Beitrag!
    Ja, ich habe hier auch zwei verschiedene "Modelle" - Kind 1, 6 Jahre, superfit, extrem weit in allen Bereichen (evt sogar hb), braucht morgens etwa 5 Minuten, um sich fertigzumachen. MIT Haare kämmen und Zähne putzen. #schock
    Kind 2... siehe oben.
    Kind 3 schlägt wohl nach Kind 1.

    Gerade im zwischenmenschlichen Bereich führt das auch extrem oft zu Konflikten, wenn mein Sohn mal wieder fünf Minuten für einen Satz braucht, ihn aber die große Schwester nicht ausreden lässt und ihn ungeduldig unterbricht. Oder wenn wir ein Brettspiel spielen und mein Sohn mal wieder mehrere Minuten braucht, um zu würfeln... oder eine Karte zu ziehen...

    Wurde denn bei deinem Kind ADS diagnostiziert oder ist das nur eine Vermutung von dir?

    • (17) 22.02.19 - 09:09

      Das sagt der Kinderarzt, nach mehreren Tests, langfristiger Beobachtung und Ergo.

      Phasenweise tat sie sich sehr schwer, hatte das Gefühl dumm zu sein, weil die einfach merkte, dass anderen in der Schule alles so viel leichter fiel. Die letzten Monate kommt sie aber ganz gut klar, was auch daran liegen kann, dass sie jetzt in der fünften Klasse auf den Realschulzweig einer Gesamtschule geht, und die Kinder, die vorher eben die Klassenbesten waren, jetzt in den Gynmasialklassen sind, d.h. das Leistungsniveau der Klasse ist nicht mehr so weit gefächert wie vorher.
      Sie merkt natürlich trotzdem noch, dass z.B. Vokabeln bei der kleinen Schwester nach drei mal hören einfach im Kopf drin sind und bleiben, während sie selbst mehr Wiederholungen braucht. Aber insgesamt habe ich den Eindruck, dass sie im Moment ganz gut mit sich selbst klar kommt, und das finde ich sehr wichtig.

      Viele Grüße

(18) 15.02.19 - 09:50

Hallo,

ich finde das in dem Ausmaß, ehrlich gesagt, auch nicht mehr normal.

Das Problem ist, dass es, meines Wissens nach, bei so kleinen Kindern schwierig ist, Dinge, wie ADS, Wahrnehmungsstörungen, Autismus usw. sicher zu diagnostizieren.

Kinderärzte haben davon normalerweise sowieso keine Ahnung. Die sind lediglich Allgemeinmediziner für Kinder.

Für Autismus-Diagnosen würde ich mich an ein Autismus-Zentrum wenden. Bei SPZs und ähnlichen Einrichtungen herrscht leider häufiger geballte Unwissenheit, woran man einen Autisten erkennt.
Die haben dem Sohn einer Freundin, der wirklich der Autist aus dem Lehrbuch ist, erst ein Trauma und später ADHS angedichtet. #aerger
Und sie ist nicht die einzige, von der ich so etwas gehört habe.
Der Sohn der Freundin war übrigens 9 oder 10 als er endlich richtig als Autist diagnotiziert wurde. Der Sohn von anderen Freunden ist leichter betroffen und war bei der Diagnose 9.

Unser Sohn (9) hat leichtes ADS. Mit 4 war er auch furchtbar verträumt, leicht ablenkbar, bei Dingen, die ihn nicht wirklich interessierten und hatte eine sehr geringe Frustrationstoleranz.
Aber er hat nie 1, 5 Stunden aufwärts am Stück gebrüllt.
Ich glaube, auch AD(H)S kann man erst später diagnostizieren. Bei unserem Sohn war das mit 8, wegen Schulproblemen und bei dem Sohn von Bekannten auch so um den Dreh.
Das machen Kinderpsychiater.

Was bei unserem Sohn half/hilft, ist, sich nicht darauf zu verlassen, dass er etwas tut, weil man das gesagt hat, sondern dabei bleiben und ihm kleinschrittig immer wieder zu sagen, was genau er jetzt machen soll.
Bei solchen Kindern kann man leider nicht sagen, mach' mal, dann weggehen und erwarten, dass sie es tun.
Bei unserem Sohn klappt das jetzt mit 8, 9 Jahren so langsam. Wobei, alleine duschen, ist immer noch nicht drin. Wenn ich da nicht ständig sagen würde, dass er weiter machen sollte, stünde er nach drei Stunden immer noch träumend unter der Dusche ohne sich gewaschen zu haben. #aerger
Am besten daran ist, dass sein bester Freund (ohne Diagnose) genauso ist. Das Thema hatte ich letztens mit dessen Mutter. #rofl

LG

Heike

(19) 15.02.19 - 14:24

Hallo,

also bis auf den letzten Punkt mit dem langen Protestgeschrei denke ich eher an Aufmerksamkeitsstörung als an "passiven Widerstand". Gerade das "ist mit anderen Dingen beschäftigt" heißt ja dass er sich nicht auf das konzentrieren kann was er soll. Du schreibst in nem Kommentar später dass Du an Autismus-Spektrumsstörung denkst, ich denk da eher Richtung ADS. Also wohlgemerkt Richtung, bei vielen Kindern verwächst sich das noch bis zur Schule, es gibt aber durchaus Förderungen wie Ergotherapie die das verbessern, aber das was Du beschreibst sind DIE "Warnsignale" schlechthin dass es eine Entwicklungsverzögerung sein kann in dem Bereich.

Und wenn Dein Kinderarzt nicht darauf eingeht, es Dir aber komisch vorkommt, dann geh ins SPZ oder zu einem anderen Kinderarzt. Ich würde mich da nicht von einem Kinderarzt abwimmeln lassen von dem Du eh das Gefühl hast dass er sowas nicht ernst nimmt.

War er ein Frühchen? Ich glaube Du schreibst ab und an im Frühchenforum weiß aber gerade nicht ob Dein Kind eines war. Frühchen haben überdurchschnittlich oft Förderbedarf im Bereich Wahrnehmung und Konzentration.

LG
Pikku

(20) 18.02.19 - 16:22

So eine Geduld hätt ich gerne.
Wenn ich meine (5) lassen würde, würde sie morgens auch eine Stunde für anziehen und Zähne putzen brauchen.
Geht aber nicht, muss ja schließlich auch mal zur Arbeit.
Sie darf alles selber machen, wenn es aber zu lange dauert, mache ich schon die Ansage, dass sie mal ein bisschen flott machen soll.
Wenn sie dann immer noch rumtrödelt, gebe ich die 2. Ansage, dass sie sich ein wenig sputen soll oder ich mache für sie weiter.
Meistens klappt das schon.
Ich hab aber auch schon mal die Zahnbürste geschnappt und weiter gemacht.
Ja, unter Protest, aber wir müssen nun mal pünktlich das Haus verlassen.

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