Geburtshausexpress (aber langer Bericht)

    • (1) 19.08.19 - 11:36

      Liebe Mädels, am Montag, den 12.8. kam mein kleiner Erik zur Welt und ich möchte euch von meiner Geburtshausgeburt berichten.

      Ich hatte bereits Wochen vorher gute Senkwehen und wenige Tage vor der Geburt ging der Schleimpfropf ab. Das war mir sehr recht, denn so langsam wurde ich auch unruhig. Wir hatten uns also geistig schon darauf eingestimmt, dass der Kleine bald auf die Welt kommen würde. Gerade der Abgang vom Schleimpfropf hat mich beruhigt, denn man hatte mir gesagt, wenn ich über den ET gehe, muss ich alle zwei Tage zur Kontrolle und das hatte mich schon im Vorfeld gestresst. Nach der letzten regulären Kontrolle hatten mein Mann und ich eine sehr entspannte Zeit, da er Urlaub hatte und wir es uns ganz gut gehen lassen konnten. Die Aussicht nach dem ET alle 2 Tage so ein Stress zu haben, machte mich nicht glücklich.

      Am Montag war noch mein Schwiegervater da und hat mit meinem Mann am Haus gewerkelt. Nach einer baldigen Geburt sah es nicht aus. Wir witzelten noch beim Mittagessen, dass wir es dem Kleinen etwas ungemütlicher machen sollten, damit es los geht.

      Wie in den Tagen davor, gingen mein Mann und ich zweimal am Tag im Dorf spazieren, um die Geburt auf den Weg zu bringen. Dabei entstanden immer mal wieder Senkwehen, zumindest halte ich sie dafür, weil sie sich wie Menskrämpfe anfühlten und nicht sonderlich schmerzhaft waren.

      Bei unserer zweiten Runde um 20 Uhr sagte ich schon zu meinem Mann, die sollten wir etwas verkürzen, weil ich durch die Wehen das Gefühl hatte ziemlich dringend zur Toilette zu müssen. Zu Hause angekommen hatte ich die erste für mich echte Wehe, die ich auch veratmen musste. Wir sahen uns an, es würde endlich losgehen!

      Mich überraschte aber, dass diese frühen Wehen so regelmäßig kamen (10 Min). Da dies meine erste Schwangerschaft und Geburt war, war ich unsicher und rief bei der Rufbereitschaft des Geburtshauses an. Es war noch früh am Abend und ich wollte lieber jetzt mit der Hebamme ein paar Fragen klären, solange ich sie nicht aus dem Bett klingeln muss. Natürlich ist das über Ferndiagnose nicht so einfach, und Lilian empfahl mir noch mal in die Badewanne zu gehen, etwas zu Essen und zu versuchen zu schlafen. Sollte ich tatsächlich in der Latenzphase sein, würde es ja noch ein paar Stunden dauern. Da hatte noch keiner geahnt, was in den nächsten Stunden passieren würde.

      Ich ging also in unsere große Eckbadewanne und musste fast sofort wieder raus, weil ich sehr dringend zur Toilette musste. Wieder in der Wanne kamen die Wehen weiterhin regelmäßig und ich musste veratmen bzw. stöhnte schon etwas. Die Wanne war für mich unangenehm. Ich konnte mich nicht entspannen und rief meinen Mann damit er mich beim Abtrocknen unterstützen konnte. Bücken konnte ich mich da nicht mehr.

      Also zog ich den Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Die Wehe die dann kam war fürchterlich. Ich dachte es reißt mich in zwei Teile. Ich konnte nicht atmen, lag einfach gekrümmt auf dem Bett und hoffte dass sie bald vorbei war. Mein Mann brachte mir dann das Telefon, ich war am zittern und unsicher. Ich rief Lilian an und wir verabredeten und fürs Geburtshaus. Es war erst 22 Uhr und ich wollte, dass mich jemand mit Erfahrung ansieht. Zur Not wären wir eben wieder heimgefahren.

      Lilian sagte, sie könnte um 23 Uhr dort sein. Da wir 40 Minuten Fahrt vor uns hatten, passte das. Mein Mann holte das Auto, kochte sich einen schnellen Kaffee. Ich versuchte mich wieder umzuziehen und bemerkte, dass ich leicht blutet. Also eine Wöchnerinnenbinde eingelegt, Auflage auf den Beifahrersitz und los.

      Mittlerweile wurden die Wehen heftiger. Ich stöhnte und hielt mich am Türgriff fest. Es regnete. Mein Mann fuhr ganz vorsichtig. Er sagte mir später, dass er in der Zeit furchtbar Angst vor einem Wildunfall hatte. Ausserdem konnte ich mich ja eh kaum halten.

      Die Wehen wurden häufiger. Ich starrte die ganze Zeit auf die Uhr im Auto und versuchte mich zwischen den Wehen zu entspannen, wie ich es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte: "die Pause gehört dir". Die Abstände schrumpfen, 5 Min, 4 Min, 3 Min.

      Wir hatten die Klimaanlage an und ich bekam Durst. Ich fragte meinen Mann, ob er Wasser in Griffweite habe. Nein, aber er könnte schnell anhalten und was aus dem Kofferraum holen. Da begannen die Presswehen. Ich sagte, wenn er jetzt anhält, bekomme ich das Kind auf dem Rastplatz.

      Ich zitterte und schwitzte. Presswehen. Ich wusste, dass ich dem nicht nachgeben darf, aber den Drang zu unterdrücken war so schwer. Ich griff zum Handy und rief wieder im Geburtshaus an.
      - Lilian, wir sind in 5 Minuten da, ich hab schon Presswehen.
      - Ich bin noch bei einer Hausgeburt (im Hintergrund hörte man den neuen Erdenbürger weinen). Aber Jule ist im Geburtshaus. Ich sag ihr bescheid!

      Jule! Ich hätte vor Glück heulen können. Meine heimliche Lieblingshebamme hatte Dienst!

      Mein Mann fuhr entgegen der Einbahnstraße und hielt direkt vorm Geburtshaus. Jule war schon an der Tür und schaute mich an. Mein Mann sagte, er würde schnell das Auto wegfahren.
      - Nein, lass es stehen. Das reicht sonst nicht.

      Die beiden brachten mich in den Geburtsraum zwischen zwei Wehen. Dann stand ich da, eine Hebammenschülerin stellte sich vor, aber ich musste später nochmal fragen wie sie heisst. Nach einer Wehe im Stehen zog man mir die Hose aus. Ich war da schon ganz mit mir beschäftigt, atmete und fragte immer wieder laut, warum dass denn so schnell geht.

      Jule wollte mich kurz untersuchen. Ich verneinte, denn hinlegen wollte ich mich nicht nach der Erfahrung Zuhause. Aber Hebammen können ja auch mal etwas nachdrücklicher sein, doch, einmal musst du dich hinlegen damit ich dich untersuchen kann. Ich fügte mich. Jule sprach leise mit mir und der Schülerin Sarah. Sie untersuchte mich und lächelte mich an - der Muttermund ist vollständig offen.

      Ich war völlig perplex. Wie konnte das so schnell gehen? Es war doch meine erste Geburt. Wir hätten doch Zeit haben sollen. Ich wollte doch die Wehen im Geburtshaus veratmen, am Seil stehen, in die Wanne gehen, in der milden Augustnacht an der Lahn spazieren. Ich hatte mir das anders vorgestellt!!!

      - Möchtest du in die Wanne?

      Na das wollte ich jetzt wirklich nicht. Ich wollte auf den Hocker.

      Gesagt getan. Mein Mann wurde auf einem Stuhl direkt hinter mir platziert. So konnte ich mich anlehnen, auf den Armlehnen abstützen und ihm die Hände zerquetschen.

      Und dann ging die Geburt richtig los. Jule motivierte mich immer wieder zu schieben, zu atmen und nicht zu verkrampfen. Sarah streichelte mir in den Pausen das Bein und gab mir Wasser. Mein Mann sprach mir gut zu, forderte mich zum anlehnen und atmen auf.

      Die drei waren Halt und Hilfe auch weil ich während der Presswehe nicht so richtig Gas geben konnte. Kam die Wehe, presste ich, aber das Gefühl war so unangenehm dass ich nach dem einatmen nicht nochmal wollte.
      Aber Jule machte das klasse, motivierte mich, zeigte mir im Spiegel die vielen Haare, die man schon sehen konnte. Ausserdem schützte sie den Damm, der natürlich wegen der Geschwindigkeit gefährdet war.

      Auf der Anrichte stand eine grosse Digitaluhr. Ich wusste, wir waren gegen 23uhr dort angekommen. Es waren erst 20 Minuten vergangen. Jule lächelte, der Kommt heute noch, versprochen.

      Ich gab mir Mühe. Dann sagte Jule, langsam, nicht mehr schieben, lehn dich zurück und lass die Schultern fallen. Ich wusste dass ich sonst reißen würde, aber der Drang war so stark. Es war das anstrengendste hier zu wiederstehen.

      Als ich dann doch gerissen bin war das ein fieses Gefühl. Mein Mann hat gehört wie ich erschrocken Luft holte, aber dann war mein Baby auch schon da!!!

      Sie legten mir den Kleinen auf die Brust, der sich bitterlich über die späte Störung beschwerte. Ich war einfach nur perplex, was da eben passiert war. Ich war froh, dass es geschehen war, aber irgendwie überrumpelt.

      Gefühlt sofort holte Jule die Schere.
      - so Papa, einmal die Nabelschnur durchschneiden.
      Ich protestierte leise, die sollte doch auspulsieren.
      - Nein, wir müssen jetzt mal nach dir gucken.

      Das war der Moment wo ich es richtig mit der Angst bekam. Mein Mann sagte mir später, dass da sehr viel Blut auf dem Boden war.
      Man leitete mich aufs Bett, Sarah nahm den Kleinen, wickelte ihn schnell in ein Handtuch und gab ihn meinem Mann.
      Jule schaute, tastete, drückte auf meinen Bauch, schickte Sarah Oxytocin aufziehen.

      - Jule, sag was. Du machst mir Angst!

      Ich wusste, es konnte nur um eine Blutung gehen. Meine Horrorvorstellung. Erst so angenehm im Geburtshaus entbinden um dann doch mit Blaulicht ins Krankenhaus zu müssen? Ich war schockiert.

      Jule werkelte weiter, erklärte mir was die tat. Dass wir nun nach mir und der Nachgeburt schauen müssten. Es sei viel Blut gewesen, aber wohl weil ich vorher so wenig geblutet hatte.

      Die Lage entspannte sich schnell. Ich bekam mein Baby, der mich aus großen dunklen Augen ansah. Ich fand ihn gleichzeitig winzig und riesig. Dieser ganze Mensch hatte in meinem Bauch gesteckt?

      Zwischenzeitlich kam Lilian dazu, die ja noch bei einer Hausgeburt gewesen war. Sie beglückwünschte mich, wir lachten über diese Expressgeburt (20 bis 23.38 Uhr). Die Hebammen werkelte geschäftig um den Raum etwas zu säubern, verabschiedeten sich, damit wir unser Baby kennen lernen konnten. Später setzte Lilian ihre "Grubenlampe" auf und nähte mich mit großer Sorgfalt.

      Gegen 3 Uhr begann mein Mann zu gähnen. Mich hielt auch nichts mehr. Ich hätte Bäume ausreißen können. Also zogen wir mich und den Kleinen an (natürlich als man sicher war dass mein Kreislauf stabil war und ich Wasser gelassen hatte). Drei müde aber zufriedene Hebammen brachten uns zum Auto, drückten uns herzlich und entliessen uns nachhause.

      • (5) 22.08.19 - 14:57

        Super geschrieben! Ein richtiger Krimi...
        Herzlichen Glückwunsch an euch 3! #herzlich#baby

        Hallo,
        ein sehr schöner Bericht und ich kann mich direkt darin wiederfinden. 🙂 😉
        Ich hab zwar im Krankenhaus entbunden, aber meine Hebamme und die Hebammen Schülerin waren auch soooo super.
        Da es mein erstes Kind ist, hab ich gedacht es dauert bis das Kind da ist. Pustekuchen unter 2 Stunden hat die Geburt gedauert. Es ging mir da genauso wie dir.
        Ich war froh, dass sie da war aber gleichzeitig war ich auch völlig perplex und iwie überrumpelt.
        Mittlerweile ist das kleine Wunder schon 11 Monate alt und wir sind stolz und überglücklich das sie bei uns ist. 🙂

        Ich wünsche dir alles Gute für eure gemeinsame Zukunft.
        Genießt die Zeit.

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