Immer wieder warten - Geburt meiner Tochter Lilly

Vor der Geburt meiner Tochter habe ich hier auch ganz viel gestöbert, weshalb ich u.a. meinen Bericht auch gerne hier teilen würde. Sorry für die Länge...

Montag am 15.06.2020 bei rechnerisch ET+11 sollten wir (mein Mann und ich) 6.30 Uhr im Kreissaal anrufen, ob wir zur Einleitung kommen können. 2 Tage vorher hatte man uns versichert, dass wir viel später wohl nicht anfangen könnten, weil es ja auch eine Weile dauern kann und über 14 Tage drüber möchte wohl keiner, dass das Baby noch drin ist.
Also Punkt 5 Uhr aufgestanden in Ruhe gefrühstückt und Punkt 6.30 Uhr angerufen. "Rufen Sie 10 Uhr nochmal an. Gerade ist hier alles voll." kam als Antwort. Na gut, da Warten nicht meine Stärke ist erstmal mit meinem Mann Einkaufen gefahren, Auto waschen, Glasflaschen wegbringen und mit Oma telefoniert. 10 Uhr dann wieder angerufen. "Gehen Sie 1 Stunde im Park spazieren und melden Sie sich dann an." Also gut losgefahren und brav spazieren gegangen. Bisher waren alle CTGs unauffällig. Eine "Wehenbereitschaft" gab es wohl mehr aber auch nicht. Im Krankenhaus wurde ich stationär aufgenommen, was mir ja mal einer hätte sagen können, dass das zu einer Einleitung nötig ist. Eigentlich war nämlich eine ambulante Geschichte geplant. Also 1 Stunde +Coronatest bis wir mal eine Ärztin zu Gesicht bekamen. Diese kurz angebunden: "Einleitung hat man Ihnen ja nahe gelegt vor 2 Tagen. Da nehmen Sie jetzt mal diese Tablette und gehen immer 2 Stunden spazieren; dann schauen wir nach dem Muttermund; passiert bis heute Abend nichts gibt’s die nächste Tablette. Und da lag dann der Zettel zum Unterschreiben: Cytotec (nicht zugelassen für die Geburtsmedizin). "Darf ich dazu noch eine Frage stellen?" fragte ich. Die Ärztin signalisierte mit einem Blick auf die Uhr an der Wand -ja aber schnell. "Haben Sie persönlich Erfahrung mit dem Medikament und würden Sie es empfehlen?" war meine Frage. Ein Zögern… dann die Antwort: "Also ich hatte das bei meiner 2. Tochter. Die Wehen waren schon anders." Ganz ehrlich hätte sie anders reagiert, wäre ein Überzeugen vielleicht möglich gewesen, aber die Antwort und der Gesichtsausdruck dazu -nein danke. Für die nächste Frage erntete ich einen entnervten Blick: "Was gibt es für Alternativen?". Man könne mit Geel einleiten, aber das bedeutet 2h liegen und Dauerüberwachung. Müsse ich mir überlegen, ob ich das wirklich will. Da ich mit Liegen absolut kein Problem hatte -warum nicht. Erstmal noch 30 Min CTG- keine Wehen. Also hoch auf Station in mein Zimmer. In dem Zimmer war eine nette junge Mutter -ihr Baby auf der Intensivstation; sie nur am telefonieren und totunglücklich. Ich zur Stationsschwester gegangen und mit viel Theater durchgesetzt, dass wir ein Familienzimmer bekommen (was auch vorher im Fall ich muss drin bleiben ausführlich geplant worden war). Anschließend wurde alle 2 Stunden im Kreissaal angerufen, ob wir runter kommen dürften. 13 Uhr, 15 Uhr, 17 Uhr und ich verlor die Geduld. Wir gingen spazieren und Abendessen. 19 Uhr dachte ich das wird nichts mehr und die Warterei ist schon ziemlich fies. Ob das sein muss ließ ich meinen Mann zwischendurch mal fragen. 20.15 Uhr durften wir dann doch losgehen. Ich war fertig mit den Nerven. Über 12 Stunden Warten nicht meine Welt! Jetzt durften wir einen Kreißsaal beziehen und endlich untersuchte mich mal jemand. Muttermund bei 3cm -der perfekte Geelbefund, meine die neue Ärztin. Ehrlich, aber vorher mir die Tablette aufdrücken wollen… 1h ans CTG -keine Wehen. Dann kam die Ärztin mit dem Geel an. Ich wurde schmerzhaft eingeschmiert und 22.15 Uhr stellt sich unsere Hebamme vor. Da war das Geel keine 30 Min drin und jetzt wusste ich auch was Wehen sind und warum immer alle gesagt haben, dass ich das schon merke, wenn es "richtige Wehen" sind. Vorab zur Geburtsplanung hatte ich abgeklärt PDA okay, aber wegen Bandscheibenvorfall nur 1 Versuch. Soweit alles klar; die Wehen wurden stärker und ich bewegt mich immer zwischen meinem Mann in der Wehenpause und zur Spossenwand bei Wehen. Die Schmerzen waren schon nicht nett aber aushaltbar. Ich fragte nach einer PDA im Wissen eh ein Arzt dafür kommt das dauert. Plötzlich bekam ich an der Kreissaalliege einen Krampfanfall -auch das war vorab besprochen -nur schien weder die Hebamme noch die dann kommende Ärztin meine Akte gelesen zu haben. Mein Mann übernahm also das Notfallmanagement war auch nicht sein erstes Mal und das Klinikpersonal stand daneben. Nach 3 Minuten war ich wieder da und atmete wieder alleine. "Ja so geht das ja nicht." hörte ich irgendwo. Nun kam der Narkosearzt. Unter Legen der PDA erlitt ich den nächsten Krampfanfall. Wieder war mein Mann großartig und kümmerte sich um mich. Als ich zu mir kam hörte ich das Wort Notkaiserschnitt und meinen Mann der sich hart dagegen aussprach. Die PDA wirkte und ich bekam den 3. Anfall. Wieder bei Bewusstsein war ich so erschöpft, dass ich der Aufforderung aufs WC zu gehen schwer folgen konnte, aber es ging irgendwie. Inzwischen war der 16.06. 0.49 Uhr ein zweiter WC-Gang stand an. Zwischendurch hatte ich im Arm meines Mannes mal 40 Minuten auf dem Bett die Augen zugemacht. Die Wehen waren jetzt schon wieder spürbar, aushaltbar und ich probierte allerlei Dinge im Kreissaal aus: Pezziball ging eine Zeit gut, das Seil (hatte meine Mutter empfohlen) wurde als zu instabil abgetan, Hocke oder Vierfüßlerstand auch nicht meins. Also wieder zur Sprossenwand um die Wehen brav zu veratmen. 1.30 Uhr kamen die Wehen in unter 2 Minuten-Abständen und ich bat um einen PDA-Nachschub. Der Muttermund war bei 7-8 cm laut der Hebamme; der Kopf des Babys tief im Becken. 1.45 Uhr gab es dann den Nachschub PDA, aber der Wehenabstand blieb kurz nach etwas Erleichterung von ca. 10 Minuten wenig spürbarer Wehen bei konstant 2 Minuten. Die ältere Hebamme scheute meinen Mann durch die Gegend und gab jetzt Atemanweisungen. Ich lag inzwischen nur noch mit CTG am Bauch in Seitenlage auf dem Kreißbett. Ob schon ein Druck nach unten spürbar sein, kam die Frage. "Etwas" meine knappe Antwort. 2.25 Uhr wurde es plötzlich mit einem lauten Plopp nass zwischen meinen Beinen und eine Lawine grünen Fruchtwassers ergoss sich auf den Boden. Die Hebamme entkam gerade so dem Schwall mit einem schnellen Ausweichschritt zur Seite. Weiter wurden Atemanleitungen gegeben. Ich hatte langsam etwas Luftnot. 2.47 Uhr -der Kopf des Babys war jetzt wohl schon zu sehen. Die Oberärztin wurde informiert telefonisch, dass sie jetzt langsam kommen könnte. In Rückenlage sollte ich mich drehen und die Knie umfassen, was ich aber nicht angenehm fand. Die Hebamme übernahm das Knie randrücken und nahm auf einem Stuhl Platz. Meinen Mann scheuchte sie zum Kopfhalten ans obere Ende der Liege. 10 Minuten dauerten die Presswehen weiter aller 2 Min. "Der Kopf ist draußen!" kommentierte die Hebamme, was ich aber schon selber mitbekommen hatte so viel Gefühl war noch da. Keine Sekunde später, 2.57 Uhr, krachten ohne Vorwarnung bei einer 2. Wehe (ohne 2 Minuten-Pause) die Schultern unseres Babys gleichzeitig aus meinem Becken und bescherten mir einen geraden Dammriss 2. Grades. Wie das Gewebe riss bekam ich gut mit. Im Geburtsbericht steht: "Spontangeburt eines lebensfrischen Mädchens. Schreit nach Hautreizung." Und da war sie nun unsere Tochter und wurde mir sofort auf den Bauch gelegt. Nun wartete ich auf den alles überschwemmenden Glücksmoment mit Schmerzen vergessen und nur noch das Baby anhimmeln… na ja. Der Hormonballon schwebte an mir vorbei und explodierte über meinem Mann, der einfach nur sprachlos dastand und die Kleine anschaute; 1 Hand immer noch auf meinem Kopf. Die Ärztin kam rein 1 Minute zu spät. Mein Mann durfte die Nabelschnur durchschneiden und die Kleine zum Wiegen, Abwischen, Mütze-aufsetzen und zur U1 begleiten. "Wickeln kriegen Sie hin." hörte ich nur von der Hebamme an ihn gerichtet. Nun bekam ich noch Ocitoxin 3 Einheiten gespritzt und keine Minute später flutschte die Nachgeburt aus mir raus (3.03 Uhr) - ein schauriges Gefühl. Ich bekam mein Baby zurück auf den Bauch.
Immer noch auf das Glücksgefühl wartend kam jetzt der unangenehmste Teil der ganzen Geburt: nach 6 Spritzen zur örtlichen Betäubung des Dammrisses (PDA war fast weg) wurde mit 2 Stichen angefangen zu nähen. Und dann waren alle weg. Die Hebamme kam rein: "Frau Doktor Notfall!" und die Ärztin ließ alles stehen und liegen für sage und schreibe 2h! -als hätten wir nicht schon genug gewartet... Mein Mann musste die Kleine nehmen; an Anlegen oder Kuscheln war nicht zu denken. Die Schmerzen wurden immer mehr im Intimbereich, auf´s WC musste ich dringend und immerhin lag ich da schon 1h bevor das Kind da war in dem Stuhl mit beiden Beinen festgeschnallt nach oben. Die Zeit wurde unerträglich. Irgendwann gegen 4.45 Uhr kam die Ärztin wieder und nähte nach nochmaliger Betäubung (die erste war ja raus) nochmal eine knappe Stunde. Mein Kreislauf kollabierte und ich sackte kurz in Ohnmacht. Mein Mann mit dem Baby und mir etwas überfordert, ging es auch nicht mehr super. Beim "Aufstehen" aus dem Stuhl schrie ich zum ersten Mal in der Nacht vor Krämpfen in den Beinen auf. Auf Station laufen konnte ich nicht und die nächsten 24 Stunden weder mein Baby richtig halten noch schlafen.
Gott sei Dank ist die Kleine gesund. Sie ist ein Papa-Kind und ich hatte die ersten 2 Wochen mit Bindungsstörungen zu kämpfen und jetzt 6 Wochen später kämpfe ich immer noch mit dem Thema Stillen… das war mein Bericht. Musste ich mir mal von der Seele schreiben.

1

Großes Drama...

2

Super gemacht! Ich finde es gut und richtig, dass du deine Geburtsgeschichte ehrlich aufschreibst. Nicht jede Geburt ist perfekt und das ist nun mal so. Ich wünsche euch gutes Ankommen!