Autismus und Schule, ein Erfahrungsbericht

    • (1) 14.10.16 - 18:31

      Einen wunderschönen guten Abend liebe Mitmütter,

      Ich habe sehr lange nichts konstruktives mehr in diesem Forum von mir gegeben aber jetzt haben wir Herbstferien und ich habe ein bisschen Zeit.

      Ich habe einen Sohn 6 Jahre alt welcher im letzten August eingeschult wurde.

      Die Wahl der Schule hat mir vorher ein wenig Kopfzerbrechen bereitet denn er hat die amtliche Diagnose Frühkindlicher Autist was ja alles und nichts heißen kann.

      Bei ihm manifestiert sich das eher im emotional-sozialen Bereich als in Sprache oder Motorik.

      Ich habe also alle in Frage kommenden Schulen eingehend begutachtet und bin bei einer Grundschule gelandet die seit 20 Jahren gemeinschaftlichen Unterricht mit ''behinderten'' und ''normalen'' Kindern betreibt und nicht erst seit 3 Jahren Inklusion, weil man das ja jetzt muss.

      Gut, dachte ich mir, die haben Erfahrung da schicke ich mein Kind hin.

      Gesagt getan, beim Anmelden hat sich Sohn noch wunderbar benommen, war ja auch alles neu und interessant und es gab ein Klettergerüst (ausschlagendes Argument für ihn, Sache geritzt)

      Es kam der Tag der Einschulung, alle mächtig nervös bei 35 Grad, und es lief erstaunlich rund.

      Keine Schubsereien, kein Gemaule kein Treten, Hauen, Beißen oder sonstige Attacken die vorkommen können wenn andere Kinder seine ''Kreise'' stören.

      In weiser Vorraussicht habe ich schon Wochen vor der Einschulung mich mit dem zuständigen Jugendamt in Verbindung gesetzt und nach diversen Terminen mit und ohne Kind wurde ihm eine Schulbegleitung vorläufig zugesagt auch ohne Kommentar der Schule.

      Hier ein kleines Dankeschön an die unglaubliche Frau vom Jugendamt Köln, sie ist ne Wucht :)

      Die erste Schulwoche lief auch erstaunlich reibungslos, wir fahren morgens mit dem Bus hin, ich liefer ihn ab und fahre danach zur Arbeit.

      Ab Woche 2 ging es dann aber los.

      Eltern und Lehrer kommunizieren über einen sogenannten Wochenplan. Da stehen für uns interessante Dinge drin wie die Wochenziele, was so drangenommen wurde und wir Eltern können Gespräcshtermine erfragen mit dem Ding.

      Zunächst stand ganz zaghaft drin, dass Sohn wohl die Nähe der anderen Kinder nicht zu schätzen wüsste, dann später detailliert was er alles so angestellt hat.

      Ich also innerlich geseufzt....hatte ich doch zu früh aufgeatmet.

      Nun müsste eigentlich der übliche Jammerpost kommen von genervten Lehrern (bzw Lehrerinnen...es sind ganze 2 in der Klasse) und ich als Mutter müsste das unmögliche Betragen meines Sprösslings rechtfertigen...

      Neeein es kommt ganz anders...

      Ich habe mich mit einer der Lehrerinnen zusammengesetzt und wir haben einen Schlachtplan entworfen wie wir das Zusammenleben zwischen Klasse und Sohn vereinfachen können. Die Frau hat unglaubliches Engagement in die ganze Angelegenheit eingebracht.

      So darf Sohn mit seinem Schulbegleiter jederzeit die Klasse verlassen, in den ruhigeren Nebenraum gehen und dort seine Aufgaben machen. So wird verhindert, dass er sich aufregt wenn der Lärmpegel für ihn zu hoch wird.

      Er muss nicht mit den Anderen frühstücken wenn er nicht möchte, meistens läuft es so, dass er draußen spielt (alleine und in Ruhe) und die anderen frühstücken und dann wird getauscht, er isst und der Rest der Bande ist draußen und hat Pause.

      An jedem Tag an dem er kein Kind ''angeht'' also weder banal schubst noch böse tritt oder schlägt, bekommt sein Wochenplaner an besagtem Tag einen Stempel als Belohnung und der erste Tag an dem er den Stempel schaffte war für ihn ein Triumph.

      Im Kindergarten haben die Erzieher viel abgetan mit Kommentaren wie: Das wächst sich aus, das ist eben so, er wird sich nie ändern, wir schaffen das nicht, bitte holen sie ihn ab ect...

      Ich bin unglaublich begeistert mit welcher Leidenschaft die Lehrerinnen dieser Schule das Kidn versuchen zu integrieren.

      Er durfte sogar mit auf einen Ausflug das wurde im Kindergarten immer möglichst vermieden, man wusste ja nie was er so anstellt.

      Was soll ich sagen? Er war glücklich an dem Tag und hat strahlend alles erzählt.

      Es wird noch ein weiter Weg bis wirklich alle zueinander gefunden haben aber er mag jetzt schon die Schule und seine Lehrerinnen sehr gerne, sagt seine Begleitung ist seine Freundin und lernt fleißig.

      Seit neuestem ist da wohl auch ein Freund, mit dem er die Pause zusammen verbringt, ich bin ja mal gespannt :)

      Ich wollte das nur mal niederschreiben, als positiver Erfahrungsbericht nach sehr viel Frustration mit überforderten Erziehern und manchmal zähen Ämtern....

      ich wünsche euch noch ein schönes Wochenende

      eure Cait

      • (2) 19.10.16 - 10:37

        Schön wenn es für euch rund läuft -allerdings bin ich eine Mutter deren Kind nun auch mit einem asperger Autisten täglich zu tun hat. Grundsätzlich ist er sehr sozial u hat viel Verständnis für Kinder mit Handicap allerdings erzählt er oft von recht groben Aktionen wie werfen mit Mobiliar oder Angriff des Lehrers -diese reagieren dann mit aus der Klasse bitten .. ich frage mich schon hat das denn einen Nutzwert für den Autisten der ständig mit Begleiter den Raum verlassen muss u nur negative Reaktionen erntet ? Es bringt erhebliche Unruhe mit sich u ich fürchte täglich es könnte was passieren .. Integration gut u schön aber ich zweifle beizeiten daran ob der Weg ein richtiger ist für alle Beteiligten ?

        • (3) 19.10.16 - 21:08

          Einen wunderschönen guten Abend,

          er muss keineswegs den Raum verlassen aber ihm wurde die Möglichkeit eingeräumt (ihm und noch weiteren Kindern mit sogenanntem ''Förderbedarf'') dass er wenn der Lärmpegel zu hoch wird oder das allgemeine Gewusel zuviel wird, den Raum verlassen darf eben damit es gar nicht erst zu solchen Situationen wie von dir beschrieben kommen kann.

          Wenn Autisten einem unangenehmen Reiz eine zu lange Zeit ausgesetzt werden dann kommt es zu einer meist sehr heftigen und für Aussenstehende völlig unvermittelten Reaktion (meist Gewalt gegen Gegenstände oder Menschen oder Brüllen und Schreien) und mein Kind kann mittlerweile ganz gut einschätzen wenn ihm eine Situation zuviel wird. Er nimmt sich dann selber aus der Gefahrenzone sozusagen und das Konfliktpotential ist geschmählert. Dieser Lernprozess hat allerdings ne Weile gedauert... ne lange Weile :D

          Wenn ein Kind nur aneckt und den Raum verlassen muss um die Mitschüler quasi zu schützen, dann ist das Projekt Integration, wie du schon sagtest irgendwie gescheitert... da stimme ich dir vorbehaltlos zu. Niemand möchte, dass das eigene Kind der Unruhestifter der Klasse ist und die anderen Kinder (oder deren Eltern) Angst bekommen, deshalb bin ich ja von der Methode wie das die Lehrerinnen meines Sohnes handhaben so begeistert.

          lg Cait mit endlich schlafendem Kind :D

          • (4) 20.10.16 - 11:46

            Danke für deine Rückmeldung ich werde also auch ein Gespräch suchen mit der Schule u bitten mehr drauf zu achten das es gar nicht erst zur Eskalation immer kommt offensichtlich passiert es aber gern morgens schon wer weiß was ihn da schon alles gereizt hat am Schulweg ? !

      (5) 19.10.16 - 10:57

      Hallo Cait,

      ich habe/hatte bis jetzt nichts mit Autisten zu tun, finde es aber einfach toll, wie schön du diesen Erfolg schilderst und Dich freust, dass Dein Kind eine auf sich spezialisierte Betreuung erhalten darf und diese auch mit aller Unterstützung erhält.

      Ich wünsche Euch von Herzen weitere Erfolge und kann das Engagement der Lehrerinnen auch nur als sehr positiv bezeichnen!

      Es tut gut einfach mal auch einen positiven Bericht zu lesen!

      Alles Gute.

      (6) 19.10.16 - 14:24

      Hallo!

      Ich bin selbst Mama einer 10 jährigen Asperger-Autistin.

      Ich finde deinen Bericht toll, da habt ihr scheinbar wirklich gute Lehrer bekommen die sich auch einsetzen.

      Ich sehe auch gerade wie unterschiedlich es sein kann. Wir haben jetzt im Herbst in die Mittelschule gewechsel (Österreich) und plötzlich ist alles ganz anders. Die letzten 4 Jahre haben sich die Lehrer überhaupt nicht mit Autismus ausgekannt, meine Tochter war auch das erste autistische Kind, dass die Lehrer betreut hatten und so war sie natürlich nie auch nur irgendwie auffällig. (Es stimmt schon, dass sie nur leichte Auffälligkeiten zeigt, dennoch wenn man sich auskennt - und mir wurde gesagt die Lehrer kennen sich gut aus - dann kann man es sehr wohl erkennen). Naja, nachdem die Noten immer sehr gut waren und wir bis auf kleinere Auseinandersetzungen keine Probleme hatten haben wir es jetzt in der neuen Schule ganz anders.

      Nach nur 3!!! Wochen hat mir die neue Klassenlehrerin bestätigt, dass man sehr wohl erkennt, dass meine Tochter autistisch ist. Es gibt immer wieder Situationen in denen sie ganz typisch reagiert. Keine starken Auffälligkeiten, aber sie sind halt eben da. Und sie gehen so super damit um. Versuchen sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, drängen zu nichts und gehen auf sie ein.

      Alleine der Druck den alle immer wegen des Essens auf sie ausgeübt haben ist jetzt weg. Schon vom KiGa an hieß es immer in der Gruppe wird sie schon essen. Hat sie aber nicht (noch heute isst sie nur ganz wenige bestimmte Lebensmittel).

      Du schreibst ja auch, dass dein Sohn scheinbar besser ist, wenn er nicht in der Gruppe essen muss. Wie ist dass denn bei euch zu Hause?

      Meine Tochter isst am liebsten allein in ihrem Zimmer ist mir schon aufgefallen, hab mir darüber aber noch keine Gedanken gemacht, vielleicht ist es ihr wirklich einfach zu stressig unter vielen Leuten zu essen?

      Du wirst sehen, das mit den Freunden ergibt sich auch bald. Im KiGa dachte ich noch, meine Tochter bekommt nie Freunde und jetzt findet sie sehr schnell neue Freunde, wobei sie sich ihre Freunde immer gut aussucht. Und sie ist auch sehr beliebt.

      Du wirst sehen, mit guter Unterstützung der Lehrer werdet ihr sicher keine großen Probleme haben.

      LG Mina

      • (7) 19.10.16 - 21:14

        Nabend :)

        es tut sehr gut, eine Meinung von einer ''mitbetroffenen'' zu lesen.

        Zum Thema Essverhalten:

        Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, weshalb er alleine frühstückt aber ich denke, das hängt eher damit zusammen, dass er alleine Pause hat und das Zeitmanagement sonst durcheinandergerät. Essen war nie ein Thema.
        Er isst bis auf wenige Dinge eigentlich alles, probiert zumindest und weiss auch wie man sich in der Gruppe benimmt und Mittags isst er ja auch mit der halben Schule zusammen, und da ich da bisher noch keine negativen Rückmeldungen bekommen habe, gehe ich mal ganz optimistisch davon aus, dass das zu klappen scheint :D

        Ich finde es klasse, dass eure Lehrer da auch ein geschicktes Händchen zu haben scheinen und auch wenn die Auffälligkeiten nur minimal sind, das erkennen und damit umgehen können.

        Ich kann mir derzeit noch überhaupt nicht vorstellen, wie das mal in einer weiterführenden Schule aussehen soll bei uns aber darüber muss ich mir ja Gott sei Dank die nächsten Jahre auch keine Gedanken machen :)

        lg cait

        • (8) 21.10.16 - 14:27

          Hallo!

          Du wirst sehen, in den nächsten Jahren wird sich so viel ändern. Als meine Tochter zur Schule kam hab ich mir auch nie gedacht, dass es so ist wie es heute gekommen ist. Damals im KiGa kam sie mit keinen Kindern zurecht. In der 2. Klasse die erste Annäherung und die ersten Freundschaften (allerdings immer mit Kindern die selbst gewisse "Auffälligkeiten" im Sozialbereich zeigen, aber egal). - Gestern erst hab ich mit einer Psychologin darüber gesprochen die gemeint hat, egal, und gleich und gleich gesellt sich gerne.

          Die ersten 2 Jahre hatte meine Tochter auch mega Angst weil sie wußte nach 4 Jahren muss sie die Schule verlassen und wieder ist alles neu. Und jetzt war es kein Thema mehr, und innerhalb der ersten Woche waren auch schon die ersten Freundschaften geschlossen (wieder mit auffälligen Kindern, aber das bin ich ja inzwischen gewohnt - sie fällt daher dann oft noch weniger auf als die anderen, auch wenn die in anderen.

          Mit dem Essen kämpfen wir leider seit dem Kleinkindalter, haben uns da auch schon informiert, aber bisher nicht wirklich eine Lösung gefunden. In der vorigen Schule war sie vom Essen befreit und durfte ihr eigenes Essen mitnehmen. Jetzt ist sie sowieso nur noch halbtags in der Schule.

          Was mir gestern die Psychologin noch gesagt hat, auch wenn Routinen bei Autisten wichtig sind, sollte man es damit nicht übertreiben, auch Autisten müssen sich an Veränderungen gewöhnen, vor allem wenn sie noch so jung sind, damit sie später besser zurecht kommen (was ich von meiner Seite bestätigen kann, denn seit der Diagnose hab ich darauf geachtet nicht überall alle gleich zu machen - vieles endete zwar in Wutanfällen, aber heute kommt meine Tochter wesentlich besser mit Veränderungen zurecht als noch vor 3 oder 4 Jahren).

          LG Mina

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