Elektiver Mutismus

    • (1) 16.05.17 - 23:45

      Hallo..

      Meine große Tochter (3) hat heute die Diagnose elektiver Mutismus bekommen.... im Netz finde ich nur Seiten die beschreiben was das ist. Aber nicht wie ich als Elternteil ihr helfen kann/ Sie unterstützen kann.... die Suche nach einem passenden Arzt starte ich morgen..... aber bis zu einem Termin will ich sie doch auch unterstützen.....
      LG

      • Zuallererst: mit der Diagnose ändert sich nichts, du hast deine Tochter hoffentlich drei Jahre lang unterstützt, sie ist nun nicht plötzlich ein anderes Wesen, welches anders behandelt werden muss nur weil ihre Wesenszüge nun einen Namen haben.
        Mutismus ist meiner Ansicht nach absolut nichts wovor man Angst haben muss, Hauptsache man therapiert das Kind nicht kaput.

        Bei unserem Jüngsten wussten wir spätestens ab dem 2. Geburtstag, dass er Mutist ist, diagnostizieren lassen haben wir ihn erst bei Schulbeginn. Wie wir ihn unterstützt haben: Seine Wahrnehmung und seine Bedürfnisse akzeptiert. Wenn wir mit ihm in der Öffentlichkeit unterwegs waren, haben wir nie das Gespräch mit ihm gesucht, wenn unbedingt notwendig haben wir ihn informiert, zb. "da vorne nehmen wir dann den Bus" oder so. Zwingend notwendige Fragen haben wir so gestellt, dass er sie wortlos beantworten konnte.
        Wir haben ihn nie dazu aufgefordert mit anderen Leuten zu reden, sich zu bedanken, Kekse anzunehmen oder was auch immer. Wir haben dies für ihn übernommen. Wir suchten früh zusammen mit ihm Strategien, wie er seine "Schwäche" kompensieren kann, statt blumiger Dankesworte beispielsweise ein von ihm gepflücktes und von uns überreichtes Blumensträusschen für die Oma.
        Ab dem zweiten Geburtstag besuchte er die Waldkinderkrippe, den ganzen Tag in der freien Natur, zudem bekam er so erste Gelegenheiten Beziehungen ausserhalb der Familie aufzubauen.
        Ab dem 3. Geburtstag besuchte er zusätzlich die Spielgruppe, mit 4 Jahren den Kindergarten (Schweizer Schulsystem).
        Wir schufen ihm ein Beziehungsnetz von Leuten welche auch nonverbale Kommunikation als vollwerige Kommunikationsform akzeptierten.

        So erweiterte sich kontinuierlich der Kreis der Menschen mit welchen er zunehmend verbal kommunizierte. Er nahm sogar an Ferienfreizeiten der Kirche teil!
        Ab vier Jahren besuchte er den Regelkindergarten, ab sechs Jahren die Regelschule. Die Grundschulzeit war die schwierigste Zeit, denn hier hatten wir keine freie Wahl der Schule und Lehrkräfte, dabei waren einige gänzlich ungeeignete Lehrer/innen.

        Deshalb suchten wir ihm in der 5. Klasse eine geeignete Psychologin, im Hintergrund zusätzlich einen Psychiater, zudem zeigte sich nun auch, dass zum Mutismus auch Autismus dabei ist. Auch hier handelte es sich nicht um eine eigentliche Therapie, sondern darum, dass er Fachleute an der Seite hat, die dolmetschen/seine Besonderheit erklären können.
        Unser Sohn hatte zu keinem Zeitpunkt einen I- oder Förder-Status, Nachtteilsausgleich ist in der Schweiz noch kaum bekannt, dennoch war er stets Klassenbester und bestens von allen Schulkameraden akzeptiert.
        Er ist nun 15, immer noch still und leise, wenn es unumgänglich ist, dass er mit Fremden reden muss, dann ist seine Stimme leise, monoton, er spricht dann Hochdeutsch, er managt alles seine Termine selbstständig, hat bei vertrauten Menschen eine völlig normale Stimmodulation, er ist sehr reflektiert und jeder ist absolut davon überzeugt, dass er seinen Weg gehen wird und sein grosses Potential nutzen wird, nächste Ziele sind Abitur und Studium plus natürlich Erwachsen werden.

        • Mein kleiner hat selektiven Mutismus.
          War ein steiniger Weg bis zur Diagnose.
          Bei uns zu Hause klappt die Kommunikation weitesgehenst normal.
          Seit Anfang diesen Jahres sind wir bei einer tollen Logopädin die auch auf Mutismus geschult ist und unser kleiner wollte auch unbedingt zu ihr (sein Bruder ist dort schon etwas länger wegen Sprachprobleme und er fand das so toll)
          Die Logopädin hatte ihn zuerst als "Gastkind" beim Bruder dazu genommen und dann haben wir für ihn ein eigenes Rezept geholt nachdem klar war sie bekommt Zugang zu ihm.

          Bei uns in der Familie , besser gesagt meine Seite, ist dieses Thema in jeder Generation vorhanden. Mein Bruder war betroffen, meine Mutter, meine Cousine, meine Oma.
          Bei allen war es allerdings Gott sei dank die schwache Ausprägung die im laufe der Zeit sich deutlich besserte.

          Wir haben mit ihm nun auch Bogensport begonnen, der Sport gefällt ihm und er lässt sich erstaunlich gut was von den Trainern sagen.

          Probleme gab es jetzt zum Thema Schule IQ sehr hoch aber irgendwas war bei der Kooperationslehrerin was nicht so ganz gepasst hat und er hat sich verschlossen. Beim Schulreifetest den ne andere Lehrerin gemacht hat war er wie ausgewechselt und komplett offen.

          Wichtig ist das du auf die Zeichen deiner Tochter achtest und sie nicht versuchst in was hinein zu drängen.

          Wie sagt die Logopädin? Es gibt Situationen da ist dieses Mutismus Gespenst unüberwindbar groß und dann wieder klein und sie arbeiten nun daran dass das Gespenst auf dauer so klein wird das man dafür ein Mikroskop braucht um es zu sehen.

          Danke für deine umfassende Antwort... natürlich haben wir sie vorher auch immer schon unterstützt... und ich gehörte auch Gott sei dank nie zu den Müttern dir drauf bestanden haben dass sie sich bedankt oder sich verabschiedet. Ja, sie ist einfach anders.... aber jeder ist anders und sie soll ja auch ein eigenständiger Mensch sein... aber ich hatte was Von Angst Störung gelesen und möchte nicht das meine Tochter mit Angst durchs Leben gehen muss.... na ja... heute (19.05) hat sie erstmal ihren 3. Geburtstag.. und denn werden wir erstmal ordentlich feiern....
          Danke nochmal....

      Hallo,

      meine Tochter (fast 12) hatte selektiven Mutismus. Eine ganz ganz wichtige Sache ist es, dass kein Erwachsener das Sprachrohr des Kindes ist. Es ist zwar sehr hart, sowohl für euch Eltern als auch für das Kind, aber nur so lernen die Kinder schrittweise und langsam zu reden.

      Wende dich an eine Frühförderstelle mit einer guten Logopädin und Heilpädagogin, die sich in dem Bereich auskennen und versuch mit deiner Tochter in die Sprachheilrehaklinik Werscherberg in Bissendorf bei Osnabrück zu kommen.
      Ansonsten findest du viele Infos auf rehakids.de.

      Und bedenke den Weg den ihr gehen müsst, wird schwer und ihr werdet viel Kraft brauchen und immer wieder für eure Tochter kämpfen müssen. Immer wieder erklären müssen, warum redet das Kind nicht. Oft wird das Verhalten, bei Nichtwissen, falsch interpretiert. Ihr fangt zum Glück früh an mit der therapeutischen Unterstützung. Eure Tochter hat die Chance "normal" sprechen zu lernen. Unsere Tochter hat es auch geschafft.

      Wenn du noch Fragen hast, kannst du mich gerne per PN anschreiben.

      Liebe Grüße
      mckiki

      • Ob Mutismus heilbar oder nur überwindbar ist, da gehen die Meinungen weit auseinander, insbesondere bei Betroffenen. Ich kenne viele die sagen, Mutismus ist und bleibt ein Teil von mir, aber ich kann damit umgehen und verspüre keinen Leidensdruck.

        Bis zu einem gewissen Alter ist es durchaus angebracht, dass Eltern gewisse Sprachrohrfunktionen übernehmen, natürlich muss das Schrittweise abgebaut werden.
        Unser Jüngster hat ohne Druck und praktisch ohne Therapien gelernt sich zurecht zu finden, was ihn jedoch von klein auf begleitet hat, ist das Ziel vor Augen, dass er lernen kann, muss und wird sich in der Gesellschaft frei zu bewegen, dass er lernen wird verbal zu kommunizieren, Strategien wie er an dieses Ziel kommt wurden gemeinsam entwickelt. Aber wie gesagt, ohne jeglichen Zwang oder Druck.

        • Hallo,

          ich denke nicht, dass Mutismus heilbar ist wie z.B. eine Grippe o.ä.. Aber er ist, wenn früh genug mit Therapien, Rehaaufenthalten etc begonnen wirdist Mutismus in dem Rahmen überwindbar, dass die betreffende Person am Leben ohne massive Einschränkungen teilhaben kann.

          Aber und das ist das, für mich wirklich entscheidende ist, dass die Therapie und Unterstützung so früh wie möglich beginnt. Je eher die Eltern sich Hilfe holen, desto mehr Chancen haben die Kinder.

          • Ok, dann haben wir ungefähr diesselbe Ansicht.

            Bei Therapien bin ich einfach zum Punkt gekommen, dass "nützt es nichts, so schadet es nichts" bei Mutisten und Autisten nicht zutrifft, im Gegenteil. Der Schaden kann fatal sein.
            Deshalb bin ich äusserst vorsichtig geworden bei der Wahl eines Therapeuten, einer Therapie oder einer sonstigen "Fachstelle". Denn 90 Prozent aller sogenannten "Fachleute" haben exakt Null Ahnung von der Thematik (ausser vielleicht ein Kino Besuch als Rain Man lief), das Unwissen kompensieren sie mit Selbstüberschätzung und anderen Ingredienzien.

      Dankeschön... ich werde sicherlich auf das Angebot zurück kommen????

Hallo,
sprecht mal mit eurem Therapeuten inwieweit ein Talkpad eurer Tochter helfen kann. Gerade im Hinblick auf den Kindergarten. Wir haben unerwartet positive Erfahrungen damit gemacht.
Wenn du Fragen hast gerne per PN
LG S.

  • Könntest Du mir bitte erklären was ein Talkpad ist, klingt interessant...
    Danke

    • Das ist unser Talkpad. Es ist im Prinzip ein Ipad mit einer stabilen Hülle und Tragegriff. Wir haben zwei Programme drauf, einmal GoTalkNow, das ist einfacher als das andere "Metatalk", welches auch häufig in "Sonderschulen" genutzt wird. Auf dem Bild ist das Metatalk abgebildet, mit dem ist es einfach ganze Sätze zu bilden. Die Icons können angeklickt werden und entweder auf eine neue Seite mit Icons führen oder eben das Wort in den Satz einfügen. AUf Knopfdruck wird dann der eingegebene Satz gesprochen.

      Das einfachere Programm, welches wir im Moment hauptsächlich nutzen, hat Icons, die auch auf neue Seiten Icons führen oder das abgebildete Wort in einer Kinderstimme (bei uns Mädchenstimme) direkt spricht. (Die ANzahl der Icons pro "Seite" kann man individuell auswählen von 4 über 9, 16, 25, usw bis zu glaube ich 64) Man kann auch Fotos machen und selbst etwas draufsprechen oder schreiben. Wir machen Fotos am Wochenende und ich schreibe dann was sie so erlebt hat (Die Stimme spricht das dann richtig gut). Die Icons kann sie dann drücken und im Kindergarten davon erzählen (lassen) was sie eben erzählen mag. Da sie zuhause ja spricht, mache ich das mit ihr zusammen, sie sgat mir was ich draufschreiben soll. Manche Sachen hat sie sogar zuhause selbst drauf gesprochen. Sie spricht (fast) nicht im Kindergarten, seit sie das Talkpad hat, erzählt sie sehr gerne und kommuniziert damit mit ihren Freunden. AUch der Kindergarten pflegt Ereignisse und Wörter ein. Das Programm muss man selbst gestalten.

      Es ist übrigens auch gut für Senioren geeignet, die nicht mehr sprechen können.

      Ich hatte damals auf Empfehlung unserer Logopädin einen Vertreter von rehavista bei uns zuhause eingeladen (kostet nix) und der hat mir die Möglichkeiten gezeigt (Es gibt auch andere Geräte/Programme). Außerdem hat er dann einen Kostenvoranschlag erstellt. Mit Rezept vom Arzt, Stellungnahme der Logopädin und Kostenvoranschlag bin ich dann zur Krankenkasse und habe es genehmigt bekommen.

      LG

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