Empfindlich?

    • (1) 06.05.18 - 19:22

      Es lässt mir irgendwie keine Ruhe.

      Eine gute Bekannte - kenne sie seit einem halben Jahr - sagte zu mir, sie habe neulich mit ihrem Psychologen gesprochen. Der meinte, wenn Kinder entwicklungsverzögert sind, sei das in den meisten Fällen Schuld der Eltern.
      Dass dann schon in der Schwangerschaft Stress war, den das Kind mitbekam oder bei der Geburt oder später etc., schlechte Stimmung daheim ist, nicht genug mit den Kindern geredet wird usw.

      Muss dazu sagen, dass sie mein Kind (5) erst einmal gesehen hat, wir verabreden uns immer ohne.
      Wir reden auch nie, also fast nie über Kinder, wenn wir uns sehen.
      Ihre sind schon aus dem Haus. Sie ist etwas älter als ich und ich bin spät Mama geworden.
      Sie fragt auch nie groß nach, während ich inzwischen ihre halbe Lebensgeschichte kenne.
      Und sie erzählt ganz viel über Leute, die sie nerven, weil die nur über sich reden, sich für sie nicht interessieren.




      Nur neulich hatte mein Kind was angestellt, das erzählte ich ihr, weil mir das echt Sorgen machte. Sie verstand das nicht und sagte nur, ist doch nicht schlimm. Gab ihr deswegen eine Kurzzusammenfassung, dass meine Tochter schon seit Jahren Förderung bekommt, auf einem I-Platz ist und ich manchmal einfach durch bin...
      Wieder kam nur, das verwachse sich eh, wirst sehen...
      Die üblichen schlauen Sprüche, ihr kennt das ja.

      Jedenfalls ließ ich sie einfach reden, als sie mit diesem "die Eltern sind Schuld" um die Ecke kam, war aber völlig fassungslos und wechselte schnell das Thema.
      In mir brodelte es aber unaufhörlich.
      Irgendwann platzte ich dann doch.
      Was sie sich dabei eigentlich gedacht habe und was das nun heißen soll?
      Was sie denn glaubt, wie lange ich mich damit schon beschäftige?
      Und dass es ohnehin ständig um die Frage geht, wie kann ich mein Kind noch fördern oder fordern, was braucht es noch, was kann ich noch tun, um sich ja keine Vorwürfe machen zu müssen.
      Und dass das so anstrengend ist manchmal und man nur noch genervt ist und gleichzeitig permanent ein schlechtes Gewissen hat, weil man genervt ist...

      Mir reichen schon die Blicke der anderen, wenn sich mein Kind nicht altersgemäß verhält, was diese Mutter wohl falsch gemacht hat...

      Meine Bekannte wich aus, so habe sie das gar nicht gemeint, außerdem sei das doch nur die Meinung des Arztes.
      Und sie dachte, das könne mir vielleicht helfen...

      Wie soll das helfen, abgesehen davon, dass man darüber genug im Internet liest. Andere Mütter haben auch Stress in der Schwangerschaft und haben auch keine entwicklungsverzögerten Kinder.

      Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen.

      Bin ich zu empfindlich?
      Oder wie geht ihr damit um, wenn Leute, die überhaupt keine Ahnung haben, wie das ist, schlaue Ideen anbringen, was der Grund für das Verhalten eurer Kinder sein könnte?

      • (2) 06.05.18 - 20:10

        Hi, na ich habe mich beim Lesen richtig gefreut, dass du doch noch den Mund aufgemacht hast.
        Das war wichtig, richtig und gesund. Ich habe mich darüber ehrlich gefreut, weil das so unverschämt und Käsehoch10 war.
        Ein Psychologe ist nebenbei bemerkt kein „Arzt“. Psychologie ist eine Wissenschaft, deren Studium an einer Hochschule absolviert werden kann. Das Berufsfeld ist ziemlich weit gefächert und es gibt eine Reihe an Spezialisierungen innerhalb dieses Berufsfeldes. Ich würde auf diese Aussage/Erzählung gar nichts geben, selbstverständlich ist das absoluter Blödsinn!

        Ist das IHR Psychologe? Oder der ihres Kindes? Auf was ist dieser „Psychologe“ denn spezialisiert?

        Meinungen bilden sich meistens aus der Summe der Vorerfahrungen. Je nach Berufsfeld hast du ein bestimmtes Klientel an Patienten. In der Regel geht man mit reinen Entwicklungsverzögerungen nicht zum Psychologen, sondern z.B. zur jeweiligen Fachrichtung: Logo, Physio, Ergo usw.

        Der Weg zum Psychologen hat ja meist einen entsprechenden Grund und ist keine Willkür. Die Physiotherapeuten werden dir sicherlich nicht sagen, dass es meist am Elternhaus liegt und auch werden das die Logopäden nicht tun.
        Ein Psychologe der tatsächlich eine solche Aussage tätigt, ist ein Reinfall - sorry. Er ist in seiner Wahrnehmung auch ziemlich einfältig und beschränkt hinsichtlich Weitsicht.

        Und eine derart narzistische „Bekannte“ die obendrein solch einen taktlosen Stuss vom Stapel lässt, hätte ich schon längst den Rücken zugekehrt. Wir haben genug auf dem Buckel, da braucht man sich nicht noch zusätzlich unnötig mit solch bescheuerten Aussagen belasten.

        Liebe Grüße

        • (3) 07.05.18 - 07:48

          Danke für deine Einschätzung!
          Es ist der Psychologe meiner Bekannten, heißt, sie geht dort regelmäßig hin. Da diese Auskunft ja auch sehr privat ist, habe ich nicht weiter gefragt, ob es ein Psychotherapeut, Psychologe oder mehr Psycho-Coach ist.

          Freilich [b]kann[/b] Stress und Desinteresse die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen. Steht außer Frage, aber da es so viele andere Ursachen gibt, kann man unmöglich sagen: das kommt daher, dass die Eltern...

          Was mich ärgert: warum - wenn sie sich tatsächlich für das Thema interessiert, fragt sie denn nicht mich? Wie's mir damit geht, welche Geschichten ich schon hinter mir habe, welche Ängste, welche Hoffnungen ich habe?

          Ich glaube nicht mal, dass sie mich absichtlich angreifen wollte, aber bin fassungslos über ihre Taktlosigkeit.
          Sie mag in manchen Dingen etwas merkbefreit sein, aber das hätte ich ihr nicht zugetraut.

      (4) 06.05.18 - 20:31

      Jeder (sollte das nicht auch auf Menschen aus medizinischen Berufen zutreffen) weiß heute, dass die Diagnose "Entwicklungsverzögerung" eine Proforma-Diagnose ist, weil man eben aufgrund des Alters und der damit äußerst beschränkten Diagnosemöglichkeiten noch nichts genaueres weiß. Irgendwann nach vielen Jahren und einem endlosen Diagnosemarathon kommen dann natürlich die wahren Behinderungen zum Vorschein. Praktisch jedes schwerbehinderte und schwerst mehrfachbehinderte Kind war am Anfang mal "nur" entwicklungsverzögert. Bei meinen Jungs war das nicht anders. Heute haben sie diese Sinnlos-Diagnose natürlich nicht mehr, sondern gefühlte zehntausend andere, die unendlich gravierender sind. Nicht mal wenn ich mich konzentrieren würde, könnte ich alle aktuellen Diagnosen aufzählen. Es ist so viel.
      Klar musste ich mir auch viele Jahre anhören: "Das wird schon wieder.", "Du übertreibst.", "Die sind doch gesund.",... Nur ganz ehrlich, meine Söhne haben ohne Widerspruch sofort den SBA bekommen - der Kleine 100 B, G, H und der Große 70 H und auch die Pflegestufe (damals) gab es sofort ohne Widerspruch. Mittlerweile würde natürlich immer weiter aufgestockt. Heute hat der Kleine PG4 und der Große PG2. Klar haben sie einen sonderpädagogischen Förderbedarf in der Schule und seit dem Kindergarten durchgehend eine Teilhabeassistenz. Und jeder, der mal versucht hat das alles zu beantragen, weiß wie schwer es ist, das zu bekommen. Da gibt es unzählige, regelmäßige Begutachtungen und nur wer da durch kommt, erhält den SBA, PG, Förderbedarf oder Teilhabeassistenz. Und irgendwann wurden die Behinderungen deutlicher und deutlicher. Die Schere zu den gesunden Kindern ging immer weiter auseinander. Plötzlich verstummten die fiesen Stimmen - heute sind meine Jungs komplett inkludiert und überall anerkannt, so wie sie sind. Es war eine Menge Aufklärungsarbeit, aber es hat sich gelohnt.

      Ein Arzt, der so denkt, hat den Beruf verfehlt. Aber zum Glück ist ein Psychologe ja kein Arzt.

      • (5) 07.05.18 - 08:03

        Ja, diese Rennerei mit der damit verbundenen Unsicherheit ist wirklich ermüdend.
        Ich freue mich so für dich, dass deine Jungs es geschafft haben und ihren Platz in der Welt gefunden. Du wirkst in deinem Schreiben sehr ausgeruht und stark.
        Da bin ich noch lange nicht angekommen, deswegen triggerte mich der blöde Spruch auch so sehr.

        Es ist ja tatsächlich so, dass dadurch, dass man merkt: mit meinem Kind stimmt was nicht! man unruhig und besorgt wird.
        Natürlich spürt das Kind das.
        Wie stark spürt es die Enttäuschung der Mutter, wenn es mit anderen Kindern verglichen wird?
        Dazu kommt, dass ich alleinerziehend bin und meine Sorgen kaum mit jemand besprechen kann, nur mit anderen Müttern, die ebenfalls I-Kinder haben - wobei die aber auch in Partnerschaften leben und sich die Arbeit und Sorgen teilen können.

        Wie du schreibst, die Schere zu den anderen Kindern geht immer weiter auseinander. Es gibt welche, die irgendwann aufholen, aber es gibt genügend andere, bei denen es nicht so ist.
        Dass das von "Normalo-Müttern" dann so beiseite gewischt wird, kommt bei mir nicht an wie Mutmachen, sondern letztlich Gleichgültigkeit.
        Man fühlt sich nicht ernstgenommen.
        Als ob all die Sorgen nur hausgemacht seien.

    (6) 06.05.18 - 22:16

    Meine Vorschreiberinnen haben dir fundierte, umfassende Antworten gegeben, was ich noch anfügen möchte:

    Diese "gute Bekannte seit einem halben Jahr", denkst du, sie tut dir gut? Ist der Umgang mit ihr für dich ein Gewinn oder eher Last?
    Aus deiner Beschreibung wirkt die Frau auf mich fürchterlich, und äusserst entbehrlich, gerade dank der Tatsache, dass ich mich durch meine autistischen Kinder besonderen Herausforderungen stellen muss, habe ich gelernt, dass es Menschen gibt, die für mich verzichtbar sind (um es nett auszudrücken).

    • (7) 07.05.18 - 08:19

      Gute Frage.
      Da ich zugezogen bin und in einem relativ kleinen Ort wohne, ist es schwer, Kontakte zu finden.
      Als Alleinstehende hat man es doppelt schwer.
      Kontakt zu zwei Müttern des Kigas habe ich, aber es ist kein Gefühl von richtigem, guten Sozialnetz.
      Über ein Freizeitportal habe ich ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich mich an meinen kinderfreien Tagen treffe. Dazu gehört auch jene Bekannte.
      Warum ich diese Bekanntschaft pflege: im Gegensatz zu anderen hat sie mehr Zeit, (weil sie alleine lebt), schlägt häufig Treffen vor, ist in der Kontaktpflege sehr aktiv.
      Man muss wirklich aufpassen, in so einer Situation nicht zu vereinsamen.
      Ich nutze wirklich sämtliche Möglichkeiten, sei es Vereine, Spielplatz, Veranstaltungen.
      Aber es läuft sehr zäh.
      So habe ich es mir eingerichtet, Kontakte eben so zu nutzen, wie sie mir angeboten werden, ohne zu viel zu erwarten. Diese Bekannte ist eigentlich mehr zu Aktivitäten und Ablenkung gedacht, nicht als beste Freundin, mit der ich über alles reden kann.

      • (8) 07.05.18 - 20:11

        Ich hatte damals gute Bekannte im Spielkreis des FED gefunden. Dort wurde nicht verglichen, weil eben alle Kinder behindert waren. Alle Eltern haben sich ernsthaft gefreut, wenn ein Kind wieder etwas gelernt hat. Das war so erholsam - gar nicht vergleichbar mit den üblichen Krabbelgruppen oder dem Kinderturnen oder was es auch immer so gibt.

(9) 14.05.18 - 15:45

Da die anderen schon viel, in meinen Augen auch viel Hilfreiches, gesagt haben, möchte ich nur anmerken: nein, Du bist nicht empfindlich. Jeder hat Phasen, wo das Fell dünner ist. Aber man lernt, damit umzugehen. Ich habe zwei Söhne. Der ältere (9,5) ist Asperger-Autist, IQ angeblich um die 120, aber sozial-emotional irgendwo zwischen 2 und 4 je nach Tagesform. Dazu hat er ein erschreckend hohes Gewaltpotenzial bei nahezu nicht vorhandener Frustrationstoleranz. Und nein, das ist nicht anerzogen und ich würde sehr hoffen, daß sich das "noch verwächst".
Sohn zwei wird im August 8 und hat lebhaft ausgeprägtes ADHS, ist dabei aber zum Glück die Liebenswürdigkeit in Person, nur halt mit Konfetti im Gehirn.
Es gibt Tage, da denke ich, ich wohne in einer Irrenanstalt. Und was die Leute auf der Straße denken, wenn meine Kinder sich "danebenbenehmen", ist mir ziemlich egal, sofern -ich- ihr Verhalten richtig einschätzen kann.
Unsere Familie ist im Dorf relativ gut integiert, aber Freundinnen hab ich keine. Wir kommen mit unserer Nachbarschaft gut klar, das ist schon mal viel wert. Ansonsten habe ich meine persönlichen Auszeiten, in denen ich auftanken kann, aber dazu brauche ich nicht unbedingt andere Erwachsene.
Allerdings gehe ich auch 30 Wochenstunden arbeiten und habe da Kontakt zu anderen "normalen" Menschen.

(10) 03.07.18 - 12:50

Eine gute Bekannte?.... ich würde mich bei so einer Person fragen, warum ich die Beziehung zu ihr aufrecht erhalten sollte? Redet nur von sich, lästert über andere, fragt nicht nach mir, erteilt ungefragt Ratschläge.... würde mich nerven. Find enicht, dass du zu empfindlich bist... eher, dass du schon zu lange zurück steckst in dieser Beziehung und jetzt merkt, dass es für dich gar nicht wirklich rund ist.

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