Konzentrationsstörung

    • (1) 18.10.18 - 07:55

      Hallo,

      meine Frage scheint in manchen Augen ein totales Luxusproblem zu sein und ich habe lange überlegt ob ich hier frage, da viele von euch mit schweren Handycaps umgehen müssen.

      Mein Sohn, jetzt 13, hatte nach der Geburt eine schwere vereiterte Hirnhautentzündung, leichte Hirnblutungen und lag im künstlichen Koma. Erste Diagnose war, dass er, falls er überlebt, schwer geistig und auch körperlich behindert sein wird. Wie durch ein Wunder hat er alles unbeschadet überstanden. Wir waren die ersten Lebensjahre immer zu Kontrolluntersuchungen beim Neurologen, Augenarzt und HNO und es gab keine Auffälligkeiten. Man sagte uns, dass ADS und ADHS später noch auftreten könnten und wir das im Hinterkopf behalten sollen. In der Grundschulzeit gab es keinerlei Probleme, außer ab und an ein paar kleinere Schwierigkeiten mit der Konzentration, die aber in seinen Leistungen kaum auffielen. In der 5. Klasse ging er auf eine Realschule. Dort wurde er auffällig. Er schrieb zwar komplett nur Einsen, war aber oft geistig abwesend und lenkte auch andere Kinder ab. Man sagte, dass er klar unterfordert ist und somit wechselte er in der 6. Klasse auf das Gymnasium. Die 6. Klasse war super und ab der 7. gingen die Noten langsam bergab. Gerade in Mathe gab es arge Probleme. Ich merkte an seinem Lernverhalten, dass er Probleme mit der Konzentration hatte und dachte, dass er einfach nicht lernen kann weil er es bisher ja nie großartig musste. Wir entwickelten Strategien, aber so richtig funktioniert hat es nicht. Nun kam die 8. Klasse und in Mathe ging gar nichts mehr. Nun habe ich ihn zur Nachhilfe geschickt und die Nachhilfelehrerin sagte, dass er Mathe versteht, er aber massive Konzentrationsprobleme hat und ich das mal untersuchen und abklären lassen soll. Gesagt, getan. Wir waren beim Kinderarzt und haben ihn einem befreundeten Psychologen vorgestellt. Dieser sagt, dass er bisher alles mit seiner Intelligenz ausgleichen konnte, er aber tatsächlich große Konzentrationsprobleme hat. Seine Aufmerksamkeitsspanne liegt bei 10-15 Minuten. Vom Kinderarzt bekam er jetzt ein pflanzliches Mittel (Brahmi sCool) und Omega 3. Wir sollen mit ihm täglich Konzentrationsübungen Zuhause machen. Anstatt Mathenachhilfe bekommt er nun einmal wöchentlich 45 min reine Konzentrationsaufgaben. Ich weiß, es ist ein Luxusproblem und viele von euch hätten dies gern. Aber mein Sohn leidet wirklich. Er sagt, er bekommt die erste viertel Stunde des Unterrichts mit, danach nimmt sein Kopf nichts mehr auf. Lernt er Zuhause für Lernfächer oder Arbeiten, kommt es ihm vor, als schaut er ein leeres Blatt an. Hat jemand von euch Erfahrungen damit. Kann man Konzentration durch Übung steigern und wann sollte man Ergebnisse sehen? Hat von euch jemand Erfahrung mit oben genannten Mitteln? Ebenso stellt sich die Frage, vom Gymnasium wieder runter wenn es nicht besser wird? Aber da stehen wir wieder vor dem Problem der Unterforderung. Am Gym ist er momentan überfordert. Jetzt die Reißleine ziehen und eine Klasse zurück stufen (wäre problemlos möglich) oder dieses Schuljahr einfach ohne Druck abwarten wie es sich entwickelt und gegebenenfalls die 8. erst wiederholen falls er es nicht schafft?

      Vielen Dank schonmal für's Lesen und eventuelle Ratschläge.

      LG
      Michaela

      • (2) 18.10.18 - 10:44

        Wenn bei euch die Unterrichtsstunde aus 45 Minuten besteht, dann sind doch 10-15 Minuten immerhin schon einmal 1/3.
        Warum redest du nicht mit den Lehrern? Ok, es wurde dank der hohen Auffassungsgabe deines Kindes in der Grundschule übersehen und dadurch versäumt, aber das heißt ja nun nicht, dass nun alles zu spät ist. Wenn seine Konzentration nach 10-15 Minuten nachlässt, heißt das ja nur, er braucht eine Pause und kann sich danach wieder konzentrieren. In einer Unterrichtseinheit kann er also auf 30 Minuten Konzentration kommen...mehr schaffen die anderen Kinder auch nicht. Der Lehrer sollte also deinem Kind erlauben alle 10/15 Minuten eine Pause zu machen (still am Platz). Danach kann sich dein Sohn wieder konzentrieren. Dein Kind kann auch mit dem Lehrer ein Zeichen verabreden, dass der Lehrer weiß, wann die Pause ist und in der Zeit dein Sohn wirklich nicht gestört wird. Mein Sohn darf sogar den Klassenraum verlassen. Er ist jetzt 6. Klasse. Die Tage, an denen er so eine Pause braucht, werden aber immer weniger. DAS ist das perfekte Training im Alltag für das Kind. Es läuft außerdem quasi nebenbei und kostet keinen Cent.
        Das wichtige dabei ist einfach nur, dass das Kind versteht und weiß, dass die Pause einen einzigen Grund hat und nicht missbraucht werden darf.

        (3) 18.10.18 - 14:26

        Omega 3 ist schon einmal nicht schlecht. Vitamin B 12 hochdosiert wäre noch meine Idee. Bitte gib bei der Vorgeschichte kein Ritalin, ich würde bei den Konzentrationsübungen bleiben. Da gibt es das Marburger Konzentrationstraining und auch etwas computergestütztes.

      (6) 18.10.18 - 16:23

      Wurde mal sein IQ geprüft und ADS/ADHS auch?

      Ich selbst habe ADHS und HB. Bis Mittelstufe Gymnasium kam ich super durch. Ab da nicht mehr.
      ADHS habe ich schon mein Leben lang. Nur zeigte es sich notentechnisch erst später.

      Als ich mich als Erwachsene testen ließ, wurden erst mal alle andere Grunderkrankungen ausgeschlossen. Leberwerte ,Diabetis, Hirntumor, Schilddrüsenwerte und vieles mehr.
      Grund: auch andere Erkrankungen können sich auf die Konzentration auswirken!

      Zusätzlich musste ich auch einen IQ Test machen, bei dem nicht nur die Leistungsspitzen getestet wurden, sondern auch die Konzentrationsspannen innerhalb der Leistungskurven.


      Bei mir heißt das ohne Medikament bildlich dargestellt:

      ich fahre 200-400 km/h durch den IQ
      aber nur was ich innerhalb der ersten 10-15 Minuten geschafft habe, habe ich erreicht.
      Alles was über 10-15 länger hinausgeht bedeutet für mich

      a) ich fahre mit 200 km/h durch den Wald und b) mache Vollbremsungen auf der Autobahn.
      c) ich kann selbst keine Pausen steuern, sondern mein Hirn schaltet ab, wenn es soweit ist und gibt Vollgas, wenn ich es so gar nicht brauchen kann.

      Das ist anstrengend.
      Mit Medikament (richtig eingestellt), fährt mein Gehirn gleichmäßig 100-300 km/h. Wenn ich möchte und es brauche auf der Autobahn, wenn ich es nicht möchte kann ich jetzt aber auch bewusst!!!!!! gechillt einen Feldweg fahren oder einfach mal an einer Tankstelle auftanken. Einfach mal chillen, was ich vorher nicht konnte.

      Wenn dein Sohn leidet, ist es kein Luxusproblem, sondern ernst zu nehmen (aber ich vermute worauf du hinaus willst)

      Für mich war einfach irgendwann der Punkt Leidensdruck da. Ich gebe Vollgas im Leben, aber erreichte nie wirklich das Ziel (es sei denn über Vollgas durch den Wald und vielen Vollbremsungen, weil mein Hirn abgeschalten hat).


      Konzentrationsübungen stressen mich.
      Sie zeigen mir, dass ich es ohne Medikament schwerer habe. Mit Medikament geht es besser. Wobei ich mit Medikament eher lerne wichtige Dinge zu automatisieren, um sie nicht mehr mit nachdenken machen zu müssen. Alles was ich bewusst mache, geht von meinen 10-15 Minuten Konzentrationsspanne weg. Daher sind manche verautomatisierten Abläufe ganz gut.

      Der Vorteil durch das medikament (und viel wichtiger: seit ich weiß, was wirklich los ist!): das extreme Schwanken zwischen Überforderung und Unterforderung ist nicht mehr so enorm. Beides kann ich jetzt bewusster wahrnehmen und bewusster handeln und bin beiden extremen nicht mehr ausgeliefert.

      • (7) 18.10.18 - 16:26

        P.S. alles steht und fällt mit der richtigen Diagnose bzw. den für euch passenden Tipps dazu.

        Seid ich weiß, was es ist, kann ich SINNVOLL handeln.
        Ist es das nicht, würden meine Tipps aber nichts bringen oder gar verschlimmern.

        Daher ist bei Erwachsenen die Ausschlussdiagnose sehr wichtig um keine anderen Erkrankungen zu übersehen, die ähnliche Probleme machen können!

        • (8) 18.10.18 - 20:43

          Vielen Dank für deine Antwort. Auf ADHS wurde er noch nicht getestet. Weil laut Kinderarzt, außer seiner Konzentration, nichts darauf hinweist.

          • (9) 22.10.18 - 14:19

            Warum wurde er noch nicht auf AD(H)S getestet, wenn sogar die Ärzte schon vor Jahren davon sprachen, dass das als Folge auftreten könne? Nur weil die Symptome nicht zu dem Bild passen, das der Arzt von AD(H)S hat? AD(H)S kann sich ganz unterschiedlich äußern, nicht nur als klassischer Zappelphilipp.

            Ich schließe mich zahnweh an, lasst das unbedingt abklären. AD(H)S war beim Lesen deines Textes nämlich auch meine erste Assoziation.

            Bei meiner Tochter meinte übrigens auch jeder, sie sei einfach nur introvertiert und hätte gar kein Problem. Eine gründliche Diagnostik ergab HB und ADS, die Kombi verursachte bereits eine emotionale Störung. Eine gute (Verhaltens-)Therapie und richtig eingestellte Medikamente haben ihr Leben grundlegend verändert.

            • (10) 22.10.18 - 14:41

              Wo kann man denn ein Kind/Jugendlichen in dem Alter testen lassen? SPZ ist nur für jüngere Kinder, oder? Benötige ich da zwingend eine Überweisung des Kinderarztes?

              • (11) 22.10.18 - 15:21

                Hast Post!

                (12) 23.10.18 - 22:33

                Beim kinder- und jugendlichenpsychiater! Eine Überweisung wist du brauchen.

                • (13) 29.10.18 - 15:55

                  "Eine Überweisung wist du brauchen. "

                  Warum jetzt das?
                  Außer die OP ist Teilnehmerin eines Hausarztmodells ist die "Überweisungspflicht" schon lange abgeschafft ....

                  • (14) 29.10.18 - 16:42

                    Ich brauche für meine nuköearmedizinerin z.b. jedes Quartal eine überweisung, die Jugendlichen in unserer jugendhilfeeinrichtung haben für den Psychiater auch immer eine benötigt.

                    • (15) 29.10.18 - 16:54

                      OK,
                      Nuklearmedizin ist eine Ausnahme.

                      Psychiater allerdings nicht. Offensichtlich ist der Psychiater zu dem besagte Kinder gehen ein Cleverle, denn durch die Überweisung belasten die Behandlungen nicht SEIN Budget sondern das des überweisenden (Haus-)Arztes. Letzterer ist - bei festgestellter Notwendigkeit - zu einer Überweisung gezwungen .....

          (18) 29.10.18 - 16:32

          Ganz ehrlich: Der durchschnittliche Kinderarzt ist da jetzt auch nicht wirklich der Experte dafür. Selbst im Bereich der Psychiater - egal ob Kinder/Jugend oder "normale" - gibt es wenige die sich mit dieser Thematik wirklich auskennen.

          Ganz im Gegenteil würde ich von dem KA, insbesondere nach der Vorgeschichte, erwarten das der ADHS von einem Fachkollegen abklären lässt.

          Der "Vorteil" von Ritalin ist, das dieses Medikament, anders als andere Psychopharmake, der direkt wirkt. Das bedeutet, besteht eine hohe Wahrscheinlichteit das es ADHS ist, dann man die Medikamentierung relativ einfach ausprobieren, und merkt recht schnell ob sie grundsätzlich wirksam ist oder nicht.
          Einzig das exakte Einstellen dauert dann etwas länger.

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