Mädchen (fast 6) stottert plötzlich massiv...

Ihr Lieben,
mir ist bewusst, dass stottern vorübergehend sein kann....aber eben auch, dass es auch bleiben kann trotz Logopädie usw...

Meine Tochter hat früh und sehr gut gesprochen, hatte einen überdurchschnittlichen Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit...es war ihr Steckenpferd zu sprechen... Ich selbst kann das weniger beurteilen, da ich keinen Vergleich habe, doch von der Kita, anderen Eltern und ihrer Kinderärztin wurde das oft erwähnt. Kurz: sie hatte große Freude am Sprechen...an Unterhaltungen, knüpfte gerne Kontakte usw.

Vor ca 2-3 Monaten fing sie an Satzanfänge zu wiederholen...meist das erste Wort, wenn es einsilbig war wie „da, ich, wir, in...“. Ich habe das wahrgenommen, mich etwas informiert und da es in der Entwicklung nicht ungewöhnlich ist...es sie nicht anstrengte, sie keine Begleitsymptome wie Grimassen, Pressen, Armbewegungen usw zeigte und selbst einfach unbeirrt weiter sprach, hab ich es einfach mal gelassen.

Vermutlich ein Fehler...und da ich durch Corona leider sehr viel im Homeoffice war, sie sehr oft unterbrechen musste wenn das Telefon klingelte...kam sie nicht immer zu Wort.

Dazu kommt, dass ihr Vater ihr nicht zuhört, sie oft übergeht, nicht ernst nimmt oder wenn sie um etwas bittet genau das Gegenteil mit ihr macht.

Das sind alles keine Gründe für stottern....haben es für sie aber wohl verstärkt und so kam sie vom letzten Umgangswochenende ohne seitdem mehr einen Satz flüssig zu sprechen...ganz heftig...auch Silben hängen nun, sie verdreht sie Augen, wirft den Kopf zurück...weint und ist verzweifelt.

Und das schlimmste..sie vermeidet zu sprechen, macht wenn dann nur noch kurze ganz einfach strukturierte Sätze....spricht zeitweise nichts mehr, beteiligt sich nicht mehr an Gesprächen...

Ich habe das zwei Tage beobachtet und als mir klar wurde, sie registriert es selbst und es wird dadurch noch schlimmer (sie ist ein perfektionistischer Kopfmensch) bin ich zur Ärztin. Ich hatte Videos gemacht, meine Tochter war nicht dabei....aber die Ärztin, die vor den Videos noch ganz entspannt war und abwarten wollte....war entsetzt über die Heftigkeit.

Durch ihre Kontakte haben wir direkt eine Logopädin gefunden, die uns nun zumindest während der Ferien in Lücken aufnimmt. Sie versucht der Kleinen zumindest zu vermitteln, dass sie keine Angst vorm Sprechen haben muss....

Ich weiß, Prognosen kann keiner stellen....aber habt Ihr evtl. Tipps und Erfahrungswerte, was Euch geholfen hat? Mir geht es hauptsächlich darum, wie ich sie stärken kann....insbesondere gegenüber Hänseleien! Sie war nie sehr selbstbewusst, zweifelt viel an sich und traut sich wenig zu...da ist das Stottern jetzt DIE Einschränkung für sie, da sie immer darin so sicher war...!

Viele schauen sie schief an, wenn sie sich so verkrampft beim Sprechen....am Bahnhof hielt sie jemand für geistig behindert.... Sie sagt, sie fühlt sich nun weniger wert als andere!

Wie stärkt Ihr Eure Kinder?

Wie geht Ihr mit Eurem Umfeld um, die alles besser wissen?

Wie mit schiefen Blicken?

Lieben Dank für Tipps oder Gedanken dazu!
Martina

3

Mein erster Gedanke: der Kopf ist schneller als die Sprache.
Dann aber auch: große Unsicherheit, die sich in der Suche nach der "perfekten Formulierung " ins Stottern schlägt. Sich einmal korrekt auszudrücken um verstanden zu werden .... aber während des Sprechens wird es nicht gut genug und könnte untergehen ...

- dann las ich diese beiden Stellen -

"Dazu kommt, dass ihr Vater ihr nicht zuhört, sie oft übergeht, nicht ernst nimmt oder wenn sie um etwas bittet genau das Gegenteil mit ihr macht. "

"(sie ist ein perfektionistischer Kopfmensch) "

Das können sehrwohl Gründe für stottern sein!

Bei mir ist es kein Stottern, sondern der Drang zu wiederholen. Bis ich das Gefühl habe gehört/verstanden zu werden.
Je mehr ich wiederhole, desto weniger werde ich verstanden. Das ist mir BEWUSST !!!

Atme ich tief durch, nutzt andere die Pause mir reinzugrätschen und mir zu erklären wie anstrengend ich bin. Weiß ich selbst. Mir das zu sagen, macht es schlimmer!

Freunde kennen mich und lassen mir die Zeit UND die Pausen.
Dort sage ich fast alles nur 1x (als Kind unvorstellbar)
An ihren Antworten merke ich, dass sie mir zu hören UND mich ernst nehmen.


Was mir sehr hilft: Redezeiten !
Die, die mich ernst nehmen, geben mir Zeiten, in denen sie mir aktiv zu hören (nicht passiv) und auch dann, wenn ich es anstrengend formuliere.

Sie sagen auch ehrlich: Moment, ich kann gerade nicht zu hören , höre es akustisch nicht.
Dann stoppe ich und dann knüpfen sie von selbst wieder an, wo sie es noch mitbekommen haben und fragen nach.
Dann weiß ich, sie haben zu gehört.

Das hilft mir enorm.


Gerade wenn sie viel versteht, kann es helfen, dass sie echtes Zuhören bekommt.
Auch ein Gespräch über Homeoffice.
Wann darf sie immer stören - Fall für den Krankenwagen.
Wann nicht.
Gibt es andere Formen von : es ist dringend, aber du kannst auf angesprochen werden nicht re-agieren?


Bei uns gilt: während ich Zähne putze dulde ich kein angesprochen werden.
Ein Knurren bedeutet: du überschreitest eine bekannte Grenze
ich habe offensichtlich den Mund voll ! und KANN NICHT antworten
warte 3 Minuten dann bin ich ernsthaft für dich da.
Gilt seit dem Kleinkindalter. Wird pro Kalenderjahr 1-3 mal wieder vergessen ;-)

Das ist überschaubar und das Knurren ein abgesprochenes Signal.


Sonst: längere Konzentrationszeiten kündige ich an.
Zum Telefonieren haben wir Handzeichen: warte, ist für dich; warte, ist für mich, aber du wirst auch gewünscht
RAUS und RUHE !!! hat nichts mit dir zu Tun. (Stopp Handzeichen) und ich gehe in anderen Raum und mache die Tür zu. Muss ich etwas holen, Stopp Handzeichen = ich telefoniere noch!

Mein Pubertier wünscht in Chillzeiten nicht gestört zu werden. Über Handy anschreiben ist erlaubt.
Für wichtiges (oder ungelesenes) klopfe ich an. Unwichtiges erst, wenn es wichtig wird. Wichtiges direkt.
Da ich mich daran halte und es nur mache, wenn es wichtig ist, klappt es.

Von Anfang an gab es bei uns Zeiten: sie darf reden und ich höre aktiv zu und kann mir dann auch einiges merken.
Ehrlichkeit, wenn ich mir NICHTS merken kann. Ehrlichkeit, wenn ich es anstrengend finde/mich konzentrieren muss. UND ganz ganz wichtig: Verlässlichkeit, dass ich im Anschluss sofort mein Versprechen einhalte: jetzt habe ich Zeit, jetzt höre ich zu !!!

Dann gehe ich auch nicht ans Telefon. Zurückrufen ist heutzutage machbar und Anrufbeantworter ist ja auf laut, falls es doch wichtig ist.

Erwarte ich einen wichtigen Anruf, dann sage ich ihr das direkt in der Früh. Dann weiß sie: egal was ist, diese Unterbrechung ist logisch. Dann braucht sie bei Telefonklingeln nicht fragen, wer es ist; dann weiß sie, falls ich von ihrer Exklusivzeit aufspringe usw. Das sind Ausnahmen!
Damit sie das einschätzen kann, kündige ich es vorher an.

Unwichtiges kann auch mal warten.

Alleinerziehend, nur durch Kindergarten/Schule/Termine unterbrochen.
Gerade weil wir ständig zusammen sind, fand ich es wichtig, dass es aktive Zeiten gibt. Nicht aus Gewohnheit, sondern ich höre wirklich bewusst zu und sie ist so wichtig, dass wir bewusst sprechen !!!
Und Zeiten, wo jeder auch mal vor sich hin erzählen kann, aber NICHT erwarten kann, dass jede alles immer mitbekommt.

Wichtiges läuft bei uns face to face mit Blickkontakt und Bestätigung.

Unwichtiges kann auch neben einem Film oder zwischendurch sein. Vielleicht kommt es an, vielleicht auch nicht.



Zu den zitierten Stellen:
beide Zitate können in direktem Zusammenhang stehen, auch wenn sie getrennt von einander gemeint sind.

Weil sie vieles versteht und mit Kopf verarbeitet, kann das, was der Vater tut, sie umso mehr verletzen, tiefer gehen, sie stärker beeinflussen als andere.

Noch dazu ist es eine Person, den sie lieben will und auf den sie angewiesen ist.

Das würde ich weiter beobachten, aufschreiben und dir selbst psychologischen Rat suchen.
Sie selbst würde ich nicht sofort wohin schleppen. Das würde das Gefühl vermitteln, mit ihr sei etwas....
Erst mal für dich als Mutter und Mit-Handelnde. Wie kannst du selbst reagieren. Wie kannst du ihn darauf ansprechen (von Eltern zu Eltern - gemeinsame Verantwortung)

Je nachdem wie häufig und vor allem intensiv er das SO macht, kann das echt kaputt machen und zermürben. Das zerstört Vertrauen.


Ansonsten:
Zeiten geben, in denen sie reden kann, darf
wann ihr aktiv zugehört wird (auch wenn es anstrengend ist)

non verbale Möglichkeiten mitgeben
- Tagebuch schreiben / malen
- malen / zeichnen
- Musik
- singen für Atemtechnik (Wobei das bei der Suche nach Wortwahl wenig bringt)
- non verbale Signale: Handzeichen, Bilder
z..B. im Home office.
Wenn sie Hunger hat, bringt sie ein Bild von einem Burger/Salat/Brot, was auch immer ihr zu Hause habt und sie sich selbst machen darf. Hauptsache es signalisiert: ESSEN.

Morgens absprechen, was sie darf und was nicht. Z.B. Brot ist ok. Reste von gestern auch. Herd bleibt aus. Und wenn sie Hunger hat, bringt sie das Bild.

Dann reicht es, wenn du nickst. Sie wurde verstanden, kann essen und du kannst weiter machen.

- Auch Stopp Karten.
Grün: ja sie darf kommen. Rot: RAUS !!! Es ist so mega wichtig, dass ich keine Störung dulde.
Dazu die Verlässlichkeit: wenn du Luft hast, gehst du von dir aus aktiv auf sie zu und hast dann Ruhe, Kraft, Nerven und Home office hat gerade einen Pausenmoment.

In Ruhe absprechen was was bedeutet. Dass es NICHT persönlich ist, sondern nur auf den Moment bezogen. Dass du im Anschluss auf sie zu gehst.


So was ähnliches hatten wir, als ich Scharlach hatte und kaum sprechen konnte vor Schmerzen.

- Briefe schreiben
Das kann auch an dich sein. Sich sortieren, Worte finden, Zeit haben zum formulieren usw. das kann helfen und Spaß machen.
Ob sie es dir dann gibt oder zerknüllt, weil sie sich nicht traut oder weil das Thema für sie doch erledigt ist, auch gut.

Mir hilft das manchmal. Ich schreibe Briefe, sortiere mich dabei selbst.
Und das, was ich Freunden dann wirklich erzähle, sind nur wenige Sätze (weil ich für mich schon die Gefühle durch bin)



Um sicher zu gehen, würde ich aber auch neurologisch abklären lassen.
Also nicht, dass da was dahinter steckt, was übersehen wird.

Sonst auch fachliche Hilfe für dich als Elternteil !!! dazu nehmen.

4

Liebe Zahnweh,

ganz herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort, Deine Tipps, Gedanken und Einblicke - da war wirklich ganz viel wertvolles für uns dabei!

Dir alles Liebe!
Martina

1

Wenn das alles wirklich in so kurzer Zeit passiert ist, würde ich SOFORT (!) zum Neurologen und schauen, ob etwas mit dem Gehirn ist. Also wenigstens ein bildgebendes Verfahren um zu schauen, dass das Gehirn keinen Druck hat und sich normal entwickelt und natürlich ein EEG.
Logopädie hilft hier nur bedingt. Du musst erstmal die Ursache finden.

2

Hallo kati543,

vielen Dank für Deine Antwort!

Die massive Verstärkung kam sehr plötzlich ja - zuvor fing es bereits mit "ganz normalen" Wortwiederholungen an. Seit dieser Woche ist es zeitweise sehr massiv - dann wieder (so wie heute) geht es einigermaßen - sie wiederholt zwar Worte oder stolpert mal, verkrampft sich aber nicht dabei und bleibt relativ entspannt.

Denkst Du wirklich, dass das etwas neurologisches sein könnte #zitter oh je - so weit habe ich noch gar nicht gedacht! Alles, was ich bislang recherchiert habe, deutete einfach "nur" auf Stottern hin - das kann sich anscheinend immer wieder in Phasen und tatsächlich auch schlagartig verschlechtern. Auslöser können zwar "psychischer" Natur sein (also Schock, Trauma....) aber von neurologisch hatte ich noch nichts gelesen. Da hätte ich wohl bei der Kinderärztin und Logopädin deutlicher nachfragen müssen.

Hast Du einen bestimmten Verdacht oder Erfahrungen irgendwie? Irgendeinen Ansatzpunkt, den ich aufgreifen könnte? Sonst stelle ich bei ihr nichts fest...weder motorisch noch geistig...alles wie immer....

Danke auf jeden Fall für den Tipp!

Alles Liebe
Martina

5

Hallo

Ich glaube nicht das es was Neurologisches ist.

Mein Sohn hatte es auch immer mal wieder bis er so 12 Jahre alt war.

Es gibt viele Auslöser wie der Vater bei euch oder die Corona Zeit.

Ich stotter seit ich 5 Jahre alt bin aber sehr selten da ich damals das Glück hatte eine Langzeitreha zu bekommen.

Bei meinem Sohn ging es so weg, er stotterte immer so 8 Wochen dann war es wieder vorbei.