Leer

    • (1) 15.01.19 - 15:26

      ich wachte vor schmerzen auf
      und spürte es.
      heute war der anfang vom ende.
      ich schaffte es gerade zur toilette.
      und da war es.
      fruchtwasser, gelblich braun, mir wurde schlecht.

      es war nun der vierte tag, an dem mir bewusst war, dass ich ein totes baby im bauch habe, nur dass es in wahrheit schon seit fast drei wochen so war.
      es war, wie die gynäkologin im krankenhaus sagte; so bald man die wahrheit wusste, reagierte der körper schneller.
      dennoch- bereit bin ich nicht.

      es ist 7 uhr morgens.
      t. schläft, meine mutter ist gestern nach hause gefahren, weil er da ist.
      seit donnerstag war sie bei mir, seit ich von meiner gynäkologin eine überweisung in die klinik erhalten habe, für eine kürretage.
      eigentlich sollte ich das geschlecht erfahren.
      stattdessen sah ich den kleinen leblosen körper, der im fruchtwasser hin und her schaukelte. der schlag des herzens war nicht zu sehen.
      so sehr sich auch meine gynäkologin bemühte, mein baby reagierte nicht auf den ultraschallstab der gegen seinen körper stubste.
      Beren sollte ihn heute sehen, sie war so aufgeregt, jetzt fragt sie mich, während ich mit meinem entblössten bauch hilflos daliege, ob das baby gestorben ist.

      ich verdränge alles, ihre frage, die traurige nachricht, die aufklärung der ärztin.
      ich will schnell weg.
      beren stellt mir fragen, ich sage sie soll warten bis wir im auto sind. ich schnappe mir die überweisung und stürme raus.
      schnell zum wagen.
      schnell die tür schliessen.
      atmen. zusammenreissen.
      ich habe mein handy zu hause vergessen und dachte noch als ich es bemerkte, wie neugierig t. sein wird, weil wir das geschlecht erfahren sollten. er war krank und blieb zu hause.
      ich starte den wagen und fahre. automatisiert.
      meine augen füllen sich mit tränen, alles ist verschwommen. ich klappe den sonnenschutz runter, damit niemand meine tränen sieht, auch beren nicht.
      sie fragt mich, ob das baby tot ist und ich solle nicht traurig sein.
      wir können doch ein neues machen. ist nicht so schlimm.
      sie sagt, sie muss gleich auch weinen wegen dem baby.
      ich halte es kaum aus.

      ich fahre und fahre, es endet nicht.
      endlich bin ich zu hause.
      ich gehe hoch, weil t. nicht unten ist. er schläft im zweiten kinderzimmer, um mich nicht anzustecken. ich öffne die tür und bringe gerade mal zwei sätze raus.
      sein herz schlägt nicht, er bewegt sich nicht.
      noch nie habe ich in meinem leben so geweint, so geschluchzt, so tief aus dem herzen, dass es mich zeriss.
      t. begreift es nicht, er ist hilflos und versucht mich zu beruhigen. beren ist in ihr zimmer gerannt.
      ich komme zu mir und gehe zu ihr. sie hält sich die ohren zu, ich frage sie was los ist, sie sagt ich wäre zu laut. ich tröste sie.
      dann bin ich wie erstarrt.
      ich gehe runter und t. fragt mich, wohin ich gehe.
      ich sage ihm er soll sich fertig machen, wir gehen zur klinik, so bald meine eltern da sind.
      ich rufe meine mutter an und sage ihr, dass das baby tot ist.
      sie ist schockiert und macht sich sorgen um mich, versucht mich über den hörer zu vertrösten und sagt sie kommen sofort.
      ich setzte mich. t. hat sich umgezogen und fragt mich, ob das alles wahr ist und wie das sein kann. es war doch alles in bester ordnung.
      ich bin immernoch wie gelähmt.
      sie sind da, ich kann kaum hochschauen. meine mutter umarmt mich unter tränen, mir kullern sie still herunter. wir lassen beren bei meinem papa und fahren los.
      ich habe seit fast drei wochen unterrückenschmerzen, jetzt noch stärker.
      ich gebe meine überweisung an der rettungsstelle ab. ich muss urin abgeben und mein puls wird gemessen.
      dann kriegen wir einen pieper.
      wir setzen uns irgendwohin, wo keiner ist.
      ich erinnere mich, dass meine mutter die ganze zeit über meine hand hält. t. begreift die lage immernoch nicht. er geht und telefoniert. ich kann ihm nicht in die augen schauen.
      der pieper, endlich.
      wir gehen mit t. zur ärztin rein, meine mutter wartet draussen.

      die ärztin spricht ihr beileid aus und untersucht mich.
      er hätte 16. wochen alt sein müssen, die ärztin sagt 6cm und schätzt ihn auf 13. woche.
      wir werden über die optionen unterrichtet und sollen uns entscheiden.
      ich entscheide mich für die OP.
      darauf zu warten, dass das baby auf natürliche weise kommt, erscheint mir albtraumhaft, genauso wie tabletten einzunehmen, die eine natürliche geburt hervorrufen.
      törricht zu denken, wir hätten eine wahl.

      ich kann nicht sitzen und kaum liegen. die seiten meiner oberschenkel sind schon ganz morbid vom liegen.
      ich muss jede stunde zur toilette und sehe das gelblich braune fruchtwasser und habe höllische angst, vor dem, was mich möglicherweise erwartet.

      es ist 13 uhr. mein, nun, in dieser farce, letzter gang zur toilette.
      es passiert.
      ich stosse etwas aus und spüre, wie es an mir hängt.
      meine atmung gerät ausser kontrolle.
      ich kann nicht hinsehen.
      ich atme einige male unverholfen ein und aus, hastig.
      ich schaue hinunter und sehe es baumeln.
      ich stosse hastig weiter luft aus und vergesse das einatmen.
      ich denke nein, nein, nein.
      ich muss was unternehmen.
      ich reisse etwas toilettenpapier aus und schmeisse es ins klo.
      meine auffang plattform.
      ich reisse noch etwas toilettenpapier aus, um es nicht mit der blossen hand berühren zu müssen. ich hasse mich.
      versuch 1, es klappt nicht.
      es hängt.
      tief einatmen, aber ich plustere nur, weiss nicht mehr, wie ich anständig atmen soll.
      es klappt wieder nicht.
      ich verzweifle.
      ich reisse mich ein letztes mal zusammen und trenne diesmal entschlossen die verbindung.
      es plumpst auf die vorbereitete plattform. ich verkneife mir meinen schock und atme weiterhin hastig und unkontrolliert ein und aus.
      dann weine ich noch heftiger als zuvor und glaube ich verliere mich.
      ich reisse mich wieder und erneut zusammen und eile in die küche. ich hole mir eine vorratsdose und ziehe mir einen plastikhandschuh über.
      unter tränen hebe ich mein winziges baby aus der toilette. annecim sage ich.
      ah ah annecim.

      ich sehe mir seinen winzigen körper an.
      sofort fällt mir seine perfekte hand auf. eine perfekte miniatur.
      jeder einzelner finger ist zu sehen, selbst die fingernägel.
      seine augen sind geschlossen, sein nässchen und sein kleiner mund, lippen sehe ich.
      er hat alles, nichts fehlt.
      nichts sieht fremd oder fehlgebildet aus.
      er hätte nur noch wachsen müssen.
      er liegt weich auf meiner hand.
      weich und warm und leblos.
      schweren herzens lasse ich ihn in die dose kullern und verschliesse es. ein wenig toilettenpapier klebt an seinem körper.
      mit einem blickdichten klebeband umwickele ich die glasdose.
      ich gehe hoch zu t. und wecke ihn.
      ich sage ihm nüchtern, dass es passiert ist.
      ich bin erstarrt und wie in trance.
      wir müssen ins krankenhaus. ich ziehe mich an und gehe auf die toilette, um mir eine binde einzulegen.
      nun schwallt das blut nur so aus mir heraus. bevor wir losfahren muss ich wieder ins haus. meine binde quollt schon über.
      das krankenhaus ist nur einen kilometer entfernt und als ich aus dem wagen aussteige passiert es wieder. es läuft mir die beine hinunter in meine stiefel.
      mir ist schlecht. mir ist schwindelig.
      in meiner hand mein baby, dass ich fest umklammere und auch nicht t. anvertraue.

Top Diskussionen anzeigen