Abschlusszeugnis Hessen Nachteilsausgleich

    • (1) 17.10.17 - 14:28

      Hallo,

      Achtung, das wird sicherlich ein langer Post und vielleicht auch ein SILOPO, aber ich muss mir das einfach mal von der Seele schreiben. Ich werde versuchen, in Stichpunkten zu schreiben, sonst wird es ein Roman.

      Also, meine Tochter ist mittlerweile 17. Ich muss aber ganz vorne anfangen, damit man das nachvollziehen kann.

      Geburt zwei Wochen zu spät, entwicklungsverzögert, muskelhypoton. Bis zum 6. LJ Arztgelaufe, keine Diagnose, Förderkind im Kindergarten, damals schon Wutanfälle bei Kleinigkeiten, Aussage zweier Ärzte (einmal München, einmal SPZ Höchst: Förderschule). Mit sechs starb mein Mann sehr plötzlich, im gleichen Jahr dann Einschulung,, auf meinen Wunsch mit einigen Kämpfen auf eine Regelschule.

      Grundschulzeit war so lala, aus zwei Gründen. Oft weiterhin Wutanfälle bei Kleinigkeiten, was wir auch auf den Tod des Vaters "schoben", wenig bis gar keine Freunde, Leistungen mittelmäßig mit großen Problemen bei schriftlichen Arbeiten (zu wenig Fragen beantwortet,, die Beantworteten waren meistens richtig, aber zu wenig, daher zu wenig Punkte). Empfehlung nach der 4. Klasse: Hauptschule.

      Einschulung auf eine integrierte Gesamtschule. Weiterhin Wutanfälle bei Kleinigkeiten, wenig bis gar keine Freunde. Leistungen (vor allem schriftlich) siehe oben. Material verschlampt, etc. Weiterhin Versuche, eine Diagnose zu bekommen, KISS passte, also regelmäßig Behandlung bei Dr. Biedermann in Kön. Es wurde ein wenig besser, aber nicht so wirklich.

      Ab der 7. Klasse C-Kurse (Trend "einfacher Hauptschulabschluss"). Dann durch "mal wieder" googeln Symptone für ADS gelesen (das hatte der Kinderarzt auf meine Fragen seinerzeit ganz früh schon ausgeschlossen). Umfangreiche Testung machen lassen mit allem, was dazu gehört und ADS diagnostiziert. Auf Empfehlung des Arztes und nach langem Überlegen meinerseits Medikation mit Methylphenidat.

      Fazit: Keine Wutanfälle mehr, endlich Freunde! und Leistungssteigerung in der Schule, allerdings nach wie vor das Problem extremer Langsamkeit bei schriftlichen Prüfungen. Achte Klasse (Trend "einfacher Hauptschulabschluss"), neunte Klasse nach erfolgter Abschlussprüfung Abschluss "qualifizierter Hauptschulabschluss" und Versetzung in die zehnte Klasse.

      Und jetzt komme ich zu meinem Problem (Wer bis hierhin gelesen hat: DANKE, DANKE, DANKE):

      Zu Beginn des zehnten Schuljahres habe ich mit dem Stufenleiter gesprochen und um einen Nachteilsausgleich gebeten in Form von mehr Zeit bei Klassenarbeiten. Nach Rücksprache seinerseits mit den Lehrern hat er mir diesen mündlich zugesagt, hat mir aber auch gesagt, dass dieser bei den Abschlussprüfungen nicht gegeben werden kann. War mir damals irgendwie klar. Meine Tochter hat sich mündlich sehr angestrengt und hier habe ich immer überaus positive Rückmeldungen von den Lehrern bekommen. Sie hat auch während des Schuljahres immer etwas mehr Zeit bekommen bei Klassenarbeiten (meistens fünf oder zehn Minuten).

      Dann schrieb sie kurz nach den Abschlussprüfungen eine Deutscharbeit und bekam nicht mehr Zeit. Nach Rückgabe der Arbeit (Note 4-, weil zu wenig Aufgaben gelöst, aber 92% der gelösten Aufgaben waren richtig) habe ich mich bei der Klassenlehrerin 'beschwert', die mir dann auch erst einmal antwortete, sie versteht auch nicht, warum nicht mehr Zeit gegeben wurde. Abends bekam ich dann eine Mail von ihr, dass nach ihrer Rückfrage der Stufenleiter gesagt hätte, dass meine Tochter überhaupt keinen Nachteilsausgleich hat. Das würde sie zwar auch etwas wundern, aber es wäre nun einmal so.

      Die Prüfungen hat sie im übrigen völlig verhauen (Mathe 5, Englisch 5, Deutsch 4). Ich habe sie eingesehen, altbekanntes Problem, viel zu wenig Aufgaben gelöst. Das Ende vom Lied war, dass sie durch die 5 in Mathe keine 3 im Zeugnis bekam, sondern eine 4 und sie dadurch keinen qualifizierten Realschulabschluss, sondern nur einen 'einfachen' hat. Zudem stehen in hessischen Zeugnissen die Prüfungsnoten nochmals gesondert drin, was bei zwei 5en natürlich super aussieht.

      Jetzt knabbere ich seit Schuljahresende immer wieder an folgendem: Wenn meine Tochter einen Nachteilsausgleich gehabt hätte, wovon sowohl ich als auch die Lehrer alle ausgegangen sind (ich habe es mir halt blöderweise nicht schriftlich geben lassen), dann hätte sie auch bei den Abschlussprüfungen Recht auf mehr Zeit bekommen (was ich allerdings erst jetzt weiß). Sie hätte sicherlich zumindest eine 4 geschafft, was ihr einerseits den qualifizierten Realschulabschluss eingebracht hätte, zum anderen würden da keine zwei 5en stehen. Sie hat während des ganzen Schuljahres immer super gut mitgearbeitet, aber das Schriftliche ist halt ihr Knackpunkt.

      Mein Freund sagt, ich solle es gut sein lassen, Schule ist jetzt vorbei und ich könne sowieso nichts mehr ändern. Dann vergesse ich es immer wieder und jedesmal, wenn ich das Zeugnis sehe, könnte ich K... Und ich sehe es zur Zeit oft, weil wir auf Ausbildungsplatzsuche sind.

      Ich brauche vielleicht einfach mal einige Meinungen, meinetwegen auch "Lass gut sein" :-)

      Vielen Dank für's Lesen.

      VG

      • Die Frage, die sich mir stellt ist: Was bringt der Nachteilsausgleich? Klar, mehr Zeit und ein erhoffter (besserer) Abschluss. Und dann? Falls Sie einen Ausbildungsplatz mit den guten Noten bekommt ist die Erwartungshaltung der Ausbilder an Deine Tochter im Zweifelsfall doch zu hoch und die Enttäuschung kommt dann... In der Ausbildung und Arbeitswelt gibt es keinen Nachteilsausgleich. Bei mir bekommen Azubis alle gleich viel Zeit. (Ich leite die Ausbildung bei uns im Betrieb und ja, ich habe die entsprechenden Scheine und IHK Prüfungen).

        Was ich sagen will: Das Zeugnis, welches sie hat, spiegelt doch recht realistisch Ihr können wieder. Wenn sie so einen Ausbildungsplatz bekommt, hat sie gute Chancen, den auch zu behalten (vorausgesetzt, dass Ihr denkt, sie kann die Schule packen und die Abschlussprüfung vor der IHK schaffen).

        Mein Tip: Geht auf Ausbildungsmessen in der Gegend und Deine Tochter kann sich persönlich bei der Ausbildungsleitung vorstellen.

        Ich drücke Euch und Ihr die Daumen für den weiteren Ausbildungsweg.

        Liebe Grüße aus dem Schwarzwald,

        Ulrike

        • Hallo,

          vielen Dank für Deine Antwort. Mein Problem ist, dass das Zeugnis meiner Meinung nach Ihre Leistung eben nicht realistisch wiederspiegelt. Sie hatte in Mathe eine gute Drei, da aber die Prüfung (die Momentaufnahme eines Vormittags) mit reingerechnet wird, hat sie eine Vier plus zusätzlich noch die Ausweisung der eigentlichen Prüfungsnote (nämlich die 5).

          Es ist ja nicht so, dass meine Tochter unrealistische Berufswünsche hat (ich denke,, sie kann sich selbst gut einschätzen und ich sie auch). Im Büro zum Beispiel sehe ich sie überhaupt nicht und ihr Berufswunsch ist Gärtnerin im Garten- und Landschaftsbau. Aber selbst dort sieht man als Erstes das Zeugnis und eine 5 in der Mathe-Prüfung ist einfach Sch...

          Auf Ausbildungsbörsen war sie, aber dort werden nur (zumindest hier in der Gegend) Kontakte weitergegeben, an die man dann die Unterlagen schicken kann. Sie macht jetzt dieses Jahr noch ein Schuljahr, das in Richtung Berufsorientierung geht mit Praktika etc. Da hoffe ich, dass sie was findet.

          Vielleicht finde ich es auch einfach ungerecht, weil es in anderen Bundesländern Abschlussprüfungen überhaupt nicht gibt. Die Tochter meines Freundes ging in Rheinland-Pfalz zur Schule,, da ist es so, 10. Klasse bestanden heißt Realschulabschluss. Aber jetzt kämen wir in's Politische. Lassen wir das.

          Danke für's Daumendrücken :-)

          LG

          "Können" und "Leistung" (= Arbeit pro Zeit) ist nicht das Gleiche.
          sie KANN mehr als ihre (Leistungs-)Note aussagt.

          Das heisst auch nicht, dass sie eine ungeeignete Mitarbeiterin ist - sie ist nur im Schriftlichen langsam. Ich verstehe daher die TE: Das Zeugnis verschlechtert ihre Chancen, obwohl sie sich durch Fleiß und harte Arbeit viel erarbeitet hat.

          Ob man da nachträglich was machen kann glaube ich eher nicht. Sicherheitshalber nochmal beim Schulamt nachfragen - die müssten es wissen falls in Ausnahmefällen bspw. eine Prüfungswiederholung mit Nachteilsausgleich möglich wäre.

      Hallo,

      ich kann dir wahrscheinlich kaum helfen, weil ich mich mit Schule in Hessen nicht auskenne. Ich kann dir aber mal schildern, wie die Gewährung eines Nachteilsausgleiches hier bei uns abläuft. Ich finde die Vorgehensweise bei euch sehr rätselhaft. Der Schulleiter sagt mündlich (einfach so oder mit Vorlage der Diagnose?) zu? Die Lehrerin weiß eigentlich gar nicht richtig bescheid? Das geht bei uns z. B. gar nicht.

      Hier kann ein Nachteilsausgleich grundsätzlich nicht mündlich zugesagt werden. Der Schulleiter kann den Nachteilsausgleich auf Beschluss der Klassenkonferenz (Klassenlehrer und Fachlehrer, bei dem das Kind Unterricht hat besprechen das) gewähren. Darüber werden sowohl die Eltern als auch das Schulamt schriftlich unterrichtet. Die Eltern erfahren so auch, welche Maßnahmen (z.B. Zeitverlängerung, wie bei euch) gewährt werden. Grundlage ist dabei immer ein Gutachten, dass die genaue Diagnose enthält.

      Ich befürchte, dass deiner Tochter tatsächlich kein Nachteilsausgleich gewährt wurde. Es gab wohl eine Absprache, nach der deine Tochter bei Leistungskontrollen mehr Zeit gewährt wird, aber hier wurde anscheinend kein Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt. Warum auch immer.

      Wahrscheinlich kannst du im Nachhinein nicht viel machen. Ich wüsste auch nicht, was. Wahrscheinlich vergeht viel Zeit, bevor du etwas erreichst, so es denn Möglichkeiten gibt. Ich hoffe, es antworten dir Eltern und Lehrer aus Hessen, die dir da genauer weiterhelfen können.

      Deiner Tochter wünsche ich, dass sie bald einen Ausbildungsplatz findet.

      LG

      • Hallo, danke für Deine Antwort.

        So muss es wohl in Hessen auch laufen, was ich allerdings nicht wusste. Das muss ich mir ankreiden.

        Ich habe mich halt auf die Aussage des Stufenleiters verlassen, die da hieß: "Das mit dem Nachteilsausgleich können wir so machen wie besprochen" (ziemlich wortgetreu).

        Vielleicht lässt die Grübelei wirklich nach, wenn sie einen Ausbildungsplatz hat. Ich hoffe das Beste.

        LG

    (7) 17.10.17 - 15:59

    Im Nachhinein helfen deine Überlegungen leider eh nichts mehr, einen "offiziellen" Nachteilsausgleich hättet ihr vorher schriftlich beantragen müssen. Allerdings wäre dieser Nachteilsausgleich dann auch im Zeugnis vermerkt worden. Und es bringt jetzt nur bedingt was, wenn die Zeugnisnoten zwar etwas besser sind, das Zeugnis durch diesen Vermerk aber quasi "entwertet" wird. Insofern ist es vielleicht ganz gut so, wie es ist.

    • (8) 17.10.17 - 16:08

      Hi, dankeschön, stimmt leider so nicht.

      Zumindest in Hessen darf ein gewährter Nachteilsausgleich nicht im Abschlusszeugnis erscheinen. Wie gesagt, jetzt im Nachhinein bin ich schlauer.

      Ach, wahrcheinlich werde ich mich einfach damit abfinden. Klar, ist das Beste. Sie wird schon ihren Weg gehen. Ärgern tut's mich halt trotzdem.

      LG

In welcher Richtung möchte deine Tochter denn eine Ausbildung machen? Bei "einfachen" Berufen wie im Handwerk ist das Zeugnis oftmals nicht ganz so wichtig. Bürokauffrau usw. könnte etwas schwierig werden.
Oftmals bringt es vor allem was wenn sie sich persönlich vorstellt und auch fragt ob sie ein Praktikum machen darf. Sie kann ruhig auch in die Bewerbung reinschreiben, dass sie weiß, dass das Zeugnis nicht so gut aussieht. Das spiegelt aber nicht ihren Arbeitseinsatz wieder von dem sie einen gerne persönlich überzeugen würde.

Viel Glück #klee

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  • Nein, das glaube ich nicht. Leider ist die Welt so nicht. Leider urteilt die Welt nach Äußerlichkeiten, und das ist in diesem Fall ein Zeugnis.

    Ich kenne meine Tochter sehr gut und ich bin auch durchaus kritisch. Ich kenne Ihre Schwächen, ich kenne aber auch ihre Stärken. ich weiß, dass sie extrem motiviert ist, dass sie sich durchbeißt, dass sie gute Leistungen bringen kann. Ich weiß aber auch, dass sie bei schriftlichen Prüfungen ein Problem hat. Da stört der Radiergummi oder das Seufzen eines der Tischnachbarn, oder das Rascheln des Papiers des Lehrers. Das ist nun mal so, da hilft auch keine Pille. Deshalb wollten wir den Nachteilsausgleich. Meine Tochter hat in der Schule sicher nichts geschenkt bekommen. Sie war nie krank, sie kam nie zu spät, sie hat immer sehr gut mitgearbeitet, sie hat sich freiwillig gemeldet für alle möglichen Dienste, und ein Vormittag versaut das Zeugnis. Das ärgert mich einfach.

    Und es ist nun einmal so, dass das Zeugnis das allererste ist, was ein Unternehmen auf den Tisch bekommt. Auch wenn sie "nur" ins Handwerk will, wird auch dort aussortiert, leider.

    Das Zeugnis ist aber doch keine Äußerlichkeit #augen.

(15) 17.10.17 - 17:07

Seh es doch mal so: Eigentlich ist sie mit dem inoffiziellen Nachteilsausgleich doch schon ganz gut weggekommen. In vielen Bundesländern wäre das so überhaupt nicht möglich gewesen, keine Sekunde hätte sie länger zZeit bekommen. Da zählt auch die mündliche Leistung oft nicht viel.

Also sei einfach stolz (und froh), dass sie es überhaupt so weit geschafft hat, eine Selbstverständlichkeit war das sicher nicht. Sicher wird sie durch Praktika einen Arbeitgeber von ihren Qualitäten überzeugen, ohne dass das Zeugnis im Vordergrund steht.

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