Sohn wehrt sich nicht

    • (1) 18.04.19 - 09:44

      Hallo, ich mache mir ein bisschen Sorgen um meinen Sohn und wollte fragen, ob ihr Ideen habt, wie ich ihm helfen kann.

      Mein Sohn (7 Jahre, 1. Klasse) ist ein schlaues Kerlchen und hatte nie Probleme, Kontakte zu knüpfen. Er ist sehr offen, kann sehr gut auf andere zugehen und ist eigentlich immer gut gelaunt. Es gab eigentlich nie Probleme. Nun treten aber vermehrt Situationen auf, die ich teilweise schon fast beängstigend finde.

      Bei uns im Viertel wohnen viele Kinder im Alter meiner eigenen, und oft ist eine ganze Bande von ca. 10 Kindern draußen unterwegs und es wird gespielt - was ich superschön finde. Was mir nicht so gut gefällt, ist, dass immer Polizei gespielt wird, teilweise mit Spielzeugwaffen, aber daran würde ich mich noch gar nicht aufhängen. Krass finde ich, dass mein Sohn dabei immer den Dieb spielt. Das sieht dann so aus, dass alle anderen hinter ihm her jagen und ihn fangen, und wenn sie ihn erwischen, wird er teilweise sehr hart angepackt. Ich habe schon gesehen, dass ihm der Arm auf den Rücken gedreht wurde, ihm von hinten der Arm um den Hals gelegt wurde oder er auf den Boden gedrückt wurde. Das sieht teilweise krass aus, wirklich, und ich bin schon ein paar mal deswegen eingeschritten, wobei ich eben auch nicht die ganze Zeit dabei bin. Ich schaue ab und zu mal vom Balkon runter.

      Wenn man ihn fragt, sagt mein Sohn, er will eigentlich gar nicht der Dieb sein, die anderen bestimmen immer, dass er das sein soll. Manchmal ist es wohl so, dass er dazukommt und dann einfach gejagt wird - er läuft dann weg, und ist, zack, der Dieb. Das große Problem, dass ich sehe, ist, dass mein Sohn sich überhaupt nicht wehrt. Er kennt eigentlich Strategien, sich zu wehren, die praktizieren wir zu Hause und thematisieren sie auch immer wieder. Aber in konkreten Situationen mit anderen Kindern macht er es einfach nicht. 5 Kinder zerren an ihm und er sagt nicht hört auf damit, ihr tut mir weh - es kommt nichts von ihm! Es kommt nicht, ich will nicht der Dieb sein, ich bin Polizist - nichts! Wir sprechen darüber täglich. Aber er macht es in der konkreten Situation nicht.

      Ich habe natürlich auch die anderen Kinder schon angesprochen und gesagt, dass das harte Anpacken nicht ok ist. Aber ich sehe eigentlich das große Problem bei ihm - weil er es auch mit sich machen lässt.

      Was meint ihr dazu - was kann ich tun, um ihn dazu zu bringen, sich zur Wehr zu setzen, wenn er etwas nicht will, und seine Interessen zu vertreten?

      • Wirklich Tipps habe ich so jetzt nicht, aber ich kann dir zu meinem Sohn (14) etwas erzählen.

        Schon im Kindergarten gabe es "Freunde", die meinen Sohn gerne geärgert haben. Da hat er sich nie gewehrt, sondern gewartet, bis eine Erzieherin kam. Die hat mir dann immer gesagt, dass er doch endlich lernen müsse sich zu wehern, zumindest mit Gesten oder Worte. Ich mir meinen Sohn geschnappt, gesprochen, ja, Mama, nächster Tag wieder das gleiche Spiel....
        Reden war also nicht die Lösung.
        Mit Schulstart habe ich ihn beim Taekwon-Do angemeldet. (Taekwon-Do deshalb, weil es eben nicht nur Verteidigung ist...). Geärgert wurde er weiter, gewehrt hat er sich auch nicht. Die Lehrerinnen haben mit ihm geredet, mit mir geredet, keine Änderung.
        Die ersten zwei Grundschuljahre war hart, zumal er einen Jungen in der Klasse hatte, der gerne andere Kinder quälte. Dann nach den dritten Sommerferien, fing es an sich zu ändern. Mein Sohn sagte so Sachen wie: Das möchte ich nicht, Laß mich in Ruhe, Und hat dazu aktiv den Ort den Geschehens verlassen. - Das wurde immer besser.
        Im 4. Schuljahr hatte mein Sohn für den Jungen nur noch ein müdes Lächeln über und hat sich garnichts mehr angenommen.
        Auf der weiterführenden Schule (jetzt Klasse 9) ist noch keine auf die Idee gekommen ihn zu ärgern bzw. zu mobben.

        Also Kopf hoch, da passiert noch ganz viel.

        (3) 18.04.19 - 15:44

        Für mich liest sich das Ganze eher, als ob Du eine grösseres Problem mit der Diebesrolle hast als Dein Sohn.

        Als meine Jungs in dem Alter waren, haben mich ihre Spiele eher an steinzeitliche Initiationsriten als an Spiele nach meinem Verständnis erinnert. 'Polizist und Dieb' war da noch harmlos: 'Fussball ohne Regeln' war eine einzige Massenkeilerei...
        Und diese Spiele haben selten vernünftige / faire / nachvollziehbare Regeln. Nach erwachsenem Menschenverstand sollten die Kinder froh sein, wenn sie nicht mitspielen müssen und trotzdem tun sie es - immer wieder und mit Begeisterung.

        Das Problem ist doch, das Du von Deinem Sohn erwartest, das er seine Wünsche gegen eine Gruppe von 10 anderen durchsetzt. Da erwartest Du eine ganze Menge! Und Du machst ihm sein Standing nicht unbedingt leichter, indem Du Dich einmischst. Damit machst Du ihn nämlich kleiner.
        Vielleicht ist es auch gar nicht so, als würde Dein Sohn die Diebesrolle hassen - er weiss, das Du sie hasst, weil diese Rolle am meisten 'Kloppe' bezieht. Da aber 10 Kinder Polizist sein wollen, hat er die wichtigste Rolle im Spiel. Jedes der Kinder ist austauschbar: Er nicht.

        Grüsse
        BiDi

        • (4) 18.04.19 - 18:19

          Es geht wirklich nicht darum, was ich will - dann wäre nämlich schon bei den Waffen Schluss.

          Es gab aber leider auch schon eine Phase, in der mein Sohn sich sehr zurückgezogen und gar nicht mehr mitgespielt hat, weil er immer in die ungeliebte Rolle gedrängt wurde. Ich habe versucht, ihm Strategien aufzuzeigen und ihn motiviert, wieder rauszugehen und seine Interessen zu vertreten. Und ja, ich finde es wichtig, dass er das auch gegen eine Mehrheit lernt. Dass das nicht leicht ist, ist vollkommen klar. Aber natürlich muss er lernen, auch dann nicht von der Brücke zu springen, wenn fünf andere coole Jungs das von ihm verlangen.

          • (5) 18.04.19 - 19:29

            Die entscheidende Frage ist aber doch, ob Du es bist, die nicht möchte das er die Rolle spielt oder er.
            Kam er zu Dir und sagte aus freien Stücken, das er kein Dieb mehr sein wolle oder sagte er das erst als Du den rauen Umgang thematisiert hast?

            Und was erwartest Du als Ergebnis einer besseren Interessenvertretung Deines Sohnes? Das 10 Kinder einsichtig werden? Oder das Dein Sohn dann einfach nicht mehr mitspielt? Denn letzteres ist doch die schlussendliche Konsequenz wenn 10 Kindern die Argumente Deines Sohnes egal sind.

            Grüsse
            BiDi

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