Legasthenie

Eine gute Freundin von mir hat mich um Rat gebeten.

Ihr Sohn ist 7,5 Jahre und geht in die 1. Klasse einer Grundschule.

Er hat große Schwierigkeiten beim Lesen: das Zusammenziehen der Buchstaben klappt nicht so richtig, Endungen werden überlesen, Wörter erfunden oder hinzugedichtet, Buchstaben verwechselt usw. Beim Schreiben ist es ähnlich. Rechnen klappt super.

Eine Mitarbeiterin der Schule hat diese Woche ohne ihr Wissen das Kind "getestet" und war der Auffassung, dass das Kind LRS habe und das Kind jetzt den Nachteilsausgleich bis zum Ende der 4.Klasse erhalte. Dieses Ergebnis wurde der Mutter gestern mündlich "im Vorbeigehen" mitgeteilt. Fragen wurden von der Mitarbeiterin aufgrund des Zeitdrucks nicht beantwortet.

Bei ihr in der Familie gibt es zwei Fälle von LRS.

Jetzt fragt sie (und ich habe keine Ahnung):
- wird es da einen Bescheid/Gutachten geben?
- muss das Gutachten an die Mutter herausgegeben werden?
- was soll sie jetzt machen? Therapie? Bei wem? Braucht sie ein ärztliches Attest? Wie viel Förderung ist sinnvoll? Gibt es da Ansprechpartner, die sich um diese Sache kümmern?

An der Schule gibt es derzeit keinen Förderunterricht (aufgrund der Pandemie).

Danke!

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Hallo.

Also, als erstes wäre ich durchaus erfreut, dass die Schule auf die Problematik eingeht und versucht zu helfen.

Deine Freundin soll bei einem Kinder- und Jugendpsychiater einen Termin vereinbaren und den Jungen dort "fachmännisch" testen lassen.
Anschließend erhält sie - sofern sich der Verdacht bestätigt - eine schriftliche Diagnose, die es ihr wiederum ermöglicht, dass das Kind die ganze Schullaufzeit über einen Nachteilsausgleich geltend machen zu können.

Der Junge kriegt bei Proben mehr Zeit zur Verfügung und/oder Rechtschreibfehler zählen nicht in der Notengebung mit.
Kommt halt auch drauf an, ob sich eine Rechtschreibschwäche evtl. auch bestätigt.

Aber, wie gesagt, zum KJP gehen, dann nimmt alles seinen Lauf.
Und: keine Angst. Der Junge wird nicht "abgestempelt". Es ist wirklich alles zu seinem Vorteil und der Druck wird ihm genommen.

#winke

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Hallo

also das finde ich echt komisch, dass sowas in der Schule "getestet" wird. Da würde ich als Mutter definitiv wissen wollen was da genau gemacht wurde. Mein Sohn wurde auf Grund seiner ADHS auch schon mal auf LRS getestet und zwar in einem Kinderzentrum und nicht in der Schule.
Sie soll ein sozialpedratisches Zentrum (SPZ) aufsuchen und sich dort beraten lassen nachdem sie beim Kinderarzt war.

LG Hexe12-17

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Meine Tochter leidet an Dyskalkulie und unser erster Ansprechpartner war auch ein Lehrer an der hiesigen Grundschule, der schon mal den ersten Test in der Art mit ihr gemacht hat.
Unterschied: ICH habe das angeleiert und wusste somit bescheid.

Aber das würde ich nicht auf die Goldwaage legen. Sie meinten es sicher nur gut.

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<<<Jetzt fragt sie (und ich habe keine Ahnung):
- wird es da einen Bescheid/Gutachten geben?
- muss das Gutachten an die Mutter herausgegeben werden?
- was soll sie jetzt machen? Therapie? Bei wem? Braucht sie ein ärztliches Attest? Wie viel Förderung ist sinnvoll? Gibt es da Ansprechpartner, die sich um diese Sache kümmern?<<<

Hallo Agneswa

ich kann dir mal erzählen wie es bei uns war. Mein Großer war damals so mitten in der 2. Klasse Grundschule, wo die Klassenlehrerin und wir festgestellt hatten, dass unser Sohn Wörter massiv verkehrt schrieb. Die Lehrerin meinte dann zu uns, dass wir ein Antrag auf
beim Jugendamt auf Eingliederungshilfe:

http://lrs-therapie-hameln.de/wer-traegt-die-kosten-einer-ausserschulischen-therapie/#:~:text=Wenn%20ein%20Kind%20eine%20diagnostizierte,Eingliederungshilfe%20vom%20Jugendamt%20%C3%BCbernommen%20werden.

Dann fing die Diagnose-Maschenerie an. Besucht beim Augenarzt, Pädaudiologen (der hat während der Diagnostik mal neben bei AVWS- Auditive Verarbeitung und Wahrnehmungsstörungen festgestellt. Augenarzt-Termin hatten wir selber veranlasst, der für Pädaudiologen unser Kinderneurologe im SPZ (da war ich schon seit Jahren mit unseren beiden Kindern in Behandlung) über eine Überweisung. Im SPZ wurde ein K-ABC
Testung gemacht und ein EEG (um Epilepsie auszuschließen) und die sogenannte "Hamburger Schreibprobe". Diese ganzen Bericht schicke ich zum Jugendamt als sie diese einforderten. Dann kam eine Gutachterin und überprüfte, ob Legasthenie vorliegt.
Mein Großer bekam für ca. 18 Monate Legasthenie-Therapie-Einheiten und zwei Verordnungen Ergotherapie vom Pädaudiologen fürs Hörtraining. Damals gab es einen kurzen Bericht von der Gutachterin, gehe mal davon aus, dass es ein Gutachten war.

Ich hatte damals ein Therapiezentrum ausgesucht und alles weitere ging über das Jugendamt. Da gab es zwischendurch 1 bis 2 Hilfeplangespräche.

Ja und wieviel Förderung war damals nötig. Mein Großer war damals 10 oder 11 Jahre alt als er mit dem Legasthenietraining begann zusätzlich gab es Ergotherapie. 2x die Woche Therapien. Der sagte mir während der 2. Ergo-Verordnung, Mama das wird mir hier zuviel.
Es gab nämlich von der Realschule in der 5. Klasse ordentlich Hausaufgaben auf und Zusatzaufgaben von der Lehrerin für die die Legasthenie hatten mit Attest. Und vom Legasthenietraining auch. Mit der Lehrerin versuchte ich darüber zu reden. Als Antwort bekam ich nur, dass muss gemacht werden und basta. Und wie das mein Kind auf die Reihe kriegt, sein Problem. Da hetzte ich ihr seinen Therapeuten auf den Hals und erst dann fielen die Aufgaben weg. Und etwas später wurde die Ergotherapie nicht verlängert.
Da brachte ich auch die Sachen auf den Tisch, es ist viel zu viel. Was ich damit sagen möchte, man muss aufpassen, dass man ein Kind nicht übertherapiert.

LG Hinzwife

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Hey :)
Hier würde ich gerne etwas ergänzen bezüglich einer möglichen Finanzierung über das Jugendamt:
Ob eine lrs Therapie über das Jugendamt finanziert wird hängt davon ab, ob das betroffene Kind dem Personenkreis 35a SGB VIII zugeordnet wird. D.h. ob es aufgrund der lrs seelisch behindert ist oder von einer seelischen Behinderung bedroht ist. Die Prüfung ist ziemlich aufwendig und wird durch das Jugendamt in Kooperation mit Schule, Psychologen (IQ Testung und icd-10 Diagnose) etc. durchgeführt, wobei die letzte Entscheidung beim Jugendamt liegt.

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Ich habe irgendwie in Erinnerung, dass die Anwendung von §35a eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung voraussetzt. Dies dürfte doch in den meisten Fällen nicht vorliegen, oder?

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Hi,
ich bin Beratungslehrerin, also in der Regel die Person, die solche Tests durchführt. Es ist ganz klar nicht zulässig, eine Testung ohne Wissen der Eltern durchzuführen. Ich kann nur den Kopf schütteln!

Das Testergebnis ist nicht bindend für weitere Maßnahmen, sie sollte das Kind bei einem entsprechenden Arzt/Zentrum vor Ort professionell testen lassen.

Liebe Grüße

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Arzt: Kinder- und Jugendpsychater, er/sie wird dann weitere Schritte mit den Eltern besprechen

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Danke.

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Hallo,
Bei meiner Tochter wurde erst in der fünften Klasse LRS festgestellt, der Test wurde mit Einwilligung der Eltern durchgeführt.
Die Lehrerin meines Sohnes, aktuell dritte Klasse, hat mich nach einem Diktat gefragt ob es in Ordnung wäre das mein Kind auf LRS getestet werden darf. An dem Tag wurden mein Sohn und ein weiteres Kind von einer Fachfrau getestet. Vorher wird ein IQ Test gemacht und dann der lrs Test. Ohne Einwilligung der Eltern ist das meines Erachtens nicht zulässig.

Aber falls das Kind eine bestätigte LRS hat, kann Notenschutz und/oder Nachteilsausgleich beantragt werden. Was dem Kind den Druck etwas nimmt.
Bei uns werden keine Förderungen in der Schule meiner Tochter angeboten. Sie könnte einen LRS Kurs besuchen in einem speziellen Zentrum, das würde allerdings sehr viel Geld kosten. Da muss man sich Mal informieren, je nach Bundesland ist das evt anders.

Ich hoffe ich konnte helfen.

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Bundesland?

Wurde das Kind getestet oder " getestet" ? Das eine geht ohne Einwilligung der Eltern das andere nicht.

Der Nachteilsausgleich kann nach einer richtigen offiziellen Testung nur für 2 Jahre gewährt werden, danach muss das Defizit erneut nachgewiesen werden.

Und dann die Eltern nicht zum Gespräch bestellen, sondern so etwas als Zuruf zu machen geht auch nicht.

Bei der Schule anrufen. Ein Termin ausmachen mit Klassenlehrerin und Sonderpädagogin und evt der Testperson, wenn das nicht die Sonderpädagogin war, und mit einer Zeugin hingehen und mal deine Fragen stellen.

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Hey,
ich bin auch Lehrerin.
Ich finde es ziemlich früh, nach nichtmal einem in der Schule eine solche Diagnose zu erhalten, die nun für 3 Jahre gelten soll.
Bedenke, dass in dieser Zeit auch viel Unterricht ausgefallen ist.
Spontan hätte ich nun gesagt, dass anfangs viele Kinder so lesen und die meisten durch Übung noch die Kurve bekomme.
Ich unterrichte Deutsch auch in der 5. Bei meinem letzten Durchgang hatten etwa 25% so eine merkwürdige lrs-Diagnose in der Grundschule erhalten. Von diesen 9 Kindern hatte es einer wirklich, einen weiteren habe ich im spz diagnostizieren lassen. Die meisten haben einfach nach Gehör geschrieben und es dann nicht anders umgelernt. Wir haben noch verstärkt die die Rechtschreibung geachtet- die meisten haben die Kurve bekommen.

So. Ich finde es auch nicht ok, dass deine Freundin vorab nicht informiert war und nicht im Zustimmung gebeten wurde. Ich würde das Kind an ihrer Stelle professionell und vor allem unabhängig testen lassen. Natürlich habe ich gerne die Klausuren von lrs-Schülern korrigiert- wesentlich angenehmer und weniger Arbeit, da Teile wie Fehlerquotient und präzise Fehlerdefinition wegfielen.
Bei uns war es übrigens so, dass wir lrs-Förderung anbieten mussten.
Nun.

Deine Freundin sollte sich an ein Zentrum wenden, das auf diese Diagnostik spezialisiert ist und sich da nochmal fundiert beraten lassen. Sollte irgendetwas an der Diagnose nicht zuverlässig sein, würde ich umgehend dafür sorgen, dass sie aus der Akte in der Grundschule entfernt wird. Diese Diagnose der Grundschüler hat einen Einfluss auf die Schulzuweisung gehabt.

Liebe Grüße!
Schoko