Die Freiheit und das Internet

    • (1) 04.07.11 - 23:13

      Aktuell beschäftige ich mich tatsächlich mit einem umfassenden Konzept für Social Media & Internet-Guidelines für das Unternehmen, bei dem ich beschäftigt bin.

      Das Unternehmen ist ca. 550 Mann groß und innerhalb der IT-Branche angesiedelt.

      Grundsätzlich lautet meine Vorgabe des Konzepts und damit auch die Empfehlung an die Geschäftsleitung: Vertrauen vor Verbot. D.h. ALLE KollegInnen dürfen auch privat am Arbeitsplatz surfen, private Mails schreiben oder bei youtube & Co. reinschauen. Solange man seinen Job nicht vernachlässigt. Für Marketing und Vertrieb ist das www ohnehin ein unschätzbares Tool für die tägliche Arbeit.

      Dieses aktuelle Projekt sowie das Durchlesen in diesem Forum passen gut zusammen.

      Das Konzept umfasst auch ein Kapitel über Empfehlungen an die Kolleginnen, was man im Netz preisgeben sollte und was nicht. Auch im privaten Bereich. Überschrift des Kapitels: Der Mensch vergisst, das Netz nicht. Selbstverständlich sind dort auch Benimmregeln festgeschrieben, die insbesondere gelten, wenn die MitarbeiterInnen im Namen bzw. im Umfeld ihres Unternehmens schreiben, posten und chatten.

      Manche Profile hier aber auch Erfahrungen auf Twitter und Facebook oder Xing lassen mich wundern, was manche Menschen frank und frei von sich einer Öffentlichkeit preisgeben, deren Masse und deren Identität sie nicht im Ansatz kennen.

      Ob Kinder- und Familienbilder plus kompletter Kontaktdaten mit Postadresse, ob intimste Details, ob unverhohlene Bemerkungen über den Arbeitgeber (bei Schülern über den Lehrer), Krankheits-, Leidens- und Liebesgeschichten, es scheint so, dass ein gewisser Teil der User keinerlei Hemmungen hat, das eigene Privatleben komplett öffentlich zu machen.

      Dass dies nicht ohne Gefahren ist, sollte man eigentlich mittlerweile wissen

      Will sagen, man sollte sehr gut überlegen, was man schreibt, einstellt und preisgibt.

      Viele reagieren aber sehr unbefangen oder gar unbedarft, nicht selten gepaart mit einer Form von Exhibitionismus, der zu verraten scheint, alles was man selbst erlebt, muss man auch allen anderen erzählen.

      Eine Site wie urbia lebt vielleicht sogar von einem Teil dieser Freizügigkeit, nämlich dass hier z.B. Kinderbilder eingestellt werden, was die Seite in ihrem Zweck als Familienseite als Ganzes lebendiger und menschlicher und nicht so anonym erscheinen lässt. Doch um welchen Preis für die Betroffenen?

      Was darf, was kann, was sollte sein und was nicht?

      Wo setzen sich User hier eigene Grenzen?

      Oder welche handeln eher nach der Maxime „ich bin so unbedeutend, da kann ich auch posten, was ich will, interessiert ohnehin niemanden wirklich?

      Wer glaubt immer noch, er sei anonym im Netz unterwegs?
      Und meint deswegen, jegliche Umgangsformen hinter sich lassen zu können bzw. nicht zurückverfolgbar und deswegen unerkannt zu sein und zu bleiben?

      Warum das jetzt in P&P? Weil man vieleicht darüber philosophieren kann, was alles möglich ist oder besser nicht.

      Selbstverständlich soll dies NICHT ein Anlass sein, über das Verhalten/Fehlverhalten bestimmter User zu diskutieren.

      • Sehen wir das Thema als Firmenpolitik, dann passt dieses Forum hier ;-)

        Auf die Schnelle: Ich beziehe mich mal für ein Gros der User: Sie werden wohl nicht mal glauben, sie seien anonym unterwegs. Sie machen sich wohl auch gar keine Gedanken darüber, wer das alles lesen kann. Und wie lange. Und vor allem, in welche Verbindungen ihre Informationen bei urbia jetzt oder in Zukunft mit denen anderer verknüpft werden können.

        Ansonsten stimme ich Dir zu. Beruflich beschäftige ich mich mit ähnlichem, und ja, man sollte den Menschen nicht nur beruflich möglichst viele Freiheiten einräumen. Aber auch die notwendigen Kompetenzen fördern und einfordern.

        • "Sie werden wohl nicht mal glauben, sie seien anonym unterwegs. Sie machen sich wohl auch gar keine Gedanken darüber, wer das alles lesen kann. Und wie lange."

          Wobei ein scheinbar anonymisierender Nick, ja selbst Schwarzschreiben, wie hier bei urbia, nicht viel nützen muss.

          Es gibt heute schon hervorragende Tools zur Schrift- bzw. Texterkennung, die anhand des Schreibstils Texte matchen können und am Ende sogar den Urheber finden können bzw. dessen tatsächliche Identität feststellen.

          • Letzteres in Verbindung mit Software, die die Informationen und Beziehungen zwischen verschiedenen sozialen Netzwerken und anderen Personen auswertet und miteinander verknüpft.

            Sehr beliebt bei den Menschen, die sich z.B. gehackte Kreditkartendaten einkaufen. Die kaufen ja auch nur die wertvollen Daten. Bzw. da wird vorher die Wertigkeit des potentiellen Opfers geprüft.

            Ich finde den Artikel leider nicht mehr, ist aber bestimmt in den einschlägigen Foren zu finden.

      Das Internet und dessen exessive Nutzung scheint viele Menschen zu verändern. Doch wie verändert es diese? Wie ändert sich das Denken und die Gewohnheiten; wie werden der Alltag und das unmittelbare private Umfeld beeinflusst? Der Computer ist nicht nur mehr ein Werkzeug, sondern oftmals Herr über so manche User. Soziale Kontakte lassen sich scheinbar nur noch in Listen sortieren, die nach Bedarf angeklickt werden. Die virtuelle Identität scheint oftmals die wirkliche Identität zu verdrängen. Selbstbetrug ist nicht selten. Man sollte den virtuellen Begegnungen gegenüber kritisch bleiben und sich auf seinen gesunden Menschenverstand besinnen. Die angebliche Anonymität im www ist ein großer Fallstrick, den sehr viele übersehen.

      • Der Aufbau einer eigenen virtuellen Persönlichkeit ist aber auch zu verführerisch. Man kann sein wie man gern wäre.

        Second Life lässt grüßen.

        Wobei noch vor wenigen Jahren, der Nick bzw. der Avatar im netz im Vordergrund stand. Durch Facebook & Co. bewegen sich die user nicht mehr mit ihren Alter Egos durchs Netz sondern mit ihren realen Namen und Identitäten.

        • >... bewegen sich die user nicht mehr mit ihren Alter Egos durchs Netz sondern mit ihren realen Namen und Identitäten<

          , die aber im Netz anders aussehen, als in der realen Welt.
          Ein Rollenspiel im Großen, wo aber ist der Unterschied zwischen dem teuren Anzug, der mich irl maskiert, und der virtuellen Identität, die ich mir durch dreitausenddreihundertunddreiundsechzig Freunde bei facebook, oder durch eine gute Geschichte in einem beliebigen Internetforum schaffe?

          • Der Anzug dient auch der Verkleidung, des Aufwertens aber dennoch sehr nah mit der Persönlichkeit verbunden.

            Im Netz hat man die Möglichkeit sich völlig neu zu erfinden. Es werden Szenarien, ja ganze Existenzen und Lebensläufe neu definiert. Geschlechts- und altersunabhängig. Die soziale Herkunft im RL spielt keine Rolle.

            • der anzug ist "nah an der persönlichkeit"- das verstehe ich so leider nicht.

              Und natürlich spielen wir auch im real life rollen.
              schminke, kleidung, schmuck, assesoirs, statussymoble mit denen wir uns umgeben sollen das ganze unterstützen, habitus und Eloquenz runden das ganze dann ab.
              sozialer status, titel, und auch die hübschen berufsbezeichnungen (gerade in deiner branche, wo jeder mal ein "chief" sein darf:), sind ebenso wichtig wie das soziale netzwerk (wer wen wie kennt, von wem gefördert und mit wem in konkurrenz steht...)

              ich kann da nicht viel unterschiede feststellen zwischen virtueller und realer welt - und das obwohl ich sehr bewußt versuche in der virtuellen welt anonym zu bleiben, d.h. so wenig schnittschstellen wie möglich zu meinem realen leben zu haben (ganz im gegensatz zu meinem Mann, der aus deiner branche stammt und davon lebt, beides in einklang zu bringen.

              und was so eine fassade im realen leben ausmachtk ann man ganz schön hier sehen

              http://www.jolie.de/bildergalerien/stars-ungeschminkt-vorher-nachher-770736.html



              lisasimpson

              Wir halten also als conclusio fest, dass es im Netz einfach ist, eine virtuelle Realität zu erfinden?
              Spannenderweise scheitert aber doch auch das sehr oft, ich kann die Pastorentochter doch auch nur so lange spielen, wie ich nicht in der realen Welt als solche begutachtet werden soll ;-)
              Meiner Meinung nach schlimm wird es immer dann, wenn man die neue "Erfindung" "real" werden lassen möchte.
              Auf der anderen Seite habe ich auch schon Vorstellungsgespräche erlebt, die eine "ganze Existenz" real erscheinen lassen wollten, die es so nicht gab.

              Gibt übrigens ein schönes Wort für all das: marketing.

              • Nicht immer muss man aus der virtuellen in die reale Welt hinaustreten. Sieh Dir dieses Forum an. Es gibt hier "Persönlichkeiten", die ihre Aura ihrem hiesigen Auftritt verdanken. Kennenlernen ist nicht notwendig um seine Identität dauerhaft aufrechtzuerhalten. Insofern kann man hier Hinz und Kunz sein, ohne es jemals belegen zuu müssen. Man kann sich sogar einen Doktor-Titel zulegen. Überprüfung: Nebensache.

                Für mich fällt das eher unter personal PR

                • ... Mr. Sledge Hammer.
                  Auch ein "vorschlaghammer" oder eine "henriette davidis" stellen einen Auftritt dar, der irgendwo und irgendwie etwas aus dem realen Leben der Namensgeber abbildet, oder sehe ich das falsch?

                  Nun kann man also damit "spielen" und sich mehr oder wenige tief in die Rolle begeben.
                  Die Frage ist, lässt man das nach außen erkennen, dass man spielt, oder versucht man das vermeintliche Spiel so "perfekt" zu machen, dass es als Spiel nicht mehr erkennbar ist?
                  Ich sehe genau an diesem Punkt einen qualitativen Unterschied und ich glaube, damit bin ich nicht alleine.

                  • "Auch ein "vorschlaghammer" oder eine "henriette davidis" stellen einen Auftritt dar, der irgendwo und irgendwie etwas aus dem realen Leben der Namensgeber abbildet, oder sehe ich das falsch? "

                    Glaube ich nicht. Zumindestens nicht zwangläufig.

                    Wenn ich aus "vorschlaghammer" einfach ein "schweinegesicht" mache, wäre ein vordergründiger Imagewechsel schon vollzogen. Marketing eben.

                    Der Rest d'accord. Der Wille oder das Ziel sind natürlich grundlegend mitentscheidend.

                    • Der Wille, darum geht es.
                      Ob schweinegesicht, ob this-is-honk, ob pompadil, who cares?
                      Die Geschichte, das Image, ist oft entscheidend, wenn es darum geht, Inhalte einzuordnen.

                      Nicht zwangsläufig, da gebe ich dir recht, aber wer merkt diese Nuancen?

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