Hungersnot am Horn von Afrika

    • (1) 21.07.11 - 16:09

      Es gibt etwas, das wundert mich sehr: Am Horn von Afrika verhungern gerade Menschen, sehr viele Menschen. Das Interesse in der deutschen und deutschsprachigen Öffentlichkeit scheint aber eher gering zu sein. Bei URBIA gibt es keine Diskussion zum Thema, oder zumindest finde ich keine.

      Woran liegt das? Ist es doch für die meisten "nur" Afrika? Ein Kontinent, den viele eh schon abgeschrieben haben? Fehlt es an Mitleid, weil die Menschen dort jede Aufbauarbeit durch Kriege zunichte machen und das Leid somit zumindest zum Teil mitverschulden?

      Als in Japan die Katastrophe passiert ist, herrschte viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Jetzt ist z.B. Somalia dran. Der Tenor scheint zu sein: Nicht schon wieder, da kann man eh nicht helfen. Vielleicht gar nicht mal die falscheste Einschätzung, aber ist das menschlich?

      • Es mag daran liegen, dass die Flutkatastrophe in Japan letztlich unverschuldet war, waehrend die anarchischen Zustaende in Somalia "selbstverschuldet" ist, wobei klar ist, dass Kinder immer unschuldig sind.

        • Hi!

          Ok, das "selbstverschuldet" steht in Anführungszeichen, deshalb gehe ich davon aus, dass du das nicht so meinst. Aber glaubst du wirklich irgendjemand auf dieser Welt hat das Gefühl, es sei selbstverschuldet?

          Grüsse

          serdes

          • (4) 21.07.11 - 17:19

            Sorry, hab aus Versehen den letzten Absatz weggelöscht.#klatsch

            Der hier:

            Die Schuld an den anarchischen Zuständen ist doch nicht der einfachen Bevölkerung zuzurechnen, sondern einzelner militanter Gruppen und Einzelpersonen.

            • Mir ist die "Schuldproblematik" bewusst. Dennoch traegt auch die einfache Bevoelkerung Verantwortung fuer ihr Schicksal, und der Westen hat immer den Fehler gemacht, sie wie entmuendigte Kinder zu behandeln und damit ihnen letztlich nicht geholfen (natuerlich verallgemeinere ich).
              Wer, wenn nicht die Bevoelkerung kann dafuer sorgen, dass ihre eigene Gesellschaft so funktioniert, wie sie es sich wuenschen? Der Hinweis auf Waffengewalt mag richtig sein, aber ist nur eine Erklaerung, keine Entschuldigung, passiv zu bleiben und in der Opferrolle zu verharren.

              • ***sie wie entmuendigte Kinder zu behandeln und damit ihnen letztlich nicht geholfen***

                Da stimme ich zu und unter den Afrikanern mehren sich auch solche Stimmen.

                Ein weiteres Problem ist übrigens die ständige Abwanderung gebildeter Afrikaner nach Europa und die USA. Ein Großteil der Afrikaner, die etwas bewegen können, lebt gar nicht zu Hause.

        (7) 22.07.11 - 06:30

        Ich kann nicht für Somalia speziell sprechen. Aber viele Länder wurden erst durch den Kolonialismus, dann durch falsch verstandene Entwicklungshilfe daran gehindert, eigene Wirtschaftskraft etc. zu entwickeln.

        Sowas über Generationen hinweg praktiziert ist schwer wieder auszumerzen.

        • (8) 22.07.11 - 09:22

          Ich halte dieses Argument fuer vorgeschoben. Sicher, die willkuerlichen Grenzziehungen, die keine Ruecksicht nahmen auf Stammeszugehoerigkeiten ecc. , hat vieles erschwert. Manche Kolonialstaaten (Belgien) sind einfach gegangen und haben ihre ehemalige Kolonie sich selbst ueberlassen usw. Doch wie in vielen anderen Laendern ist Korruption und Clanwirtschaft die Hauptursache der Misere und nicht die ehemalige Kolonisation.

          • „Doch wie in vielen anderen Laendern ist Korruption
            und Clanwirtschaft die Hauptursache der Misere….“

            Ich glaube, Korruption und Vetternwirtschaft sind lediglich
            unvermeidliche Nebenprodukte.

            Das Kernproblem liegt darin, dass es in vielen afrikanischen
            Ländern bis heute nicht gelungen ist, stabile politische Verhältnisse
            Zu etablieren. Es gibt die bekannten ethnischen Konflikte und die
            daraus resultierenden Machtkämpfe, welche dazu führen, dass die jeweiligen Machthaber die geringen Ressourcen größtenteils dazu aufwenden, die eigene Macht zu erhalten.

            Für die Bevölkerung können und wollen die Regimes noch nicht einmal
            für elementare Dinge wie Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit oder einen verlässlichen Rechts- und Verwaltungsapparat sorgen. Unter den gegeben Umständen ergeben sich nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten für die normalen Menschen, sich zu entfalten und die vorhandenen Potentiale auszuschöpfen.

            Auf den ersten Blick sieht das vielleicht nach inneren Problemen aus. Dennoch gibt es zahlreiche externe Einflüsse, die die Bildung von stabilen und verlässlichen Strukturen verhindern. Man muss noch nicht einmal die Kolonialzeit anführen. Alleine diese in positiver sowie überwiegend negativer Weise ausreichend zu beschreiben, würde bereits ganze Bücherregale belegen.

            Auch die jetzige Politik der EU mit Agrarsubventionen, die zahlreichen Waffengeschäfte sowie die verhohlene oder unverhohlene Unterstützung einiger Machthaber zum Austausch gegen eigenen kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen sind ein Teil der Spirale.

            Die ganzen Diskussionen um Afrika bewegen sich leider immer wieder um die Schuldfrage. Auf der einen Seite stehen die Afrikaner, die Anklage erheben wegen der Kolonialzeit und unfairen Handelsbedingungen – auf der anderen wiederum die Europäer, die mit dem Finger auf Korruption, Willkür und Gewalt der Machthaber verweisen. Wie so oft im Leben haben beide Dummköpfe Recht.

            • (10) 22.07.11 - 12:52

              ***
              Ich glaube, Korruption und Vetternwirtschaft sind lediglich
              unvermeidliche Nebenprodukte.
              ***

              Da hast Du völlig Recht. Würde ein Pastor z.B. gut und verlässich verdienen, müsste er nicht nebenbei anderen Geschäften nachgehen (mit diesem Thema hat sich z.B. die Kanianische ev-luth. Kirche gerade beschäftigt).

              ***
              Auch die jetzige Politik der EU mit Agrarsubventionen, die zahlreichen Waffengeschäfte sowie die verhohlene oder unverhohlene Unterstützung einiger Machthaber zum Austausch gegen eigenen kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen sind ein Teil der Spirale.
              ***

              Auch da Zustimmung. Die Äthiopier z.B. werden ihren Kaffee ja kaum fair los unter diesen Bedingungen...

              LG

              (11) 22.07.11 - 14:59

              "unvermeidliche Nebenprodukte"

              Vielleicht. Aber vielleicht ist dies auch die Frage nach dem Ei und der Henne. Sicher kann der Kontinent nicht als Einheit betrachtet werden. Und sicher sind die Ursachen und Probleme in jedem einzelnen Land unterschiedlich, komplex und so am urbia-Stammtisch nur unangemessen zu behandeln.

          (12) 25.07.11 - 08:56

          Ja, da gebe ich Dir recht. Aber es gibt eben viele Faktoren, die es den Ländern nicht leicht machen, aus Korruption und Clanwirtschaft auszubrechen.

          Wie gesagt, die falsch verstandene Entwicklungshilfe. Die die Bevölkerung abhängig von Hilfen machte und den Eigenantrieb verhinderte.

          Wir könnten auch noch die in den letzten Jahren explodierten Preise für Agrarrohstoffe dazunehmen - die der Westen in zunehmendem Maße für alternative Energien nutzt.

    (13) 22.07.11 - 09:10

    Selbst Schuld bedingt, weil sie dazu neigen, sich gegenseitig abzuknallen, statt für Stabilität und Wirtschaft zu sorgen.

    Nicht schuld sind sie daran:

    - im Kolonialismus wurden die Länder ausgebeutet, was bis heute nachwirkt

    - man hat bei der Unabhängigkeit tw. willkürlich Ländergrenzen gezogen ohne Rücksicht auf ethnische ZUgehörigkeit, da war der Ärger vorprogrammiert

    - an dem Klimawandel sind wir Europäer und vor allem die Amis Schuld, die Auswirkungen treffen aber Afrika (in Kenia sind einige Regenzeiten ausgeblieben)

    - man hält sich Afrika durch die Entwicklungshilfe weiter abhängig

    "Selbst Schuld" und im Sessel zurücklehnen hält zwar das Portemonnaie schön geschlossen, aber trifft nicht den Kern.

    LG, Nele

    • "- im Kolonialismus wurden die Länder ausgebeutet, was bis heute nachwirkt "

      Das sehe ich anders. Zudem sollten auch die positiven Auswirkungen dagegen aufgewogen werden.

      Ansonsten stimme ich Dir zu... bis natuerlich auf den letzten Satz, klasssisch arrogant Deinerseits, zudem Deinem vorletzten Satz widersprechend.

      • Nein, nicht widersprechend - auch wenn man keine klassische Entwicklungshilfe betreiben will, kostet das Geld. Eigentlich kosten alle Maßnahmen erstmal Geld...Man muss ja unter "Hilfe" nicht nur das Verteilen von Reis sehen. Ich habe z.B. ein ganz gutes Brunnenprojekt in Kenia unterstützt, das funktioniert inzwischen ohne Ausländer.

        Falls Du wirklich Interesse an Afrika hast, empfehle ich das Buch "Afrika - Ein Kontinent im Wandel" von Ludger Schadomsky. Das ist zwar ein Jugendbuch, hat mich aber nicht abgeschreckt und man bekommt einen guten Überlick. Und muss nicht immer nur das Negative an Afrika lesen...
        Durch die Tagesschau könnte man ja meinen, alle Afrikaner sind 24/7 nur am Leiden. Trotz der vielen Probleme habe ich aber noch nie eine ähnliche Lebensfreude in anderen Ländern gemerkt (ok, das ist jetzt bezgl. der Hungersnot natürlich OT, aber generell...).

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