Problem: Ganztagesschule & Folgeprobleme

    • (1) 30.01.12 - 15:58

      Hallo,

      ich möchte hier auch einmal eine Diskussion entfachen. ;-). Ich wohne in B-W, eher ländlich. Bis vor wenigen Jahren war es bei uns so, dass es Grundschulen nur in der Ausführung Halbtagesschule, bzw. Halbtagesschule mit Kernzeit oder Kooperation mit dem Hort gab. Da es keine großen Unterschiede gab, wurde penibel darauf geachtet, dass niemand seinen Sprengel wechselte, dass das Verhältnis arme/ reiche und sozial priviligierte/ nicht priviligierte genau stimmte, d.h., die Schülerschaft war an fast allen Schulen gleich heterogen, die Schulen fuhren mehr oder minder das gleiche Niveau.

      Dann wurde eine Grundschule zur verpflichtenden Ganztagesschule umfunktioniert. Der Rektor tat wirklich sein Bestes ABER die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen ersetzen eben nicht die motivierten (und teilweise übermotiverten) Mamas, die mittags zuhause sind. Man kann sich dann aussuchen, ob das Kind die Ganztagesschule besuchte oder lieber eine Halbtagesschule im Umland. Zur Hausaufgabenbetreuung stehen dem Rektor 1 Betreuung für 15 Kinder zur Verfügung, Hausaufgabenzeit ist 45 Minuten, d.h. pro Kind drei Minuten. Das Mittagsprogramm darf auch nichts kosten.

      Binnen weniger Jahre war Folgendes zu beobachten. Mit einem entrüsteten Aufschrei meldeten alle Eltern, die es sich leisten konnten, ihre Kinder an einer Halbtagesschule im Umland an, achteten hierbei penibel auf die Zusammensetzung der Schülerschaft, gründeten Fahrgemeinschaften, etc. etc. Es fand eine regelrechte Flucht statt. Diese Kinder werden mittags von Mama abgeholt, machen zuhause Hausaufgaben (von Mama im Betreuungsschlüssel 1:2 oder 1:1 abgedeckt).

      Viele Kinder, die zuvor die Halbtagesschule besucht haben, kamen auf die verpflichtende Ganztagesschule. Das Jugendamt siedelte auffällige Familien in die Nähe der Ganztagesschule, damit die Kinder dort von 7 - 17.00 versorgt sind (spart Sozialarbeiter) . Das heißt, die Schülerschaft in unserem Ort ist so heterogen wie nie zuvor. Das Problem nun: Die Halbtagesschule haben immer weniger Probleme, da die problematischen Schüler nun fast alle in die Ganztagesschule gehen. "Normal arbeitende" Eltern umgehen inzwischen die Ganztagesschule auch und arbeiten lieber mit Freunden oder Tagesmüttern, weil die Betreuungsqualität permanent verschlechtert. Die Ganztagesschule entwickelt sich immer mehr zum sozialen Brennpunkt.

      Das kann doch nicht Sinn der Sache sein?

      GLG
      Miss Mary

      • Hallo,

        ähnliche Probleme treten in großen Städten schon länger - gekoppelt an ALGII-Bezug auf.

        Wenn Familien mit Kindern in den ALGII-Bezug fallen, müssen diese relativ schnell günstigen Wohnraum anmieten, der nur in bestimmten Straßenzügen zur Verfügung steht.

        Was passiert also in den Grundschulen?

        Kinder aus hilfsbedürftigen Haushalten gehen in die eine Grundschule, Kinder aus aus weniger bedürftigen Familien gehen in die andere Grundschule.

        Da fragt man sich auch, ob das der Sinn der war #gruebel. Ich fürchte schon.

        Einschließen, wegsperren, raus aus dem Gesichtsfeld derer, die die Regelungen treffen.

        Gruß

        • "Wenn Familien mit Kindern in den ALGII-Bezug fallen, müssen diese relativ schnell günstigen Wohnraum anmieten, der nur in bestimmten Straßenzügen zur Verfügung steht."

          Stimmt so nicht, das gewohnte Umfeld bei Kindern ist sogar ein Grund gegen einen Umzug in eine andere Wohngegend im ALG II Bezug, Gleiches gilt für alte Menschen.

          • "Gleiches gilt für alte Menschen."

            Das wäre mir neu. Auch der gemeine (im eigentlichen Sinne, nicht im Sinne von "fies"), kinderlose ALGII Empfänger muss umziehen, wenn sein PAP es so einschätzt, dass damit Kosten gespart werden.

            Und wenn eine Seniorin ihren Lebensgefährten und damit dessen Einkommen verliert, dann wird diese Seniorin, wenn sie danach ergänzende Grundsicherung zur Rente beziehen muss, ganz bestimmt nicht in den gut gelegenen 3ZKB bleiben können.

            Bei uns (BaWü) werden in der Regel nur bestimmte Grundmieten übernommen. Alles, was darüber liegt, wird nur unter ganz bestimmten Umständen anerkannt. Die Alternative ist der Umzug in eine kostengünstigere Gegend.

    Diese Entwicklung war ja vorausschaubar.
    Eine Ganztagsschule kann Elternarbeit und Erziehung nicht abdecken.
    ich erlebe nur zu oft, dass Eltern ihre Pflichten (Erziehung/Fürsorge) nur zu gern auf die Schule abschieben wollen und dann aus allen Wolken fallen was ihre Sprößlinge in der Schule "gelernt" haben.

    Empörung macht sich breit...sind denn die Pädagogen nicht mal in der Lage die Kinder zu erziehen???
    NEIN!!!

    Wir haben beobachtet und erlebt, dass Lehrer/Betreuer lediglich darauf achten, dass die Kinder sich keine schwerwiegenderen Verletzungen zufügen.

    Öffentliche Schulen haben oftmals zuwenig finanzielle Mittel, um sofort auf Missstände zu reagieren.
    Präventionsprogramme bei sehr auffälligen Klassen können, wenn überhaupt, nur zeitlich stark verzögert in Angriff genommen werden- weil Gelder erst bewilligt werden müssen usw

    Für uns persönlich käme eine öffentliche Ganztagsschule nicht in Frage.
    Zum Einen möchten wir unsere Kinder so weit wie möglich selbst (v)erziehen.
    Zum Anderen ist die hier beschriebene Situation abschreckend genug.

    Ein normaler Schulbetrieb und anschließender privater "Hortbetrieb" (Tagesmutter/Grosseltern) sehe ich als Lösung für arbeitende Eltern. Ich habe bisher nur im Osten vernünftige Hortbetreuung erlebt.

    • Hach... ich bin ganz deiner Meinung, deshalb muss ich dir einfach antworten...
      Ich habe aber auch im Westen schon eine gute Hortbetreuung erlebt, dort war aber auch z.B die Mischung zwischen sozial stark und schwach ausgewogen, was in dem Beispiel der TE nich gegeben ist.

      Ich würde meine Kinder auch nicht in eine Ganztagesschule geben, denn wozu hab ich sie, wenn sie den ganzen Tag weg sind? Ich akzeptiere aber natürlich, dass viele anders denken, denn man sollte zumindest die Wahl haben.

      Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass der Ruf nach Ganztagesbetreuung lauter ist (egal für welches Alter), als wir Mütter, die diesen Badarf nicht haben. Hoffentlich wird die Ganztagsschule nicht irgendwann verpflichtend (das wäre ja auch eine Möglichkeit der sozialen Tendenz entgegen zu wirken...).

      • Danke, Danke, Danke -

        dachte schon, ich steh mit der Ansicht alleine da.

        Natürlich soll es Ganztagsangebote geben - aber ich würde meine Kinder lieber in eine Halbtagsschule geben, weil es mir trotz Beruf möglich ist, sie nach 13 Uhr zu betreuen.

        Ich habe jahrelang eine Ganztagsklasse geleitet, bin also kein Gegner von Ganztagsschulen - aber ich hätte gerne noch die Wahl - das ist der einzige Pluspunkt, den unser Schulsystem gegenüber anderen Ländern bietet, in denen Eltern ihre Kinder ganztags schicken MÜSSEN, ob sie wollen oder nicht.

        LG,
        delfinchen

Nun das ist doch kein Problem Ganztages- oder Halbtagesschule sondern das der Ressourcen und Finanzen..

Bei uns ist es genau umgekehrt - die bisher 2 einzigen gebundenen Ganztagesschulen sind in ihrem Ganztageszweig voll besetzt mit den Kindern der ganzen Stadt die das Glück haben einen der begehrten 50 Plätze zu bekommen. In der Schulpflichtzeit am Nachmittag gibt es entweder Unterricht, sie gehen in den angeschlossenen Hort (insg. 13 Pädagogen die in der Hauptzeit auch alle anwesend sind) oder gehen in Neigungsgruppen wenn sie denn welche gewählt haben. Hausaufgaben gibt es nicht.

Und nun sieht man wie alle Eltern am liebsten von den Halbtageschulen (oder noch schlimmer diesen freiwilligen Ganztagesschulen die hier aus dem Boden sprießen) versuche in die privaten oder eben in die gebundenen Ganztagesschulen zu flüchten.

Dies hat aber mittlweile zu so großen Protesten und Problemen geführt, dass nun zu diesem Schuljahr 1 weitere neue gebundene GTGS eröffnet hat, ebenfall besser ausgestattet, geplant und konzipiert als die offenen GTGS und Halbtagsschulen. Aber auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein - und in den Genuß der guten Förderung und nachschulischen Betreuung (der angesiedelte Hort, der ja tlw auch Angebote während der Schulzeit bis kurz vor 4 abdeckt, bietet auch noch Hortbetreuung bis 18 Uhr an für weniges Geld, was jedoch auch ausschließlich Schülern der GGTGS vorbehalten ist) kommen die, die es sich leisten können und nicht unbedingt die, die es brauchen würden.

Langsam beginnt aber auch hier ein umdenken! Die offenen Ganztagesschulen werden langsam aber sicher besser aufgestockt und ausgebaut! Die 2 einzigen echten Halbtagesschulen (die als Regelangebot an den gebundenen GTGS angesiedelt waren) verweisten so sehr, dass die eine schon geschlossen hat und die andre in 2 Jahren dicht gemacht wird (die Klassenstufen mussten tlw. schon zusammengelegt werden) So werden irgendwann auch die besser gefördert werden die es brauchen (denn deine so schön beschriebenen motivierten Eltern die Ihren Nachwuchs auch daheim adäquat fördern können die gibt es nicht überall)

Hallo

zuerst mal finde ich bescheuert, dass die komplette Grundschule zur verpflichtenden Ganztagesschule umfunktioniert wurde. Idealerweise hätte man das doch halbieren können (komme aus B-W und da wird das bei einer Werkreal erfolgreich praktiziert) eine Klasse Ganztages die andere Halb.

Was ich nicht vertehen kann, dass lt. deine Aussage "alle" Mütter ihre Kinder von der Ganztagesschule abgezogen haben.

Bei uns sind die Gantagesplätze begehrt und lt. Rekorin der Werkrealschule bedeutend mehr Anmeldungen als Plätze.

lg bambolina

Ich versteh das immer nicht in anderen Laendern ist es normal das Kinder in Ganztagsschulen von 8:00 bis ca 17 Uhr untergebracht sind und was mir auffaellt das viele besser Verdienende ihre Kids nicht mit den "Asi Kids" zusammen tun wollen.

Das ist glaube ich auch ein riesiges Problem ...

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