Kann der Mensch seine Utopien leben?

    • (1) 06.09.12 - 19:52

      Gerade wurde in der Kulturzeit der Film samt Buch "Pfade durch Utopia" vorgestellt. Der Film ist ein Ausflug in fremde Welten von Aussteigern, Philosophen, Menschen, die anders leben wollen und bereit sind, viel dafür zu tun.

      Hier kurz der Trailer
      http://vimeo.com/18815492?action=share&post_id=1010735590_458735347482742#_=_

      Was denkt ihr, wenn ein Freistatt wie Christiania als Beispiel genannt wird, ein Ort, der zur Touristenattraktion geworden ist und sich auch durch die Besucher finanziert. Oder wenn Spanier ein verlassenes Dorf besetzen, um das Land wieder urbar zu machen und dort ein autarkes Leben zu führen.
      Ich finde diese anderen Lebensformen immer wieder sehr spannend und bewundere diese Menschen, die komplett aussteigen, sei es nur für eine Zeit, denn sie können ja gehen, wenn sie wollen und in die anerkannte Gesellschaft zurückkehren.
      Könntet ihr euch vorstellen, derart anders zu leben? Und dann noch die Frage: Ist diese Art des Lebens und der Gemeinschaft eigentlich so sehr anders als "unsere Art"?
      Der betrunkene Däne im Trailer (oh, meine Zielgruppe vor der Kamera, herrlich) sagt, Utopia meint "Nirgendwo", und da hat er ja recht.
      Ist es nicht so, dass wenn man die Vorstellung eines Ortes hat, dann ist es Utopia, und sobald der Ort existiert, ist er ein Ort wie jeder andere auch?

      • Ich bitte um Entschuldigung und ärgere mich, dass ich nicht gegengelesen habe. Freistaat, natürlich.

        Vor Jahren habe ich mal im PM Magazin etwas über solche Menschen gelesen, die in mehr oder weniger kleinen Gruppen ihre Utopien leben. Das gibt es ja immer wieder mal und überall.

        Fazit war, dass es auf Dauer nicht funktioniert. Waren die Gruppen anfangs noch hochmotiviert, im Rahmen ihrer gemeinsamen Philosophien zu leben, kam es früher oder später immer zu irgendwelchen Querelen und Unstimmigkeiten, die dann dazu führten, dass sich überall jeweils eine Art Führungselite bildete, die eher an eine Monarchie erinnerte und mit der anfänglichen Utopie vom friedlichen und demokratischen Miteinander abseits der normalen Gesellschaft nicht mehr viel gemeinsam hatte. Hauptgrund war offenbar das den Menschen in den Genen steckende Streben nach Macht, das sich auf Dauer bei einigen nicht unterdrücken ließ.

        Letztlich endeten die beobachteten Gruppen als Mini-Ausgaben unserer normalen Gesellschaft.

        Mag sein, dass es bei einigen funktioniert - aber das Dilemma ist, denke ich, die Tatsache, dass der Mensch allgemein gleichzeitig Individualist und auch Herdentier ist. Wenn es dann keine allgemeingültigen gesellschaftlichen Regeln gibt, werden schnell persönliche Grenzen überschritten und es funktioniert nicht mehr.

        Von der Definition des Begriffs her hast du wohl recht: Ein Ort, der real existiert, kann nicht mehr Utopie sein.

        • "Letztlich endeten die beobachteten Gruppen als Mini-Ausgaben unserer normalen Gesellschaft."

          Ja, genau das denke ich eben auch. Wobei das im Prinzip ja nicht schlimm ist. Nur war es eben an und für sich nicht das Ziel dieser kleinen Gemeinschaft, so zu werden wie die Welt, von der sie sich doch abgewandt hatte...

          Wenn ich an Christiania denke, dann ist dieser Freistaat schon sehr nah am restlichen Dänemark dran. Aber ich denke, allzu weit wollen sich die Bürger des Staates auch gar nicht fortbewegen vom Rest des Landes. Christiania ist ein Fall für sich, ich müsste mich intensiv mit dem Leben und der Idee dort befassen...

          In diesem Film, von dem ich oben schrieb, werden Utopien gezeigt, in denen es seit Jahren zu funktionieren scheint. Es ist dann ein Kommen und Gehen, ein Bewohner sagte, seine Gemeinschaft sei nie vollständig, sie gehöre allen, die da sind, die da gewesen sind und die noch kommen werden. Ein ewiger Fluss, eine immer währende Entwicklung.
          Wenn neue Bewohner ankommen, können alle alten Strukturen aufbrechen und das Leben kann neu geordnet werden.

          So hat er es erklärt.

          Ich denke, es ist vorrangig so, wie du auch schon sagtest, nämlich dass früher oder ein wenig später Menschen nach Macht und Vorzügen streben, die dann die Idee der Sache wanken lassen, sie verändert.

          Ich finde eine Entwicklung an sich nicht schlecht, die Frage ist, ob die Grundidee bewahrt werden kann und muss.

          Ein sehr interessantes Thema, finde ich. :-)

          • Ja, ein sehr interessantes Thema, das finde ich auch.:-)

            Bei all dem Gerede, den wissenschaftlichen Abhandlungen und Analysen über die Utopien der Menschen wird immer vergessen, dass man die eigenen, kleinen Utopien, die man sich gern mal zurechtspinnt, doch ruhig mal versuchen sollte zu leben, im Rahmen der Möglichkeiten.

            Dazu muss man gar nicht mit dem alten Leben abschließen und in irgendsoeine autarke Gruppe übersiedeln, fernab der Zivilisation. Das kann man im Alltag ganz einfach praktizieren, z.B. in Form von Meditation. Ohne viel Firlefanz wie Kerzen, Klangschalen, Räucherstäbchen und Mantren kann man sich einfach mal ein paar Minuten in eine ruhige Ecke setzen und mit ein paar Mindtricks das eigene Utopia besuchen. Das findet dann zwar erst mal nur im Kopf statt, kann aber auch für die Realität sehr wirkungsvoll sein. Man verlässt für eine Weile die harte, stressige und nervtötende Realität und taucht dort ein, wo man am liebsten wäre. Das entspannt und lenkt den eigenen Blick nicht selten wieder auf das Wesentliche; das was im Leben wirklich wichtig ist.

            Wer das regelmäßig macht und dazu eine optimistische Grundeinstellung hat, wirkt damit auch auf seine unmittelbare Umwelt ein und kann sie aktiv verändern.

            Das finde ich viel sinnvoller, als irgendwelchen großen Utopien hinterher zu jagen, die sich sowieso nicht realisieren lassen.

            :-)

      Wahrscheinlich nicht die Antwort, die du hören möchtest, aber ich habe so ein Problem mit dem Wort "Utopie".
      Das ist, wie du es ja auch beschreibst, so etwas Komplettes, so ein ganz und gar anderes.
      Meinem Empfinden nach können ganze Kleinigkeiten im Verhalten, im Leben, im Denken schon "etwas ganz anderes" sein und eine klitzekleine Veränderung in meinem Leben, in meiner Kommunikation in meiner Einsicht über mich selbst, kann dazu führen, dass sich mein Leben komplett verändert im Rahmen der bestehenden "Verhältnisse".

      Ganz wie mother-of-pearl schon geschrieben hat, eine von außen besehen kleine Veränderung im eigenen selbst, kann einen völlig anders nach außen wirken lassen und damit auch die komplette Kommunikation und Interaktion mit der "Welt um mich" vollständig verändern. Dazu braucht es dann nicht das vollständige Aussteigen in allen Lebensbereichen.

      Ich finde eine solche Veränderung an und in mir gerade so spannend, dass ich fast den Eindruck haben könnte, ich lebe in meinem persönlichen Utopia :-)

      Beste Grüße
      l-c

      • L-c,
        Ich erwarte ehrliche Antworten, ansonsten nichts. Danke dir also!
        Ich verstehe, was mother of Pearl und du meint, aber diese Art der Veränderung oder Entwicklung des eigenen Ichs scheint den im Film beschriebenen Aussteigern nicht weit genug zu gehen. Sie wollen sich abgrenzen, etwas eigenes und anderes machen, als der Rest der Gesellschaft es macht.

        Ich finde euren Gedanken der Utopie im kleinen schön, wobei ich auch meine, dass das Wort hinkt. Wenn Utopie "nirgendwo" meint, und so ist es ja, dann bedeutet das letztlich, dass das, was man sich an Lebensentwurf vorstellt, so nicht umsetzbar ist. Also muss dafür ein anderes Wort her.
        Deswegen auch meine frage, ob Menschen ihre Utopien tatsächlich leben können oder ob das dann eher Abwandlungen einer großen Idee sind, die sie da umsetzen.
        Wie auch immer finde ich manche dieser Gemeinschaften sehr interessant. Zum Film gibt es Buch, das muss ich lesen, damit ich genauer erfahre, was die Gründe für die einzelnen Menschen sind.

        Einen lieben Gruß an dich,

        White (verzweifelt beinahe an ihrem Smartphone. F***ing Feinmotorik)

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