Warum haben wir die älteste Bevölkerung Europas, so wenig Kinder?

    • (1) 13.10.12 - 15:03

      Liebes Forum,

      mich hat letztens die Meldung aufgeschreckt, dass die Deutschen die zweitälteste Bevölkerung der Welt haben, die älteste Europas.

      Angesichts einer Diskussion, wo es darum ging, dass eine junge Mutter einige Zeit mit ihrem kleinen Kind zuhause bleiben will und daher gucken möchte, ob sie ALG II bekommen könnte und es brandete ein Mordgeschrei auf, dass das ja wohl nicht der Staat finanzieren könne und überhaupt, man solle eben kein Kind kriegen, wenn man es sich nicht '"leisten" kann...

      ...frage ich mich, ob uns diese altmodische, von protestantischer Ethik triefende Einstellung nicht unter anderem in die Misere gebracht hat, dass jetzt in unserer Bevölkerung junge Menschen fehlen.

      Denn in Ländern, die eine bessere Geburtenrate haben, wie z.B die Länder Skandinaviens, kommt der Staat, der Steuerzahler, die Allgemeinheit sehr wohl dafür auf, dass Eltern zuhause bleiben. Je nach Land gibt es für eine bestimmte Zeit bis zu 100% Lohnausgleich!

      Müssen wir von dieser unsolidarischen Einstellung - du musst es selbst schaffen, die Gesellschaft hilft dir nicht, wenn du ein Leben mit einem Kind haben willst, darf das nur mit Erwerbsarbeit gehen - nicht Abschied nehmen?

      Das schafft doch auf Dauer eher Probleme als es nützt...oder?

      fragt die hinterwäldlerin

      P.S. Ich habe ja selbst nur ein Kind. Hätte ich eine staatliche Unterstützung bekommen, hätte ich vielleicht mehr als das eine bekommen.

      • Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum wir so wenig Nachwuchs haben.

        Zum einen sind wir eine moderne Gesellschaft, in der es schon frühzeitig genügend Empfängnisverhütungsmöglichkeiten gab. Siehe "Pillenknick".
        Andererseits sehe ich auch in der rasant gewachsenen modernen Wirtschaft einen Grund. Wer einen Arbeitsplatz haben möchte, muss mehr lernen. Wer lernt, hat keine Zeit für Kinder.

        Wer einen Arbeitsplatz hat, möchte den behalten. Arbeitgeber scheuen sich bisweilen aus Kostengründen, Frauen im gebärfähigen Alter oder junge Mütter einzustellen, weil diese ja ausfallen können.
        Es liegt vielleicht zum Teil auch an der Emanzipation der Frau. Früher blieb die Frau zu Hause, hat die Kinder groß gezogen und sich um das Haus gekümmert, während der Mann das Geld nach Hause brachte. Irgendwann aber reichte ein Einkommen nicht mehr und Frauen mussten auch arbeiten. Inzwischen übernehmen Frauen auch die gleichen Arbeiten wie Männer.
        Ein ganz kleiner Teil junger Frauen möchte vielleicht auch gar keine Kinder, weil die das Leben genießen möchten und da ist für Kinder kein Platz. Ich persönlich habe in meinem Bekanntenkreis sechs oder sieben kinderlose Frauen zwischen 35 und 45 Jahren.
        Kinder machen auch Arbeit und kosten Geld. Wer jedoch den ganzen Tag arbeiten gehen muss und trotzdem finanziell nicht über die Runden kommt, der kann sich ein Kind aus Zeit- und Kostengründen nicht leisten.
        Na und die Politik im Lande setzt auch nicht wirklich Anreize zum Kinderkriegen. Seien es die fehlenden Betreuungsplätze, sei es die fehlende Arbeitsplatzgarantie nach einer Geburt, seien es die zu hohen Kosten für Kinder allgemein. Kinder kosten Geld. Das fängt bei Windeln und Kinderwagen an und geht über vernünftige Nahrung, ordentliche Kleidung bis hin zu Möbeln und Nebenkosten für ein zusätzliches Kinderzimmer.

        Meine Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann gerne fortgesetzt werden.

        • Ja, aber vieles, was du aufzählst Emanzipation, Empfängnisverhütung..diese "modernen" Phänomene gibt es doch gerade in den skandinavischen Gesellschaften auch...und dennoch haben die eine höhere Geburtenrate!

          "Wer jedoch den ganzen Tag arbeiten gehen muss und trotzdem finanziell nicht über die Runden kommt, der kann sich ein Kind aus Zeit- und Kostengründen nicht leisten."

          Das ist es ja gerade, was ich beklage, diese Einstellung! In unserem Staat geht man davon aus, dass der Einzelne sich ein Kind "leisten" können muss, in anderen Ländern "leistet" der Staat, die Allgemeinheit z.B. einen Lohnausfall wegen Kinderbetreuung in den frühen Jahren. Eben nicht nur der Einzelne.

          Die moderne Arbeitswelt, all das, was du aufgezählt hast, das gibt es doch in Skandinavien auch und dennoch ist es da viel einfacher, Familie und Beruf zu vereinbaren...und sie stehen im internationalen Vergleich doch gut da. Da bricht doch nicht die Arbeitswelt zusammen und sie sind nicht mehr konkurrenzfähig, weil Eltern eine Zeit aus dem Beruf aussteigen.

          Damit, dass wir so tun, als schlössen sich Erfolg im Beruf und Kinder kriegen aus, haben wir uns den Ruf von Fleiß, Zuverlässigkeit und Perfektion erarbeitet. Aber wir haben zu wenig Kinder. Und damit keine gute Zukunft.

          ...und die Ironie ist, dass die, die nicht erfolgreich im Beruf sind, erst recht keine Kinder bekommen "dürfen", denn sie können sie sich ja nicht "leisten."

          • "Die moderne Arbeitswelt, all das, was du aufgezählt hast, das gibt es doch in Skandinavien auch und dennoch ist es da viel einfacher, Familie und Beruf zu vereinbaren...und sie stehen im internationalen Vergleich doch gut da. Da bricht doch nicht die Arbeitswelt zusammen und sie sind nicht mehr konkurrenzfähig, weil Eltern eine Zeit aus dem Beruf aussteigen."

            100% Zustimmung! In meiner Aufzählung fehlen aber noch ein paar wichtige Gründe: Die Mentalität der Menschen ist in skandinavischen Staaten anders. Ich glaube, allein schon wegen der Politik der letzten Jahrzehnte haben die Menschen da mehr Vertrauen in ihre Zukunft. Deutschland steckt meiner Meinung nach auch sehr tief in der Globalisierung drin, wir sind als zweitbevölkerungsreichstes Land in Europa eine ziemlich große Nation, ein modernes Zuwanderungsland und in unserem Land gibt es eine enorme Schräglage bei der Vermögensverteilung sowie bei den Einkommen. Alles zusammen sind Faktoren, die ja irgendwie zusammenspielen und letztendlich auch eine Auswirkung haben.

          • ***Das ist es ja gerade, was ich beklage, diese Einstellung! In unserem Staat geht man davon aus, dass der Einzelne sich ein Kind "leisten" können muss, in anderen Ländern "leistet" der Staat, die Allgemeinheit z.B. einen Lohnausfall wegen Kinderbetreuung in den frühen Jahren. Eben nicht nur der Einzelne.***

            In Deutschland geht man ausmeiner Sicht davon aus, dass der Staat gefälligst die Kinder und die Mütter und alles drumherum finanzieren soll. Hier werden ständig einzelne Schwächlinge gefördert und irgendwelche Löcher einzelner Familien gestopft anstatt sich auf insgesamt gute Rahmenbedingungen für Familien zu konzentrieren, damit diese sich selbst versorgen können, wie zB Mindestlohn und eine gute Kinderbetreuung.

            ***...und die Ironie ist, dass die, die nicht erfolgreich im Beruf sind, erst recht keine Kinder bekommen "dürfen", denn sie können sie sich ja nicht "leisten." ***

            Die Ironie ist doch eher dass die, die nicht erfolgreich im Beruf sind, sich auch noch die ersten drei Jahre ausschließlich um ihre Kinder kümmern wollen, anstatt wenigstens ein paar Stunden für ihren eigenen Lebensunterhalt zu "opfern".

            Für die Kinder wird doch notfalls über Kindergeldzuschuss und Wohngeld vom Staat gesorgt.

        Ja,

        und früher war es auch in Ordnung, wenn sich 2-3 Kinder ein Zimmer teilten, die Kleinen die Sachen der Größeren auftrugen. Es gab zum Geburtstag zwei, drei kleine Geschenke, es gab keine Nintendos, Wiiis, nagelneue Fernseher. Die Familie hatte oft kein Auto, Vater fuhr mit Henkelmann in der Tasche und dem Bus zur Arbeit. Urlaub gabs dann vielleicht auf dem Campingplatz irgendwo, aber bestimmt nicht 2 Wochen Sonne mit allen 2-3-4 Kindern auf Mallorza per Flieger.

        So will aber heute keiner mehr leben. Unser Luxus- UND unser Anspruchsdenken ist heute anders. Das beginnt mit "normalen" Dingen wie Haushaltsgeräten, die das tägliche Leben erleichtert und endet beim Supidupi-Flachbildschirm3DBlurayhastenichgesehen TV-Gerät. Man will essen gehen, an Kunst und Kultur teilhaben, vielleicht auch ein abgefahrens Hobby machen, Geld für die "schönen Dinge" im Leben haben.

        Und die lassen sich eben alle einfacher ohne Kinder oder mit nur einem Kind verwirklichen, als mit 2-3-4 Kindern, wo Mutti schon den Van braucht, um sie vom Kindergarten/Schule zu den kindlichen Freizeittätigkeiten/Hobbies zu kutschieren....

        LG

    Hallo,

    wenn man netto so viel erhält, wie im Jahre 1992 und Preise und Miete zahlen wie 2012, sind Kinder nunmal ein Armutsrisiko.

    • ...und deshalb muss man überlegen, wie der Staat, die Allgemeinheit etwas dagegen tun kann, dass es so ist.

      Denn keine bzw. zu wenig Kinder haben, bedeutet für die gesamte Gesellschaft mittel- bis langfristig ein Armutsrisiko! #schwitz

Ja schau Dich doch alleine in Urbia um, dann kannst Dir die Frage selbst beantworten. ;)

Kinder darf man nach Ansicht von vielen merkwürdigen Userinnen hier nur haben, wenn man sie sich leisten kann, sprich erst wenn das Kind kurz nach der Geburt dann anstatt Mama, Oma zu einem sagt....

  • So ein ausgemachter Schwachsinn!

    Früher, in Zeiten der Großfamilie, hatte man als Frau, auch wenn man keinen Beruf hatte, ausgesorgt.
    Heute spielt glücklicherweise auch die Schulbildung der Frau eine Rolle. Und es hat sich herumgesprochen, dass es geschickter ist, erst eine Ausbildung zu machen und dann Kinder zu bekommen.

    Anderfalls begäbe sich frau wieder in die Abhängigkeit des Mannes und das kann nicht ernsthaft dein Wunsch sein.

    Lieber kann ich finanziell alleine für mich und meine Familie sorgen und die Kinder sagen "Oma" zu mir, als dass ich ein Kind nach dem anderen in die Welt setze und nicht weiß, wie ich sie ernähre.

    Grußlos

Hallo,

bei mir persönlich war Geld nie der Grund, keine Kinder zu bekommen. Ich beobachte im Freundeskreis, dass das Problem schon vorher beginnt - die Hälfte meiner (Schul)freundinnen ist Single oder in ziemlich instabilen Beziehungen (und das nicht freiwillig). Bei unserem letzten Klassentreffen war nur ein (!) ehemaliger Mitschüler verheiratet.

Wenn du heute studiert hast und als Frau mehr als ein Kind hast, bist du sehr schnell weg vom Fenster. Wenn du es schaffst (eine Freundin von mir ist Anwältin in einer Kanzeleigemeinschaft) wirst du oft angefeindet, z.B. konnte meine Freundin kürzlich - so leid es ihr tat, nicht zu einer Theateraufführung ihres Kindes, da sie eine superwichtige Verhandlung hatte.

Wenn du nicht studiert hast und/ oder einfach einen Job hast, der wenig bezahlt - dann ist das Kind ein riesiges Armutsrisiko, wenn sich der Vater vom Acker macht. Du bist dann 100% der Zeit für alles verantwortlich - das kann eine riesige Belastung sein, wenn du finanziell und familiär keinen Rückhalt hast.

Einige haben mit großem Prunk geheiratet und waren genauso schnell wieder geschieden (Haus im Rohbau). Ich glaube wirklich, dass instabile Beziehungen eine große Rolle spielen.

Wir gehen nun alle auf die 40 zu und von einigen weiß ich, dass sie nun gerne Kinder hätten (Haus gebaut, Job sicher, ....) aber trotz Kinderwunschklinik scheinen die besten Jahre verpasst worden zu sein.

GLG
Miss Mary

  • Wenn du ein Kind bekommst, bist du als Frau beruflich weg vom Fenster, Kinder ein Armutsrisiko, genau das meine ich ja.

    Aber das muss ja eben geändert werden, diese Ein- und Vorstellung, denn das ist ja nicht gottgegeben, sondern von uns Menschen gemacht.

    Und das Phänomen der "Rushhour" des Lebens, das rührt ja gerade aus den Faktoren der Angst um beruflichen Aufstieg und dem tief verankerten Wert, der einzelne dürfe erst ein Kind bekommen, wenn er es sich individuell leisten kann.

Tja, seltsamerweise haben die Menschen in den Skandinavischen Ländern auch nicht unsere "Beruf-oder-Haushalt-Mentalität". Viel mehr Frauen arbeiten dort Vollzeit und kaum Teilzeit.

Auch werden dort die Männer viel mehr in die Verpflichtung genommen und die Krippenversorgung ist dort sehr gut ausgebaut.

Das alles deutet doch eher darauf, dass insbesondere zuhausehockende Frauen nicht die Lösung unseres Nachwuchsproblems sein können!

***Ich habe ja selbst nur ein Kind. Hätte ich eine staatliche Unterstützung bekommen, hätte ich vielleicht mehr als das eine bekommen. ***

Ich weiß nicht von welcher Unterstützung du sprichst und in welcher Höhe du die gebraucht hättest. Aber es klingt schon seltsam.

Wer sich mit seinem Gehalt selbst ernähren kann, braucht mit egal wie vielen Kindern kein ALGII. Denn in diesen Fällen greifen Kinderzuschlag und Wohngeld.

In Deutschland scheint das Grundproplem zu sein dass Frauen mit ihren Kindern an Haus und Herd gefesselt werden und Arbeiten für sie außer Frage steht.

  • "...Ich weiß nicht von welcher Unterstützung du sprichst und in welcher Höhe du die gebraucht hättest. Aber es klingt schon seltsam..."

    Ich meine: hätte ich, z.B. wie in Schweden, für ein Jahr 80% meines letzten Lohnes bekommen, hätte ich es mir mit einem zweiten Kind sicher überlegt. Ich wäre ja auch nicht abhängig vom Partner gewesen.

    Die Schweden praktizieren ihr Modell seit den 70er Jahren, sie haben über 40% Väter, die Elternzeit nehmen. Sie haben verankert, dass Eltern bis in die Grundschuljahre einen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung haben.

    Tja. Sie haben eine höhere Geburtenrate, damit eine gesündere Altersstruktur der Bevölkerung und eine bessere Lebensqualität, da sie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben.

    Ich meine: sollten wir nicht einfach mal gucken, was andere (anscheindend besser) machen, statt immer nur so zu tun, dass unser System das Maß aller Dinge ist...und dabei an den Zahlen sehen, dass es das Problem, dass zuwenig Kinder geboren werden, nicht behebt.

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