Begleitete Sterbehilfe (Schweiz)

    • (1) 28.10.13 - 14:59

      Hallo,

      ich gebe zu, ein sehr wehmütiges Thema....aber eure Meinungen würden mich doch interessieren, weil ich nach der Lektüre des Buches "Ein ganzes halbes Jahr" sowie der Nachricht, dass jemand aus dem weiteren Kollegenkreis sich das Leben genommen hat, oft darüber nachdenken musste.

      In der Schweiz haben unheilbar Kranke - und dazu gehören auch psychische Erkrankungen - die Möglichkeit, begleiteten Suizid zu begehen.

      Vor ein paar Jahren hat mich eine Dokumentation über einen körperlich völlig gesunden, aber schwer depressiven Menschen, der auf diesem Wege den Freitod gewählt hat, sehr berührt.
      Dennoch fühlte ich auch Unverständnis in mir, denn irgendwie unterscheidet man automatisch jemanden, der aufgrund Krebs oder ähnlicher Erkrankungen sowieso bald sterben würde, automatisch von jemandem, der schwere Depressionen hat und aus diesem Grunde keinen Lebensmut mehr hat. Und das, obwohl ich selbst auch mal Depressionen hatte.

      Was meint ihr dazu? Findet ihr es legitim, dass diese Menschen ihr Schicksal selbst wählen möchten, aber Bekannte, Verwandte etc nicht mit dem Fund oder dem Schock konfrontieren möchten und deswegen diesen (legalen) Weg in der Schweiz gehen?

      Wenn ja, sollte dies nur sterbenskranken Menschen zustehen?

      Eine nachdenkliche Yanis

      • Meiner Meinung hat hat jeder das recht, sich selbst zu richten! Jedoch nur, wenn er dadurch keine anderen in Mitleidenschaft zieht.. Vor den Zug werfen oder von der Brücke springen finde ich feige und solche menschen verachte ich! Denn ich will niemanden finden, der von Zug zerfetzt wurde oder jemanden der Matsch ist, weil er vom Hochhaus gehüpft ist! Für die Rettungskräfte und die Polizei ist das sicherlich kein schöner Anblick. Auch, wenn es für sie womöglich Routine ist!

        Wenn jemand sterbenskrank ist und sein Leben beenden möchte, dann finde ich es durchaus gut, dass es Möglichkeiten wie in der Schweiz gibt. Wegen Depressionen lehne ich es ab. Diese kann man heilen oder zu mindestens an ihnen arbeiten! Ich hatte selber breites welche, im Volksmund Burnout genannt.

        Es gab doch erst kürzlich einen Mann, der darauf geklagt hat, dass ihn jemand töten darf. Er kann sich nur durch Augenbewegungen mitteilen und hat Schmerzen! Das Gericht hat das abgelehnt... Solchen menschen sollte man meiner Meinung nach das Recht geben, SELBST über ihr leben zu entscheiden!

        Hallo yanis,

        sehr mutig so eine Diskussion hier zu starten, ich bin auf die Meinungen gespannt.

        Wenn jemand so weit ist, dass er den Freitod wählt, dann soll man ihm auch die Möglichkeit dazu geben. Psychisch kranke Menschen können aber nicht einfach so mal entscheiden, dass sie nun "gehen" wollen. Es muss erst mal ein Arzt gefunden werden, der das verschreibungspflichtige Medikament auch verschreibt. Natürlich wird es da viele schwarze Schafe unter den Ärzten geben, die sich das kleine Sümmchen nicht entgehen lassen wollen. Dennoch glaube ich an das Gute in jedem Arzt und hoffe einfach, dass die ihren Job richtig machen.

        Und ganz ehrlich: über solche Organisationen den Freitod zu wählen, finde ich alle mal sympathischer als sich vor einen Zug zu werfen oder zu erhängen.

        Gruss

        Hallo,

        wenn ich eine unheilbare Krankheit hätte oder beginnende Demenz hätte, würde ich es gut finden, wenn ich einen solchen Weg im Kreise meiner Familie wählen könnte.

        Im Notfall würde ich auch in die Schweiz gehen, aber vermutlich auch jemanden mitnehmen, der mich in den letzten Stunden begleitet.

        GLG

      • hallo!

        ich kenne mich nun mit den gesetzlichen vorgaben in der schweiz nicht aus, aber ich nehme an, dass der prozess bis zur gabe des medikaments nicht unerheblich sein wird. daher nehme ich an, dass die zahl derer, die sich vor den zug werfen oder auf andere art den freitod wählen, auch dort nicht wesentlich geringer sein wird als in deutschland. nicht zuletzt, da es oftmals menschen sind, die sich ohne medizinische indikation das leben nehmen.

        das problem bei depressionen sehe ich darin, dass in vielen fällen die freie meinung durch die krankheit dermaßen beeinflusst ist, dass eine neutrale einschätzung des eigenen lebenswillens und auch der heil- oder behandelbarkeit der krankheit gar nicht möglich ist. es gibt unzählige menschen, die ihren lebensmut nach einer erfolgreichen behandlung wiedergefunden haben. diese gäbe es nicht mehr, wenn sie evtl zur falschen zeit die möglichkeit gehabt hätten, sich auf legale weise das leben zu nehmen. dem steht ggfls nur die angst entgegen, den tod durch den selbstmordversuch nicht zu erreichen und unter umständen ein leben als pflegefall führen zu müssen.

        bei unheilbarer/austherapierter erkrankung finde ich es einen würdevollen weg, gehen zu dürfen - natürlich unter strengen auflagen. dann jedoch finde ich den gedanken, dass jemand die möglichkeit hat, seine dinge zu erledigen, sich von seinen liebsten zu verabschieden und dann in frieden an einem geschützten ort mit fürsorglicher betreuung und rücksichtnahme freiwillig zu gehen, durchaus bedenkenswert. man sollte schon das recht haben, sein leben frei zu gestalten und nach möglichkeit dann eben auch den tod.

        liebe grüße
        hopsi

        • "das problem bei depressionen sehe ich darin, dass in vielen fällen die freie meinung durch die krankheit dermaßen beeinflusst ist, dass eine neutrale einschätzung des eigenen lebenswillens und auch der heil- oder behandelbarkeit der krankheit gar nicht möglich ist. es gibt unzählige menschen, die ihren lebensmut nach einer erfolgreichen behandlung wiedergefunden haben. "

          #pro

        • Ich stimme dir komplett zu!
          Depression ist eine schwere Krankheit, die das Denken und Fühlen stark beeinflusst und den Menschen in diesen Phasen nicht frei entscheiden lässt.
          lg julia

      Hallo,

      ich habe gerade eben zu dem gleichen Thema auf bild.de einen Bericht dazu gelesen, der mich sehr traurig gemacht hat. Da geht es auch um einen totkranken Mann der seit Jahren nur noch leidet und HEUTE in die Schweiz zum Sterben geht. Total beklemmend irgendwie #schmoll
      Ich finde es aber gut, dass man dort die Möglichkeit dazu hat.

      Was das thema Depressionen und psychische Erkrankungen angeht, da habe ich noch nie gehört, dass sie einem auch in diesem Fall beim Sterben helfen. #gruebel
      Aber im Prinzip sollte jeder Mensch das Recht haben zu entscheiden wann er sterben will.

      Liebe Grüße
      Ariane

    In der BILD gibt es zu diesem Thema heute auch einen Artikel über einen Mann, der den Weg in die Schweiz gegangen ist. Er ist seit so vielen Jahren krank, kann sich kaum mehr bewegen, siecht nur noch dahin. Für solche Menschen habe ich Verständnis, dass sie so nicht mehr weiterleben wollen.

    Ich kenne aber auch eine Frau, die unter schweren Depressionen seit einigen Jahrzehnten leidet. Sie hatte Therapien, sie steht stets und ständig unter Medikamenteneinfluss. Sie war noch nie arbeiten. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal zusammen mit ihrem Mann im Urlaub war. Sie hat irgendeine neurale Störung (wenn man das so nennt). Diese hat sie wohl auch an ihre Tochter weitergegeben. So etwas ist im Grunde nicht therapierbar. Wenn ich so leben müsste wie sie, würde ich mich schon fragen "Was ist mein Leben wert?". Würde ich deswegen den Freitod wählen? Ich weiß es nicht. Aber so leben würde ich nicht wollen.

    (11) 28.10.13 - 17:16

    Hi,

    ich bin komplett für die Sterbehilfe.
    jeder soll über sich selbst entscheiden können & dürfen, egal welche Krankheit.

    Auch extreme Depressionen können nicht unbedingt behandelt werden und die Menschen können trotz Behandlung, Tabletten etc. das Ende herbeisehnen....siehe Selbstmordrate.

    jeder Mensch sollte für sein Leben eigenverantwortlich damit umgehen können.

    lisa

    (12) 28.10.13 - 22:04

    Das klingt jetzt vielleicht kurios, aber ich finde es auch unheimlich mutig, den Freitod zu wählen; zumal oftmals depressiven Menschen, psychische labilität unterstellt wird.
    Er gehört eine unglaubliche Überwindung dazu, die Vorstellung daran, verursacht Schweißperlen auf meiner Stirn. Da ich mich aber mit Depressionen nicht auskenne, deren Auswirkungen offenbar (manchmal) in einer auswegslosen Sackgasse enden; machen mich doch unheimlich nachdenklich.
    Primär ist jeder für sein Leben oder auch den geplanten Tod verantwortlich; aber wie jemand schon schrieb, ohne andere Unbeteiligte mit hereinzuziehen. (Ich möchte auch kein Lockführer sein, der den einen oder anderen überrollt)
    Aktive Sterbehilfe finde ich im weiteren Sinne sehr hilfreich, in erster Linie für Menschen, die dem Tode geweiht sind, gar leiden oder keinen Sinn und Lebensfreude mehr empfinden können...inwieweit das für den Freitod gelten soll!?
    Beispiel: Mann, verheiratet 2 Kinder, stark Depressiv....Umstände endlos kompliziert, sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben.
    Möglichkeit 1: Er bittet seine Frau und seine Kinder die Absolution für den Suizid zu erteilen.
    Möglichkeit 2: Er macht es still und heimlich, ohne das er unbedingt von den Angehörigen gefunden wird.
    Ich vermute, das Variante 1 einfach undenkbar ist, denn soetwas zu verlangen wäre unmenschlich.
    ..oftmals ist die Verzweiflung tragischerweise doch höher als professionelle Handlung.
    Jemand der dauerhaft in psychologischer Behandlung ist und die Schwere der Erkrankung unheilbar scheint, dem sollte meiner Meinung auch in diese Richtung geholfen werden, wobei es echt fragwürdig gegenüber den Angehörigen ist.
    Wer übernimmt die Verantwortung...wenn der sterbewillige Hilfe in Anspruch nimmt...aus freien Willen ist die eine Sache, die ethische Verantwortung dafür zu tragen, eine andere....
    Schwierig...aber höchst interessante Diskussion

    • "Beispiel: Mann, verheiratet 2 Kinder, stark Depressiv....Umstände endlos kompliziert, sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben.
      Möglichkeit 1: Er bittet seine Frau und seine Kinder die Absolution für den Suizid zu erteilen.
      Möglichkeit 2: Er macht es still und heimlich, ohne das er unbedingt von den Angehörigen gefunden wird. Ich vermute, das Variante 1 einfach undenkbar ist, denn soetwas zu verlangen wäre unmenschlich."

      Schau, und ich fände die Variante 2 unerträglich, weil die Familie ihn womöglich nie finden wird und nie wird abschliessen können.
      Bei Variante 1 können sie sich ggfs. verabschieden, oder/und vorher diskutieren, ob es andere Möglichkeiten gibt. Das wäre für mich als Angehörige und/oder Suizidale der bessere Weg.

Ich fände es am besten, wenn die nächsten Angehörigen hinter einer solchen Entscheidung stehen könnten.
Ich kenne einen Fall eines Mannes, der seiner Frau und seinen schulpflichtigen Kindern seine unheilbare Krebserkrankung verschwiegen hat. Und sich selbst getötet hat. Für die Angehörigen furchtbar, für ihn der einfachste Weg, der ja aber so viele Fragen offen lässt.
Ich weiss von einem Mann, der schon jetzt den Plan hat, sich zu töten, wenn er merkt, dass er nicht mehr so kann, wie er will. Das ist okay, er hat offen mit uns darüber gesprochen, und wenn er plötzlich weg ist, wissen wir, wo er zu finden wäre, denke ich.

Aber es kommt natürlich immer auf die Umstände drauf an, und die sind so vielschichtig wie die Familien es sind.
Würde die Ehefrau den Mann gehen lassen? Würde sie seine Entscheidung akzeptieren oder ihn an seinem Vorhaben hindern? Und wäre es dann "ok", wenn der Mann "einfach so" ginge, ohne zu sagen, wohin und was er zu tun gedenkt?

Das ist extrem schwer zu beurteilen.

Ich für meinen Fall würde mir die Offenheit wünschen. Auch, wenn es unglaublich schwer ist, einen geliebten Menschen gehen zu lassen.

Und da spielt dann immer noch die eigene Vorstellung eines Lebens hinein: Meinen 80 Jahre alten, kranken Vater, den kann ich als Mensch vielleicht (liebevoll) gehen lassen, wenn er es so will.
Aber meinen schwer depressiven 26jährigen Sohn, den eher nicht (nein, ich habe keinen solchen Vater und auch keinen solchen Sohn, es sind imaginäre Beispiele), weil meine Vorstellung von seinem Leben mit seinen 26 Jahren noch gar nicht richtig begonnen hat.

Ginge dieser Sohn jedoch, ohne zu sagen, wohin und warum, mein Leben wäre ab sofort darauf ausgerichtet, nach Antworten zu suchen, die es nicht mehr gibt.

Das ist also in der Tat extrem schwierig zu beurteilen.

Ich kann mir hier einen Idealfall ausdenken, aber der wird in der Regel nicht eintreten.

Ein gutes Thema, ein wichtiges allemal. Danke für den Denkanstoss!

L G

White

Hallo!

Ich hab das Buch auch gelesen (naja eher verschlungen und Rotz und Wasser geheult).

Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, wann es für sie richtig ist zu gehen.

Aber sie müssen das Medikament selber nehmen, ansonsten ist es entweder Totschlag oder im besten Falle eine Tötung auf Verlangen.

Ich finde das alles sehr schwierig. Ein komplett gelähmter Mensch (wie Will) ist also nicht in der Lage das er das Zeug selber trinkt, er kann sich auch keine Giftspritze setzen. Dann muss das ein anderer für ihn tun. Aber ist es nicht sehr egoistisch das ich von Mann, Freund, Freundin, Krankenschwester das verlange?

Das sie einen Menschen töten?
Das sie eventuell im Knast landen?

Wer im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist, und in der Lage das Medikament zu nehmen, und da felsenfest von überzeugt ist-gut, das muss er selber wissen.

Alles schwierig, mir fehlen auch die Worte um das auszudrücken was ich sagen möchte.

LG

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