Gedanken zum Untergang des Abendlandes...

    • (1) 15.11.13 - 10:17

      So...

      ich reihe mich dann mal ein in die Eröffner der Threads zu diesem Themenpaket. Bitte nehmt euch aber die Zeit den Post erst zu lesen und überlegt euch dann, ob ihr euch eher gelangweilt zurücklehnen wollt, die ersten Steine werfen, oder vielleicht sogar beteiligen wollt.

      Danke. :-)

      Ich möchte aber eigentlich mal einen Gedanken in den Raum stellen, der etwas weiter reicht und auch noch Europakritiker mit einschliessen soll.

      Wir beklagen ja scheinbar einen Totalverlust der Deutschen Kultur und Identität. Lustigerweise geht das unseren europäischen Nachbarn genauso. Die Franzosen haben Angst immer unfranzösischer zu werden und die Engländer erwägen sogar mittlerweile öffentlich den Austritt aus der EU...

      Alles, weil die Menschen eine Angst vor der Überfremdung durch Minderheiten, seien es Muslime, einfach nur Einwanderer, oder mancherorts gar Schwule...

      Was mich dabei sehr verwundert ist der Gedankengang bei den Leuten von der Strasse. Ein jeder will, dass der Erhalt der kulturellen Identität von oben herab durch Gesetze sichergestellt wird, bzw zumindest nicht aufgeweicht wird.

      Was ist das für eine merkwürdige Einstellung?

      Merken die Leute nicht, dass der Erhalt der Identität in jedem einzelnen von uns liegt? Ein jeder kann doch seine Kultur pflegen, statt mit Stammtischparolen andere für den Untergang des Abendlandes verantwortlich zu machen.
      Niemand zwingt mich, mich ohne Sarg begraben zu lassen, oder meinen Laternenumzug mit Freunden umzubenennen (die Liste ist beliebig erweiterbar). Dafür droht mir auch keine Strafe.

      Gleichzeitig bin ich aber froh, dass ich scheinbar von vielen toleranten Menschen umgeben bin, die es schätzen, dass man als Zwischenmahlzeit neben der urdeutschen Currywurst auch mal einen Döner/ Gyros/ Falafel etc zu sich nehmen kann.
      Ich bin froh, dass wir Deutschen uns zumindest vereinzelt so weltoffen präsentieren. Etwas anderes stünde dem Export- und Reiseweltmeister Deutschland auch einfach schlecht zu Gesicht.

      DAS wäre eigentlich der einzige Grund, den ich erkennen könnte, wo es gerechtfertigt wäre einen Stolz Deutscher zu sein zu empfinden. Also ein eher integrativer Ansatz, statt Separation...

      Das war jetzt etwas abschweifend, der eigentliche Kern dieses Posts dreht sich tatsächlich um die Frage, ob unsere Kultur und Identität tatsächlich aussterben wird, wenn das nicht "von oben" geregelt wird?
      Ich meine zu erkennen, dass sich regionale Identitäten und kulturelle Eigenheiten eigentlich eher daran fest machen lassen, wie die Menschen damit umgehen, nicht Politiker... Das war zumindest in der Vergangenheit immer so.
      Die Gefahr, die davon ausgeht sich immer nur nach einer verordneten Regelung zu richten, dürfte hinlänglich bekannt sein.

      Ist die heutige Generation tatsächlich zu träge, ihrem Wunsch nach Identität selber Rechnung zu tragen?

      • Hallo!

        Ich gebe Dir in der Sache recht. Kultur "von oben", also qua Gesetz regeln zu wollen, ist eine schräge Idee. Denn ja - Kultur ist das, was Menschen tun. Kultur ist die Form des Zusammenlebens und per se ein Prozess. Es gibt einfach nicht DIE Kultur als statisches Gebilde, auf das man aufpassen, die man behüten muss. Kultur verändert sich und dazu braucht man nicht mal Einwanderung.

        Aber die Angst der Menschen ist da. Es gibt die Angst der Einwanderer selbst, davor, dass sie Teile ihrer Kultur nicht leben dürfen und dafür Konflikte mit ihrer Familie in Kauf nehmen müssen. Davor, dass sie hier nicht sicher sind. Es gibt die Angst der Mehrheitsbevölkerung vor Veränderung (dabei wird ausgeblendet, dass es eben immer Veränderung gibt). Es gibt die Angst ganz vieler, dass man ihnen etwas wegnehmen könnte - materiell oder ideell. Es hat nichts mit Trägheit zu tun, wenn die Menschen ihre kulturellen Interessen nicht selber wahren sondern nach Gesetzen rufen. Die Gesetze sollen eben regeln, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann.

        Wenn jeder so dürfte wie er wollte, würde das leider sehr bald massive Konflikte mit sich bringen, weil eben nicht alle kulturellen Bedürfnisse miteinander vereinbar sind.

        Ich denke, man muss die Angst der Menschen (ganz gleich aus welcher Kultur) ernstnehmen und teilweise qua Gesetz dafür sorgen, dass die kulturellen Interessen so weit wie irgend möglich vereinbar sind.

        Außerdem - und jetzt lehne ich mich sehr weit aus dem Fenster - haben Gesetze, die kulturelle Identität wahren, etwas mit Wertschätzung zu tun. Indem meine Interessen (als Frau, als Mutter, als Asylbewerber, als muslimisch sozialisierter Deutschtürke...) gesetzlich verankert und gesichert sind, bin ich ein Mitglied dieser Gesellschaft mit eigenen Rechten, die ich sogar schriftlich habe. Ich fühle mich (mal mehr mal weniger) repräsentiert. Wenn Menschen sich von dem Staat, in dem sie leben nicht repräsentiert und im Stich gelassen fühlen, kann das mitunter üble Folgen haben.

        Das nur so meine oberflächlichen Gedanken dazu.

            • mach ich mit Sicherheit, aber ich sitz gerade im büro... ;-)

              Das Wochenende wird auch etwas voller, aber dann habe ich bis dahin sicher eine Menge zu lesen.

              Hatte heute morgen nur diesen Gedanken und wollte das mal zur Diskussion stellen. :-)

              • Verstehe. :-)

                Ich bin dummerweise *immer* mit den Kindern unterwegs, wenn es hier richtig losgeht, also nach Feierabend. Wenn ich dann wieder schaue, ist immer das meiste gelaufen. #augen

                Aber ich lese Dich.

                #winke

      • Ich glaube wir haben sehr ähnliche Meinungen... Das schon mal vorweg.

        Das Problem, das ich bei den gesetzlichen Regelungen sehe ist, dass die, die danach rufen, ja eher dafür sind, dass diese Gesetze eher restriktiv gegen die Interessen der "Fremden" gestaltet sind. Also quasi als eine Art Bewahrungsgarantie für die eigene Identität und Kultur.
        Und das halte ich eben für falsch.

        Dein Ansatz ist da viel schlauer. Gesetze sollten eben für ALLE Bürger gemacht werden und nicht nur für die oder zu Gunsten derer, mit einem deutschen Pass oder deutscher Abstammung.

        Das bedeutet eben dass ein Gesetz nicht als kulturelles Mittel zur Durchsetzung oder Wahrung nationaler Eigenheiten genutzt werden kann, oder sollte.
        Das wäre angesichts der Deutschen Rolle auf der Weltbühne auch ein fatales Signal.

        Die aktive Wahrung der Kultur, und da rede ich nicht mal von einer deutschen Kultur, ist eigentlich ausschliesslich Sache der sie praktizierenden Menschen.
        Ich bezweifel aber, dass es so etwas wie eine "deutsche" Kultur überhaupt gibt.
        Man denke nur an die andauernde "Fehde" der Preussen und der Bayern. Auch haben die Saarländer sicher einen anderen kulturellen Background, als zum Beispiel ein Nordlicht von der Küste.

        Ich denke, dass wenn sich die Leute mehr darauf besinnen würden, ihre Kultur zu leben und zB Migranten auch aktiv einzubinden, dann wäre das für alle Beteiligten viel besser, weil es zu gegenseitigem Verständnis führen würde, statt zur Ablehnung aus Unkenntnis...

        • "Das Problem, das ich bei den gesetzlichen Regelungen sehe ist, dass die, die danach rufen, ja eher dafür sind, dass diese Gesetze eher restriktiv gegen die Interessen der "Fremden" gestaltet sind. Also quasi als eine Art Bewahrungsgarantie für die eigene Identität und Kultur.
          Und das halte ich eben für falsch."

          Ja, da sind wir uns einig. Ich habe ehrlich gesagt zu wenig Ahnung von der aktuellen Gesetzeslage, um jetzt vernünftig am konkreten Beispiel zu argumentieren. Aber mein Eindruck ist, dass Vorstöße anderer Kulturen (mir fallen gerade Muslime ein) ein derartiges Medienecho hervorrufen, dass es tatsächlich aussieht, als stünde der Untergang der westeuropäischen Kultur bevor. Dabei wird dann übersehen, dass die wenigsten dieser Vorschläge auch tatsächlich umgesetzt werden und was bleibt ist die Angst des Deutschen vor der Überfremdung.
          Die "Bewahrungsgarantie" ist vermutlich trotzdem notwendig, solange die Bedürfnisse anderer Kulturen so aufgebauscht werden, damit niemand loszieht und eine Bürgerwehr gründet.

          Schlau finde ich die Schaffung von allgemeinen Strukturen und Gesetzen, in denen jeder seinen Platz finden kann. Dazu gehört für mich neben der Meinungs- und Religionsfreiheit auch die Schaffung religionsfreier öffentlicher Räume. Zum Beispiel die Forderung, dass christliche Zeichen aus öffentlichen Schulen, Krankenhäusern und Behörden entfernt werden, ist ja keine Erfindung der Einwanderer sondern wird von deutschen Stellen vertreten. Es gäbe einen neutralen Raum für alle (soweit das möglich ist) und viele kleine und große Stellen mit weltanschaulicher Ausrichtung, die nebeneinander Platz haben könnten. Klar braucht es Regeln, damit man miteinander auskommt, aber damit wäre ein großer Schritt schon gemacht.

          Mit den innerdeutschen kulturellen Unterschieden hast Du vollkommen recht. Der kulturelle Unterschied zwischen einem Atheisten aus der multikulturellen Großstadt und einem bibeltreuen Christen vom platten Land ist vermutlich größer als zwischen dem Atheisten und seinem Nachbarn aus Simbabwe. Das wird aber zugunsten der gemeinsamen Wurzeln, die es zu wahren gilt, unter den Teppich gekehrt.

          • Das Medienecho ist ja nicht von ungefähr so gross, es ist so gross weil es offenbar eine Zahl (Mehrzahl?) von Menschen gibt die das konsumieren weil sie Befürchtungen oder was auch immer haben. Das es besonders die Muslime sind die auffallen ist ja auch nicht verwunderlich. Der Islam wird als eine sehr gefährliche Religion wahrgenommen. Auch wenn es Millionen von friedliebenden Moslems gibt bestimmen nicht die das Nachrichtengeschehen sondern die anderen , die wirklich gefährlichen. Was sich in meinen Augen die muslimische Welt vorhalten lassen muss ist das sie das toleriert , z.T. wohlwollend akzeptiert und eben nicht dagegen eintritt. Die kulturelle Kluft zwischen dem europäischen Selbstverständniss und der Weltsicht der islamischen Länder ist sehr gross. Um das zu überwinden und um ein halbwegs harmonsiches Miteinander zu gewährleisten ist viel Anstrengung notwendig. Von beiden Seiten. Oder die Gesellschaft akzeptiert ein Nebeneinander ähnlich wie in den USA.

            Was das Thema Neutralität des Staates in Religionssachen angeht so ist das herrschendes Gesetz. Das Problem ist nur man ist nicht konsquent in der Umsetzung.

            • Ja, das habe ich auch nicht bestritten. Gäbe es nicht eine Vielzahl von Menschen, die sich durch die Einrichtung von Gebetsräumen an Gymnasien ernsthaft beeinträchtigt fühlen (ich überspitze bewusst), würde das Thema nicht so dankend angenommen und die Medien würden weniger drüber schreiben. Soweit klar.

              Aber natürlich könnte man auch anders mit dem Thema umgehen, man *muss* die Ängste und Sorgen der Bevölkerung nicht bedienen, man kann auch versuchen, Bedenken zu zerstreuen. Das meinte ich.
              Die Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Realität in unserem Land wahrnehmen, das darf man nicht aus dem Auge verlieren in dieser Debatte.

              "Was das Thema Neutralität des Staates in Religionssachen angeht so ist das herrschendes Gesetz. Das Problem ist nur man ist nicht konsquent in der Umsetzung."

              Genau das ist der Punkt. Da würde ich mir mehr Konsequenz wünschen.

              • "Die Medien haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Realität in unserem Land wahrnehmen, das darf man nicht aus dem Auge verlieren in dieser Debatte."

                Ja, da stimme ich dir zu. Und es gibt immer einen Grund, warum bestimmte Medien bestimmte Themen besonders gross aufmachen.

                Da werden auch politische Ziele verfolgt.

            >>Was sich in meinen Augen die muslimische Welt vorhalten lassen muss ist das sie das toleriert , z.T. wohlwollend akzeptiert und eben nicht dagegen eintritt.<<

            "Die" muslimische Welt gibt es so aber nicht. Es gibt auch nicht "den" Islam, wie es nicht "das" Christentum gibt. Es gibt viele christliche Kirchen und es gibt viele islamische Richtungen, die sich manchmal freundlich, oft ablehnend, manchmal sogar feindlich gegenüber stehen. Es gibt genug Muslime, die Gewalt ablehnen. Was stört das die, die Gewalt befürworten?
            Oder wirfst du der "christlichen Welt" auch vor, dass sie die evangelikale Rechte in den USA wohlwollend akzeptiert und nicht dagegen eintritt? Obwohl von deren Aktivisten jedes Jahr Ärzte ermordet werden, die Frauen zu ihrem gesetzlich verbrieften Recht auf Schwangerschaftsabbruch verhelfen?

            >>Die kulturelle Kluft zwischen dem europäischen Selbstverständniss und der Weltsicht der islamischen Länder ist sehr gross.<<

            Dann sag mir mal, welche übereinstimmende Weltsicht zwischen dem Iran, Saudi-Arabien, Jordanien und der Türkei herrscht. Ich bin gespannt.

            • Ja ich werfe es den Christen auch vor. Und auch hier ist mir die Strömung die das tut eigentlich relativ egal. In Abwandlung deiner Frage, Was hilft es dem Opfer ob der Christ ein röm-kat ist oder ein Evangelist oder ähnliches. Er ist Opfer eines religiösen Fundamentalisten.

              Ich habe bisher kaum mal einen namhaften muslimischen Religionsführer gehört der sich gegen die Gewalt ausspricht. Dagegen befinden sich in islamischen Ländern oftgenug ein Mob auf den Strassen wenn irgendwo in Europa was ist was nicht sein darf. Ich sage nur Mohamedkarrikaturen. Ich frage mich bei solchen Gelegenheiten immer ob die Leute zu Hause einen Schrank mit den Landesfahnen aller Länder stehen haben um sie bei Bedarf verbrennen zu können.

              Na sicher gibt es Muslims die Gewalt ablehnen nur die sieht man nicht. Es gab in keinen einzigen Land mal eine Demonstration gegen religiös motivierte Gewalt. Auch wenn es verschiedenste Strömungen des Islam gibt, wenn ich gläubig wäre und streng gläubig und es immer wieder Menschen gibt die meinen Glauben als Entschuldigung oder gar Motivator für Gewalt und Krieg benutzen , ich aber weiss und zutiefst davon überzeugt bin das das eigentlich mit meinen Glauben nicht vereinbar ist dann handel ich irgendwann. Darauf will ich hinaus.

              Die Übereinstimmung willst du wissen? Frauen sind Menschen 2. Klasse?

              • "Ich habe bisher kaum mal einen namhaften muslimischen Religionsführer gehört der sich gegen die Gewalt ausspricht. "

                wie viele kennst du denn?

                http://islam.de/17354

                ich lebe wenige hunderte meter entfernt von einer Moschee, deren mitglieder sich immer wieder dazu äußern und ganz klar gegen gewalt aussprechen.

Top Diskussionen anzeigen