Gruppenzwang

    • (1) 27.11.13 - 08:45

      Neulich fiel mir ein Artikel in einem Magazin in die Hand, der mich wahrlich verblüfft hat, aber mir auch eine für mich sehr einleuchtende Erklärung für all die oft unglaublichen Aussagen und Irrglauben bietet.

      "Das Konformitätsexperiment von Asch, 1951 von Solomon Asch veröffentlicht, ist eine Studienreihe, die zeigte, wie Gruppenzwang eine Person so zu beeinflussen vermag, dass sie eine offensichtlich falsche Aussage als richtig bewertet.

      Asch ließ eine Versuchsperson einen Raum betreten, in dem bereits eine Gruppe saß. Der Versuchsperson sagte Asch, dass es sich bei dieser Gruppe um andere freiwillige Teilnehmer handele. Allerdings hatte Asch die gesamte Gruppe vorher eingeweiht, sie waren seine Komplizen.

      Dann zeigte Asch allen ein Bild mit einer Linie auf der einen und drei unterschiedlich langen Linien auf der anderen Seite. Jetzt sollten die Teilnehmer schätzen, welche der drei Vergleichslinien dieselbe Länge wie Linie X hat, was bei genauem Hinsehen nicht allzu schwer fällt. Zunächst sollten die Vertrauten von Asch ihre wahre Einschätzung in der Gruppe äußern. In diesem Fall gab die Versuchsperson fast immer die richtige Antwort.

      Zwölf Mal stimmte die Gruppe jedoch falsch ab, natürlich absichtlich. Und was passierte? Das Gruppenurteil beeinflusste die Versuchsperson erheblich. Durchschnittlich passte sie sich in jedem dritten Fall der Mehrheit an."

      Nun könnte man hergehen und sagen, dass diese Experimente ja bereits vor über 60 Jahren durchgeführt wurden und heute nicht mehr aktuell sind, aber das stimmt nicht. Die Universität Marburg hat das Experiment vor kurzem wiederholt und das Ergebnis von Asch erneut bestätigt. http://www.students.uni-marburg.de/~Nauj/downloads/02.%20Semester/sozpsy/FS/Stroebe/Stroebe%20Skript2/SOZI_STROEBE16.RTF

      Diesen Gruppenzwang kann man oft und fast überall wiederfinden. So gibt es beispielsweise einen Gruppenzwang in der Pubertät:
      http://pubertaet-hilfe.gradita.de/2013/06/17/gruppenzwang-in-der-pubertaet/

      Frage: Habt Ihr auch manchmal das Gefühl, dass in Onlineforen die Mehrheit hin und wieder eine andere Meinung vertritt als Eure eigene? Schließt Ihr Euch dann der Gruppenmeinung irgendwann an oder nehmt Ihr lieber gar nicht erst an solchen Debatten zu lange teil?

      • du kannst eine online diskussion nicht 1:1 mit diesen experimenten vergleichen. hier ist es erheblich leichter sich den Einflüssen zu entziehen.

        aber: beobachte doch mal eingie diskussionen hier. du wirst feststellen, daß meist die erste oder die ersten paar Antworten starken einfluß darauf haben, wie der verlauf der diskussion weiter geht.
        wird am anfang gestänkert oder sachlich argumentiert, wird wohlwollend auf das thema eingangen oder wird es abgewertet etc.
        sehr häufig beeinflussen eben diese ersten antworten den tenor der diskussionen.

        viele werden nun denken, daß sie sich nicht oder kjaum von gruppen oder anderen beeinflussen lassen. so täuschen wir uns selsbt.
        aber selbstverständlich tun wir das ständig.

        auch hängt es tark davon ab, WER was sagt.
        ein experiment vor 50 jahren (milgrim experiment) zeigte z.B. daß eien vereminliche autorität und deren präsenz einen starken einfluß auf unser verhalten hat.

        aber auch im alltag beobachten wir das ständig.

        wir beobachten die gruppe und nehmen dann bezug dazu.
        in aller regel passen wir uns an, d.h. körperhaltung, mimik, gestik, postion im raum usw. werden sich ehe angleichen- außer wir wollen uns bewußt (oder unbewußt) abgrenzen von dieser gruppe.

        http://www.youtube.com/watch?v=YuoVCrur2NI

        und ja: in der pubertät ist der bezug zur peergroup sehr wichtig und damit die anpassung sehr hoch.
        in der kindheit dagegen ist das elternhaus die wichtigste bezugsgruppe und die anpassung daran sehr hoch.

        • #rofl

          Die arme, arme Frau. Aber ein tolles Experiment.

          Nur, ob ich das auf mein Diskussionsverhalten übertragen kann, das sehe ich noch nicht.

          Hier findet ein ja schon auch körperlicher Zwang statt, ein Druck, der ganz anders ist, als das, was in einem Internetforum stattfindet, wie du schon sagst.

          Na, darüber denke ich jetzt mal nach. Ich kann hier na klar meine Meinungen vertreten und mich keiner Masse anschliessen, nur weil es eine Masse ist, aber ob ich in diesem Fahrstuhl an die Wand schauen würde oder nicht, das ist eine ganz andere Sache.

          Wobei ich eigentlich immer an der rechten oder linken Wand lehne und zwar im rechten Winkel zur Tür. Halb und halb, sozusagen. Und fast grundsätzlich. :-)

          • ja ganz genau.
            es spielen viele faktoren eien rolle, die uns dazu bringen uns eienr gruppe anzupassen.

            viele davon sind online einfach nicht gegeben.

            mMn ist das auch dr grund, warum online- noch dazu anonym - die menschen (wie hier bei urbia) häufig distanzloser, unhöflicher, schroffer interagieren.
            es gibt weniger soziale kontrolle, die im realen leben durch viel mehr als nur sprache ausgedrückt wird.

            aber auch hier kannst du "den mob" beobachten. eine gehässige bemerkung zieht häufig andere an, die ebenfalls "einen draufsetzen".
            das enthemmt uns einfach, wenn wir sehen, daß ein anderer dies sagen darf/ kann.

            da sich das milgrim experiment dieses jahr zum 50. mal jährt habe ich da vor kurzem nochmal nachgelesen.
            und die quintessenz ist im grunde, daß wir uns dann anpassen (auch ei nverhalten zeigen, daß wir unter anderen umständen nicht zeigen würde, ja sogar ablehnen würden), wenn wir von einer autoriät aufgefordert werden und wenn diese autorität die verantwortung dafür übernimmt (und körperlich präsent ist).
            ich dneke, ähnliches kann man auch auf gruppen übertragen.

            wir menschen unterliegen so vielen wahrnehmungsfehlern und insofern ist das gut, sich auch auf andere zu verlassen. es hatte sicher schon immer vorteile, der einschätzunbg von vielen zu vertrauen, selsbt wenn sie von der eigenen wahrnemung abweicht.
            eine autorität kann also durchaus auch eine menge menschen sein, da die wahrscheinlichkeit sinkt, daß diese alle dem gleichen wahrnehmungsfehler unterliegen.
            ebenso die erfahrung, die ich mit jemandem gemacht habe ("die white weiß immer bei musik am besten bescheid") kann jemanden zur autorität (in einem bestimmten bereich) werden lassen.

            titel oder habitus machen jemanden zur autorität in bestimmten gebieten (dem matheporfessor würde ich eher glauben in bezug auf ein mathematisches problem als dem gärtner- im falle einer gartenfrage wäre das umgekehrt)

            und wie du sagst: es gibt auch ausnahmen.
            dann wenn wir ein bestimmtes ritual haben, dann wenn uns was besonders wichtig ist, dann wenn wir uns absichtlich abgrenzen wollen oder wir eine ander vorerfahrung mitbrigen.
            dann werden wir uns auch niht so einfach der massenmeinung anschiließen (oder dem verhalten).

            eine erklörung dafür ,mwarum wenn menschen unterschiedlicher religiöser prägung aufeinander treffen es zu problemen kommen kann.

            in aller regel wird dan nerwartet, daß die minterheit sich der mehrheit anschließt (was auch so ist) nur gibt es eben immer auch menschen, denen ihre überzeugung/ ihr glaube so wichtig ist, daß sie entgegen dem gruppenzwang daran festhalten.
            Das verunsichert die anderen, denn erwartet wird eine anpassung an die gruppe/ mehrheit.

            aber wenn es dir ganz besonders wichtig ist, im fahrstul angelehnt zu sein, wirst du nur unter sehr stark einschränkenden bedingungen dein ritual verändern- nicht einfach nur, weil alle anderen anders stehen:)

            • Ja, die Sache mit der Verantwortung.
              Das ist ein sehr interessantes menschliches Phänomen.
              Wenn dem Menschen eine Autoritätsperson einen Auftrag erteilt, der einem anderen Menschen Leid zufügt, und diese Autoritätsperson gleichzeitig sagt, "ich übernehme die volle Verantwortung dafür", dann fällt es einem grossen Teil der Menschen plötzlich leicht, dieses Leid zu verursachen.
              Das MilgrimExperiment mit den Stromstössen sind mir bleibend im Gedächtnis geblieben.

              L G

              White

        Interessantes Experiment, das mit dem Fahrstuhl!

        Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob es misst, was es messen soll.

        Ist jetzt etwas schwer zu beschreiben, aber ich versuche es mal:

        Mir persönlich wäre es unangenehm, auf so engem Raum mit lauter Menschen zu stehen UND dann auch noch die einzige zu sein, die mit ihrem Körper in BLICKRICHTUNG zu den anderen steht.

        In dem Moment, wo die Frau sich umdreht, schaut sie auf den Rücken anderer Leute. Und die Leute sehen auf ihren Rücken.

        So ist man in dieser engen Situation doch ein Stück weit mehr "für sich", was auch ein guter Grund fürs "rumdrehen" ist.

        Ich hoffe, man konnte das kapieren. #kratz

        LG

        • nun ja, es gibt viele verschiedene gründe ,waru mwir uns einer masse anpassen.
          nicht auffallen wollen, seine ruhe haben wollen, seine grenzen wahren,.. sind ganz bestimmt immer wieder dabei.

          aber es zeigt einfach, daß wir im alltag immer wieder so reagieren, daß wir uns anpassen.

          • Das tun wir gewiss.

            Es gibt genügend Experimente zum Thema, ich will jetzt auch nicht auf diesem Beispiel rumreiten.

            Ich dachte halt nur beim ansehen sofort: Mir persönlich würde EINE Person im Fahrstuhl reichen, die mir in 10 cm Entfernung gegenübersteht, damit ich mich wegdrehe. ;-)

            LG

    Hallo!

    Ich sehe es im Wesentlichen so wie lisasimpson. Man kann das Verhalten im Netz nur bedingt mit den Studien vergleichen und beides nur ebenso bedingt mit echter Interaktion. Bei jeder Entscheidung, jeder Äußerung der eigenen Meinung spielt der Kontext eine große Rolle. Was motiviert mich, an einer Diskussion teilzunehmen? Mit wem diskutiere ich? Wie ist das Umfeld? Gibt es ein Ziel oder ist es bloßer Zeitvertreib? Das Setting einer Studie ist völlig anders als der Kontext einer Diskussion, in der es den Teilnehmern um etwas geht.
    Online ist eine Diskussion einfach sehr abstrakt. Sie ist nicht nur vollständig aus ihrem Kontext herausgelöst, auch kann ich mein Gegenüber mit all seiner Gestik, Mimik, Tonfall... nicht erfassen. Und da ist es sehr einfach, alle möglichen Meinungen anzunehmen oder - im Gegenteil - mächtig auf Individualität und einen ganz eigenen Standpunkt zu beharren. Klar hat man so seine Grundsätze, aber ich für meinen Teil weiß oft nicht, wie ich mich in konkreten Situationen verhalten würde, wenn ich drinstecke. Ich bin nicht so der Mainstream-Typ, aber ein greifbares Gegenüber könnte mich vermutlich eher von seiner Meinung überzeugen als anonyme User im Forum.

    ich habe sogar sehr häufig das Gefühl, dass in Onlineforen die Mehrheit eine andere Meinung vertritt als ich selbst. Und nein, ich schließe mich der Mehrheit meistens nicht an, es sei denn, es gibt wirklich gute Gründe.

    Ob ich an einer solchen Debatte dann teilnehme, hängt von Zeit und Tagesform ab, meistens aber eher nicht. Zu langwierig, oft fruchtlos aus oben genannten Gründen.

    Viele Grüße!

    • "ich habe sogar sehr häufig das Gefühl, dass in Onlineforen die Mehrheit eine andere Meinung vertritt als ich selbst."

      Genau darum geht es mir, denn mir geht es oft genauso.
      In Onlineforen kann man dann aber darüber hinaus noch erleben, dass die abweichende(n) Einzelmeinung(en) von wenigen dominanten Vertretern der Gruppe mehr oder weniger ausgeprägt "unter Beschuss genommen" wird und der Rest entweder ständig nur zustimmt, oder aber die dominanten Meinungen auch aktiv unterstützt, indem man sich gegenseitig virtuell auf die Schulter klopft und bestätigt. Das führt dann meist dazu, dass die abweichenden Meinungen aus den Debatten gedrängt werden (wer hat schon Lust, sich ständig gegen Mehrheiten zu behaupten?) und die eigentlichen Diskussionen um Argumente zum Erliegen kommen. Was aber, wenn nicht die Mehrheit auf der richtigen Seite ist, sondern tatsächlich die abweichende Einzelmeinung richtig ist? Besteht dann nicht die Gefahr, dass sich durch die beeinflusste Masse falsche Aussagen und Auffassungen verbreiten? Nicht immer hat nämlich die Mehrheit Recht und es heißt nicht umsonst: "Leute, esst mehr Sch**ße, Millionen Fliegen können sich nicht irren!" ...

      • Aber was ist denn die "richtige" Meinung? Gibt es eine Wahrheit in diesen Diskussionen, die man erkennen und einsehen könnte?
        Wenn es um falsche aber geschickt platzierte Aussagen handelt, teile ich Dein Bedenken: wenn man es drauf anlegt, verbreiten diese sich rasend schnell und bewegen die Massen. In der Geschichte immer wieder zu beobachten, wobei ich hier nicht ins Detail gehen kann und will - Dein Thema ist Meinungsbildung an sich, richtig?

        Was falsche und richtige Meinungen angeht - wir sprechen hier nicht von unterschiedlich langen Linien oder anderen harten Fakten, die man empirisch nachprüfen könnte, oder? Insofern finde ich die Rede von 'Wahrheit' in Bezug auf Meinungen und Auffassungen schwierig.

        Ansonsten gebe ich Dir recht. Sachliche Diskussionen sucht man hier oft vergeblich, woran das nun im Einzelnen liegt, kann ich nicht sagen.
        Ich glaube, dass ein Teil des Problems darin liegt, dass in diesem Format ein Großteil von nonverbaler Kommunikation zwangsläufig verloren geht und kein Mensch in der Situation steckt, über die er gerade redet.

        • "Aber was ist denn die "richtige" Meinung? Gibt es eine Wahrheit in diesen Diskussionen, die man erkennen und einsehen könnte?"

          Bestimmt. Such Dir ein Thema aus: "Mindestlohn", "bedingungsloses Grundeinkommen", "Deutsche Soldaten in Kriegseinsätzen", "Rente", "Religion und Gottesglaube", "Armutsbericht der Bundesregierung", "Herdprämie", "Maut auf Deutschen Autobahnen" usw. usf. Ich schätze schon, dass es zumindest eine tendenzielle Unterscheidung zwischen richtig und falsch gibt.

          • Ja, richtig und falsch im Sinne von moralisch geboten, gesetzeskonform usw. Aber letztlich eben nicht richtig oder falsch im harten Sinne sondern immer auch perspektiven- und kontextgebunden und einer bestimmten Ideologie verpflichtet.

            Versteh mich bitte nicht falsch. Ich sehe das im Wesentlichen wie Du und will auf keinen Fall der Beliebigkeit das Wort reden. Gerade bei den von Dir genannten Themen gibt es sicherlich Meinungen, die, sollten sie sich durchsetzen, den Karren ganz schnell an die Wand fahren.

            Trotzdem ist und bleibt die Sicht auf diese Fragen dem persönlichen Standpunkt, der eigenen Situation verhaftet, davon abhängig treffe ich meine Entscheidungen und bilde mir meine Meinung. Die 'richtigere' Meinung ist für mich die besser begründbare bzw. begründete.

            Warum sich vor diesem Hintergrund dann die Menschen eher der Mehrheit anschließen... schwer zu sagen. Weil es einfacher ist? Weil es irgendwie gelenkt ist? Weil es oft auch seine Berechtigung hat? ich meine, irgendwie muss die Mehrheit ja zustande kommen. Es sei denn, das ist alles nur Rhetorik. Manchmal mag das so sein, aber hoffentlich nicht immer.

            • "Warum sich vor diesem Hintergrund dann die Menschen eher der Mehrheit anschließen... schwer zu sagen. Weil es einfacher ist?"

              Nein, weil es psychologisch bedingt ist. Aiehe dazu nochmals die Experimente von Asch und der Marburger Uni.

              • Das eine schließt ja das andere nicht aus, oder? Also, nicht dass ich auf mein Recht beharre, aber warum sind denn Verhaltensweisen psychologisch bedingt? Vollkommen zweckfrei und situationsungebunden arbeitet die menschliche Psyche ja nicht. #gruebel

                Verstehst Du, was ich meine?

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