Bürgerbezogenes vs. Familienmodell im Sozialstaat

    • (1) 18.01.14 - 12:18

      Hallo,

      bei uns in Der Bundesrepublik ist die wechselseitige Absicherung ja familienorientiert.
      Familienmitglieder profitieren vom Ehegattensplitting, Kindergeld bzw. Kinderfreibetrag, Familienmitversicherung, Mutterschafts- und Elterngeld, Rentenpunkte für Kinder.
      Im Gegenzug sind sie füreinander auch in erheblichem Maß zahlungsverpflichtet: Kinderunterhalt bis zur abgeschlossenen Erstausbildung (bei einem Studium oder entscheidungsunwilligen Kinder kann sich das schon ziehen), Unterhalt der alten Eltern wenn die Rente nicht für die Pflege ausreicht, (inzwischen reduzierte) Unterhaltsverpflichtungen dem Ex-Ehepartner gegenüber, Bestattungspflicht für die Familienangehörigen und was es noch alles gibt, woran man gemeinhin erstmal nicht denkt.

      Diese familienorientierte Sicht hat logischerweise auch den Nebeneffekt, dass sie heutige Lebensformen (Alleinerziehende, Lebenspartnerschaften, egal ob eingetragen oder nicht, Patchwork-Familien) nur unzureichend abbilden, und auch der Einzelne nicht wirklich abschätzen kann, welche finaziellen Verpflichtungen ihm noch ins Haus stehen.

      In Schweden ist das Sozialsystem dagegen bürgerorientiert und steuerfinanziert. Alle Einkommen werden sehr hoch besteuert, Ehen werden wird nicht subventioniert. Es gibt einen hohen Kinderfreibetrag bis zur Volljährigkeit des Kindes. Ab da sind auch die Eltern raus aus der Haftung. Mit dem 18.Geburtstag hat das Kind wie jeder Bürger Anspruch auf staatliche Unterstützung, sofern es nicht für sich alleine sorgen kann, also z.B. nch in der Ausbildung ist. Ebenso sind die Kosten für die bedürftigen alten Eltern eine Gemeinschaftsaufgabe, die der Staat übernimmt. Nachdem die eigenen Kinder erwachsen sind, "lauern" keine finanziellen Wagnisse mehr auf die Bürger, d.h. das Wagnis Familie ist weitaus überschaubarer als bei uns. Auch die Beerdigungskosten jedes Bürgers werden vergemeinschaftet. Bezahlt wird das durch hohe Steuern, dafür binden einen vergangene Lebensentecheidungen nur begrenzte Zeit. Daher kommt dieses Modell auch bunteren Lebensentwürfen entgegen.

      Haltet ihr ein solches Modell für zeitgemäßer? Was sind die gesellschaftspolitischen/ familienpolitischen Vor- und Nachteile? Ist sowas überhaupt "einführbar", oder ist der jeweilige Ansatz eine gesellschaftliche Identität des jeweiligen Staates und daher vorgegeben? Ich bin gespannt auf Euere Meinungen und Gedanken,

      krabat

      • Ich find manche Aspekte des deutschen Systems wahnsinnig - Kindergeld bis weit ueber 20? Muss das wirklich sein? Ehegattensplitting und Steuerklassenwechsel bei Eheschliessung ist mir ein totaler Dorn im Auge, weil das den geringer verdienenden Partner (meist die Frau) in 450€ Sklavenjobs, bzw an den Herd draengt, weil sich das arbeiten ja nicht fuer sie "lohnt".

        Ich bin froh in einem Land zu leben wo mein Mann und ich unser Einkommen individuell versteuern, und die einzigen Aspekte wo das Einkommen des Partners (egal ob verheiratet oder nicht) mit einbezogen wird sind Ansprueche auf Sozial-Leistungen. Und das macht ja Sinn, dass die nach Haushaltseinkommen berechnet werden.

        Ich finde, man macht es sich immer etwas einfach die Sozialsysteme von zwei sehr unterschiedlichen Ländern einfach gleichzustellen. Das beginnt mit der Rolle von Deutschland in der EU-Politik, (militärischer) Friedenspolitik, geht über den Ausländeranteil und Bevölkerungsanzahl und hört bei den Einkommensunterschieden und Arbeitslosigkeit noch lange nicht auf.

        Familienpolitik ist ein Tropfen des grossen Ganzen, aber dazu müsste man zuerst die Staaten, deren Familienpolitik man vergleichen und anpassen will, nebeneinander stellen und das Gesamtpaket sehen.

        Anders könnte ich auch fragen: Die Geburtenrate in der Schweiz (1.53) ist höher als in Deutschland (1.38), sogar etwas gestiegen (Stand: 2012), in Deutschland bleibt sie niedrig. Die Schweiz kennt kein Elterngeld, der Mutterschutz dauert 16 Wochen, der Mutterschaftsurlaub (nur unter bestimmten Bedingungen, z.B. fünf Monate vor der Geburt gearbeitet zu haben) ist 14 Wochen lang mit 80% des Lohnes, usw., subventionierte Krippen kann man vergessen - Sollte man das in Deutschland auch abschaffen?

        Nein - weil Deutschland nicht die Schweiz ist.

        Und eben auch nicht Schweden.

        Dazu kommt, dass auch Schweden nicht mit besonders hohen Zahlen glänzt bzw. diese Geburtsraten stark von der Wirtschaft abhängig sind, weil die Familienpolitik konjunkturell bedingte Ungleichheiten ausgleicht - oder eben verstärkt. (Im Gegensatz zu Finnland sind Schwedens Förderungen ans Einkommen gebunden, sofern ich mich richtig entsinne.)
        Und Schweden gleich auch die eigenen manchmal niedrigen Geburtsraten aus, dass es mehr und mehr ein Einwanderungsland vor allem für EU-Angehörige ist.

        Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

        • Sicher hat Sozialpolitik indirekt auch Einfluß auf die Familienpolitik und es ist eine zulässige Frage, ob Familinpolitik wiederum Einfluß nehmen kann auf die Geburtenrate.

          Dennoch finde ich der Eröffnungsthreat zielt auf was anderes ab: wird der Mensch aus staatlicher Sicht als Einzelperson oder als Familienmitglied betrachtet?

          Unterstützt man ein Sippe (Ehegattensplitting, Elterngeld) , die soll dann aber auch wiederum alle Aufgaben (Ausbildung, Pflege der Alten) möglichst "intern" klären, oder zielt man auf eine steuerliche und finanzielle Gleichbehandlung aller Bürger, egal ob einsamer Wolf oder Großmutter einer Großfamilie?

          Gerade die Anrechnung von Erziehungszeiten auf die Rente, aber eben auch die Haftung der Kinder für die Pflege der Eltern sind so Aspekte, wo die deutsche Politik über teils komplizierte und naturgemäß recht willkürliche Regelungen einen Ausgleich zwischen Bürgern mit und ohne Kindern schaffen will.

          LG doremi

      Hallo,

      ich war in meinem Leben erst einmal in Schweden, eine Woche, der Kultur wegen. Ich habe es als sehr teuer in Erinnerung. Mein drittes Kind war noch nicht mal ein Jahr alt, musste aber in der Jugendherberge den Juniorpreis bezahlen (18€ in der Nacht) und das, obwohl wir ein Vierbettzimmer zu fünft belegt hatten und es nicht mal ein eigenes Bett hatte.

      Wir waren da vor allem wegen der Kultur - da war nichts mit "Familieneintritten" - auch nicht bei Dingen wie Freilichtmuseum, nee, da wurde jeder extra berechnet. Ich weiß, dass ist ein minikleiner Ausschnitt des Alltagslebens, aber besonders familienfreundlich war das alles nichts, eher so "die Kids sind dein Privatvergnügen, zahle mal schön ...".

      Passend dazu stand heute bei uns in der Tageszeitung, dass es wohl den ernsthaften Vorschlag gibt, das Kindergeld zu streichen. Wie seriös das ist ... keine Ahnung. Bei mir (drei Kinder) ist das Kindergeld mit fast 600€/ Monat eine feste Einnahmegröße. Wenn das wegbrechen würde, oh je ....

      GLG
      Miss Mary

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