Partizipative Entscheidungsfindung

    • (1) 31.01.14 - 09:27

      ein sehr interessanter Artikel aus der FAZ
      http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/arzt-patient-beziehung-und-was-will-ich-12770155.html
      >>Operieren oder abwarten? Geht es um die Entscheidung für oder gegen eine Therapie, bestimmen häufig die Ärzte und nicht der Patient. Eine Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe ist noch immer nicht üblich. Ändern lässt sich das nur schwer. <<

      >>Der Arzt ist dabei Experte für das medizinische Wissen, der Patient Experte für seine persönlichen Lebensumstände und Werte. Am Anfang der gemeinsamen Entscheidung könnte der Arzt so etwas sagen wie: „So weit man es mit Gewissheit sagen kann, gibt es für Ihre Krankheit mehrere gleichwertige Behandlungsmöglichkeiten. Deshalb sind Ihre Präferenzen wichtig, um diejenige Alternative auszuwählen, die am besten zu Ihrer persönlichen Lebenssituation passt. Lassen Sie uns darüber sprechen, was bei den zur Verfügung stehenden Optionen für Sie besonders wichtig ist.“<<

      oh ja, davon sind wir noch Meilen weit entfernt, sei es, dass ein Arzt, obwohl Facharzt, nicht alle Behandlungsoptionen kennt oder verschiedene Methoden schlicht ablehnt und sie seinem Patienten deshalb auch nicht sagt oder, weil der Zeitaufwand für Beratung nicht (ordentlich) vergütet wird. Oder weil die eine Behandlungsmethode mehr Geld einbringt als eine andere und es ja keiner kontrolliert.

      Wünscht ihr euch eine Änderung oder kanns ruhig so bleiben, wie es ist. Der Arzt entscheidet und der Patient akzeptiert

      • Ich denke das Problem liegt hauptsächlich an der generellen, allen Menschen, auch den Ärzten, innewohnenden Hemmung vor dem Sterben. Ein Todkranker, selbst wenn er sich in gesunden Tagen oftmals völlig anders eingeschätzt hätte, hängt an seinem Leben, und tut in den meisten Fällen alles für ein bisschen Hoffnung. Dabei kommt der Lebenswert in der Abwägung dann meist zu kurz. Dem steuern Ärzte dann nicht entgegen. Sie sehen sich als "Retter des Lebens", und - abgesehen von einzelnen positiven Ausnahmen und natürlich Palliativmedizinern, die dem Lebenswert wirklich Gewicht beimessen - fühlen sich hilflos. Daher verstecken sie sich dann lieber hinter ihrer ärztlichen Autorität, als sich wirklich auf den Patienten mitsamt seinen Ängsten einzulassen. Das geht ohne Supervision sonst schnell an die Substanz.

        Ich denke es gibt zwei problematische Punkte: 1. dass Sterben in unserer Gesellschaft so aus dem Bewusstsein geschoben ist. Und 2. dass "medizinischer Erfolg" nicht so sehr in der Leidensminderung als in Behandlungsoptionen zur Lebensverlängerung gesehen wird. Und daher der Blick auf den Patienten als fühlender Mensch mit Schmerzen, mit Ängsten, mit Beziehungen zu anderen Menschen verloren geht.

        LG doremi

        • Danke! Die von dir angegebenen 2 problematischen Punkte sehe ich auch so. Und noch weitere

          • Einen der weiteren siehst du in der Kompetenz der Ärzte, wenn ich Dich richtig verstanden habe, die einfach nicht die Übersicht über alle möglichen Behandlungsansätze haben (können?). Da könnte evtl. die Einrichtung von Kompetenzcentern zu bestimmten Erkrankungen belfen, was aber natürlich zu weiteren Wegen der Patienten führen würde. Ansonsten würden evtl. auch mehr (verbindliche?) Datenbanken helfen.

            Ich denke aber das Problem ist, dass Patienten einfach auf Vertrauen zu ihrem Arzt angewiesen, sind, schon aus psychischen Gründen, und deshalb viele Nachfragen gar nicht stellen KÖNNEN.

            Zudem gibt es für Patienten ja keine wirkliche Transparenz bei der Wahl ihrer Ärzte. Eigentlich werden die Weichen ja schon bei der Entscheidung gestellt, wer behandelt mich denn?... Und das ist dann meistens Glückssache: der, der in der Nähe ist, evtl. noch jemand, der mir (aus welchen Gründen auch immer) "empfohlen" wurde. Objektive und vor allem verlässliche Kriterien sind da ja mehr als rar....

            Welche weitere Punkte siehst du denn noch?

            LG doremi

            • entschuldigung, dass ich mich erst jetzt melde, mein Wochenende war ziemlich voll gepackt.

              >>Einen der weiteren siehst du in der Kompetenz der Ärzte, wenn ich Dich richtig verstanden habe, die einfach nicht die Übersicht über alle möglichen Behandlungsansätze haben (können?).<<
              Von Fachleuten auf anderen Gebieten dürfen wir ja auch erwarten, dass sie die Übersicht haben bezüglich ihres Fachgebietes, nehmen wir mal einen Rechtsanwalt. Da wird selbst verständlich davon ausgegangen, dass er sämtliche Gesetzesänderungen od. höchstrichterliche Rechtssprechung kennt d. h. sich entsprechend fort bildet und informiert.

              >>Ich denke aber das Problem ist, dass Patienten einfach auf Vertrauen zu ihrem Arzt angewiesen, sind, <<
              genau deshalb, eben weil viele vertrauen müssen sollte gewähr leistet werden, dass ein Arzt all umfassend informiert und nicht von vorn herein für den Patienten entscheidet

              hier eine andere, auch sehr wichtige Sache
              Fehler. Fehler passieren. Überall. Sie werden aber nicht immer zu gegeben, aus den verschiedensten Gründen.

              Erfreulich sind dann solche Seiten
              >>Herzlich willkommen beim Fehlerberichts-
              und Lernsystem für Hausarztpraxen
              Man muss nicht jeden Fehler selber machen,
              um daraus zu lernen - daher unser Motto:<<
              http://www.jeder-fehler-zaehlt.de/public/report/displaySingleReportFDM.jsp

      Oh ja davon sind wir meilenweit entfernt- Patient und Arzt auf Augenhöhe
      Zum Einen hat die Erziehung in dem Bezug etwas damit zu tun und die Sicht des Arztes auf seine Position.
      Dazu kommen noch viele andere Dinge.

      Erst neulich sagte ein Arzt in Bezug auf eine angeratene OP: Man muss immer schauen, warum will der Arzt operieren. Braucht er die OP oder ist sie wirklich unumgänglich und ein Chirurg in einem Krankenhaus wird Ihnen in einer akuten Schmerzsituation immer zu einer OP raten.

      Ich selber habe schon so manches mal meine Wünsche für eine Behandlung bzw für eines meiner Kinder durchdrücken müssen.
      Es gibt tatsächlich Ärzte die meinen dass ein Patient kein Recht hätte zu entscheiden, welche Art von Behandlung (z.B auch Narkose) er bekommen möchte, darüber befindet nur der Arzt selber :-D

      Aus meiner Sicht ist ein Arzt einMensch wie du und ich und ein studierter Dienstleister. Seine Dienstleistungen müssen auf meine Bedürfnisse abgestimmt werden und Punkt.
      Mit der Einstellung kann man sich übrigens viel besser auf Augenhöhe mit dem Arzt begeben.

      Karna

      • >>Es gibt tatsächlich Ärzte die meinen dass ein Patient kein Recht hätte zu entscheiden, welche Art von Behandlung (z.B auch Narkose) er bekommen möchte, darüber befindet nur der Arzt selber <<
        du hast diese Erfahrung auch schon gemacht? Es gibt genug Patienten, da muss der Arzt entscheiden, das gibt ihm aber nicht das Recht, praktisch aus Gewohntheit dies für alle zu tun

        >>Seine Dienstleistungen müssen auf meine Bedürfnisse abgestimmt werden und Punkt.<<
        das birgt aber auch Gefahren
        http://www.geolitico.de/2013/12/01/schuetzt-patienten-vor-solchen-aerzten/
        >>Die Krankenkassen wollen sparen und schaffen diesmal durch die IGeLliste tatsächlich etwas mehrheitlich Sinnvolles: Sie schützen die Patienten damit vor Alchimisten und Halsabschneidern im weißen Kittel. Sie schützen aber auch eine immer hysterischere Patientenschar, die glaubt, dass man Gesundheit kaufen kann, selbst dann, wenn man eigentlich gesund ist.<<

    Oh, schwieriges Thema, das du da ansprichst... einerseits bin ich deiner Meinung, andererseits hapert es da an vielen Punkten, die teilweise auch schon von doremi erläutert wurden. Die vier großen Felder, auf denen man da unterwegs ist, sind meiner Meinung nach folgende:

    - Gesellschaft
    - Wissen
    - Gesetz
    - Geld

    Arzt und Patient auf Augenhöhe, die gemeinsam ein Team bilden und die bestmögliche Behandlung mit dem bestmöglichen Therapieerfolg erzielen - so sollte es sein. Aber die Umsetzung dürfte verdammt schwierig sein. Natürlich gibt es einige Ärzte, die sich als Götter in Weiß sehen und sich somit über den Patienten stellen und auf ihre Meinung beharren. Und es gibt genug Patienten, gerade die älteren Semester, die das auch absolut so anerkennen. Aber das sind die Ausnahmen und ich denke, das ist auch nicht das Hauptproblem auf diesem Gebiet. Das liegt einfach im Denken der Gesellschaft, was Krankheit, Alter und körperliche Einschränkungen betrifft. Wie schon erwähnt wurde, ist der Tod und das Sterben so ein großes Tabuthema geworden, dass kaum ein Mensch dieses als den besseren Weg wählen würde. Meinem Empfinden nach gibt es da aber seit einiger Zeit einen Umbruch, Palliativmedizin wird mehr gefördert, mehr Hospize und ambulante Hospizdienste gegründet, es tut sich was. Aber in den Köpfen vieler Menschen (auch Ärzte) ist und bleibt der Tod der "worst case". Hier ist ein gesellschaftlicher Wandel nötig, meiner Meinung nach, denn wir können mittlerweile sehr viel - die Frage ist, ob wir es auch tun sollten. Ich habe festgestellt, dass die meisten Menschen hier familär sehr geprägt sind. Es gibt Familien, da ist dies ein absolutes Tabu-Thema und wenn man dann in die Situation kommt, sind alle überfordert. Was soll ein Arzt dann tun? Der durchschnittliche Patient weiß nicht, was gewisse Dinge in der Realität bedeuten. Er klammert sich an das Leben, koste es, was es wolle. Ärzte sind übrigens auch nur Menschen und haben dazu noch den Ehrgeiz, Leben zu retten, zu erhalten, zu verlängern. Wer entscheidet, was besser ist und welchen Preis man zahlen will? Hierbei geht es aber nicht nur um Leben und Tod, im Prinzip ist es bei jeder Erkrankung oder Verletzung immer individuell, welcher Weg der richtige ist.

    Und hiermit bin ich beim zweiten Punkt : dem Wissen. Ihr geht jetzt einfach mal von euch aus; ihr besitzt den Intellekt und ein wenig Wissen über den Körper und möchtet dementsprechend voll mit einbezogen werden. Das ist euer gutes Recht. Leider muss ich aber sagen, dass viele Menschen so dermaßen keine Ahnung haben und auch (entschuldigt) zu dumm sind, um Zusammenhänge zu verstehen und ein paar Schritte weiter zu denken. Ihr glaubt gar nicht, mit was für Leuten ich (Krankenschwester) schon diskutieren musste, was für Fragen mir gestellt wurden und was für Ideen ich mir anhören durfte. Da fragt man sich ehrlich, ob es sowas wie einen gesunden Menschenverstand gibt oder ob dieser nur wenigen Menschen vorbehalten ist. Wie soll nun also jemand, der einfach keine Ahnung hat, die für ihn richtige Entscheidung treffen? Und ist es dann nicht die Pflicht des Arztes, diesen Patient in eine gewisse Richtung zu lenken? Da muss man sehr vorsichtig sein, denn natürlich ist jeder Mensch frei und sollte seine Entscheidungen selber treffen, ohne Frage! Aber was mache ich denn, wenn ich merke, dass die Person da einfach blind in ihr Unglück laufen würde? Ein Arzt hat ein jahrelanges Studium hinter sich, eine Pflegekraft eine Ausbildung mit Staatsexamen, dazu kommt die Berufserfahrung im Alltag. Wie oft werde ich von meinen Patienten gefragt: "Was würden Sie tun?" Oftmals eiere ich dann rum und gebe keine klare Antwort, weil ich nichts falsches sagen will - viele Dinge habe ich für mich ganz klar und wüsste auch, wie ich für meine Lieben entscheiden würde (bin in den Vorsorgevollmachten meiner Eltern eingetragen). Ein Arzt aber muss den Patienten beraten und seine Meinung fließt immer indirekt mit ein. Ich habe noch nie mitbekommen, dass jemand gezwungen wurde, aber Manipulation (und das nicht mal beabsichtigt) findet oft statt. Auch ich habe das schon getan. Bei Patienten, die panische Angst vor der Narkose hatten, bei denen aber eine Operation (meiner Meinung nach) die bessere Lösung war, habe ich auch schon beruhigend "das wird schon" gesagt und pro OP die Ängste genommen. Ist das dann auf Augenhöhe? Kann die 75jährige Frau mit der Oberschenkelfraktur mit mir auf Augenhöhe sein? Sie hat Angst vor der Narkose, vor den Schmerzen nach der OP, Angst nicht mehr aufzuwachen, etc. Das verstehe ich und ich kenne das Risiko. Aber während sie denkt "ich halte das lieber ein paar Wochen im Bett aus, bis der Bruch wieder verheilt ist", sehe ich hierbei viel mehr Risiken, die durch die Bettlägerigkeit entstehen: Dekubitus, Lungenentzündung, Muskelschwund, Thrombose, etc. Das kann ich der Frau natürlich erklären, aber wenn sie ein "ach, das hatte ich noch nie, das wird schon nicht passieren" entgegnet, dann bringt das nichts. Wie soll ich also auf Augenhöhe agieren? Ich bin "nur" Krankenschwester, meine Meinung ist nicht so wichtig, und selbst ich erkläre oftmals nicht alles. Aber ein Arzt hat eine ganz andere Verantwortung. Auch rechtlich.

    Und damit bin ich beim dritten Punkt. Stellen wir uns vor, Lieschen Müller geht zum Arzt und erhält die Diagnose Darmkrebs. Dr. Schmitz rät ihr zur OP, dies lässt sie dann auch machen, danach dann Chemo, sie leidet und kämpft und stirbt nach einem Jahr Qualen. Hätte ihr Arzt ihr erläutern sollen, dass sie auch eine OP ablehnen könnte, noch ein Jahr zu leben hat und dann defintiv stirbt? Ist das eine Option? Meiner Meinung nach schon. Aber angenommen er macht das und Lieschen Müller stirbt nach einem halben Jahr. Jetzt steht auf einmal die Tochter von Frau Müller auf der Matte und sagt: "Oh, der Dr.Schmitz hat meiner Mutter gesagt, sie soll sich nicht operieren lassen. Er hat gar nichts gemacht und jetzt ist sie tot. Unterlassene Hilfeleistung! Tötung durch Unterlassen! Mord! Verklagen!!!". Nicht vorstellbar? Doch, leider. Während die Tochter in Fall A denkt "ja, traurig, aber der Dr.Schmitz hat wirklich alles mögliche getan", wird sie dies in Fall B nicht so sehen (können, siehe meinen ersten Punkt). Und auch, wenn es die freie Entscheidung von Lieschen Müller war, so kann ihre Tochter ja sagen, dass ihre Mutter doch gar nicht in der Lage war, diese Entscheidung zu treffen und dass Dr.Schmitz das hätte erkennen müssen. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber heutzutage wird irgendwie unheimlich viel geklagt. Das ist einerseits gut, da so die Patienten zu ihren Rechten kommen, hat aber andererseits auch den Nachteil, dass viele Ärzte sich gar nicht trauen, einen ungewöhnlichen, risikoreicheren, ungewisseren Weg zu gehen. Wenn man immer nach Schema F vorgeht (bei Erkrankung A nimmt man Therapie B, bei Verletzung C erfolgt Operation D, etc), dann ist man rechtlich gesehen auf der sicheren Seite. Man hat den Patienten darüber aufgeklärt, er hat (schriftlich) eingewilligt, die Sache ist klar. Es gibt gewisse Standards, an die sich gehalten wird. Ob das immer für den einzelnen der richtige Weg ist?

    Und der letzte Punkt, traurig aber wahr, ist das liebe Geld. Ärzte müssen auch überleben. Und wer denkt, dass die sich dumm und dusselig verdienen, der irrt sich. Ein Krankenhaus, eine Arztpraxis, ein Gesundheitszentrum - all das sind wirtschaftliche Unternehmen, die überleben müssen. Und dafür müssen die Ausgaben möglichst gering gehalten werden und die Einnahmen möglich hoch sein, logisch. Wenn ein Arzt eine Stunde berät und dann nur ein Medikament verschreibt, dann ist dies nun mal ein Verlustgeschäft. Wenn er aber zehn Minuten berät und den Patienten zur OP wiederkommen lässt, hat er Zeit (und somit Geld) gespart und verdient noch an der Operation. Beispiel Medikamente: vielleicht würde der Arzt im Gespräch mit dem Patienten auf die Idee kommen, dass ein bestimmtes Medikament eigentlich besser geeignet wäre. Leider kostet das aber zehnmal so viel wie das Standardmedikament. Welches verschreibt er also? Die Krankenkassen drehen den Geldhahn immer mehr zu. Es gibt immer weniger Geld, immer weniger Zeit und immer weniger Personal für immer mehr Patienten. Da bleibt leider oftmals nur eine Art Massenabfertigung über. Das ist wirklich sehr traurig, ich sehe das auch so, aber wer hat eine bessere Idee? Ich leider nicht.

    Ich hätte zu jedem einzelnen Punkt noch so viel mehr schreiben können. Wie gesagt, sehr umfangreiches Thema. Auf Augenhöhe agieren ist schwierig, wenn einer mehr weiß, als der andere - was beim Arzt-Patienten-Verhältnis ja üblich ist. Die individuellen Bedürfnisse wiederum kann ein Arzt, Studium hin oder her, einfach nicht wissen. Deswegen bleibt mir zum Abschluss nur zu sagen, dass man (leider) eine gewisse Eigenverantwortung zeigen muss. Den Arzt mit Bedacht wählen, nicht nur gucken, ob er freundlich ist, sondern ob er auch ethisch ähnlich denkt, wie man selber. Zu Spezialisten gehen oder sich zumindest informieren. In der Familie über gewisse Themen sprechen. Mit sich selber klären, was man möchte. Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten erstellen. Nicht direkt unterschreiben, sondern Bedenkzeit nehmen, wenn möglich. Und für die Fälle, in denen das nicht möglich ist, weil direkt entschieden werden muss, schon vorher einen groben Weg für sich erkennen. Und vor allem: beim Arzt den Mund aufmachen und nachfragen! Das kann ich nicht von meiner 84Jahre alten Oma erwarten, die macht eh das, was der Herr Doktor sagt. Aber dann muss ich mir halt die Zeit nehmen und mit ihr zum Arzt gehen und das Gespräch in ihrem Sinne führen und Fragen stellen. So kann man als Team eine gemeinsame Entscheidung finden und den hoffentlich besten Weg gemeinsam gehen.

    Liebe Grüße, Truly

    PS: Rechtschreib-, Grammatik- und Satzstellungsfehler bitte freundlich zu überlesen, liegt vermutlich an der Uhrzeit und ich konnte leider nicht noch mal korrekturlesen, weil ich mich jetzt um meine Patienten kümmern muss.:-)

    • Aus deinem Beitrag spricht wirklich viel Erfahrung, vielen Dank!
      Die Frage, die sich mir stellt, und vielleicht kannst du da ja nich was zu sagen: Wie stelle ich es an, einen ethisch zu mir passenden Arzt zu finden? Wie kann ich als Patient herausfinden, wer wirklich Spezialist für meine Krankheit ist? Oftmals steckt ja auch ein großer Zeitdruck dahinter, in dem bestimmte Dinge entschieden werden müssen.

      Liebe Grüße, doremi

      • Bitte, gerne.

        Schwierig, so pauschal zu beantworten. Ich habe nun mal gewisse Kenntnisse (hatte sie familiär bedingt auch schon vor meiner Ausbildung) und kann somit natürlich einiges besser beurteilen. Ich bin auch kein Spezialist auf allen Gebieten -dafür ist es viel zu viel- , weiß aber meist zumindest ungefähr, was wie und warum möglich und nötig ist, und verstehe durch die Grundkenntnisse wohl schneller, um was es geht. Ich weiß nicht so ganz, wie der Laie das einschätzen kann...weil jeder einzelne ja auch andere Kenntnisse hat. Während der eine ungefähr weiß, was wie funktioniert und was es so an Therapiemöglichkeiten gibt, hat der andere keinen blassen Schimmer davon. Deswegen ist das wieder sehr individuell.

        Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: Otto Normalverbraucher hat Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen, Fieber. Otto geht zum Hausarzt um sich krankschreiben zu lassen. Er kommt wieder raus mit der AU und fünf Rezepten : Fiebersenker, Hustenlöser, Nasenspray, Schmerzmittel, Antibiotika. Otto will schnell wieder fit werden und nimmt das alles, klar, hat der Arzt ja verschrieben. Wenn ich mit diesen Symptomen zum Arzt gehe (und mein Hausarzt weiß natürlich, was ich beruflich mache, ich glaube, die vermerken sowas irgendwo ;-) ), fragt mein Arzt/meine Ärztin mich, ob ich was brauche oder die gegebenenfalls nötigen Mittel zuhause habe. Und gibt mir vor Feiertagen/dem Wochenende schon mal ein Rezept für Antibiotika, falls es nicht besser wird; in der Woche heißt es "sonst kommen Sie noch mal wieder". Mein Arzt weiß, dass ich weiß, dass fast alle Erkältungen viral bedingt sind und ich kein Antibiotikum nehmen würde. Und wieso verschreibt er es dann Otto? Aus genau den Gründen, die ich in meinem ersten Beitrag genannt hatte. Gesellschaft: "bei Dr.Schmitz bekommt man sofort Rezepte, ein guter Arzt". Wissen: Otto kann nicht einschätzen, wann er Antibiotika nehmen sollte, wann das Fieber gesenkt werden muss, etc. Ich schon. Also kann ich das eigenverantwortlich entscheiden. Wenn Otto mit einer Lungenentzündung und im Fieberwahn ins Krankenhaus kommt, ist Dr.Schmitz Schuld. Wo ich wieder beim Recht wäre. Und zum Thema Geld brauch ich ja nichts sagen. ;-)
        Ich kann jetzt natürlich nicht einschätzen, wie meine Ärzte mit anderen Patienten umgehen. Meine ganze Familie geht zu dieser Gemeinschaftspraxis und wir sind meist zufrieden. Wie der eigene Arzt eingestellt ist, merkt man vermutlich am besten, indem man nachfragt. Hausmittel - dazu raten oder davon abraten? Wenn ich ein großer Freund von Wadenwickeln und Tees und Globuli bin und mein Arzt das als lächerlich abtut und mit der chemischen Keule kommt, passt er nicht zu mir. Wenn ich aber überhaupt nichts von solchen Hausmittelchen wissen will und mein Arzt hingegen total "öko" drauf ist, passt er auch nicht zu mir. Mundpropaganda hilft da natürlich auch. Wenn eine Bekannte oder ein Kollege zum Thema Gesundheit ähnliche Ansichten hat wie ich und mit seinem Arzt sehr zufrieden ist, könnte der auch zu mir passen.
        Was schwerwiegendere Erkrankungen betrifft, ist es natürlich auch schwierig. Wie ja schon mal erwähnt wurde, rät ein Chirurg sicherlich schneller zur OP als ein anderer Arzt. Logisch, er verdient so schließlich sein Geld und es wird schon Gründe haben, warum er Chirurg geworden ist und nicht Internist. Andersrum genauso. Wem man da vertrauen soll? Es gibt kein richtig oder falsch, beide haben ihre Gründe. Die Frage ist nur, was ich für mich will. Und diese Entscheidung muss ich selber treffen. Deswegen sollte man auch mal über die unangenehmen Themen nachdenken, darüber mit seinen Lieben sprechen und sich informieren. Was mache ich, wenn bei mir Krebs diagnostiziert wird? Was ist, wenn ein Organ nicht mehr richtig arbeitet? Was ist mit lebenserhaltenden Maßnahmen? Kein Mensch kann mich zwingen, dass ich eine Chemotherapie machen, keiner kann mir gegen meinen Willen ein Organ einpflanzen. Aber es darf mir auch keiner sagen: "Das lohnt sich nicht, das machen wir nicht" und mir die Therapie verweigern. Das Problem ist, es gibt so viele "wenn" und "aber", dass man keine eindeutige Entscheidung treffen kann. Vielleicht sage ich jetzt, dass ich niemals ein Spenderorgan haben möchte, und wenn ich dann in der Situation bin, möchte ich es doch? Kann ich das vorher entscheiden? Nein, aber ich kann mir Gedanken darüber machen. Natürlich nicht jeden Tag und ständig, aber immer mal wieder.
        Spezialisten kann man heutzutage gut übers Internet finden oder halt auch über Bekannte, Verwandte. Natürlich möchte man nicht mit jedem über seine Erkrankungen sprechen, aber manchmal bringt das einfach was. Ich hatte vor einiger Zeit Hautprobleme, guckte im Internet, soooo viele Hautärzte hier in der Gegend. Einen davon kannte ich und fand den nicht gut. Aber zu welchem sollte ich jetzt gehen? Ich hab einfach mal rumgefragt. Eigentlich kennt jeder jemanden, der mal was hatte oder zumindest jemanden kennt...so hatte ich ein paar Namen zusammen und entschied mich dann für eine Praxis, die mir von einer lieben Kollegin empfohlen wurde. Fast jede Praxis wird ja mittlerweile auch im Internet bewertet, auch da kann man sich schlau machen. (ob man das dann alles so glaubt, muss jeder für sich selber wissen). Wenn man ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Hausarzt hat, wird der einem bestimmt auch jemanden empfehlen.
        In Notsituationen, wo man nicht lange überlegen kann, ist es natürlich schwierig. Wenn man ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss man den Ärzten dort wohl oder übel vertrauen. Unter Zeitdruck kann man oftmals, gerade in einer Krisensituation, nicht klar denken. Deswegen finde ich es sehr wichtig, dass man über gewisse Dinge schon vorher nachgedacht hat - das erleichtert dann die schnelle Entscheidung. Und man hat immer eine Wahl : man kann ja oder nein sagen. (außer bei Bewusstlosigkeit, Stichwort "mutmaßliche Einwilligung", aber das ist noch mal ein ganz anderes, ebenfalls sehr schwieriges Thema)

        Generell ist es ja so... wenn ich mit meinem Auto in die Werkstatt fahre, weil es komische Geräusche macht, dann werden die bestimmt irgendwas reparieren. Ich muss darauf vertrauen, dass sie wissen, was sie tun. Wenn ich meinen Hobbyschrauber-Nachbarn frage, der vielleicht keine Lust hat, meinen Wagen zu reparieren, sagt er mir eventuell: "Ist nicht schlimm, kann man irgendwann mal machen". Wenn ich einen Versicherungsvertreter frage, welche Versicherung er mir empfiehlt, wird er bestimmt auch nicht sagen: "Keine, das ist alles Blödsinn". Und wenn ich ein Brot beim Bäcker empfohlen haben möchte, haben die bestimmt auch eins, was besonders lecker ist - vielleicht mag ich das aber gar nicht. In jedem Bereich des Lebens gibt es Spezialisten, keiner kann sich überall gut auskennen. Ich kann mich schlau machen, verschiedene Meinungen einholen und muss trotzdem darauf vertrauen, dass der Experte in meinem Sinne arbeitet. Bei Ärzten ist es natürlich so, dass es nicht nur um mein Auto oder Geld geht, sondern um meine Gesundheit, mein Leben - mein höchtes Gut. Ob ich das jetzt vertrauensvoll in die Hände eines Arztes lege, weil ich mir sicher bin, dass er in meinem Sinne handelt, oder ob ich alles hinterfrage und alles selber entscheiden und wissen will - das ist eine ganz persönliche Entscheidung. Ich bekomme immer mal wieder mit, wie Patienten im Aufklärungsgespräch sagen: "Das möchte ich gar nicht alles wissen, ich vertraue Ihnen da. Wo muss ich unterschreiben?" Andere wollen ein ausführliches Gespräch, googlen dann noch, telefonieren mit fünf Leuten und wissen dann immer noch nicht, was sie tun sollen. Jeder Mensch ist da anders und jeder muss da für sich seinen Weg finden.

        Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen. Das Thema ist definitiv kein leichtes, eindimensionales, es ist sehr komplex und kompliziert. Medizin ist auch keine rein logische Wissenschaft, wo alles immer gleich abläuft. Es ist immer ein Risiko, nichts ist sicher. Was bei dem einen funktioniert, bringt bei dem anderen gar nichts. Bei kleinen Eingriffen sind schon Menschen verstorben; andererseits sind Totgeglaubte schon wieder quietschfidel aus dem Krankenhaus gelaufen. Es gibt gewisse Kausalitäten und die Empirie, aber eine Gewissheit, was richtig und was falsch ist, leider nicht.

        Liebe Grüße, Truly

        • Danke für die ausführliche Antwort.
          Dass es eigentlich nicht möglich ist, solche Dinge fundiert einzuschätzen, sofern man nicht aus einer Medizinerfamilie kommt, sehe ich ähnlich. Ich habe nicht mal einen Hausarzt, da ich wegen Alltagserkrankungen keinen Arzt brauche. Mir einen Hausarzt zuzulegen, obwohl ich ihn nicht brauche, wäre auch absurd.

          Was mich beschäftigt, ist, wie palliativ der Hausarzt meiner Schwiegermutter eingestellt ist, das ist ein Thema, das mich aufgrund meiner Arbeit als Sterbebegleiterin immer wieder beschäftigt. Aber es ist natürlich nicht so einfach, das in Erfahrung zu bringen, da meine Schwiegermutter sowas niemals fragen würde.

          Es ist bedenklich, aber an welchen Arzt man gerät, ist aus meiner Sicht reine Glückssache.

          LG doremi

          • Und trotzdem hat man meistens die Wahl und kann "nein" sagen und sich einen anderen Arzt suchen. Glückssache ist es aber überall, nicht nur bei Ärzten, sondern auch - wie schon von mir erwähnt - beim Automechaniker, Bäcker oder Versicherungsvertreter...

            Was den Arzt deiner Schwiegermutter betrifft, kannst du ihn nicht einfach fragen? Nicht im Hinblick auf deine Schwiegermutter, sondern generell?

            Liebe Grüße, Truly

            PS: Respekt für deine Arbeit, kein leichter Beruf... dafür wirklich meine Anerkennung!

Top Diskussionen anzeigen