Was ist "böse"?

    • (1) 15.03.14 - 19:17

      Hallo zusammen!

      Ja, meine Frage steht ja schon in der Überschrift. Vielleicht eine seltsame Frage, auf die es keine Antwort gibt...

      Auslöser und Grund für meine Frage ist folgender: ich arbeite als Krankenschwester und wurde letzte Nacht in meinem Dienst von einer dementen Patientin mehrfach massiv beschimpft. Natürlich (bevor Vorwürfe kommen) bin ich professionell und freundlich geblieben und habe sie versorgt, aber es war schon anstrengend, da jeder Handgriff meinerseits falsch war, ich ein "elendiges Mistvieh" und "verzogenes Gör" bin und sie wird mich anzeigen und ihrem Sohn das alles erzählen und so weiter. Meine Kollegin kam mir zwischendurch helfen und bekam die Art der Frau somit mit. Nachdem wir sie versorgt hatten, sagte ich: "die macht nicht fertig", meine Kollegin entgegnete resigniert: "Sie ist halt krank", woraufhin ich sagte: "Nee, die ist einfach böse".

      Mal unabhängig von dieser Situation (es ist mein Job und ich muss damit klarkommen, ich weiß, was Demenz ist und versuche, es nicht persönlich zu nehmen) frage ich mich jetzt, was eigentlich "böse" ist. Wie definiert sich "böse"? Kann jemand, der krank ist, überhaupt böse sein? Oder ist es falsch, eine Erkrankung als Erklärung für solches Verhalten zu nehmen?

      Mörder, Kinderschänder, Tierquäler...ist das böse? Oder krank? Kann man das unterscheiden? Habgier, Respektlosigkeit, Narzissmus - Symptome von Krankheiten oder "das Böse"? Wo ist der Unterschied? War Hitler böse? Oder vielleicht doch nur psychisch krank? Ist ein Steuerhinterzieher, der Millionen zur Seite schafft, böse? Oder ein Hochstapler, Betrüger, Fremdgeher, Heiratsschwindler, der mit Gefühlen spielt? Es gibt ja meistens psychologische Erklärungen für solches Verhalten. Ist das alles nur vom Unrechtsbewusstsein abhängig? Aber bin ich dann automatisch böse, wenn ich weiß, dass das, was ich tue, nicht richtig ist? Es gibt genug Kurzschlussreaktionen, die einem hinterher leid tun...

      Versteht ihr, worauf ich hinaus will?

      Ich bin gespannt auf eure Antworten und Ansichten.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,

      Truly (die jetzt zur Arbeit fährt, um sich weiter beschimpfen zu lassen)

      • ja, schwierige Frage-
        falls du ein paar Anstöße zum darüber philosophieren suchst, findest du sicher einige hier:
        http://soziopod.de/2012/04/soziopod-012-das-bose-woher-kommt-es-und-wann-geht-es/

        • Danke schön. Ich hatte mir sowieso vorgenommen, da heute Nacht (falls ich denn dazu komme) noch ein wenig das Internet zu durchforsten.

          Ich weiß, dass diese Frage die Menschheit seit Anbeginn beschäftigt (Figuren wie "der Teufel" kommen ja nicht von ungefähr)... hast du denn eine Meinung dazu? :-)

          • oh je- also vielleicht ganz kurz auf den punkt gebracht
            ich gehe davon aus, daß wir menschen uns immer versuchen so zu verhalten, daß es uns und unserer engsten gruppe zum vorteil gereicht.
            um damit mittelfristig erfoglreich zu sein, brauche ich eine gruppe, die hinter mir steht, die ich davon überzeugen muß.
            diese gruppen brauchen eine identität, ein gefühl der zugehörigkeit und sie werden ihre interessen auch immer gegen die interessen andere verteidigen müssen.

            daher wird es bestimmte werte, eine bestimmte moral innnerhalb dieser gruppe geben- diese wird indentitätsstifend sein.
            wer sich außerhalb diese moral ("du sollst") bewegt, der wird ausgegrenzt. er gehört durch sene tat nicht mehr zur Gruppe, ist also "böse" (wenn die einhaltung der eigenen regeln als "gut" gilt.
            Böse ist damit also das außerhalb der moralischen regel der gruppe stehende
            Biespiel: Mörder

            zum anderen sind natürlich die interessen der anderen gruppe, die gegen meine interessen stehen als "Böse" wahrgenommen (denn meine eigenen will ich ja als gut wahrnehmen)
            besipiel: ukraine (Westen= gut/ Rußland = böse)

            der "teufel" ist eine gute figur- er gibt "dem bösen" eben eine gestalt und er ist gleichzeitig mahnung für all jene, die in versuchung geraten, dei regeln der gruppe zu überschreiten. ermaht sie, weil sie damit zum "bösen" gehören würden.

            im schnelldurchlauf meine Meinung vo nder entstehung der konstrukte "gut und böse"

            • Vielen Dank dafür...so sehe ich das auch und es ist natürlich immer Ansichtssache, was gut und was böse ist. Mord ist böse... wir aber ein ein Tyrann getötet, der andere verfolgt, gefoltert, umgebracht hat, etc., dann profitieren andere davon und dann ist dieser Mord legitim bzw "gut"... schwierige Sache.

              Aber wie sieht es dann mit der Krankheitsproblematik aus? Wie in der von mir erlebten Situation: würdest du sagen, die Frau ist böse oder ist sie krank und kann nichts dafür? Und die anderen von mir genannten Beispiele? Menschen wie z.B. Hitler (die Geschichte hat ja einige solcher Menschen hervorgebracht)... sind die böse? Oder krank? Oder beides, weil das eine das andere nicht ausschließt?

              Liebe Grüße, Truly

              • böse und krank sind doch beides konstrukte

                es spielt keine rolle, welchen namen, ich dem verhalten eines menschen geben.
                es ist nur insofern relevant, als daß es MEINE handlungen beeinflußt.

                also: ein drogenabhängier- ist der krank oder kriminell, ist er böse?
                das spiel erst mal keine rolle.
                wenn ich ihn aber einsperren will, dann ist er kriminell, wenn ich ihm einen terpielatz besorgen will, dann ist er krank und wenn ich meine kinder abschrecken will ist er vielleicht "böse"

                das sind alles konstrukte, sie sind nie wahr- sie helfen nur die wirklichkeit, der wir begenen besser einzuteilen in unsere schuladen.

                sagt dir jetzt also der arzt xy: frau truly, die patienten hat die daognose xx, ein symptom ist diese art des sozialverhaltens"
                dann ist das eine entlastung für dich, denn

                1. hat es dann nichts mehr mit dir zu tun und
                2. muüßtest du dich nicht mit dem dilemma beschäftigen, dich um einen "bösen" menschen zu kümmern.

                wenn aber böse nur ein konstrukt ist und nicht die "wahrheit", dann spielt das keien rolle ob sie böse ist oder nicht

                hitler: was würde es uns bringen heute zu sagen er war krank?
                der krankheitsbegriff (zumal was psychitrische diagnosen angeht) ist nur dann sinnvoll, wenn eine diagnose dazu genutzt werden kann eine therapie zu ermöglichen.
                denn eine diagose ist niemals wahr- sie ist ein hilfskonstrukt, daß uns hilft bestimmtes verhalten und erleben einzuordnen und daß uns bei der auswahl an therapiemöglichkeiten hilft.
                die diagnose an sich ist also niemals für sich alleine hilfreich

                es würde uns entlasten, weil wir sagen könnten: er ist einfach ein verrückter gewesen- WIR NORMALEN; gesunden würde nie so handeln.
                aber das ist albern.

                und diese frage läßt all die anderen millionen außer acht, die "mitgemacht" haben., waren die alle verrückt?

                sind alle soldaten verrückt? die bereit sind zu töten und getötet zu werden für sowas abstraktes und vergängliches wie "nationalstaat", "freiheit", oder auch nur geostrategische interessen des eigenen landes?

                nein, sie sind nicht krank- allesamt nicht.

                sind sie böse?
                würde uns das helfen anzunehmen, hitler war "Böse"?
                ja, das würde uns entlasten, denn "wir" sind ja gut, also können wir uns von ihm distanzieren, wir schließen ihn aus unseer gruppe der "guten" aus und erhöhen so die distanz zu ihm
                er hat gegen das verstoßen, was wir in unserem jüdisch-christlich geprägten kulturkreis als moralvorstellungen etabliert haben. daher ist er böse.
                aber nicht weil "böse" die wahrheit wäre, sondern weil es als konstrukt dient um diejenigen zu benennen, die gegen eben jene Moralvorgaben verstoßen.

                das hat er getan.
                er hat es sicehr nicht getan, wei ler böse sein wollte.

                in aller regel tun die menschen das meiste "böse", weil sie damit eigentlich "gutes" bewirken wollen.

                menschen mit einer stregen ideologie, revolutionäre, dei die bestehende bedingen verändern und notfalls gewaltsam umwälzen wollen nehmen häufig massenhaft "böses" in kauf, weil sie denken, damit "gutes" zu bewirken.

                das "böse" (gegen dei ander gruppe) geschieht im großen stil in aller regel, weil dahiner der wunsch nach dem "guten" (für die eigene gruppe) steht.

                alle kriege sind nicht angefangen worden, weil sie schlechtes bringen sollten, sondern gutes (für die eigene gruppe).

                daher: es spielt keine rolle, ob die frau, die du pflegst krannk oder böse oder beides ist.
                du mußt eine nweg finden um mit menschen klar zu kommen, die so reagieren, wie sie es tut und in deinem professionelen umfeld auf dich treffen.
                wenn es dir hilft zuu sagen "oh die arme frau ist dement, sie weiß ja nicht was sie sagt" und es dir dann leichter fällt, mit ihr zu arbeiten, dann ist das eine hilfreich konstruktion.
                wenn es dir die sache leichter macht zu sagen "die war bestimmt scho nals junge frag ganz fies und läßt es nur jetzt raus, weil dei hemmungen gering sind- sie ist von grund auf böse", dann ist das für dich hilfreich.

                du bist auf der suhe nach der wahrheit- da bist du aber leider bei mir an der falschen adresse:)

                • "du bist auf der suhe nach der wahrheit- da bist du aber leider bei mir an der falschen adresse:) " - und doch hat mir deine (sehr ausführliche!#pro) Antwort schon sehr viel gebracht. Sehr interessant, klar nachvollziehbar und logisch. Vielen Dank! #blume

                  • gerne

                    ich finde es auch eine interessante frage
                    und wie gesagt, hör dir ruhig mal die soziopods an (gibt ja noch mehr folgen) um ein paar denkanstöße zum weiterdenken zu bekommen.
                    ich kann mich jetzt an den inhalt der konkreten folge gerade nicht erinnern, aber in aller regel beschäftigen die sich mit fragen, wie sie dich offenbar auch bewegen..

                    viel spaß bei der suche nach antoworten, die meiste in noch mehr fragen endet:)

      Hallo,

      ich habe mal einen Satz zum Thema "Moral" gelesen, den ich sehr erhellend fand:

      "Werturteile enthalten keinerlei Informationen."

      ;-)

      • (10) 15.03.14 - 22:22

        Weil Werte individuell sind? Wobei eine wertende Aussage dann ja zumindest Informationen über denjenigen, der sie äußert, beinhaltet, oder?

        Ich muss sagen, so erhellend finde ich den Satz nicht... aber vielleicht verstehe ich ihn auch nicht.

        • (11) 16.03.14 - 11:26

          Hallo,

          *Wobei eine wertende Aussage dann ja zumindest Informationen über denjenigen, der sie äußert, beinhaltet, oder?*

          Hm - liefert sie dir wirklich eine Information? Oder ist es nicht vielmehr so, dass du die Aussage deines Gegenübers individuell INTERPRETIERST?

          Eine Information über die alte Frau, die du beschreibst, wäre zum Beispiel:

          "Wenn ich sie wasche, äußert sie laut, dass ich ihr wehtue."

          Das wäre eine reine Beschreibung der Situation.

          "Sie wird aggressiv" ist bereits eine Interpretation. Mit "Sie ist böse!" wären wir dann beim moralischen Werturteil angelangt.

          Was sagt nun dieses Werurteil über dich aus? Dass du überfordert damit bist, alte Leute zu pflegen? Nein - das ist EINE mögliche Interpretation deiner Aussage, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben muss.

          Moralische Werturteile sind gefährlich, wenn sie verneinen, was ist. Wie lisasimpson bereits schrieb: Auch Leute wie Hitler waren der festen Überzeugung, aus moralisch hochedlen Gründen zu handeln.

          Sinnvoll sind Interpretationen und Erklärungen nur dann, wenn sie zu nützlichen Handlungskonsequenzen führen. Dienen sie lediglich dazu, sich resignativ neben die Erklärung zu legen, ist niemandem geholfen.

          Das Beispiel der Diagnosen ist sehr geeignet: Dient eine Diagnose dem Diagnostizierten lediglich dazu, Verantwortung abzugeben, wirds mit der Heilung schwierig.

          LG

          • (12) 16.03.14 - 17:27

            "...äußert sie laut, dass ich ihr weh tue" - wäre es so gewesen, hätte ich nicht "aggressiv" geschrieben geschweige denn, sie als "böse" betitelt. Das ist somit einfach falsch. Sie äußerte keine Schmerzen, sie hat mich beschimpft. Ich kann sie gerne zitieren, um die Situation zu verdeutlichen:

            "Hah, da kommt die Schwester wieder. Grinsen Sie nicht zu blöd, sie elendiges Mistvieh." "Frau X, ich möchte bitte einmal ihre Schutzhose wechseln" "was? Sie sprechen vielleicht undeutlich" (lauter und deutlich)"Ich möchte ihre Schutzho..." "jetzt brüllen Sie mich nicht so an, Sie asoziales Ding" "Nicht erschrecken, ich nehme mal eben die Decke beiseite" "Nein, hauen Sie ab, Sie sind vielleicht unverschämt, Sie dämliche Kuh" "Frau X, bitte" "Sie sollen nicht quatschen, Sie sollen arbeiten und das tun, was ich ihnen sage, sie wertloses Stück, sie hässliche Fratze, verzogenes Gör" "Frau X, ich möchte nicht, dass Sie so mit mir reden" "ich lass mir doch von Ihnen nicht den Mund verbieten" "Darf ich jetzt bitte ihre Hose wechseln?" "Na, machen Sie doch, ich helfe Ihnen aber nicht, gucken Sie mal, wie Sie das hinbekommen" "Wir müssen das schon zusammen machen" "Nee, Sie müssen das machen. Und wenn Sie das nicht machen, bekommen Sie Ärger, Sie dürfen mich ja nicht einfach in meiner Pisse liegen lassen"

            So viel dazu. Und so ging das die ganze Zeit. Ob man das mit einer demenziellen Veränderung erklären kann? Oder zeigt sich durch diese Erkrankung nicht viel mehr ein schon immer dagewesener Wesenszug verstärkt?

            Wenn du sagst, dass wertende Aussagen lediglich interpretiert werden können, dann kann man das aber auf alle Aussagen übertragen?

            Wenn jemand sagt "Die sind nicht verheiratet und wohnen schon zusammen, vermutlich haben die sogar Sex, unmöglich sowas!", dann enthält dieser Satz neben der Sachebene ja auch noch drei andere Ebenen. Und so ist es ja mit jeder Nachricht. Insofern erhalte ich durch diesen Satz Informationen. Sonst würde jegliche Kommunikation nicht funktionieren. Natürlich gibt es fehlerhafte Kommunikation und Missverständnisse (kann man hier ja immer schön beobachten), aber generell einer bestimmten Gruppe von Aussagen den Informationswert abzusprechen, ich weiß nicht...

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