Rechte und Nazis unter dem Deckmantel einer "Liberalen Aufgeschlossenheit"

    • (1) 05.01.15 - 02:37

      Hallo.

      Ich wundere mich so oft über Menschen, die einen auf total liberal und aufgeschlossen machen, aber bei genauerem hinschauen und hinhören sich als rechts entpuppen.

      Sind solche Leute einfach nur blöd und wissen nichts über ihre eigenen Grundansichten (in meinen Augen noch die positivste Variante wenn jemand rechts ist);
      oder
      Wurden sie konditionalisiert in nicht rechter Gesellschaft möglichst nicht rechts zu erscheinen (und sind dementsprechend einfach nur blöd bei einem Gesprächspartner mit genügend Grips aufzufliegen);
      Oder

      haben Sie einfach nur "keine Eier in der Hose" um sich offen dazu zu bekennen (aus welchen Gründen auch immer)"
      oder

      ....

      Ich weiß, dass man das nicht verallgemeinern kann, daher wäre ich an Erfahrungsberichten eurerseits ebenso interessiert, wie an fundierten sozio-psychologischen Ansichten, die ihr zu dem Thema habt.

      Danke.

      • Hallo,

        deine Frage ist schwierig zu beantworten. Ich denke, dass es alle von dir aufgelisteten Varianten gibt. Allerdings ist das nicht nur eine Frage der (Selbst-)Wahrnehmung, sondern auch eine Frage der Definition von "rechts". Wo beginnt Fremdenfeindlichkeit? Ist man fremdenfeindlich, wenn man nicht alle kulturellen und religiösen Gepflogenheiten von Menschen aus anderen Ländern gutheißt? Darf das alle oder nur manche dieser Gepflogenheiten betreffen und wer legt das fest?

        Ich selbst behaupte von mir, dass ich nicht rechts bin. Ich fühle mich zur rechten Politik auch gar nicht hingezogen. Ich bin dafür, dass wir Flüchtlingen helfen, aber auch Menschen willkommen heißen, die ganz freiwillig nach Deutschland kommen. Ich habe aber mit manchen Bräuchen - ganz unabhängig davon, ob sie mit Kultur oder Religion begründet werden, ganz gleich aus welchem Land, die Menschen oder ihre Vorfahren stammen - meine Probleme. Ich kann nicht alles gutheißen, was in Deutschland unter dem Deckmantel von Religion und Kultur erlaubt wird.

        Bin ich dadurch nun ein Mensch, der sich aufgeschlossen gibt, aber bei genauem Hinschauen und -hören als rechts entpuppt? Ist das davon abhängig, welche Gepflogenheiten ich nicht akzeptieren kann? Oder gehöre ich grundsätzlich, weil ich manche Andersartigkeit nicht akzeptieren kann, in die "rechte Ecke"?

        Wenn ja, dann "oute" ich mich nicht als rechts, weil ich keine "Eier in der Hose" habe, sondern weil ich meine Bedenken schlicht nicht als rechts empfinde. Ich habe dann eine andere Definition für rechts. Du würdest vielleicht sagen, dass ich in die Kategorie der Blöden gehöre, die es einfach nicht merken. Alles eine Frage der Definition und Wahrnehmung.

        LG

        • (3) 05.01.15 - 10:15

          "Ich kann nicht alles gutheißen, was in Deutschland unter dem Deckmantel von Religion und Kultur erlaubt wird."

          Was genau kannst du nicht gutheißen?

          • (4) 05.01.15 - 10:27

            Zum Beispiel, dass Jungen beschnitten werden dürfen, obwohl keine medizinische Indikation besteht. Für mich ist das ein unnötiger Eingriff, der Nachteile mit sich bringt, aber keine Vorteile. Körperverletzung, um es ganz deutlich zu schreiben, und damit gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Soll jeder Erwachsene für sich entscheiden, ob er sich verstümmeln möchte, an Minderjährigen sollte der Eingriff meiner Meinung nach nie ohne medizinische Indikation durchgeführt werden.

            Das gilt aber grundsätzlich, also unabhängig davon ob der Eingriff nun aus religiösen oder anderen nicht-medizinischen Gründen durchgeführt werden soll / wird. Ich sehe es aber hauptsächlich als ein religiöses Problem.

            • (5) 05.01.15 - 11:45

              Nun, ich finde nicht, dass man jemanden in die rechte Ecke drücken sollte, nur weil man gegen eine religöse Praktik ist. Die Beschneidung von Jungen ist durchaus ein Punkt, den man überdenken sollte. Vor allem sollte die Art und Weise der Beschneidung diskutiert werden. Ich bin kein strikter Gegner von Jungenbeschneidungen. Ich bin selbst beschnitten und sehe für mich bisher keine Nachteile dadurch. Ich wurde weder aus medizinischen, noch aus religösen Gründen beschnitten. In den USA ist die Jungenbeschneidung in den meisten Staaten Routine(ca. 70 % der Männer und Jungen sind dort beschnitten) und gehört dort dazu, wie hier die Impfung. Ob eine Windpockenimpfung nun medizinisch notwendig ist, darüber kann man auch streiten. Und wie oft begenen mir vor allem kleine Mädchen, die Ohrringe tragen. Auch hier sehe ich keine medizinische Notwendigkeit.

              Ich bin aber sehr wohl dafür, dass Beschneidungen nur von Fachärzten und unter Betäubung durchgeführt werden, wenn man schon aus welchen Gründen auch immer nicht darauf verzichten möchte. Hätte ich einen Sohn würde ich ihn aber nicht beschneiden lassen. Wie du schon sagtest, es besteht keine Notwendigkeit dafür.

              • (6) 05.01.15 - 12:24

                Ich glaube dir, dass du keine Nachteile erkennen kannst, du kennst es ja nicht anders. So wird es den meisten beschnittenen Männern gehen, die bereits in ihrer Kindheit beschnitten wurden. Fakt ist aber, dass jeder Körperteil eine Funktion hat, auch die Vorhaut. Es ist im Gegenzug doch auch nicht erlaubt Mädchen die Klitorisvorhaut zu entfernen (was vergleichbar ist).

                Ob eine Windpockenimpfung notwendig ist oder nicht, kann man tatsächlich diskutieren. Mit einem Schutz vor der Krankheit bringt sie aber Vorteile. Eltern müssen Vor- und Nachteile abwägen. Ich will jetzt aber keine Impfdiskussion vom Zaun brechen. Das führt zu weit.

                Für Ohrlöcher besteht ebenso wenig eine medizinische Notwendigkeit, wie für eine Beschneidung, da bin ich ganz deiner Meinung. Ich lehne auch das Stechen oder Schießen von Ohrlöchern bei Kindern ab.

                • (7) 05.01.15 - 13:07

                  Wie gesagt, kann ich deine Haltung grundsetzlich verstehen. Sehe die Beschneidung als Betroffener nicht so tragisch. Und einwenig dramatisierst du das schon. Ich fühle mich weder amputiert noch verstümmelt. Es ist unötig - ja! Es ist vermutlich auch schmerzhaft aber in den meisten Fällen müssen Betroffene jetzt nicht ein Leben lang darunter leiden.

            Dann müsste aber eine Taufe auch dazugehören. Das ist zwar nichts Körperliches, aber ein Eingriff in die "mentale Unversehrtheit", fast schon Gehirnwäsche.

            Jeder sollte selbst als Erwachsener entscheiden dürfen, ob er getauft werden will bzw. welche und ob er eine Religion ausüben will oder nicht.

            Aber das ist ein anderes Thema und hat hier nichts verloren.

            • Für mich sind Taufe und Beschneidung etwas ganz unterschiedliches. Was sind ein paar Tropfen Wasser (und evtl. das Geld für den Austritt aus der Kirche) gegen die Entfernung eines Körperteils? Ich lehne Beschneidung ab, weil sie für mich Körperverletzung darstellt. Eine Taufe tut nicht weh und verändert den Menschen körperlich nicht.

              Außerdem ist eine Taufe an sich keine Gehirnwäsche. Eine (fanatische) religiöse Erziehung kann einer Gehirnwäsche gleichen - dafür bedarf es aber weder einer Taufe noch einer Beschneidung.

        (10) 05.01.15 - 12:43

        Vielleicht noch ein anderes Beispiel:

        Ich finde nicht, dass Schüler aufgrund ihrer Religion und ihres Geschlechtes vom Schulunterricht ausgeschlossen werden dürfen.

        Ich betrachte es kritisch, wenn muslimische Schülerinnen nicht am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen dürfen / müssen, wenn keine Geschlechtertrennung gegeben ist. Geschlechtertrennung ist nicht immer umsetzbar. Wir hatten auf der weiterführenden Schule auch getrennt von den Jungen Sport, aber wir befanden uns alle in der gleichen Turnhalle. Unter diesen Bedingungen könnte man ein muslimisches Mädchen vom Sport befreien. Damit ist das Mädchen ausgeschlossen, nicht integriert. Ich halte das für fragwürdig. Das fördert Grüppchenbildung, eine Art Ghettoisierung im Kleinen, nämlich an der Schule, wenn du verstehst, was ich damit sagen will.

        • (11) 05.01.15 - 13:00

          Soweit ich weiß gibt es dazu ein Gerichtsurteil. Muslimische Mädchen müssen am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen. Das wird also unter dem Deckmäntelchen von Religion und Kultur in Deutschland nicht erlaubt und muss dich nicht weiter stören.

          Ich wäre aber dafür, dass Sportunterricht nach Geschlechtern aufgeteilt wird. Nicht aus religösen Gründen, sondern wegen der Chancengleichheit. Nahe zu jede Sportart im Verein wird strikt nach Geschlechtern getrennt. Bei Wettkämpfen messen sich Frauen mit Frauen und Männer mit Männern. Ich weiss noch von Früher aus dem Sportunterricht, dass die meisten Jungen bessere Noten bekamen als die Mädchen.

          • (12) 05.01.15 - 13:23

            "Soweit ich weiß gibt es dazu ein Gerichtsurteil. Muslimische Mädchen müssen am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen. Das wird also unter dem Deckmäntelchen von Religion und Kultur in Deutschland nicht erlaubt und muss dich nicht weiter stören."

            So weit ich informiert war, müssen sie nur dann am Unterricht teilnehmen, wenn nach Geschlechtern getrennt wird und die Jungen nicht im gleichen Raum zur gleichen Zeit unterrichtet werden. Ich lese aber gerne noch einmal nach.

            Ich sehe Geschlechtertrennug allerdings grundsätzlich nicht positiv. Für mich ist das ein Relikt aus alten Zeiten, was einfach den Beigeschmackt hat, dass Frauen Männer nicht sehen sollen und umgekehrt. Nur deswegen werden muslimische Mädchen ja überhaupt befreit, damit sie nicht von den Jungen in Sportbekleidung gesehen werden und damit sie die Jungen nicht in Sportbekleidung sehen. (Ich lese wie gesagt noch einmal nach - vielleicht ist mein Informationsstand auch falsch.)

            Es passt in meinen Augen nicht zu unserer Kultur, es passt nicht zu meinem Rollenverständnis. Und da es nur für muslimische Mädchen, nicht aber für die Jungen gilt, passt es nicht zur Gleichberechtigung, die in unserer Gesellschaft einfach einen höheren Stellenwert hat, als das in anderen Ländern vielleicht ist. Natürlich gibt es auch in "deutschen Haushalten" Ungleichberechtigung, aber die Schule ist einfach ein öffentlicher Raum.

            Als ich in die Schule ging, gab es im Sportunterricht übrigens für Jungen und Mädchen unterschiedliche Leistungsansprüche - trotz gemeinsamen Unterrichts. Ein Mädchen musste für die Note 1 beispielsweise weniger weit Springen als ein Junge.

            • (13) 05.01.15 - 13:49

              "Und da es nur für muslimische Mädchen, nicht aber für die Jungen gilt, passt es nicht zur Gleichberechtigung, die in unserer Gesellschaft einfach einen höheren Stellenwert hat, als das in anderen Ländern vielleicht ist. "

              In diesem Punkt stimme ich dir zu. Ich meine mal ein Urteil gelesen zu haben, dass muslimische Mädchen am Sportunterricht teilnehmen müssen. Sollte das nicht so sein, schließe ich mich an und heiße das nicht gut.

          (14) 05.01.15 - 13:53

          Ich habe noch mal etwas gegoogelt. Es gibt in der Tat Gerichtsurteile, die auch muslimische Schülerinnen zur Teilnahme an Sport- und Schwimmunterricht verpflichtet. Man findet aber auch Aussagen dazu, dass die Schule nach Möglichkeit einen gleichgeschlechtlichen Unterricht anbieten muss und Mädchen in der Pubertät durchaus befreit werden können, wenn die Schule eine Geschlechtertrennung ablehnt oder aber nicht anbieten kann.

          Mir scheint, dass das nicht ganz eindeutig geregelt ist. Vielleicht auch, weil Bildung Ländersache ist.

          Es sollte sport nach Interessen geteilt werden, nicht nach geschlechtern.
          Ich war früher sehr gut in Fußball und Hockey, hatte Schüsse drauf denen man besser ausweicht statt versucht sie zu halten. Bei dem Mädelskram wie Gymnastik und bodenturnen hät ich mir das Rückrad gebrochen :/
          Es sollte 2 Angebote geben und jeder kann aussuchen was er möchte, geschlechts-religions und hautfarbenunabhängig!

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