Das Mittelmeer

    • (1) 22.04.15 - 12:14

      Wir Deutsche lieben das Mittelmeer, lieben Urlaub in Italien, Spanien, lieben "das Mediterrane" ganz allgemein. Mediterrane Küche, mediterrane Einrichtung sind für uns der Inbegriff von der leichten Lebensart, die wir mit all unseren krampfhaften Versuchen natürlich trotzdem und gerade deshalb nie erreichen können.

      Und nun wird das Mittelmeer auch noch zu unserem wichtigsten Verbündeten: Es beschützt unseren Wohlstand. Jeder ersoffene Flüchtling ist schließlich einer, den wir nicht hier durchfüttern müssen. Trauert irgendwer wirklich um diese Menschen, oder sind wir alle nicht letztenendes einfach nur froh, wenn möglichst wenige es hier zu uns, in unseren Sozialstaat, in unsere nach eigenem Empfinden eh schon am Anschlag laufenden Systeme schaffen?

      Zynische Fragen? Vielleicht. Aber ich glaube, diese Gedanken sind es, die längst auch in der Mitte Deutschlands herrschen.

      • Soll das ein Scherz sein? Es ist eine Tragödie was dort passiert. Und es ist nicht nur eine "mediterrane" Frage. Es betrifft die gesamte EU. Gemeinsam muss nach einem Weg gesucht werden, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen. Und nein, damit meine ich nicht, die Flüchtlinge garnicht erst ans Land zu lassen!

        Ja ich trauere um diese armen Menschen :-( sehr sogar!

        • Diese Tragöde ereignet sich doch schon so oft- von den Medien unkommentiert.
          Hin und wieder wird dann so eine Tragödie in den Medien "breitgetreten" und die Menschen sind "betroffen" und werden mit ihrer Aufmerksamkeit auf diese Tragödie gelenkt.
          Und was wurde nun damit für die Flüchtlinge getan, was wurde verändert seit der vorletzten?

          Es ist immer das Gleiche. Betroffenheit und große Trauer beteuern.
          Aber das bringt den Opfern und den anderen zukünftigen Flüchtlingen nichts!
          Schon gar nicht wenn Betroffenheit und Trauer das Einzige bleibt was getan wird!

          Karna

          • Du irrst dich wenn du denkst, dass ich an diese Menschen nur denke, wenn die Medien ab und zu über solche Tragödien berichten. Ich bin Süditalienerin, in Sizilien aufgewachsen. Es ist seit Jahrzehnten das gleiche, bin quasi mit den Flüchtlingsthema ins Ohr aufgewachsen. Mal hieß es ein Schiff ist gekentert, mal hieß es nur die Hälfte der Passagiere hat unter den schlechten Bedingungen überlebt,mal hieß es es werden alle sofort zurück ans Bord geschickt um zurpcjzuckehren da kein Platz/keine Verpflegungsmöglichkeiten, usw. Aber was sollte/könnte ich denn schon grossartig tun? Es stimmt, ich kenne keine Lösung für das Problem. Und ich kann die Italiener in ihrer Zwickmühle auch verstehen, da sie wirtschaftlich selber bis zum Hals in der Sch...stecken. Aber wieso sprichst du mir das Recht ab, wenigstens zu trauern? Wieso darf ich nicht traurig sein und Mitgefühl zeigen? Erklär mir das bitte.

      Ich weiß nicht, wo ich Dein Posting einordnen soll. Den ersten Teil Deines zweitens Absatzes liest man auch bei den Pepita-Befürwortern z.B. auf deren offizieller FB-Präsenz. Flüchtlinge werden als Kostenfaktor gesehen und gegen deutsche Rentner und deutsche ALG2-Bezieher ausgespielt.

      Die Flüchtlinge, die zu uns wollen, kommen nicht zu uns um besser zu leben sondern um zu ÜBERleben. Das gilt für Kriegsflüchtlinge wie für Wirtschaftsflüchtlinge. Solange die reichen Industriestaaten durch ihre Wirtschafts- und Entwicklungshilfepolitik, egoistisch das eigene Wachstum befördern und dies auf Kosten anderer Länder und Volkswirtschaften, solange werden Menschen zu uns kommen wollen. Diese Menschen haben ebenso ein Recht auf Teilhabe, wie wir das selbstverständlich in Anspruch nehmen.

      Außerdem haben wir eine christliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen.

      Was sich die EU darüber hinaus derzeit leistet, hinsichtlich der Rettung von Flüchtlingen, ist ein Armutszeugnis. Gerade einmal lächerliche 3 Mio. Euro pro Monat will Brüssel bereitstellen. Allein Mare Nostrum hat 10 Mio. gekostet und wurde im Wesentlichen von Italien alleine gestemmt. Die Landgrenze Griechenland/Türkei ist dicht, also bleibt den Flüchtlingen z.B. aus Syrien nur der mörderische Seeweg.

      Im Rahmen eines längst überfälligen Konzepts zu Zuwanderung in Europa, braucht es ein klares Bekenntnis, Flüchtlinge, auch dauerhaft, bei uns aufzunehmen und möglicherweise auch in die Arbeitswelt zu integrieren und den Kindern von Flüchtlingen eine Schulbildung anzubieten. Hier ist europaweit alles Flickwerk. Und in Zeiten von Pepita trauen sich nur sehr wenige führende Politiker an das Thema heran. Von den Regierungsparteien eigentlich niemand. Dort wird sich zu sehr an den Stammtisch angelehnt, der uns lehrt, "man könne nicht alle aufnehmen".

      • Wie viele Flüchtlinge kann denn Deutschland aus deiner Sicht aufnehmen?

        200.000?
        2.000.000?
        20.000.000?

        Wie viele Menschen sitzen denn da in Afrika noch auf gepackten Plastiktüten?

        Deutschland muss Flüchtlinge aufnehmen. Aber gerade deshalb müssen Ausmaß und Grenzen der Aufnahme von Flüchtlingen klar abgesteckt werden.

        Gestern noch las ich, das Interesse an "Deutsch als Fremdsprache" sei z.B. im nahen Osten rasant angestiegen. Wahrscheinlich eher weniger, um Derrick unsynchronisiert schauen zu können...

        Deutschland braucht eine Flüchtlingspolitik, die diesen Namen auch verdient, keine wachsweichen Absichtserklärungen voller Menschenfreundlichkeit und Milde, denen dann kein klares Konzept folgt. Wollen wir es zulassen, dass nur rechte Parteien die Ängste der Menschen ernstnehmen? Oder wäre es nicht vielleicht an der Zeit, Flüchtlingsaufnahmepläne zu machen, die sich an den Möglichkeiten orientieren?

        So wie ein Boot kentert, das dreifach überladen ist, so kentert auch ein Sozialsystem, das zu viele mit durchschleppen muss, seien es nun faule Deutsche oder ungelernt, aber vielleicht fleißige, wohl aber traumatisierte Afrikaner...

        • All diese Ängste haben eine einzige Ursache: Ein aus den Fugen geratener Welthandel. Solange europäische Agrarprodukte in Afrika trotz Transportkosten auf den dortigen Märkten günstiger angeboten werden, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Menschen dort, aufgrund unseres nimmersatten Wohlstandsstrebens an unsere Tür klopfen und Einlass fordern. Beides: Ausbeuten und hoffen, dass sie nicht kommen, funktioniert nicht.

          Kriegsflüchtlinge lasse ich an der Stelle außen vor. Aber solange Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur dafür sorgt, dass Menschen vor Waffengewalt aus deutschen Fabriken, wie Rheinmetall, Krauss Maffay, Heckler und Koch, fliehen müssen, dann dürfen wir uns auch da nicht wundern, dass unser eigene Gier nach Wachstum uns die Flüchtlinge vor die Tore treibt.

          Übrigens hat Deutschland 2014 gerade einmal 512 Mio. Euro für Flüchtlingshilfe ausgegeben. Ein lächerlicher Betrag. Mir soll bitte niemand sagen, das Boot sei in absehbarer Zeit voll. Die Türkei beheimatet mittlerweile 1,3 Mio. Flüchtlinge, wir werden dieses Jahr als weitaus potentere Volkswirtschaft rund 250.000 bis 300.000 Flüchtlinge erwarten. Wo also werden genau unsere Sozialsysteme über Gebühr belastet?

          Vom Sprachgebrauch nutzt Du im übrigen genau die gleichen diffusen Schlagwörter und Begrifflichkeiten wie die Spaziergänger aus Dresden: Das Munkeln über das Zusammenbrechen der Sozialsysteme aufgrund von Flüchtlingen usw.. Woran belegst Du das?

          • Manchmal würde ich sehr gern viel mehr Sterne als nur den einen verteilen.

            Du siehst den "aus den Fugen geratenen" Welthandel, genauer gesagt unsere Exportbedingungen europäischer Agrarprodukte als einzige Ursache für die ausweglose Situation der Menschen aus Afrika, die eine Flucht auf sich nehmen?

            Ist das nicht etwas eindimensional?

            Ursache und Wirkung verstärken sich sicherlich gegenseitig, aber Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität.

            Korruption(sraten), Demokratie, Kleptokratien(!), mangelnde Rechtsstaatlichkeit, etc.. siehst du auch (allein) durch den Welthandel begründet?

            Ganz zu schweigen von Krankheiten, klimatischen Bedingungen..etc..

            Mir ist auch nicht ganz klar, wie du Kriegsflüchtlinge außen vor lassen möchtest in deiner Argumentation.

            VG

            Kate

            • Von "einzig und allein" war, glaube ich, nie die Rede.

              Aber ein wesentliches Merkmal der Armut in vielen Teilen der Welt, hängt unmittelbar mit unserem Wohlstand zusammen. Gerade agrarwirtschaftlch geprägte Nationen in Afrika und auch Asien leiden unter dem Export europäischer Agrarüberschüsse in ihre Länder. Sie leiden auch darunter, dass hochgerüstete japanische, chinesische oder russische Trawler-Armaden ihre Gewässer industriell ausbeuten. Sie dortige Textilwirtschaft steht unter enormen Druck aufgrund billigster Stoffimporte aus China.

              Und bezüglich Korruption und Dictatorship: wer hat denn dafür gesorgt, dass sich so manche Gewaltherrscher, von Idi Amin bis Robert Mugabe, an der Macht halten konnten? Wer produziert und liefert die Waffen für Bürgerkriege? Wer hat die Landesgrenzen vieler Staaten gezogen, quer durch traditionelle Stammesgebiete, nur den eigenen geopolitischen Interessen folgend? Wer hat denn vor allem ein Interesse, dass z.B. Afrika ein instabiles und leicht zu manupulierendes Konstrukt bleibt?

              Dass Krankheiten und Seuchen den Menschen zu schaffen machen, woran liegt das? Sauberes Trinkwasser und deren Quellen in den Händen weniger multinationaler Food-Konzerne wie Nestle oder P&G. Den Rest erledigt die Natur.

              Nein. Alles in allem: Dein und mein Wohlstand beruhen auf einer völlig unverhältnismässig ungerechten und unfairen Verteilung von Gütern weltweit. Wir, der energiehungrige hochentwickelte Teil der Welt beuten unnachgiebig die Ressourcen der Welt aus. Wie beschleunigen den weltweiten Klimawandel und tragen eine wesentliche Mitschuld an Naturkatastrophen, wie wiederrum zu Hungersnöten führen und die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen.

              Ich könnte dies noch seitenweise mit mehr Beispielen füllen aber ich denke, die paar Beispiele reichen. Deine Ablenkung in Richtung "selbst schuld" ist schon zynisch zu nennen....."wenn Ihr kein Brot habt, fresst doch Kuchen"

              Kriegsflüchtlinge bleiben hier für mich aussen vor weil sie ohnehin für mich nicht diskutabel sind. Die momentanen Flüchtlingsströme speisen sich aber im Wesentlichen aus Menschen, die den Krisengebieten im nahen Osten entfliehen. Die meisten von ihnen bleiben allerdings in der Region. Dennoch wird hier über ein "Zuviel" diskutiert. Wenn man fragt, wo ist es in Deutschland zu viel, kommt keine Antwort mehr.

              • "Dennoch wird hier über ein "Zuviel" diskutiert."

                Ich diskutiere nicht über ein Zuviel, ich habe in keiner Weise die Befürchtung, dass Flüchtlinge, insbesondere Menschen in Seenot, um die es in diesem Thread geht, unser "soziales Bot" zum Kentern bringen könnten. Und für mich steht es auch außer Frage, dass wir, da gehe ich ganz mit dir konform, alleine schon aus christlichen und humanitären Erwägungen, helfen müssen. Zumal wir es können. Das ändert aber nichts daran, dass man sich politisch dennoch über eine geordnete Einwanderung Gedanken machen sollte und ebenfalls die Asylpolitk im Hinblick auf Effizienz und Humanität überprüfen und überarbeiten muss.

                Ich habe mich bei dir aber auf deine eindimensionale Kausalität bezogen.. Eindimensionaltät in Verbindung mit Patentlösungen, welche dein "solange..." impliziert, stimmen mich immer sehr skeptisch..

                Du stellst eine eindeutige Kausalität zwischen dem Agrardumping, den Welthandelstrukturen und dem Welthunger beziehungsweise den strukturellen Bedingungen eines riesigen Kontinents her..

                Ich kritisiere lediglich die einseitige Betrachtungsweise und zwischen einer solchen und einer zynischen Haltung liegt sehr viel dazwischen.. Ich verstehe nicht ganz, wo du empathielosen Spott erkennen möchtest in meinen Worten.. Ich möchte auch im Gegenteil nicht ablenken, sondern hinschauen.

                Und ich frage mich, wie man, wenn man hinschaut, zu dieser eindimensionalen Sichtweise gelangen kann.

                Natürlich ist die historische "Benachteiligung" (Anführungszeichen, weil das Wort mir zu schwach erscheint) durch die wirtschaftlichen Strukturen aus der Kolonialzeit unbestreitbar.

                Die Staatsverschuldung tut ihr Übriges.

                Nehmen wir noch den erhöhten Fleischkonsum der Industrieländer und den landwirtschaftlichen Folgen..

                Natürlich stimmt mich die Tatsache, dass mit den Millionen Tonnen an Nahrungsmittelüberproduktion die meisten hungernden Menschen ernährt werden könnten, sehr nachdenklich.

                Globalisierung und alles damit einhergehende ist auch ein schönes Stichwort.

                Du bist auch der Auffassung, wenn ich dich richtig verstehe, dass Globalisierungsprozesse Afrika an den Rand drängen, nicht nur durch Ausbeutung, sondern, dass sogar die Chance genommen wird, dem Armutsteufelskreis zu entkommen.

                Aber in deinem Erklärungsmodell sind mir einige Sachen unklar..

                Wie erklärst du dir, dass südostasiatische Schwellenländer oder auch Lateinamerika teilweise von der Globalisierung profitiert haben?

                Wie erklärst du die Unterschiede zwischen den afrikanischen Entwicklungsländern?

                Siehst du keine strukturellen Gemeinsamkeiten, die nicht durch den Welthandel bedingt sind?

                Thema Seuchen: Auch da erstaunt mich deine Argumentationsweise sehr.. Entschuldige die Übertreibung, aber ist Nestle auch für die Verbreitung von Aids, Ebola etc. verantwortlich?

                Und damit auch für die fehlenden Arbeitskräfte, die durch die Seuchen hinweggerafft wurden? Und somit auch den Wethunger begünstigend?

                Für die Verbreitung von Seuchen spielen das nicht funktonierende Gesundheitssystem, Aberglaube, kulturelle Bedingungen keine Rolle?

                Ist Nestle auch dafür verantwortlich, dass in Südafrika HIV-postive alte Säcke mit Jungfrauen schlafen, in dem Glauben, sie würden geheilt?

                Was subsumierst du unter Natur?

                • Es ging hier um die Frage, was WIR tun können und sollten, weil WIR einen Teil der Verantwortung tragen.

                  Fühlst du dich verantwortlich dafür, dass in Afrika alte Säcke mit Jungfrauen schlafen?
                  Und hast du in irgend einer Form einen Einfluss darauf?

                  Nestle kannst du boykottieren. Alte Säcke nicht.

                  LG

                  • Ich halte die Aufklärung rund um das Thema Aids und Seuchen durchaus für eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, wen auch immer man darunter verstehen mag.

                    Ich persönlich als Einzelperson habe keinen Einfluss auf diese Tatsache, aber ich persönlich habe auch keine Möglichkeit Menschen aus dem Mittelmeer zu fischen..

                    Trotzdem kann ich das Thema als wichtig erachten, oder?

                    Und darauf kam es mir in der Diskussion mit dem User auch gar nicht an. Sondern auf die Kausalitäten, die er zieht.

                    VG

                    Kate

                    Ich persönlich fühle mich auch nicht dafür verantwortlich, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken..

                    Was ist denn das für eine Argumentation?

                "Ich diskutiere nicht über ein Zuviel, ich habe in keiner Weise die Befürchtung, dass Flüchtlinge, insbesondere Menschen in Seenot, um die es in diesem Thread geht, unser "soziales Bot" zum Kentern bringen könnten. "

                Ich habe nicht geschrieben, dass DU darüber diskutierst sondern generell darüber HIER diskutiert wird. Auch im Ausgangspost schwingt dieser Tenor mit.

                "Ich habe mich bei dir aber auf deine eindimensionale Kausalität bezogen.. Eindimensionaltät in Verbindung mit Patentlösungen, welche dein "solange..." impliziert, stimmen mich immer sehr skeptisch.."

                Das sei Dir unbenommen. Aber wenn Du nach den Ursachen forschst, wird Dir immer wieder das Gefälle von Arm und Reich und dessen Auswirkungen über den Weg laufen. Und dieses Gefälle ist nicht naturgegeben, es ist gewollt und erfüllt seinen Zweck.

                Die Hauptgründe von Armut sind immer noch: Fehlender Zugang zu monetären Quellen, Verschuldung, Mangel an (Aus)bildung, Hunger und Unterernährung, Krankheiten. hohe Kindersterblichkeit und geringe Lebenserwartung und natürlich Kriege und bewaffnete Konflikte.

                Wenn Du die o.g. Gründe nun Stück für Stück auseinander nimmst, wirst Du erkennen, wie sehr sie ineinander greifen. Mangelnde wirtschaftliche Potenz führt zu einer Mangelbildung, dies ist auch Ursache von Aberglauben und rituellen Traditionen, die wiederum Krankheiten und Seuchen befördern. Dies in Verbindung mit einem Mangel an sauberem Trinkwasser hat dann die Effekte wie wir sie unlängst in Sierra Leone und anderen westafrikanischen Staaten erleben durften. Der Clou ist dann, dass die großen Pharmakonzerne Medikamente nur für Preise zur Verfügung stellen, die für den Durchschnitts-Betroffenen unerschwinglich sind.

                "Natürlich ist die historische "Benachteiligung" (Anführungszeichen, weil das Wort mir zu schwach erscheint) durch die wirtschaftlichen Strukturen aus der Kolonialzeit unbestreitbar."

                Es geht nicht nur um die Kolonialisierung (die auf wirtschaftlichem Wege bis heute andauert), es geht z.B. im Falle von Afrika auch darum, dass auf keinen anderen Kontinent die ehemalige UdSSR und die USA dermaßen viele Stellvertreterkriege geführt haben. Kein anderer Kontient ist bis heute über Jahrhunderte hinweg Spielball geopolitischer Interessen von Fremdmächten gewesen. Subsummier' dies mal und mach' Dir die Auswirkungen deutlich.

                "Du bist auch der Auffassung, wenn ich dich richtig verstehe, dass Globalisierungsprozesse Afrika an den Rand drängen, nicht nur durch Ausbeutung, sondern, dass sogar die Chance genommen wird, dem Armutsteufelskreis zu entkommen."

                Es geht, wie gesagt, nicht nur um Globalisierung. Aber diese verstärkt die Negativ-Effekte noch einmal. Wenn in Nigeria Öl gefördert wird, geschieht dieses zum großen Teil durch ausländische Firmen, z.B. Shell. 80% der Einnahmen wandern auf deren Konten. Bei anderen Rohstoffen wie Diamanten, Kobalt etc. ist die Quote noch negativer zuungunsten der Länder, die die Bodenschätze oder Rohstoffe vorhalten.

                "Wie erklärst du dir, dass südostasiatische Schwellenländer oder auch Lateinamerika teilweise von der Globalisierung profitiert haben?"

                Einen Grund habe Dir oben genannt: Lateinamerika und Asien sind nicht Afrika. Und zweitens: Wer profitiert denn wirklich dort? Es gibt Länder, deren struktureller Wandel auch das Pro-Kopf-Einkommen, wenn auch gering, haben steigen lassen. Dennoch zählen große Teile des südostasiatischen Raums sowie der indische Subkontinent nach wie vor zur ärmsten Bevölkerungshälfte auf dem Planeten.

                "Auch da erstaunt mich deine Argumentationsweise sehr.. Entschuldige die Übertreibung, aber ist Nestle auch für die Verbreitung von Aids, Ebola etc. verantwortlich?"

                Nicht nur. Aber auch. Sauberes Trinkwasser ist DIE Grundlage zur Vermeidung großer Epidemien. Dazu schau Dir unsere eigene europäische Geschichte an und die Ursachen großer Pandemien vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Verwehre ich der Bevölkerung den Zugang zu Trinkwasser, ist das der Ausgangspunkt für Seuchen, die ein derartiges Ausmaß annehmen.

                "Für die Verbreitung von Seuchen spielen das nicht funktionierende Gesundheitssystem, Aberglaube, kulturelle Bedingungen keine Rolle?"

                Aberglauben fußt ganz wesentlich auch in einem mangelnden Zugang zu Bildung. Bildung erfordert aber eine Infrastruktur, die bezahlt werden muss. So kommt wieder eines zum anderen, wie bereits oben beschrieben.

                Naturkatastrophen, in der Ursache nicht immer mit dem Menschen in Verbindung zu bringen, tun ihr Übriges.

                Alles in allem, liebe Käthe, hilft es nichts. Schon in den 70er und 80er Jahren wurde aufgrund der Ungleichverteilung von Mitteln und Ressourcen eine neue Völkerwanderung vorausgesagt, die die arme Bevölkerung des Südens in den vergleichsweise reichen Norden treibt. Vielleicht werden wir ja Zeuge vom Beginn einer gewaltigen Wanderung. Wundern würde mich dies nicht. Zu lange und zu exzessiv lebt ein Teil der Weltbevölkerung auf Kosten des anderen Teils.

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