Wie seht ihr das? Eigeninitiative vs. Verantwortlichkeit der Politik

    • (1) 16.06.15 - 09:24
      Inaktiv

      Liebe diskussionsfreudige Urbia-Gemeinde,

      in trauter Runde geraten wir hier seit Jahren immer wieder in einem Punkt aneinander, weil hier grundsätzlich unterschiedliche Positionen vertreten werden:

      Während das eine Lager der Meinung ist, dass man angesichts vieler gesellschaftlicher Missstände Eigeninitiative zeigen muss, weil wir a) der Staat sind und b) alles andere häufig moralisch nicht anders zu vertreten ist, argumentiert das andere Lager immer, dass man durch diese Eigeninitiative a) die Politik aus der Verantwortung entlassen würde und b) größere Missstände durch Eigeninitiative eh nicht lösen könne und somit lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein wäre und großes persönliches Engagement einfach verdampfen würde.

      Beispiel 1: Flüchtlinge in Deutschland

      Position A: Man muss helfen, wo man kann und keiner in diesem Lande bricht sich eine Zacke aus der Krone, wenn man spendet oder sich gar ehrenamtlich engagiert. Und es ist zynisch, zu vergessen, dass hinter den Flüchtlingströmen Einzelschicksale stecken und es ist besser, im Zweifelsfall einer einzelnen Person zu helfen als mit dem Verweis auf die Unlösbarkeit der Situation ganz wegzuschauen.

      Position B: Durch die Aufnahme der Flüchtlinge löst man keinerlei Problem, sondern schafft neue: Die Situation in den Ländern, aus denen die Menschen fliehen, wird sich dadurch nicht bessern und wir können hier in Deutschland keine Perspektive bieten. Daher sollte man eher vor Ort in den Ländern Hilfe zur Selbsthilfe leisten: durch Unterstützung von Maßnahmen wie "state building" (Wiederherstellung eines funktionierenden Staates) etc.

      Beispiel 2: Schule

      Position A: Länder und Kommunen geben zu wenig Geld für Bildung aus. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Lehrer sind recht gut bezahlt, daher tut es ihnen nicht übermäßig weh, hier und da mal aus eigener Tasche Material zu besorgen, damit zwischendurch Highlights im Unterricht geschaffen werden können.

      Position B: Länder und Kommunen geben zu wenig Geld für Bildung aus und sind somit für die schlechte Qualität des Unterrichts verantwortlich und sollten dafür auch zur Verantwortung gezogen werden. Ein Protest der Elter und Schüler wird unwahrscheinlicher, wenn Lehrer aus eigener Tasche Dinge finanzieren, die eigentlich durch die Politik bereitgestellt werden müssten. Also ist Eigeninitative kontraproduktiv.

      Ich hoffe, es ist deutlich geworden, worauf ich hinaus will. Gibt es in dieser Frage für euch ein richtig oder falsch? Wie agiert ihr und warum??

      Ich vertrete die Position, dass Eigeninitiative richtig und wichtig ist.

      Interessierte Grüße
      Die Alltagsprinzessin

      • "Gibt es in dieser Frage für euch ein richtig oder falsch?"

        Das weiß man vorher nie. ;-)

        Bei deinen Beispielen vertrete ich Angabe B zum Thema Flüchtlinge. Beim Thema "Schule" erkenne sehe ich die Verantwortung bei Staat, die aber nur durch Proteste erreicht wird. Aber leider sind die Deutschen faul und gehen selten auf die Straße!

        Hallo,

        ich denke das muss man alles im Einzelfall sehen.

        Man kann unmöglich hergehen und sagen dass Eigeninitiative immer richtig oder immer falsch ist. Jeder Fall ist anders. Du hast ja nun nur 2 genannt und es gäbe ja etliche die man hier besprechen könnte. Ich für mich kann nicht bei allen das eine oder andere für alle Fälle sagen.

        Die Frage ist auch ob Eigeninitiative wasd nützt oder nur sinnlos Kraft kostet. Zudem, nützt es meist nichts wenn man alleine die Eigeninitiative ergreift, da braucht es dann meist einige Leute mehr.

        Dazu mal ein anderes Bsp. von mir:

        "Ich arbeite in der Pflege und die Lage dort ist mehr als bedenklich. Natürlich würde ich gerne was tun, also Eigeninitiative einbringen. Nur gerade in diesem Beruf geht das schwer. Streiken kann man bei uns vergessen. Und leider ziehen zu wenige Leute da mit an einen Strang."

        Liebe Grüße

        Andy

        Hallo,

        hab gerade nicht viel Zeit, deshalb nur eine kurze Antwort:

        Ich bin der Meinung, diese zwei Haltungen sollten sich nicht gegenseitig ausschließen. Ich kann mich ehrenamtlich im Förderverein der Schule, Kita etc. engagieren und gleichzeitig gegen die Missstände vorgehen. Ich kann Flüchtlingen hier in Deutschland helfen und trotzdem der Meinung sein, in den Ursprungsländern müsse man ansetzen.

        Das eine ist ganz konkret direkt zu handeln, das andere ist auf der nächst höheren Ebene etwas erreichen zu wollen. Das läuft in der Regel etwas langsamer ab.

        LG

      • Also, ich beziehe mich jetzt nicht auf Deine Beispiele.

        In einer Demokratie ist Eigeninitiative unerlässlich. Verantwortung nur auf andere schieben, kann ich in einer Diktatur. Auch Politiker werden von uns gewählt und auch Politik kann von uns mitgestaltet werden. Es steht jedem frei, Mitglied einer Partei zu werden.

        Nur zu meckern und zu sagen, dass Politiker ja schuld sind, ändert überhaupt nichts und ist für mich auch nicht der Sinn einer Demokratie.

        Im Prinzip sieht man das auch bei Menschen, die nicht in einer Demokratie aufgewachsen sind. Bei unseren Flüchtlingen war am Anfang Unverständnis, weil die Ehrenamtlichen eben die Meinungen hören wollten und eben auch wollten, dass sie Entscheidungen treffen. Die Flüchtlinge sagten dann: "Nein, Ihr seid der Chef, Ihr entscheidet."

        Es hat relativ lange gedauert, den Flüchtlingen näher zu bringen, was Demokratie bedeutet. Dass sie selbst eine Meinung haben sollen, dass sie sich überlegen sollen, wozu sie stehen und das sie dementsprechend dann bspw. auch ihren Sprecher wählen sollen.

        Ich empfehle Dir Literatur zum Thema "Aktivierender Staat" bzw "Aktivierung".

        LG

      • Wie das die meisten wahrscheinlich sehen, bemerkt man ja schon an der "regen Teilnahme" an der Diskussion.

        Ich kann es aber niemandem verdenken......die "Politiklust" der Deutschen dürfte auf einem absoluten Nullpunkt angekommen sein.

        Zu viele Vorschriften und Zwangsvorgaben schränken die Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen ein, und wenn ich sage, dass wohl viele einfach keinen Bock mehr auf Eigeninitiative haben, weil man eh nur "gelackt" wird, dürfte ich damit wohl richtig liegen.

        Ich würde mich bei den beiden Aussagen "B" anschließen!

        A scheint etwas idealistisch, aber weltfremd, was heißen soll, keine Ahnung wovon er spricht.

        zu 1:
        Sowohl Plan A als auch Plan B.
        Plan B muss erstmal greifen, dann kann langfristig gesehen u. U. Plan A ad acta gelegt werden.

        zu 2:
        Es wird Zeit, dass sich Eltern und Schüler in Deutschland wieder engagieren und diesen Missständen entgegentreten. Wenn kein Druck aus dem Volk kommt, dann richtet die Politik es sich gemütlich ein.

        Die Alternativen sind falsch.

        Für Menschen auf der Flucht ändert sich eine ganze Menge, wenn sie in einem Land ohne Krieg und Terror leben. Die Aufnahme von Flüchtlingen wird den Syrienkrieg nicht beenden - aber ist es so völlig egal, ob ein paar tausend Leute mehr sterben oder nicht? Außerdem brauchen wir dringend Zuwanderung. Viele Flüchtlinge haben durchaus eine Perspektive hier - zumal niemand weiß, wann eine Rückkehr nach Syrien oder Afghanistan möglich ist.

        Die Aufnahme von Flüchtlingen ist Sache des Staates, die Flüchtlinge nehmen ein Grundrecht wahr und keinen Almosen an - Flüchtlingsinitiativen können im Einzelfall die Situation dieser Menschen verbessern.

        Auch für die Schulen ist ausschließlich der Staat zuständig. Private Initiativen gibt es da nur sehr selten und sie sind auch nicht sonderlich erwünscht. Kinder aus reicheren Gegenden sollen schließlich nicht deutlich besser beschult werden als Kinder, deren Eltern ein geringeres Einkommen haben. Das klappt zumindest in Grundschulen und Gymnasien auch, Gesamtschulen sind oft - aber auch nicht immer - Brennpunktschulen.

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