Flüchtlingsthema: erinnert ihr euch an die 90er Jahre?

    • (1) 03.09.15 - 21:39

      Nach den ganzen Diskussionen hier zur Flüchltingsthematik frage ich mich, ob wir nicht eine ähnliche Situation Anfang der 90er hatten, zumindest was die Menge der Flüchtlinge angeht.

      Damals hatten wir auch noch eine Einheit finanziell zu wuppen und ich kann mich nicht an soviele Berichte von solch dramatischen Fluchten, wie wir sie heute hören erinnern.

      Möglicherweise liegt es an der veränderten Medienwelt, aber ich denke es lohnt sich einen Blick auf diese Zeit zu werfen um aus Geschichte zu lernen.

      Woran erinnert ihr euch aus dieser Zeit?

      • Hallo,
        Ich komme gebürtig aus einem ehemaligen Grenzgebiet zur DDR.

        Und ja, ich muss sehr oft daran denken. Ich war 7 Jahre alt als wir eine vierköpfige Familie aufgenommen haben. Das war ganz selbstverständlich, so ziemlich jeder der Wohnraum entbehren konnte hat das getan.wer sich quer gestellt hat wurde komisch angeschaut.
        Für mich War das ein prägendes Erlebnis, ich konnte mir nicht vorstellen wie diese Menschen ihre Heimat, Freunde, Familie und Besitz verlassen haben um dann bei fremden Leuten zu nächtigen mit nichts mehr als zwei Koffern. Man muss ja bedenken, dass am Anfang niemand wusste ob sie wieder zurückkehren könnten und ob die Grenzen offen bleiben.
        Am Anfang war es schon komisch, sie waren einfach anders aber schnell ist das Eis geschmolzen und viele haben heute noch Kontakt zu diesen Familien. Wir auch, zumindest an Weihnachten und am Tag der deutschen Einheit wird telefoniert.
        Sicher, die Situation ist eine andere, aber das sogar die simple Frage ob jemand bereit wäre Flüchtlinge bei sich aufzunehmen auf soviel Empörung stößt kann ich nicht verstehen.
        Es geht mit Sicherheit nicht darum, dass sich jemand mit einem Flüchtling in ein zwei Zimmer quetschen soll. Aber es gibt genügend Menschen die die Möglichkeit hätten Asylbewerber aufzunehmen und zu unterstützen und das ohne sich sonderlich einschränken zu müssen. Ich kenne aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern viele Ehepaare die nach dem Auszug ihrer Kinder alleine in riesigen Immobilien wohnen, aber es ist schier unvorstellbar diese oder zumindest die zweit oder Drittwohnung zur Verfügung zu stellen. Auch meine Eltern wollen das nicht, und ja, ich muss zugeben ich will das auch nicht. Einfach weil mein Mann viel arbeitet und ich mit drei Kindern plus Flüchtlingen um die sich auch gekümmert werden muss wahrscheinlich überfordert wäre. Dafür spenden wir einiges für die Flüchtlingshilfe.
        Ich finde ab einem bestimmten Einkommen sollte es zwingend sein, dass ein gewisser Beitrag zur Flüchtlings Hilfe beigetragen werden muss. Entweder durch die Bereitstellung von Wohnraum oder durch Spenden.

        • Hallo,

          normalerweise äußere ich mich hier nicht, da ich nicht ganz so schreibgewandt bin.

          Wir haben in unserem Haus eine kleine 2-Zimmerwohnung mit Bad und Küche. Die könnte man theoretisch nutzen. Aber es sind Zweifel da. Wir sind den ganzen Tag arbeiten. Sie wären also ganztätig allein. Wir leben in einem kleinen Dorf ohne Einkaufsmöglichkeiten (ca. 2 km entfernt gibt es das allerdings).

          Wer kümmert sich um die Versorgung (Ärzte, Behördengänge usw.) Müsste ich sie dann überall hin begleiten oder wie sollte das laufen (auch hinsichtlich der Sprachbarrieren). Wenn jemand der Meinung ist, dann vielleicht mein Haus beschmieren oder beschädigen zu müssen, wer kommt dann für den Schaden auf. Was passiert, wenn einfach menschlich die Chemie nicht stimmt?, Was passiert wenn ich das Pech habe und sie sich nicht entsprechend benehmen (ist sicher die Ausnahme), wer bestimmt den Zeitraum, was passiert wenn ich es mir nach einiger Zeit anders überlege. usw. usw. . Ich lebe übrigens in Sachsen.

          Das sind sicher Fragen die sich manch anderer auch stellt.

          Schöne Grüße

          • Diese Fragen können beantwortet werden.
            Geh zur Stadtverwaltung, frag nach.

            Es gibt auch bei Facebook viele Organisationen, die Flüchtlinge in Privatunterkünfte unterbringen.

            Google einfach mal.

            Vielleicht werden dir dann Ängste genommen bzw kannst du einen Entschluss fassen, was wirklich angemessene Hilfe sein könnte.

            L G

            White

          • Einliegerwohnungen sind sehr begehrt. Frag am besten bei der Stadt oder auch bei der Caritas/Diakonie nach.

            Das sind dann in jedem Fall ganz normale Mieter, für die Miete gezahlt wird. Du bist nicht verpflichtet sie bei Behördengängen, beim Einkaufen und Ähnlichem zu betreuen. Es ist nett, wenn du hilfst - aber es ist nicht deine Pflicht.

            Du kannst Flüchtlinge wie alle anderen Mieter auch kündigen, wenn es einen Kündigungsgrund gibt. Wenn die Kommune die Wohnung mietet - was der Regelfall ist - kannst du zuvor auch mit den Leuten dort reden. Das ist sogar ein Vorteil gegenüber einem fremden Mieter.

            Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sind entsetzlich. Aber das heißt noch lange nicht, dass ein privates Haus, in dem unter anderem eine Flüchtlingsfamilie lebt ernsthaft bedroht wäre. Für einen solchen Schaden kommt theoretisch der Täter auf - falls man ihn findet und falls er zahlungsfähig ist. Wenn du in eine NPD-Region lebst ist das tatsächlich zu bedenken, woanders hoffentlich nicht.

      >>Woran erinnert ihr euch aus dieser Zeit? <<

      Hallo,

      ...vorallem daran, daß wir die 100 Euro Begrüßungsgeld dankend angenommen und in "Westware" umgewandelt haben ;-)
      Aber gleich kommen sicher wieder viele Antworten, daß die "Wessis" die "Ossis" ja garnicht wollten #augen

      LG

      • <<<Aber gleich kommen sicher wieder viele Antworten, daß die "Wessis" die "Ossis" ja garnicht wollten #augen>>>

        Genau.....geht nach Hause....zieht die Mauer wieder hoch......blablablubb..... SCHERZ.....ihr bleibt gefälligst hier....sonst müssen wir die Suppe ja GANZ alleine auslöffeln wenn die östlichen Migrantionsgebiete wieder weg fallen ! #rofl

        So.....ernsthaft: Menschen mögen keine Veränderungen.....Menschen haben Angst vor Gegebenheiten, die aus dem Rahmen fallen, und Menschen lassen sich leider nur allzu leicht beeinflussen.

        Wären z,B. die Medien ehrlicher, und würden nicht alles immer nur von einer Seite beleuchten, und würden auch die Sensationsgier ein wenig mehr hinten an stellen, wäre das Ganze erst gar nicht so dermaßen ausgeartet.

        "Kind von Boris Becker von Betrunkenen angefahren...nur leicht verletzt..." bringt es auf die Titelseite und alle TV Nachrichten......wenn 1.000 Afrikaner von einer Terrormiliz erschossen werden, die ihre Waffen von Deutschen Waffenfabrikanten beziehen....das kommt nicht mal in die Zeitung.

        Dazu kommt eine momentane allgemeine Unzufriedenheit der Deutschen, sowie ein Desinteresse an der Weltpolitik incl. den Zusammenhängen (!!), wie ich es in meinem Leben noch nie erlebt habe.

        Zurück zum Thema: >>Woran erinnert ihr euch aus dieser Zeit? <<

        An Menschen die sich vor Freude weinend in den Armen gelegen haben.....an unglaublich emotionale Bilder und Berichte.....an das Gefühl...."wir sind wieder WIR"....das erste Mal das Gefühl, stolz auf sein Land zu sein......weil man diesen Moment nicht nur aus Büchern kennt.....sondern DABEI war.

        Natürlich gab es auch negative Stimmen....aber sind wir man ehrlich: Die gibt es IMMER und egal um was es geht.

    Ich habe gerade den Verdacht, dass diese Diskussion ist eine ganz falsche Richtung läuft.

    Ich rede nicht von 1989, DDR Flüchtlingen, die über Ungarn in den Westen gelangten, und Begrüßungsgeld. Das waren keine 100000 nde.
    Sondern von der Situation Anfang der 90er Jahre, mit den Flüchtlingen aus Afrika und Jugoslawien.

    Kann sich da echt niemand dran erinnern?

    Lichterketten, bewachte Asylbewerberheime. Hoyerswerda, solingen usw.

(12) 04.09.15 - 11:01

Hallo, mir geht auch gerade öfter diese Zeit durch den Kopf. Jugoslawien, die Wende, die brennenden Häuser in Rostock, mein kroatischer Klassenkamerad der Hals über Kopf versucht hat seine Oma zu holen (wir haben nie wieder etwas von ihm gehört/ es hat sich auch niemand getraut bei der Familie nachzuhaken). Mich würden auch Vergleichszahlen interessieren, bin bisher zu faul zum suchen. Auch ich kann mich nicht an solche Bilder/Berichte wie heute erinnern, mag wohl wirklich an modernen Medien liegen. Sehr wohl kann ich mich aber an die Ablehnung und den aufschwellenden Hass in Deutschland erinnern.

Tja, was soll ich sagen...es war nach Adolf so, es war in den 90ern so, es ist ständig irgendwo auf dieser Welt so und es ist auch heute so. Ich denke die Menschheit lernt einfach nicht dazu und es werden sich solche Situationen immer wiederholen.

Daran erinnere ich mich sogar sehr gut. Habe damals meinen Mann (aus Ex-Jugoslawien) kennengelernt. Ebenso erinnere ich mich an die Ablehnung und die Vorurteile, die uns damals von Umfeld und Behörden entgegen geschlagen sind. Ich erinnere mich daran, dass er Angst hatte, sich in größeren Menschengruppen zu bewegen, und so ganz, ganz langsam die Befürchtung in ihm aufkeimt, wieder Ziel von Hass und Hohn zu werden. Dabei tut er seit 25 Jahren nichts anderes, als sich zu integrieren (bayrischer Bierbauch inbegriffen) und es immer allen recht zu machen. Noch nie habe ich ihn über hohe Spritpreise, Stromkosten, Steuern oder sonstwas meckern hören. Wenn ich mich mal hinreißen lasse, höre ich immer nur: "Wir müssen dankbar sein, dass wir und unsere Kinder in so eine Land leben dürfen."

Ich sehe die aktuelle Situation mit ziemlicher Sorge, aber ehrlich, machen wir uns nichts vor. In Deutschland gibt es Fremdenfeindlichkeit und das nicht erst seit gestern. Das Schlimme ist, dass diese Gruppen vermehrt Zulauf finden. Bleibt zu hoffen, dass es auch ausreichend Menschen gibt, die sich hinstellen und sagen: So nicht! Das ist nicht Sache der Politik, da ist jeder Einzelne von uns gefragt.

Hallo

ich erinnere mich besonders an diese Schlagzeile :

http://www.cord-pagenstecher.de/pagenstecher-2008c-boot-ist-voll.htm

Dramatische Fluchtgeschichten gab es selten, Berichte über Folterungen politisch Verfolgter noch seltener.

Ich habe in dieser Zeit in diesem Bereich gearbeitet.Meine Erinnerungen möchte ich hier nicht teilen.
Zelte haben wir jedenfalls nicht aufgestellt.Es wurde darauf geachtet eher kleinere Unterkünfte, verteilt übers ganze Stadtgebiet, zu belegen.Für mich war das eine sehr lehrreiche, aufregende Zeit. Und....... es ist noch immer gut gegangen.:-)
Die Zahlen habe ich nicht mehr im Kopf.

L.G.

  • Es gab zahlreiche Berichte über entsetzliche Kriegsverbrechen in dem Kriegen des zerfallenden Jugoslawien. Dazu kamen aber auch Flüchtlingswellen aus Afrika und aus Sri Lanka, wo die Tamilen verfolgt wurden.

    Die damals wirklich noch sehr neuen Länder haben und beredt daran erinnert, dass er hierzulande auch eine Tradition des Pogrom gibt und dass etliche Leute durchaus daran anknüpfen wollten. Der Rest der Nation hat sich auch damals schon intensiv fremdgeschämt.

    Einwanderungswellen von mehr oder weniger deutschsprachigen Minderheiten aus Osteuropa und von Juden aus der Sowjetunion erschwerten die Situation weiter.

    Dennoch klappte die Versorgung der Flüchtlinge klappte eigentlich recht gut. Man hat jede Menge Hotels angemietet und für die Familien auch Sozialwohnungen gebaut.

    Trotz der momentan manchmal erschreckenden Bilder habe ich Hoffnung, dass auch die Flüchtlinge von heute gut integriert sind. Neben ein paar Idioten, die sich freuen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und der NPD, die wieder eine Pogromstimmung erzeugt, gibt es auch zahlreiche sehr hilfsbereite Bürger.

    Einer dieser Flüchtlingswellen verdanken wir übrigens Saša Staniši?, einen der besten deutschsprachigen Schriftsteller.

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