die Syrer

Eine Userin, die selbst ein Jahr in Syrien gelebt hat, erzählt hier von ihren Beobachtungen im Land und von der freundlichen Aufnahme, die sie dort fand.
Ein Tipp vom urbia Team

    • (1) 22.09.15 - 12:15

      Guten Abend,

      ich habe sehr interessiert die Beiträge zur Flüchtlingspolitik verfolgt und mich entschlossen diesen Beitrag zu schreiben, weil ich den Eindruck habe, dass sehr viel Menschen Angst vor den Flüchtlingen haben, ohne ihre Kultur und ihre Gesellschaft zu kennen. Ich bin hier über viele Vorurteile gestolpert, aber auch über berechtigte Bedenken zum Thema Integration. In diesem Beitrag geht es um die größte Flüchtlingsgruppe - die Syrer.

      Ich habe in 2008/2009, also vor dem Bürgerkrieg, ein Jahr in Damaskus gelebt und studiert. In dieser Zeit habe ich die Menschen, die syrische Gesellschaft, die Kultur und Sitten kennengelernt. Das sind selbstverständlich ganz subjektive Eindrücke, die keine allgemeine Gültigkeit haben. Dennoch ist es mir ein Herzenswunsch mit einigen Vorurteilen aufzuräumen und gleichzeitig die tatsächlichen Stolpersteine auf dem Weg zur Integration aufzuzeigen.

      Zunächst etwas zur Bildung in Syrien: In Syrien besteht für Jungen und Mädchen im Alter von 6 bis 15 Jahren eine allgemeine Schulpflicht. Syrische Schüler lernen verpflichtend die beiden Fremdsprachen Englisch (ab Klasse 1) und Französisch (ab Klasse 7). Es gibt vier staatliche Universitäten und seit 2001 auch eine Vielzahl privater Hochschulen, die zum Teil mit deutschen und anderen europäischen sowie US-amerikanischen Universitäten Kooperationsabkommen geschlossen haben. Knapp 50 % der Studierenden sind Frauen.

      Natürlich darf man nicht vergessen, dass dort seit vier Jahren ein Bürgerkrieg tobt und ein regulärer

      Die meisten Frauen in Syrien waren berufstätig. Die wirtschaftliche Situation ließ ihnen keine andre Wahl. Der Durchschnittssyrer allein konnte keine Familie ernähren.

      Da Syrien trotz aller religiöser Vielfalt ein muslimisches Land war, sieht man eine Mehrheit der Frauen mit Kopftuch. Diese Kopftücher sind oftmals aber kleine Kunstwerke für sich: In den verschiedensten Farben, gestrickt, bestickt, mit Paietten, Perlen oder Fransen, kunstvoll in mehreren Lagen um den Kopf geschlungen und darunter schaut nicht selten ein paar sehr hübsch geschminkte dunkle Augen hervor. Es ist mir aufgefallen, dass die syrische Frau im Allgemeinen viel Wert auf ihr Äußeres legt. Die christlichen und die alawitischen Frauen (die Alewiten sind eine sehr liberale muslimische Sekte) bewegen sich unbehelligt ohne Kopfbedeckung und ab und an auch mal mit kurzem Rock oder gewagterem Dekolleté durch die Straßen.
      An sich ist in Syrien Respekt vor Frauen geboten: Steigt eine Frau (egal ob alt oder jung) in den Bus ein, so räumen ihr die Männer einen Sitzplatz. Auf längeren Busreisen wird darauf geachtet, dass Frauen niemals neben fremden Männern sitzen müssen. Haushalt und Kindererziehung ist ausschließlich Frauensache. Männer beteiligen sich nicht, haben aber auch kaum Mitspracherecht. In Syrischen Hauhalten hat die Frau das Sagen. Nicht selten hat die Mutter das letzte Wort, wenn es um die Brautwahl geht. Die Familie hat eine sehr große Bedeutung. Ohne Familie ist man in Syrien ein Niemand. Wenn man es sich mit der Familie verscherzt, ist das quasi der soziale Todesstoß.

      Gastfreundschaft und Großzügigkeit wird in Syrien großgeschrieben. So etwas, wie einen ungebetenen Gast gibt es nicht. Eine Einladung oder Verabredung ist nicht nötig. Man schaut einfach vorbei. So passiert es, dass ständig Verwandte, Freunde oder Nachbarn vorbei kommen und bekommen natürlich eine Tasse Tee angeboten und bleiben gerne 1 – 2 Stunden, während man sich über Gott und die Welt (und besonders den neuesten Klatsch) unterhält.

      Die Begegnungen vieler Kulturen auf syrischem Boden haben die Gesellschaft geprägt: Zwar sind 90 % der Syrer Muslime, aber neben der Mehrheit der Sunniten zählen dazu Schiiten, Ismailiten, Alawiten und Drusen. Dabei handelt es sich um muslimische Gruppen, die sich nicht immer miteinander verstehen, ja einander häufig absprechen, überhaupt Muslime zu sein. 10 % der Syrer sind Christen. Die größte ethnische Minderheit stellen die Kurden dar, die rund 7 % der Bevölkerung ausmachen (nach kurdischen Angaben 12 %). So konnte ich selbst in Damaskus mit Armeniern, Kurden, Irakern, Palästinensern, Christen, Muslimen und Alawiten Bekanntschaft machen.
      Da sieht man die christlichen Mädchen mit offenen Haaren, Ausschnitt und knielangen Röcken durch Bab Tuma flanieren. Und in andern Vierteln findet man sich in einem Meer von Kopftüchern und knöchellangen Mänteln wieder. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass es wirklich einen Konflikt gibt. Dennoch blieben diese Gruppen gern unter sich und begegneten sich im Alltag zwar freundlich und respektvoll, aber ein richtiges Miteinander gab es nicht. Es gab separate Clubs, Sport-und Freizeiteinrichtungen und Schwimmbäder für Muslime und Christen. Das war natürlich nicht offiziell. Es gab schon damals fanatische Islamisten in Syrien. Allen voran die Muslim-Bruderschaft. Die wurde aber von der Assad-Regierung gnadenlos bekämpft. Die Mehrheit der Syrer, vor allem die jungen Leute, sehnte sich aber nach der Freiheit und den Chancen des Westens. Besonders nach der Einführung des Internets brodelte es.

      Ich kam nach Syrien mit der Überzeugung, dass sich jedes Land auf der Skala zwischen autoritärem Terrorregime und Demokratie irgendwo auf dem Weg „gen Westen“ befindet. Aus westlicher Perspektive scheint uns oft jedes undemokratische Land aus völlig unbegreiflichen Gründen in der Steinzeit stecken geblieben zu sein. Dass aber Syrien, ebenso wie andere Länder des Nahen Ostens, völlig andere Voraussetzungen mitbringt, macht der durchschnittliche Westler sich oft nicht bewusst.

      In Syriens kollektivem Gedächtnis sind keine demokratischen Erfahrungen gespeichert. Das Land war Jahrtausende lang Spielball der Großmächte. Dort hat die autoritäre Regierung unter Führung des ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad es geschafft, ein empfindliches Gleichgewicht zwischen diesen auseinanderstrebenden Ethnien und Religionen herzustellen. Den Preis, den die Syrer dafür zahlten war der Preis der Freiheit.
      Verglichen mit anderen arabischen Staaten, spielte die Religion in Syrien eine weniger große Rolle. Der Hauptgrund dafür ist, dass Syriens Verfassung säkular ausgelegt ist und der Präsident deswegen keine religiöse Rolle einnimmt. Religionsfreiheit und Toleranz gegenüber andern Ethnien war staatlich verordnet. Nicht umsonst zählen die Christen und Alawiten in Syrien zu den stärksten Unterstützern des autoritären Regimes. Die damals geschützte Situation der syrischen Christen suchte in der arabischen Welt Ihresgleichen.

      Damals hätte ich nie gedacht, dass nur zwei Jahre später ein Bürgerkrieg ausbrechen würde. Ich hätte mir für Syrien eine andere, friedliche Lösung gewünscht und es tut mir für diese Menschen unend leid, denn ich, als Frau und Europäerin, wurde dort herzlich aufgenommen. Ich habe so viele liebe und interessante Menschen kennengelernt und so viel Hilfsbereitschaft erfahren. Zu keinem Zeitpunkt fühlte ich mich unerwünscht oder gar bedroht.

      • Selber ein "Kenner" der arabischen Halbinsel pflichte ich Deinen gut geschriebenen Artikel bei.
        Ausnahmen bestätigen die Regel.

        Mit der Aufnahme syrischer Flüchtlinge bekommt die BRD eine Menge sehr gut ausgebildeter Hochschulabsolventen und ebensolches Fachpersonal in techn. Berufen

        Das sollte als Chance genutzt werden.

        Dadurch, das sie zum erlernen von Fremdsprachen schon immer Talent gezeigt haben, wird es ihnen auch nicht schwerfallen die deutsche Sprache zu erlernen und dann sind sie Fit für den Berufseinstieg.

        Das sich der Spreu vom Weizen trennen wird liegt an der Menge der Emigranten.
        Nicht jeder hat promoviert.

        Wenn diese Region sich doch einmal befriedigt hat, werden einige wieder zurückkehren um wieder ihre Heimat aufzubauen. Das ist gut so.

        Bis es mal soweit ist, sollten sie in Westeuropa ihre Chance, die auch unsere ist bekommen.

        mfg. acentejo

        • Du hast recht. Es sind nicht nur Hochschulabsolventen unter ihnen. Die Meisten sind aber gut ausgebildet. Sorgen macht mir die Jugend. Die Zwölf- bis Sechzehnjährigen, die vor drei oder vier Jahren das letzte Mal regulär eine Schule besucht haben. Diese Defizite auszugleichen, wird nicht einfach sein.

          Das die Syrer ein Talent für Fremdsprachen haben, kann ich bestätigen. Während ich noch ernsthafte Schwierigkeiten hatte das Arabische auch nur annähernd zu Verstehen, konnte mein kurdischer Tandempartner schon richtig gut deutsch sprechen.#schwitz

          • Mindestens eine komplette Generation ist verloren gegangen. Bis jetzt.

            Obwohl ich vier Sprachen + meiner Muttersprache spreche...

            An arabisch habe ich keinen Zugang.

            Ebenso blumig wie kompliziert.

            FG acentejo

      Hallo!

      Es ist schön, welche Erfahrungen du in einem fremden Land gesammelt hast und diese Dinge möchte dir sicher auch keiner absprechen aber es geht hier bei der ganzen Diskussionen nicht darum, dass ein Volk beurteilt wird. Vielmehr geht es darum, wie die Politik mit dem Thema umgeht.
      Die Menschen haben Angst, weil sie uninformiert bleiben, es werden einfach Dinge entschieden ohne die Menschen in diesem Land zu fragen, Wut wird laut, ganz klar wenn man im Unklaren gelassen wird.

      Es steht sicher außer Frage, dass in vielen Ländern dieser Erde freundliche Menschen leben, die gastfreundlich sind und gut gebildet sind aber wir als Deutschland bzw. auch EU sind nun mal nicht dafür da sämtliche Flüchtlinge einzuquartieren, gute Bildung, Benehmen, Aussehen hin- oder her.
      Wie soll es denn bitteschön weitergehen, es kommen immer mehr Menschen die teilweise aus völlig nachvollziehbaren Gründen auf der Flucht sind ABER man muss vor Ort was tun um das Grundproblem zu lösen.
      Wie soll es denn in 5 Jahren aussehen? Da ist dann Syrien quasi leer mal übertrieben betrachtet. Außerdem geht es noch vielen anderen Ländern nicht gut, kommen die dann auch alle her? Wie soll das hier funktionieren mit grundlegend anderen Kulturen und Glauben? Natürlich können wir uns irgendwie annähern aber wollen sich diese anderen Kulturen anpassen? ... da habe ich so meine Zweifel!

      Ganz ehrlich ich bin nach wie vor der Meinung es muss ein Lösung gefunden werden, die aber nicht sein kann, alle aufzunehmen.

      Und dass das ganze Konstrukt der EU nicht funktioniert ist ja offensichtlich. Da streitet man sich über Umverteilung, denkt sogar über Strafgebühren nach usw. statt endlich mal anzupacken. Wie viele "Rentner" sitzen denn in den ganzen Parteien, Verbänden und weiß der Höcker was. Die scheffeln jeden Monat ihr Gehalt und im Grunde geht es denen doch am A.... vorbei. Die bauen nicht ihre Villen um um Flüchtlinge aufzunehmen, die verzichten auch nicht freiwillig auf einen Teil ihrer Gehälter um Maßnahmen umzusetzen im Gegenteil überall wird gespart, da wird erhöht. Da sind wir einzelnen Menschlein doch kleine Lichter ;-). Da kann man manchmal in die Versuchung kommen nicht gerade positiv dem Ganzen gegenüber zu stehen.

      Gruß

      • Du hast völlig recht.

        [***vom urbia-Team entfernt, da ist der Bogen überspannt worden, Vorsicht, das geht nach hinten los]

        Ich unterstelle Dir das Du Dich in Deinem Beitrag sehr zurückgehalten hast.

        Wenn Du so könntest (hier im Forum) wie Du wolltest, Deine Antwort wäre deutlich in der Wortwahl anders ausgefallen.

        • Ich habe mich genauso ausgedrückt wie ich die Lage momentan sehe. Ich stehe dazu und auch dazu was ich bisher so geschrieben habe. Es geht so nicht weiter PUNKT!, dazu stehe ich nach wie vor.

          <<Unter PEDIGAANHÄNGER, und AfD-Wählern. Und die Befragung am allerbesten ausschließlich in Sachsen. Damit am Ergebnis erst gar keine Zweifel aufkommen.>>

          --> Da könnte man unter Umständen auf die Idee kommen, dass du auch nicht gerade vorurteilslos an Dinge herangehst. Man könnte auch meinen du beleidigst mal wahllos Sachsen aber gut...das sagt Einiges

          • Ja, da könntest Du wohl sogar recht haben.

            Schau Dir doch mal das tumbe Volk, welches auf den Straßen den puren Fremdenhass proklamiert, welche Wortwahl gegen die Kanzlerin verwendet wurde.

            Man muss die Fr. Merkel nicht mögen, aber sie
            lauthals als "Fotze" zu benennen ist schon ein starkes Stück.

            In einer "Volksbefragung", besonders in Sachsen glaube ich dass die Mehrzahl der sächsischen Stimmen gegen Ausländer und im besonderen gegen Flüchtlinge votieren würde.

            Und nein. Ich glaube auch nicht das die komplette sächsische Bevölkerung antiasyl

            eingestellt ist. Das wäre ja noch schlimmer.

            Aber ein eindeutiges Abstimmungsergebnis wäre zu erwarten.

            • ... Aber ein eindeutiges Abstimmungsergebnis wäre zu erwarten. ...

              Das glaube ich nicht, oder wenn, dann in die Richtung Proasyl.

              Bei den Legida-Demos sind im Durchschnitt 500 Leute, und das in einer Stadt mit ca. 500.000 Einwohnern.

              Das zeigt doch eher, wieviele NICHT dem, gern in den Medien gezeigten, sächsischen Antiasyl-und Deutschtum hinterher rennen. Freital hat da sicher ein Problem, aber Freital ist nicht ganz Sachsen und selbst in den Medien, werden nur die Rumschreier gezeigt und nicht die, die helfen oder eben dem derzeitigen Asylantenstrom stumm und neutral gegenüber stehen.

              ich wohne in einer sächsichen Kleinstadt und hier sind noch gar keine Fremdenhasstiraden aufgekommen, trotz eines schon lange bestehenden Asylheimes.

              Ich könnt Kot...., wenn ich immer nur "Sachsen ist braun", "Sachsen ist fremdenfeindlich" höre, es ist nämlich nicht so.

              Ich habe manchmal den Eindruck, man hat sich so ein bisschen auf Sachsen eingeschossen, ist ein Ossi-Bundesland, Sprache ist eher "liederlich" / unsympathisch -- können nur Dumpfbacken dort wohnen...#klatsch:-[

              • (10) 23.09.15 - 14:17

                Gäbe es wirklich eine Volksabstimmung, (zum Glück ist die im GG nicht vorgesehen)

                wäre diese in geheimer Wahl.

                Sprich anonym. Ich glaube fest daran: es würde eine Überraschung geben.

                Auch für Dich gilt: richtiges lesen erhöht die Bereitschaft auch zu verstehen.

                Klar habe ich zum Ausdruck gebracht das nicht alle Menschen in Sachsen negativ gegen Flüchtlinge eingestellt sind.

                Aber die TV-Bilder der s.g. "Protestierer", die waren von nun mal von roher Gewalt gegen die Polizei gekennzeichnet. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
                Und Freital liegt nun mal in Sachsen.

                Kannst Du Dich, oder Deine Eltern noch an den 9. Nov. 89 erinnern?
                Das war Willkommenskultur!!! Ist alles schon vergessen?
                Ich meine jetzt wirklich nicht nur Sachsen. Sondern im Allgemeinen.

                Es ist doch erst 25 Jahre her.

                Und gemeinsam wurde ein Vereinigung geschafft.

                Warum sollte es nicht in der Flüchtlingsfrage auch gemeinsam geschafft werden?

                Es müssen eben ALLE mitspielen. Besonders die EU.

                FG nach Sachsen, wo die hübschen Mädels auf den Bäumen wachsen...

                Man zeigt lieber die dummen Sachsen als die Berg-Bayern, die im Grunde den selben Müll von sich geben. Aber das sind Wessis... Die dürfen ja nicht in den Dreck gezogen werden.

                Und wenn dann doch über sie berichtet wird, sagt man - ja die Bayern sind doch ihr eigenes Völkchen, die leben auf ihrer Alm, die sind halt so...

                Wenn ich so daran denke, wie viele Idioten es in Brandenburg gibt.... Aber die Typen dort sind wahrscheinlich mit der Verteilung von Crystal, Huren und sonstigem Illegalen beschäftigt.

          Mann mann mann, wie man schreibt ist es falsch.
          So langsam ist das echt etwas unverschämt, was einem immer wieder unterstellt wird und solche Bemekungen sollte man sich einfach mal schenken .

          Kein Haar besser, sag ich da nur. (also nicht du, sondern acejento)

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