Warum brennt uns das eigentlich so auf der Seele

    • (1) 04.10.15 - 13:01

      Langsam frage ich mich, warum uns die Flüchtlingsfrage eigentlich so auf der Seele brennt.

      Wir wissen jetzt von Missständen, von denen wir noch nie gehört haben. Da soll eine Schule Fünftklässlern erlauben in der Pause über drei stark befahrene Straßen zum einkaufen zu gehen, da soll ein Marktleiter kommentarlos hinnehmen, dass seine Kunden angepöbelt werden und da will eine Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft Menschen "verrotten" lassen.

      Ob jemand hier wirklich Kontakte mit Flüchtlingen hatte, die über Kontakte in der Nachbarschaft oder beim Einkaufen hinausgehen sei dahingestellt.

      Ein dummdreister Ton ist im Internet nicht selten - aber diese threads unterbieten so einiges, was zu diesem Thema schon zu lesen war.

      Warum macht uns das eigentlich so viel Angst? Ist es, weil die Konflikte, die zur Flucht führen kaum beeinflusst werden können? Ist es eine allgemeine Angst vor allem Fremden oder vor einer anderen Religion?

      Was meint ihr?

      • Ich mutmaße nur: Weil es bald knallt/es so nicht weitergehen kann/irgendwann mal Schluss sein muss/nicht alle kommen können/wir überfordert sind. Zumindest sind das die Dinge, die ich hier immer lese.
        Ich finde auch, dass wir vieles diskutieren müssen: Wie kriegen wir die Leute in Betreuung, Ausbildung, Arbeit? Wie kann das funktionieren, wenn viele Ungebildete kommen? Wie stellen wir sicher, dass die Gleichheit von Mann und Frau und die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten weiterhin ohne Wenn und Aber gilt? Ich sehe da bei Weitem nicht alles rosarot, auch wenn das Menschen, die das Asylrecht für eine gute Sache halten und es nicht beschneiden wollen, ja gern gebetsmühlenartig unterstellt wird.

        Aber solange hier noch immer Halbwissen, Lügen und Vorurteile verbreitet werden, die sich sämtlich unter "Die sind fremd, die wollen wir hier nicht haben" und "Oh Gott, jetzt kommt die ganze Welt zu uns" subsumieren lassen, können wir die wirklich wichtigen Fragen gar nicht angehen.

        • (3) 04.10.15 - 13:08

          Achso: vergessen. Mich treibt das vor allem deshalb so um, weil ich glaube, dass der Umgang mit dieser Krise etwas darüber aussagt, was für ein Land wir in Zukunft sein wollen.

          • Das denke ich auch.

            Ich bin froh darüber in einem Land zu leben, das niemanden zur Flucht zwingt und vielmehr andere schützen kann.

            Natürlich sind da auch Probleme zu erwarten - aber eben auch Chancen.

    Weil es direkt vor unseren Haustüren passiert - und viele Menschen befürchten, dass die Folgen der Flüchtlingspolitik nun in alle ihre Lebensbereichen eindringt und dort für Veränderungen sorgt.

    LG
    Nele

    • Sind das wirklich Folgen der Flüchtlingspolitik?

      Ich meine eher, es seien Folgen der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und in Afghanistan. Diese Menschen sind aber ohnehin durch die Genfer Konvention geschützt. Daran könnte eine einzelne Regierung nichts ändern, selbst wenn sie es wollte.

      • Ja, natürlich liegen die Gründe für die ganzen Krisen in der Welt viel tiefer.

        Aber das interessiert doch den Bürger hierzulande herzlich wenig, solange den Schaden immer nur die anderen tragen.

        Hier gilt die Ersatzreligion "Wirtschaftswachstum" - die Mittel dazu sind egal.

        Jetzt aber ist der Konflikt direkt im eigenen Dorf angekommen...die Flüchtlinge laufen doch tatsächlich frei auf der Straße rum, deren Kinder werden mit den eigenen Kindern einer Klasse sitzen.

        Plötzlich ist die Politik ganz nah...der Konflikt steht vor der Haustür ... Fremde Menschen machen tatsächlich Ansprüche an unsere Gesellschaft geltend.

        Das erzeugt Panik.

        LG
        Nele

        • Ich fürchte, da hast du Recht.

          Wobei unsere Unternehmen ja dringend Azubis und Facharbeiter suchen und viele Flüchtlinge gut ausgebildet sind. http://www.spiegel.de/schulspiegel/einwohner-mit-migrationshintergrund-haben-haeufiger-abitur-als-deutsche-a-1051979.html

          • Das ist aber für Leute, die Araber bisher für ein Volk von wahlweise Schafzüchtern oder fanatischen Barbaren gehalten haben, auch erstmal gewöhnungsbedürftig...das ganze Weltbild mancher Leute wird ins Wanken geraten #schwitz Die Weißen sind doch die kultivierten und die anderen irgendwie minderbemittelt #schwitz

            Ich war diesen Sommer "nur" im Albanien. Was meinst du, was meine Landsleute mir vorher mit auf den Weg gegeben haben - ich werde auf jeden Fall ausgeraubt und den ganzen Tag belästigt. Ich werde nicht allein auf die Straße gehen können...naja, und eigentlich haben die gar keine Straßen. Die arbeiten nicht, sondern praktizieren nur Blutrache und stechen auf der Straße einen nach dem anderen ab.

            Mancher scheint wohl gedacht zu haben, ich fahre zu irgendwelchen Urwaldmenschen #rofl Und das ist quasi nebenan!

            LG
            Nele

            Das sehe ich grundsätzlich ähnlich. Ich halte es nur für falsch, mit dem Argument "Da sind so viele gute Fachkräfte dabei" zu werben, um eine grundsätzlich menschenfreundliche Haltung hervorzurufen. Es wissen ja inzwischen alle, dass da gut gebildete Menschen genauso kommen wie Analphabeten, da sollte man nichts beschönigen. Ich fühle mich jedenfalls latent verarscht, wenn die SPD erst tönt, jetzt komme die Rettung für unseren Fachkräftemangel, um dann zwei Woche später umzuschwenken und "Grenzen dicht" zu fordern. Ist ja irgendwie klar, dass man auf diese Weise all die Pegidisten zu ihrem "Ich habs ja schon immer gesagt" bringt.
            Es kommen Leute, das ist nicht unproblematisch. Das muss man lösen, das kann man lösen. Weder müssen wir uns nun alle in Willkommensräuschen in den Armen liegen, noch sollten wir Angst haben, dass nun das Abendland untergeht.

            • (12) 04.10.15 - 14:00

              Ich denke, dass das so betont wird, weil dieser Aspekt sich von der großen Einwanderungswelle in den 60ern unterscheidet...

              Für den humanitären Akt des Asyls ist ja egal, was jemand beruflich kann oder macht. Aber wenn die Leute bleiben werden, ist nicht unerheblich, ob wir Leute bekommen, die hier Lücken füllen oder "übrig" sind (auf den Arbeitsmarkt bezogen).

              Aber wo ich dir Recht gebe: Auch ich vermisse manchmal die Mitte zwischen den verklärend-halsstarrigen Positivsehern und den Weltuntergangsfetischisten.

              LG
              Nele

              • Was heißt Positivseher oder Schwarzseher?

                Die Leute kommen, weil ihnen die Genfer Konvention oder das Asylrecht die Möglichkeit dazu geben. Es ist abzusehen, dass die Kriegsflüchtlinge auf unabsehbare Zeit bleiben, weil eine Lösung dieser Konflikte nicht in Sicht ist.

                Das kann man begrüßen oder bedauern. Ändern kann man es auf keinen Fall - dazu müsste man schon die Genfer Konvention missachten und das Asylrecht aushebeln. Das will außerhalb der Pegida, AfD,, NPD-Szene niemand wirklich in die Tat umsetzen.

                Wenn sich die Zuwanderung dieser Menschen aber nicht verhindern lässt, stellt sich doch eigentlich nur noch die Frage wie damit umzugehen ist. Und dazu gehört sicherlich auch der Abbau irrealer Ängste bei den Alteingesessenen und falscher Vorstellungen bei den Zuwanderern.

                • Nein:

                  Die Genfer Konvention selbst erteilt gar keine Möglichkeit. Sie ist ein Abkommen zwischen Staaten.

                  Und nein: Man muss das Asylrecht nicht aushebeln, um gewisse Kriterien für die Prüfverfahren individuell, das heißt auf Einzelstaatsebene, anzuwenden.

                  "Das will außerhalb der Pegida, AfD,, NPD-Szene niemand wirklich in die Tat umsetzen."

                  Aushebeln nicht, aber Kritiker am derzeitigen Vorgehen finden sich in allen etablierten Parteien.

            Ich habe eher den Eindruck, dass unsere Politiker verzweifelt versuchen Wählergruppen zu binden.

            Da tönt Söder von der CSU von der Abschaffung des Asylrechts - wohlwissend, dass er das nicht abschaffen kann. Damit spricht er aus, was rechte CSU-Wähler ohnehin denken. Dann kommt Merkel und erklärt souverän, dass das gar nicht in Frage kommt - und spricht damit Wähler aus der politischen Mitte bis weit ins traditionellen SPD-Lager an. Das ist zur Zeit zu einem erheblichen Teil Polittheater mit Forderungen, von denen jeder weiß, dass sie nicht realisierbar sind.

            Unser Fachkräftemangel hat mit der Asylfrage eigentlich nichts zu tun. Asyl bekommt man, wenn dem entsprechenden Antrag stattgegeben worden ist. Es ist irrelevant, ob der Antrag von einem Akademiker oder von einem Analphabeten kommt. Zugleich brauchen wir aber außerhalb des Asylverfahrens Einwanderung nach den Bedürfnissen der Unternehmen. Wenn das zu einem beträchtlichen Teil zusammenfällt ist das eigentlich eine Erleichterung.

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