"Gesinnungsterror"

    • (1) 04.10.15 - 23:29

      Die Zeit hat vor einigen Wochen oben genannten Begriff auf der Titelseite veröffentlicht. Wohlwissend, dass das ein Begriff ist, den vor allem Rechtsextreme benutzen, hat sie ihn benutzt, um ganz bewusst eine Art politisch unkorrekte Keule zu schwingen, um für, ja, wofür? zu plädieren. Sie ist leider nicht deutlich genug geworden, was denn nun dieser Gesinnungsterror in unser heutigen Gesellschaft sein könnte.

      Dazu würden mich mal eure Gedanken interessieren.

      Ich habe mir im Zuge der Diskussionen hier im Forum und innerhalb der Gesellschaft auch meine Gedanken dazu gemacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich bestimmte Denkmuster und weltanschauliche Positionen strikt ablehne. Wann ist Political Correctness sinnvoll bzw. notwendig, wann überzieht sie eine Diskussion mit Tabus und Denkverboten? Wo ist die Grenze zwischen kritischem Bewusstsein und Überzeugung, die auf Ideologie beruht? Wann wird der Kampf gegen Einseitigkeit und Vorurteile zum Zwangskonformismus? Was ist moralisch, was moralinsauer?

      Und ganz konkret formuliert: Ich habe mich auch gefragt, woher diese große Angst vor Rechts, die starke Ablehnung rührt. Ist es alleine das Trauma, das unsere Gesellschaft nunmal hat und die strikte Ablehnung dieser menschenfeindlichen Gesinnung oder steckt noch mehr dahinter? Steckt noch ein wenig, wie Jan Fleischhauer in den Raum gestellt hat, die Angst vor dem eigenen Spiegelbild dahinter?

      Deutschland ist für mich nicht nur das Land mit Nazivergangenheit, sondern vor allem das Land, das ganz in der Tradition eines freien kritischen Denkens steht. Und die sehe ich durch einen "Gesinnungsterror" gefährdet.

      • Uff..... Wieviel Zeit habe ich für die Beantwortung?;-)

        "...Ich habe mir im Zuge der Diskussionen hier im Forum und innerhalb der Gesellschaft auch meine Gedanken dazu gemacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich bestimmte Denkmuster und weltanschauliche Positionen strikt ablehne...."
        Vermutlich gilt das für (fast) alle Menschen und ist der eigenen Erfahrung, Sozialisation und Herkunft geschuldet.

        "... Wann ist Political Correctness sinnvoll bzw. notwendig, wann überzieht sie eine Diskussion mit Tabus und Denkverboten?....."

        Ganz sicher hat das mit dem Rahmen zu tun, in dem diese Diskussion stattfindet. Im Privatem ist diese Grenzziehung bestimmt nicht so eng wie in einer öffentlichen Diskussion, da ich einerseits weiß, daß die Menschen meines näheren Umfeldes mich einschätzen können und daß andererseits keine " verbalen Waffen" aus dem Geäußerten konstruiert werden. Es kann durchaus vorkommen, daß ich Witze über den kulturellen Hintergrund meines Mannes ihm gegenüber mache, aber niemals würde ich das öffentlich tun. Man sollte schon immer darauf bedacht bedacht sein, niemanden zu verletzen. Früher hat man das als " taktvoll" bezeichnet.Der Klassiker hierbei ist der " Negerkuß". Natürlich hieß das immer so, aber bricht man sich wirklich einen Zacken aus der Krone, wenn man " Schokokuß" sagt? Ich glaube nicht.
        Aufgrund der Geschichte dieses Landes ist beispielsweise der Umgang mit behinderten Menschen ein sehr sensibles Thema. Man sagt nicht mehr " mongoloid", " schwachsinnig" oder " Kretin", weil das Beleidigungen sind und niemand würde sich wagen, öffentlich vorzurechnen, was die lebenslange Betreuung eines geistig behinderten Menschen kostet. Das kann man als Tabu oder als " Meinungsverbot" verstehen, aber man kann es auch als richtige Folge eines sehr unheilvollen Kapitels mit allen bekannten Folgen sehen.

        Ist es nicht manchmal einfach sinnvoller im Sinne eines gesellschaftlichen Friedens, etwas nicht zu tun oder zu sagen, obwohl man es darf? Natürlich DARF man Witze über Religion machen, aber wenn ich weiß, daß andere
        Menschen Mohammed nicht als Sexsklaven und den Papst nicht vollgepinkelt sehen wollen, ist es eine Überlegung wert, es sein zu lassen.

        "... Wo ist die Grenze zwischen kritischem Bewusstsein und Überzeugung, die auf Ideologie beruht? ..."
        Die gibt es nicht oder sie ist fließend. Ein Anhaltspunkt könnte die Frage sein, wie dogmatisch bestimmte Einstellungen sind.Verdächtig sind für mich scheinbar einfache, absolute Lösungen.
        Ein Evergreen in diesem Forum ist seit einiger Zeit beispielsweise der zu Unrecht erhobene Vorwurf, daß einige Leute meinten " alle Flüchtlinge sollten nach Deutschland kommen". Dies wäre ideologisch(er Wahnsinn). Die Aussage, daß es momentan keine ethische Alternative zu der Aufnahme gibt, mit dem gleichzeitigen Eingeständnis, daß es ein Mammutprojekt mit Schwierigkeiten ist, wird der Realität mit allen Facetten wohl gerechter.

        "....Wann wird der Kampf gegen Einseitigkeit und Vorurteile zum Zwangskonformismus? Was ist moralisch, was moralinsauer?...."
        Stark vereinfacht: Was du nicht willst, was man dir sagt.... Ist moralisch.
        Moralinsauer: Was ICH nicht will, was man sagt, das sagt man nicht....
        Zwangskonformismus? Den halte ich für einen rhetorischen Kampfbegriff. Das ist die etwas kultiviertere Variante der Annahme, daß " man nichts mehr sagen darf" oder vielmehr " daß, man diese und jene Position vertreten müsse, um nicht braun zu sein", wenn man keine sozialen Sanktionen erleiden wolle. Halte ich für absoluten Blödsinn, denn genau dieses" Ich sag' jetzt mal ohne Rücksicht auf Verluste, was ich will." steht momentan in gewissen Kreisen sehr hoch im Kurs. Das ist quasi der Gegenentwurf zu dem Gefühl,in der eigenen Meinung unterdrückt zu sein. Seinen Anfang nahm das Ganze aus meiner Sicht mit den" Ich hab doch nur..." oder " Das wird man doch noch sagen DürfenRednern" und beschert als skurrile Zuspitzung Lutz Bachmann viele Zuhörer. Eine Art Befreiungsschlag derjenigen, die meinten, sie hätten einen politisch zensierten Maulkorb.

        ".....Und ganz konkret formuliert: Ich habe mich auch gefragt, woher diese große Angst vor Rechts, die starke Ablehnung rührt. Ist es alleine das Trauma, das unsere Gesellschaft nunmal hat und die strikte Ablehnung dieser menschenfeindlichen Gesinnung oder steckt noch mehr dahinter? Steckt noch ein wenig, wie Jan Fleischhauer in den Raum gestellt hat, die Angst vor dem eigenen Spiegelbild dahinter?....."

        Natürlich hängt diese Angst vor Rechts auch mit dem kollektiven Geschichtsbewußtsein dieses Landes zusammen( wobei ich manchmal das Gefühl habe, daß einige Leute diesbezüglich eine komplette Amnesie haben.....), aber sie ist bestimmt auch durch persönliche Erfahrungen geprägt. Ein Teil meiner Familie hatte damals erhebliche Schwierigkeiten in Deutschland und obwohl ich Jahrzehnte nach dem Krieg geboren worden bin, sind diese Geschichten mahnend in meinem Hinterkopf. Man kann es fast als Automatismus bezeichnen, daß ich " sehr aufmerksam" reagiere, wenn die Rede davon ist, wer dieses Land verlassen sollen müßte.
        Rassismus und Diskrimierung ist ein Alltagsphänomen und wahrscheinlich etwas, das in allen Menschen angelegt ist. Es kann ganz harmlos als "positiver Rassismus" daherkommen:" Du bekommst eine Eins in Musik, weil alle Orientalen musikalisch sind." Oder aber in der bekannten negativen Form.
        Ich habe es an anderer Stelle bereits geschrieben: Angstfreiheit ist pathologisch, aber sich ohne kritische Auseinandersetzung seinen ( irrationalen) Ängsten hinzugeben, ist dumm.

        Das ganze Leben ist Veränderung- von der ersten bis zur letzten Stunde. Auch eine ( scheinbar) massive Veränderung sollte nicht zum Verlust der Differenzierungsfähigkeit führen.

        "...Deutschland ist für mich nicht nur das Land mit Nazivergangenheit, sondern vor allem das Land, das ganz in der Tradition eines freien kritischen Denkens steht. Und die sehe ich durch einen "Gesinnungsterror" gefährdet...."
        Ich nicht. Mich sorgt eher die Tatsache, daß diese Gesellschaft nicht im Mindesten so stabil zu sein scheint, wie ich dachte und hinter der einen oder anderen Ecke sehe ich ganz häßliche Fratzen hervorschauen oder um es mit Brecht zu sagen:" Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
        Und dem stelle ich mich sehr entschieden entgegen.
        Das war jetzt so knapp wie möglich und stellenweise sicher noch ergänzungsbedürftig......

        • Das unterschreibe ich.

          Komplett.

          #pro

          Nachdem ich mich nun durch die ca. 1000 Beiträge der letzen Tage gekämpft habe, freue ich mich wirklich über so einen Beitrag, den ich genau so unterschreiben möchte.

          Den Vergleich, den du anbringst (wie Begriffe sich im Laufe der Zeit verändern, wie also aus dem "krüppel" ein Mensch mit körperlicher Behinderung wurde oder warum wir nicht mit Denk- oder Sprechverboten belegt sind, nur weil wir niemanden mehr ons "Irrenhaus" bringen etc), habe ich hier schon vielfach versucht anzubringen und mich dennoch immer wieder gewundert, warum das für viele einsichtig erscheint, es gleichzeitig bei rassistischen Begriffen erheblich schwieriger wird.

          Im laufe der "flüchtlingsdebatte" ist mir dazu ein Gedanke gekommen, der mir diesen Umstand nun etwas einsichtiger macht.
          Ich glaube, wir können es dann akzeptieren, wenn wir dem Gegenüber "Mitleid" entgegenbringen, wenn wir vor unserem inneren Auge, dne "lieben, süßen Jungen mit downsyndrom" haben, wenn wir uns auf eine andere Art überlegen fühlen und aus diesem Gefühl heraus auf Begriffe verzichten können, die diskriminieren.

          Genau das höre ich heraus, wenn ich Thomas de Maiziere zuhöre
          "„Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein. Sie haben gefragt: Wo ist die Polizei, wo ist das Bundesamt, wo verteilt Ihr uns hin?“ Das habe sich seither geändert. „Jetzt gibt es schon viele Flüchtlinge, die glauben, sie können sich selbst irgendwohin zuweisen“, sagte de Maizière. „Sie gehen aus Einrichtungen raus, sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren. Sie streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gefällt, sie machen Ärger, weil ihnen das Essen nicht gefällt, sie prügeln in Asylbewerbereinrichtungen.“"

          und das höre ich auch hier im Forum raus: "Guter Flüchtling"- "Böser Flüchtling"
          Haben wir es mit dem armen, gebeutelten Kriegsflüchtling zu tun, der dankbar ist und sich sofort anpaßt, der sich klein macht, weil das dem entspricht, wie wir ihn tolerieren können, dann ist das für uns in Ordnung, dan verzichten wir auf Ausgrenzungsmechanismen.

          Steht uns aber ein Mensch gegenüber (bildlich), der Ecken und Kanten hat, der Forderungen stellt nach menschenwürdigen Lebensbedingungen, der autonom handeln kann (ein Taxi bestellen und bezahlen!), ein Smartphone besitzt (unserer statussymbole benutzt),... dann fällt er aus dme Bild des armen, unterwürfigen schutzbedüftigen heraus.
          Und dann fällt es uns erheblich schwerer.

          Ähnliches kann man auch bei der Inklusion erleben. Das arme Kind mit Behinderung wird mitleidvoll betrachtet und niemand käme, wie du sagst, darauf aufzurechnen was eine Betreuung kostet.
          Stellt dieses Kind (oder der Erwachsene) dann aber Ansprüche auf Teilhabe, sollen Kinder mit Behinderung in Regelschulklassen gehen, auch dann bricht schnell die Angst aus, daß das eigene , nichtbehinderte Kind darunter leiden könnte, dann werden auch da schnell Begründungen gesucht, um dies zu verhindern.

          das nur als ergänzender Gedanke!

          • #pro#pro#pro

            Ich denke, das du Recht hast - dennoch halte ich Inklusion für eine Utopie. Was nicht heißt, dass man sie nicht anstreben sollte.

            Aber so, wie der Mensch von seinem Wesen her tickt, gehört auch Abgrenzung dazu. In einer hochzivilisierten Gesellschaft hat man das zwar weniger nötig als damals im Neandertal. Aber dennoch ist es erstmal normal, wenn etwas, das anders ist als die Masse, auffällt und Leute auch Vorbehalte haben.

            Das soll kein Freibrief sein sich danebenzubenehmen, aber Vorurteile und Instinktverhalten halte ich, je nach Umgebung und Bildung unterschiedlich ausgeprägt, für wichtig um die Welt überhaupt irgendwie erfassen zu können.

            Wenn ich an China denke, habe ich eher Menschen mit Mandelaugen (veraltet: Schlitzaugen), Reis und Stäbchen im Blick. Nicht einen Rundäugigen im Rollstuhl - obwohl es ihn sicher dort gibt. Wir müssen Mehrheiten erfassen.

            Wir werden nicht alles super aufgeklärte, durchgegenderte und inklusive Weltbürger und vielleicht wäre das auch gar nicht gut ???

            LG, Nele

            • Aber natürlich gehört auch immer Abgrenzung dazu.
              Zugehörig fühle ich mich dann, wenn ich mich einer bestimmten Gruppe zugehörig fühle und das schließt gleichzeitig die Abgrenzung zu anderen, die nicht dieser gruppe angehören ein.

              Abgrenzung ist auch nichts negative.
              Ich bin nun mal eien Frau und damit anders als ein Mann.

              ABER: ein Problem ergibt sich dann, wenn ich eine Wertigkeit verbinde mit der Abgrenzung.
              Ich bin eine frau und damit besser als ein Mann.

              Und diese Hierarchien zeigen sich in den Begriffen, die wir Verwenden.
              Genauso wie "Krüppel" oder "Mogoloide" (eigentlich ja Mogoloide Idiotie!) implizit diese Hierarchie veranschaulichen, schwingt auch beim "Flüchtling" etwas mit, denn wir vergessen oft den Menschen dahinter
              http://www.tagesspiegel.de/berlin/newcomer-in-berlin-nennt-mich-nicht-fluechtling/12368912.html

              Ebenso mit deinem Beispiel. Ja, ich habe auch ein klares Bild eines "chinesen" vor mir und ja, mir ist (alleine aus meiner engsten Familie her) bekannt, daß Asiaten in aller Regel eine andere Augenform haben als Europäer.

              Ein Problem ist es dieser Unterschied nur dann, wenn ich ihn zum "Schlitzauge" machen- wenn dies mein Begriff für einen Menschen wird.

              Das ist endlos fortzuführen

              Mir geht es dabei nicht um Unterschiede- Unterschiede sind immer vorhanden, wenn menschen aufeinander treffen. und das ist auch gut so.
              Ein problem wird es doch aber erst, wenn ich aus den Unterschieden unterschiedliceh Rechte ableite und unterschiedliche Wertigkeiten.

              und nein: mein ziel ist nicht der Weltbürger- das wird erst dann möglich sein, wenn wir un von "den außerirdischen" abgrenzen können:)

              • Ich hatte auch nicht ernsthaft geglaubt, dass du die Unterschiede nicht merkst :-)

                Mir setzen diese Debatten nur manchmal zu spät an bzw. lassen wichtige Schritte aus. Es hat auch Vorteile, Vorurteile zu haben. Ich will jetzt nicht mit der Evolution kommen, aber es hat schon gelegentlich seinen Sinn, dass der Mensch erst überlegt, auf welchen Fremden er mit Willkommenspäckchen zugeht... oder anders ausgedrückt: Diese Gelassenheit muss man sich erlauben können, z.B. weil man weiß, dass man eh der Stärkere ist.

                Und da die Ängste vieler Leute dieser Tage genau in dieser Dimension ansetzt, finde ich es wichtig, das noch mal eben zu ergänzen.

                LG, Nele

                • "Es hat auch Vorteile, Vorurteile zu haben."

                  hmm, ich glaube dem kann ich so nicht zustimmen.
                  Wir Menschen HABEN nun mal vorurteile, wir stecken Menschen in Schubalden und wir machen uns ein Bild über menschen udn menschengruppen, die wir nicht kennen.

                  Das ist insofern von vorteil, weil wir eben nicht immer wieder "bei null" anfangen können.
                  aber wir sollten uns unsere bilder im kopf bewußt machen und immer wieder versuchen sie zu überprüfen.

                  Ich bin vom typ her eher jemand, der mit dem willkommenspäckchen kommt und bereit ist, sich enttäuschen zu lassen. Das ist mir aber bisher selten passiert, muß ich gesehen, denn ich weiß durchaus um unsere menschlichen Schwächen.

                  Ich glaube nämlich auch, daß die Brille, durch die wir die Welt betrachten entscheidend dazu beiträgt, wie wir diese wahrnehmen.
                  mache ich mich auf die Suche nach den postiven Eigenschaften, dann werde ich diese sehr viel eher finden als wenn ich voller angst und mißtrauen anderen menschen begegne. denn auch dann werde ich in aller regel meine Ängste bestätigt sehen.

          Es ist exakt dieser Blick des typischen "Herrenmenschen" von oben herab auf den Flüchtling. Der soll möglichst gebückt auch noch die trockene Schrippe, die man ihm hinwirft, also großes Geschenk seiner "großzügigen" Gastgeber betrachten.

          Wir klassifizieren Menschen, wer was wann zu sagen oder zu verlangen hat. Wenn unser Nachbar über die "scheiss Regierung" und den "scheiss Staat" die üblichen Freitagabend-Stammtisch-Festreden hält, ist das womöglich okay oder es wird sogar zustimmend genickt. Wenn ein fremdländisch aussehender Mann das gleiche macht und sagt, womöglich noch in nicht akzentfreiem Deutsch, dann denkt sich der ein oder andere "Vorsicht Bürschchen, was Du sagst, immerhin halten wir Dich am kacken!"

          Wir geben diesen Menschen die Rolle von Bittstellern, von Geduldeten, allerhöchstens von Gästen (aber nicht wegen unserer Gastfreundschaft sondern in der Überzeugung, ein Gast hat sich immer nach unseren Regeln zu benehmen und, wenn es Zeit wird, auch bitte schön wieder zu gehen).

          Es sind nicht Menschen, denen wir auf Augenhöhe begegnen. Es ist ein Klassendenken. Menschen erster Klasse sind die, die "schon immer" hier gelebt haben, alle Neulinge, Menschen zweiter Klasse, haben den Kotau zu machen und auf jegliche Dinge, wenn sie nicht auch der Ärmste aller armen Deutschen nicht auch hat, bitte zu verzichten. (siehe diese unsägliche Handy-Diskussion).

          Von der daher passt Dein Vergleich mit behinderten und nicht behinderten Menschen schon recht gut.

          • Du spitzt meine Aussage jetzt noch ein wenig zu, aber ja im Grunde habe ich das so gemeint.
            Wenn ich nun aber deine Auführungen so lese, frage ich mich, warum das so ist.
            Ist das ein genetisches Programm, das da abläuft (die sippe schützen um für deren Fortbestand zu sorgen?)?
            Haben wir uns also evolutionär so entwickelt, daß vor allem diejenigen überlebten, die "dem Fremden" gegenüber erst mal skeptisch gegenüberstanden?
            Sehen wir Menschen uns nicht immer irgendwie als "die besten" an?
            Denkt nicht jeder so insgeheim, daß er doch ein wirklich toller Hecht sei?

            Können wir Menschen das alos jemanls überwinden?
            Wenn ich mri die diskussionen der letzen Tage und Wochen hier so anschaue, dann sehe ich ehrlich gesagt wenig Hoffnung.
            Denn die gleichen Mechanismen funktionierne auch hier,
            Fühlt man sich jemanden heir zugehörig (ob durch eine ähnliche Meinung zu einem thema oder durch andere, länger gewachsene Beziehungen) wird schnell versucht diejenigen, die man als "nicht zugehörig" empfindet zu erniedrigen.

            Nur dann, können wir offenbar damit leben, wenn wir unterschiede feststellen. Wenn wir dem anderen attestieren "die rosarote Brille" zu tragen (d.h. dumm und naiv zu sein) oder aber "rechtes pack" zu sein (d.h. dumm und mit einem komplett anderen Wertegerüst ausgestattet), dann können wir damit leben, daß es den anderen gibt, mit seiner anderen meinung, seiner anderen Wirklichkeitskonstruktion, seinen anderen Ängsten udn seiner anderen Weltsicht.
            Aber sicher sind wir uns doch dennoch, daß "wir selbst" die bessere Sicht haben, moralisch höherertiger und weniger dumm und verblendet sind..

            ach herrje.. wir menschen sind schon komische Tiere....

            • Fremde waren lange Zeit in der Regel wirklich gefährlich. Entsprechend vorsichtig sind wir. Das ist allgemein menschlich und da ist auch niemand wesentlich besser als der andere.

              Ebenso allgemein menschlich ist ein gewisses Maß an Altruismus und an Unterstützung der jeweils Schwachen. Das bezog schon im Alten Testament ausdrücklich auch Fremde ein.

              Das Spannungsfeld ist uralt.

              Ehrlich gesagt halte ich "rechtes Pack" für eine durchaus passende Bezeichnung für Leute, die anderer Leute Wohnungen niederbrennen, beleidigende Parolen vor Wohnheimen krakeelen oder sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern.

              Aber nicht jeder, dem diese Situation auch Angst macht tut etwas davon. Deshalb versuchen Politiker ja so verzweifelt die Leute mit teilweise sehr rabiaten Äußerungen an ihre Parteien zu binden.

              Umgekehrt bin ich noch keinem Menschen begegnet, der meinte, die Zuwanderung von so vielen Menschen in so kurzer Zeit werfe keine Probleme auf. Allein schon die Konflikte in den Notunterkünften zeigen welche Aufgabe vor uns allen liegt. Bis zum Erweis des Gegenteils halte ich das für ein Feindbild, zumal die jeweils anderen sich dann gern als "Vernunftmenschen" definieren. Die "Vernunft" zwinge dann dazu sich nicht weiter um die Flüchtlinge zu kümmern.

              Es gibt nur viele Menschen, die meinen, dass ein großes und reiches Land dieser Herausforderung gewachsen ist und dass die Verjüngung der Gesellschaft mittel- und langfristig auch Vorteile für alle hat.

              Übrigens: In meine Vorstellung von "meinesgleichen" gehören auch nicht unbedingt soeben eingetroffene Flüchtlinge. Aber dass Muslime - teilweise auch etwas schräge Muslime oder tamilische Hindus - dazugehören finde ich selbstverständlich. Hingegen gehören Leute, die vor Flüchtlingsunterkünften krakeelen, randalieren oder gar Straftaten begehen ganz bestimmt nicht zu "meinen" Leuten.

              • "Ehrlich gesagt halte ich "rechtes Pack" für eine durchaus passende Bezeichnung für Leute, die anderer Leute Wohnungen niederbrennen, beleidigende Parolen vor Wohnheimen krakeelen oder sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern."

                Absolut- ich meinte damit aber eher die gegenseitigen Beschimpfungen im Forum (und da erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht daran, daß sich jemand damit gebrüstet hätte eine Unterkunft niedergebrannt zu haben)

                "Übrigens: In meine Vorstellung von "meinesgleichen" gehören auch nicht unbedingt soeben eingetroffene Flüchtlinge. Aber dass Muslime - teilweise auch etwas schräge Muslime oder tamilische Hindus - dazugehören finde ich selbstverständlich. Hingegen gehören Leute, die vor Flüchtlingsunterkünften krakeelen, randalieren oder gar Straftaten begehen ganz bestimmt nicht zu "meinen" Leuten."

                sehe ich genauso- aber nur, weil mich dann mit dem speziellen Moslem, dem speziellen Hindu etwas verbindet (der Berufsstand, der Wohnort, das Hobby...)
                Und dann würde ich auch nochmal unterscheiden, mit wem ich mich verbunden fühle (wohl eher nicht mit dem Mob der Unterkünfte anzündet) und mit wem ich vom außen her als Zugehörig wahrgenommen werden ("die Deutschen" zünden Asylbewerberunterküfte an).

          Dein Beitrag ist super und den unterschreib ich auch voll
          ABER: Beim Thema Umgang mit Asylsuchenden ist eine Begegnung auf Augenhöhe naturgemäß unmöglich, weil die Struktur Helfender - Hilfeempfänger dies nicht hergibt.

          Natürlich kann man diese Menschen mit Interesse und Respekt und vll auch Bewunderung für ihre Leistung behandeln oder auch mit Herablassung und Arroganz - aber die Grundstruktur bleibt und die ist in der Form nicht ebenbürtig.

          Das gilt natürlich nur im Zusammenhang mit ihrer Asylsituation, z.B. im Ehrenamt ... abends beim Bierchen in der Kneipe ist die Augenhöhe natürlich gegeben.

          Auch in der Entwicklungszusammenarbeit ists immer wieder dasselbe Thema. Man will weg vom Selbstbild "Missionar mit Spendierhosen für die armen Negerlein", man will Partner sein und voneinander lernen. Im Bereich Kultur ist das sehr gut möglich, im Bereich Geld weniger, denn da gibt's wieder eine Hierarchie - und Geld steht doch ziemlich im Mittelpunkt des politischen Handelns.
          Von daher: Deine Beschreibung ist super - eine Abkehr vom bestehenden Denken nötig, aber schwierig.

          LG, Nele

          • Und aus diesem Grund plädiere ich auch immer für eine langfristige Sichtweise der Dinge.

            Der, dem ich heute helfe, ist vielleicht der, der morgen meine Rente bezahlt. Im zeitlichen Rahmen betrachtet, ist man dann doch wieder auf Augenhöhe.

            Eine Hand wäscht die andere.

            Wir müssen vielleicht nur lernen, in etwas größeren Dimensionen zu denken und die heutigen Anstrengungen als eine Investition in die Zukunft Deutschlands sehen.

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