1 Jahr PEGIDA - Interview mit Prof. Werner Patzelt

    • (1) 19.10.15 - 19:04

      Die sächsische Morgenpost (MOPO) hat Professor Werner Patzelt (Politikwissenschaftler) anlässlich des einjährigen Bestehens von PEGIDA interviewt.

      Seine Aussagen widerspiegeln so ziemlich genau das, was ich hier oft zum Thema geschrieben habe.

      Ich zitiere mal auszugsweise:

      "Prof. Werner Patzelt: Der Ton wird rauer, weil bei denen, die ein Jahr lang zu PEGIDA gegangen sind, das Maß an Verbitterung und Zorn natürlich steigt. Sie haben das Gefühl, die ganze Zeit recht gehabt zu haben, wenn in der Asylpolitik jetzt der Bundestag beschließt, was sie vor einem Jahr schon gefordert haben. Und dafür sind sie als Faschisten und Rassisten beschimpft worden....

      Prof. Werner Patzelt: Mit der Sorge, dass die ganz passive Einwanderungspolitik, wie sie Deutschland so lange betrieben hat, zu nichts Gutem führt, hatten die Pegidianer natürlich recht.
      ...
      Nur ist doch im Gewand von Kritik gesagt worden, 'Das sind alle Rassisten und Faschisten, die müssen weg von der Straße'. Das ist ein Verdrängenwollen aus dem politischen Diskurs.

      Prof. Werner Patzelt: Man hätte hinhören sollen und sich fragen, „Was bewegt die Leute wirklich?“ Man hätte fragen sollen, „Wo in dem Protest gibt es denn etwas Begründetes?“ Dass die Sorge um die ungeregelte Zuwanderungspolitik begründet war, weiß inzwischen der größte Teil der Republik.

      MOPO24: Ist das jetzt eine späte Genugtuung für Sie? Sie wurden ja mal als „PEGIDA-Versteher“ gebrandmarkt.

      Prof. Werner Patzelt: Was heißt gebrandmarkt? Ja, ich habe verstanden, worum es bei PEGIDA geht - und wundere mich, warum so viele Leute auch noch stolz darauf sind, dass sie das nicht verstanden haben und deshalb Ratschläge geben, die nichts zum Besseren wenden. Eine politische Genugtuung ist das nicht, allenfalls eine wissenschaftliche."

      Das ganze Interview ist hier nachzulesen:

      https://mopo24.de/nachrichten/patzelt-pegida-spaltung-gesellschaft-jahre-dresden-20098

      • Das ist eine Meinung. Seine Ansichten sind umstritten. Mitglieder der eigenen Fakultät haben sie deutlich kritisiert.
        Andere Analysen und Bewertungen weichen von seiner deutlich ab.
        http://www.deutschlandfunk.de/werner-j-patzelt-aufstand-gegen-professor.680.de.html?dram:article_id=310707

        • Und genau das stelle ich mir unter einer Demokratie vor: Jeder darf seine Meinung sagen, ohne dafür auf das politische Schafott geführt zu werden und dann kann jeder, der die unterschiedlichen Meinungen hört oder liest, selber entscheiden, welcher Meinung er sich aus eigener Überzeugung eher zuwenden würde.

          Ich zitiere aus dem von dir verlinkten Beitrag: "Studierende protestierten letzte Woche mit Flugblättern gegen die Deutungshoheit des Professors bei diesem Thema. Ihr Hauptvorwurf: Patzelt sei in der gesamten Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler gewesen und habe im Namen der Politikwissenschaft das Auftreten, die Ziele und das Vorgehen der islamfeindlichen Protestler verharmlost."

          Ich gebe es zu - diese Auffassung teile ich nicht, sondern sehe sie allenfalls als einen erneuten Versuch von "Aber-wir-stehen-auf-der-richtigen-Seite-und-haben-deshalb-immer-Recht"- Menschen, Patzelt in seiner vielleicht unangenehmen aber schlüssigen Analyse zu diskreditieren. Genau DAS hat Patzelt ja bereits in seinem Interview klar benannt.

          • Na, Herr Patzelt scheint aber auch Forschungsergebnisse zu ignorieren. In einer der letzten Pegida-Diskussionen gab's einen Link, der sich mit der strukturellen Analyse der Facebook-Interessen von Pegida-Anhängern befasste. Feststellung: Sie sind kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, und weitere Feststellung: sie "liken" vornehmlich rechtspopulistische bis rechtsextreme Organisationen und Inhalte. Und das war im Februar, seitdem hat sich die Gruppierung weiter radikalisiert (Stichpunkt Galgen).

            Es gab einen Link zu Redeninhaltsanalysen des Pegida-Ablegers in Nürnberg. Rechtsextrem halt.
            Und auf der Facebook-Seite kann sich jeder selbst ein Bild machen, was da so von den Anhängern so geschrieben wird. Wenn Herr Patzelt behauptet, die Pegidisten seien als Rassisten "gebrandmarkt" worden, dann übersieht er geflissentlich, dass sie selbst die Flanke nach rechtsaußen ganz weit aufgestoßen und sich selbst gebrandmarkt haben. Wenn er behauptet, es sei ein Versäumnis der Politiker gewesen, nicht einfach selbst dort gesprochen zu haben, dann überhört er offenbar, dass Politiker dort pauschal als Volksverräter bezeichnet werden. Wer hört schon einem Volksverräter zu, der eh nur Lügen erzählt?

            Ich finde seine Analyse nicht überzeugend. Aber: Er durfte und darf sie offen verbreiten. Das ist gut so. Daran sollte denken, wer immer noch behauptet, "man darf das ja nicht mehr sagen."

            • Ich mag es, mich mit dir zu unterhalten und ich möchte dir gerne zeigen, wo dein Denkansatz (den ich verstehen kann) in die falsche Richtung geht, ohne dass du es selber merkst. Schau, du schreibst: "In einer der letzten Pegida-Diskussionen gab's einen Link, der sich mit der strukturellen Analyse der Facebook-Interessen von Pegida-Anhängern befasste."

              Du beziehst dich hier also auf eine Onlineplattform, aber hast du auch veritable Zahlen in der Hand, wie viele der PEGIDA-Spaziergänger in Dresden Facebook kennen, haben und nutzen? Wenn ich Videos von den "Spatziergängern" sehe, dann bezweifle ich sehr stark, dass die alle Facebook nutzen. Ich denke sogar, dass viele von denen noch nicht einmal eine e-Mail-Adresse besitzen. Also, was Prof. Patzelt darauf erwidert, ist vollkommen plausibel und gerechtfertigt. Damit läuft deine ganze auf Facebook-Likes aufgebaute Argumentation ins Leere.

              Sehr interessant hingegen finde ich diesen Einwand von dir: "Wenn er behauptet, es sei ein Versäumnis der Politiker gewesen, nicht einfach selbst dort gesprochen zu haben, dann überhört er offenbar, dass Politiker dort pauschal als Volksverräter bezeichnet werden. Wer hört schon einem Volksverräter zu, der eh nur Lügen erzählt?"

              Das ist die berühmte Frage nach Huhn oder Ei: Was war zuerst da- die Vorwürfe von PEGIDA an die Politik, oder die Politiker, die PEGIDA pauschal in die rechte Ecke gestellt haben?

      Nach allem, das ich über ihn gelesen habe( bis vor einigen Wochen kannte ich ihn gar nicht), scheinen seine Theorien nicht unumstritten zu sein und einige seiner Äußerungen finde ich ( mehr als) grenzwertig.
      "....
      Obendrein haben wir diese Zuwanderer auch gar nicht gerufen, ja nicht einmal eine redliche Diskussion zwischen Eliten und Bevölkerung darüber geführt, Einwanderung welcher Art und welchen Umfangs wir wirklich wollen beziehungsweise wollen sollten...."
      http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/gastkommentar-zur-einwanderung-die-stimmung-kippt/12389378.html
      Seit wann werden Flüchtlinge " gerufen"? Es geht in dieser Debatte doch nicht um gezielte Anwerbung für den Arbeitsmarkt.

      Oder aus einem Interview mit der " Jungen Freiheit"(!):
      "....
      Auf den Pegida-Veranstaltungen wurden, so weit ich sehe, von den Rednern keine Forderungen vorgebracht, die unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung widersprechen. ...."
      Das sehe ich aber GANZ anders( und scheinbar nicht nur ich, den Herr Bachmann wurde meines Wissens wegen Volksverhetzung angeklagt).

      Leider verfüge ich nicht genug Wissen bezüglich politischer Studien um beurteilen zu können, wie und womit gearbeitet werden muß, damit etwas " wasserdicht" ist. Im naturwissenschaftlichen Bereich wäre er damit aufgrund der offensichtlichen Diskrepanzen nicht durchgekommen.

      • Ich denke, du verkürzt hier in unzulässiger Weise und beschneidest damit auch den Sinn einer Aussage.

        Du zitierst aus dem Zusammenhang heraus lediglich: "....
        Obendrein haben wir diese Zuwanderer auch gar nicht gerufen, ja nicht einmal eine redliche Diskussion zwischen Eliten und Bevölkerung darüber geführt, Einwanderung welcher Art und welchen Umfangs wir wirklich wollen beziehungsweise wollen sollten...."

        Im gesamten Kontext aber heißt es nämlich: "Inzwischen ist aber unübersehbar geworden, dass wir Probleme mit der bislang nicht enden wollenden Einwanderung nach Deutschland haben und es keine leichte Aufgabe sein wird, Hunderttausende von Zuwanderern mit Wohnungen, Arbeitsplätzen, Gesundheitsfürsorge und sozialer Sicherung zu versorgen."

        Da geht es nämlich nicht nur um die echten Kriegsflüchtlinge, sondern generell um "Einwanderung" und das ist ein gewaltiger Unterschied.

        "Auf den Pegida-Veranstaltungen wurden, so weit ich sehe, von den Rednern keine Forderungen vorgebracht, die unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung widersprechen. ...."
        Das sehe ich aber GANZ anders( und scheinbar nicht nur ich, den Herr Bachmann wurde meines Wissens wegen Volksverhetzung angeklagt)."

        Da muss man abwarten, was die Juristen letztendlich herausfinden und was von der Anklage der Volksverhetzung übrig bleibt (es gilt die Unschuldsvermutung).

        • Ich verkürze gar nichts. Die Sub- Headline dieses Artikels heißt:"...Wer nicht hören will, muss fühlen! Das gilt auch für die Union und ihre Flüchtlingspolitik...."
          Insgesamt geht es in dem gesamten Artikel, den Prof.Patzelt selber verfaßt hat, mit den Begrifflichkeiten " drunter und drüber". Entweder( und das glaube ich kaum bei jemandem, der Studien im Zusammenhang mit diesem Thema gemacht hat), ist das ein Versehen oder es ist eine gezielte Vermischung. Die zweite Möglichkeit kommt m.E. auch nur in Betracht, weil der Inhalt sonst keinerlei Sinn gibt. Welche Sorte Zuwanderung haben wir denn im Bereich von " Hundertausenden", die mit Lebensnotwendigem versorgt werden müssen?! Inder im IT Bereich? Spanische Ärzte?

          Natürlich gilt die Unschuldsvermutung bei Herr Bachmann. (Ebenso wie bei Anette Tschäpe. ) Allerdings bin ich mir relativ sicher, daß er verurteilt werden wird- kaum verwunderlich, wenn man alle Asylbewerber als " Verbrecher" und " Viehzeug" bezeichnet.
          Dennoch ist eine solche Aussage von jemandem wie Prof. Patzelt,der sich so intensiv mit der Materie beschäftigt und dessen Bekanntheitsgrad so sehr mit Pegida verbunden ist( man schaue sich seinen politischen Blog an)in dieser Form recht fragwürdig. Von einer ausgewogenen Darstellung ist das nämlich weit entfernt und so wirklich glaubt er auch nicht daran, wenn er zur Mäßigung aufruft:
          "...... Es läuft auf wiederholte Eigentore samt anschließender Niederlage hinaus, wenn etliche Pegida-Demonstranten – und auch: etliche Pegida-Redner – immer wieder dafür sorgen, dass vorwerfbare Handlungen und Redeweisen mannigfacher Art in der Berichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung der Dresdner Demonstrationen dasjenige völlig überlagern, was immer noch das vorrangige Anliegen vieler Demonstranten zu sein scheint: nämlich die politische Klasse zu einer weniger fehlerhaften, nämlich nachhaltigen Einwanderungs- und Integrationspolitik zu veranlassen. Wem ist denn tatsächlich gedient, wenn Mitläufer oder Sympathisanten aus dem Fremdschämen gar nicht mehr herauskommen? .... "
          DAS ist der schmale Grat, auf dem Leute tanzen, die zwar recht eindeutige politische Einstellungen haben, aber über ausreichend Bildung und Weitsicht verfügen, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten.

          Zuwanderung und Asyl sind zwei völlig verschiedene Themen und damit geht man auch anders um.

          Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte haben ein Recht Asyl zu beantragen und hier zu bleiben, wenn dem Antrag stattgegeben wird.

          Wer kommt, weil er seine Qualifikationen hier besser einsetzen kann gehört nicht ins Asylverfahren.

          Diese Vermischung ist eine typische Argumentation von AfD und Pegida.

          • "Zuwanderung und Asyl sind zwei völlig verschiedene Themen und damit geht man auch anders um."

            Genau das habe ich bereits an anderer Stelle exakt so geschrieben. Richtig oder falsch?

            "Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte haben ein Recht Asyl zu beantragen und hier zu bleiben, wenn dem Antrag stattgegeben wird."

            Auch das habe ich so geschrieben. Richtig oder falsch?

            "Wer kommt, weil er seine Qualifikationen hier besser einsetzen kann gehört nicht ins Asylverfahren."

            Genau meine Meinung (und die zahlreicher Politiker). Richtig oder falsch?

            "Diese Vermischung ist eine typische Argumentation von AfD und Pegida."

            Und wo genau ist jetzt die Vermischung?

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