Gibt es in Deutschland einen Rechtsruck?

    • (1) 21.10.15 - 14:33

      Hallo

      in manchen anderen europäischen Ländern ist es ja schon seit längerer Zeit normal, dass extrem rechte, rechtspopulistische oder nationalkonservative Parteien im politischen Spektrum eine gewisse Bedeutung spielen.

      In Deutschland hat sich das im Bezug auf eine bestimmte Partei noch nicht in dem Maße herauskristallisiert, bzw. es teilt sich auf in ein bißchen AfD, NPD und Gruppierungen wie Pegida.

      Allerdings beobachte ich, wie gerade in sozialen Netzwerken, die sich ohnehin schwer tun mit Löschungen von Volksverhetzung, der Ton immer rauher, brutaler, menschenfeindlicher wird im Zuge der Flüchtlingswelle.

      Auf der Pegidaseite auf Facebook wird offen zu Körperverletzung, Brandstiftung und sogar Mord gegen Fremde aufgerufen. Facebook, die sich nicht für solche Inhalte moralisch zuständig sehen, löschen wenig bis nichts. Es ist unabweisbar, dass durch z.B. Pegida ein Klima entstanden ist, das Gewalt und Menschenverachtung hervorruft.

      In der kranken Logik der Schreibenden sind sie die Opfer und sie fantasieren über Notwehr gegen alles Fremde

      Die Messerattacke auf Frau Reker in Köln z.B. hat einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Der Täter ist wohl voll schuldfähig und nicht geistesgestört. Er wollte mit seiner Tat ein Zeichen setzen und es liegt die Vermutung nahe, dass er sich den letzten Kick zur Tat im Netz geholt, auf eben solchen Seiten wie der der Pegida. Er handelte in dem Bewusstsein, dass Richtige für Deutschland zu tun. Auch er meint wohl, in Notwehr gehandelt zu haben.

      Immer öfter steht bei den Hassbeiträgen im Internet auch der Klarname und kein Fantasie-Nick. Für mich ein Indiz dass die Hemmschwelle sinkt

      Ich frage mich, ob es diesen braunen Sumpf schon immer gab und man sich mittlerweile nicht mehr schämt, seinen Hass im Internet auch zur Schau zu stellen. Daraus entsteht eine Gruppendynamik, man hetzt sich gegenseitig auf. Und genau jetzt ist auch noch das Feindbild in Form von Flüchtlingen da.

      Haben diese Menschen, die so etwas schreiben oder so reden wie Akif Pirincci oder die so handeln wie der Täter in Köln nichts aus der Geschichte gelernt? Sind sie dumm oder orientierungslos? Wollen Sie einfach nur ihre 5 Minuten Ruhm? Was steckt dahinter?

      Mir macht Deutschland politisch große Sorgen zur Zeit. Ich weiß, dass die Mehrheit solche Dinge verabscheut aber auch die Nazis haben als kleine politische Zelle angefangen und innerhalb eines Jahrzehnts unser Land umgedreht.

      In Zeiten des Internets ist es so leicht Hass zu verbreiten und andere anzustiften und sich gegenseitig aufzugeilen.

      NPD, die Rechten der AfD und die Leute von Pegida gehören für mich eigentlich des Landes verwiesen. Sie sind unserer Kultur und unserer Nation unwürdig. Aber das wird ein Wunsch bleiben. Allerdings erwarte ich von der Politik, dass sie so hart gegen diese Kräfte vorgeht, wie es nur möglich ist im Rahmen unserer Gesetze.

      Was glaubt ihr? Wird Deutschland rechter?

      Wenn ja, was kann man dagegen tun?

      • Nein, glaube ich nicht. Gesamtgesellschaftlich und politisch hat das Land sich in den letzten Jahrzehnten eher nach links bewegt. Bislang konnten NPD oder AfD auch keine wirklich großen Wahlerfolge feiern oder kamen auch nur in die Nähe von Regierungsbeteiligungen.
        Was ich aber definitiv sehe, ist das wir aktuelle eine unglaubliche Verrohung in der gesellschaftlichen Debatte haben und eine riesige Politik(er)verachtung. Rechtsextreme Denkmuster in der Bevölkerung kommen in den Debatten vor allem in den sozialen Netzwerken viel, viel deutlicher ans Licht als früher - zugenommen haben sie meiner Ansicht nach nicht. Man stolpert im Moment nur so furchtbar oft drüber.

        • "Was ich aber definitiv sehe, ist das wir aktuelle eine unglaubliche Verrohung in der gesellschaftlichen Debatte haben"

          Kommt darauf an, wie man gesellschaftliche Debatte definiert. Die offizielle mediale und politische Sprache ist um einiges milder als bei der Asyldebatte in den 90ern.

          Das, was du beobachtest, würde ich eher auf Onlineforen und Social Networks einschränken.

          Wobei es das damals natürlich nicht gab in dieser Form.

      Vielleicht nervt es diese Leute einfach nur tierisch an, dass sie als rechts bezeichnet werden, obwohl sie es nicht sind. Macht man sich Sorgen, ist man rechts. Hat man Ängste, ist man rechts. Äußert man Kritik an der Flüchtlingspolitik, ist man rechts. Geht man auf die Straße, weil man sich von der Politik ignoriert fühlt, ist man rechts.

      Mich wundert es kein Stück, dass die Wut sich nun leider auch in Taten äußert. Natürlich ist das schlimm und muss bestraft werden, keine Frage. Aber es war eine Frage der Zeit. Wenn man sich mit seinen Ängsten alleine fühlt und statt Antworten nur hohle Phrasen ("wir schaffen das") zu hören kriegt, dann entwickeln einige Leute den Drang, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Wer glaube, die Wähler der NPD und AfD wären allesamt Nazis, der hat nicht alle Latten am Zaun. Und selbiges gilt für Pegida. Es gibt nicht plötzlich tausende Rechte mehr. Natürlich wird das Bild vermittelt, das gehört zur Stimmungsmache. Scheint ja auch wunderbar zu funktionieren. Nur ist der Nachteil, dass man damit die Sache nur befeuert. Diese Leute fühlen sich dadurch noch missverstandener, hilfloser und werden umso wütender.

      • Schau dir doch die Kommentare auf den FB-Seiten von Pegida und AfD an. Vor allem bei Pegida. Das ist für dich normal und zu verstehen???

        Für mich nicht mehr. So viel Hass und Abscheu nur weil man sich von der Politik unverstanden fühlt?

        • Den Zulauf kann ich verstehen. Und dass Verzweiflung in Wut umschlägt, kann ich verstehen.
          Ich weiß jetzt schon, man wird versuchen meine Worte so zu verdrehen, als würde ich rechte Gewalt billigen und rechtfertigen. Genau das macht die Politik auch und verpasst den Leuten einen Maulkorb. Und bei Pegida und Co hören genau diese Leute was sie hören wollen, werden ernstgenommen und bestärkt.
          Die Leute werden nicht "missverstanden", sie werden absichtlich (!) missverstanden, damit sie die Klappe halten um mich als rechts zu gelten.
          Pegida und Co bieten Zuspruch, Zustimmung und Hilfe, ist mir absolut verständlich, ja. Selbst dein Posting, obwohl noch moderat, zeugt schon von von Kritik. Obwohl ich nur meine Sicht der Dinge äußere. Wozu die drei Fragezeichen, hätte eines nicht gereicht? Und genau das ist typisch.

          • Mir ist gerade nicht klar, woher die Verzweiflung kommt, die Gewaltausübung rechtfertigen sollte. Sorgen: sicher. Angst: von mir aus. Aber bislang ist doch nun wirklich noch keiner zur Notwehr gezwungen, weil Leib und Leben bedroht sind, oder?

            • Moment mal, ich rechtfertige GAR nix. Ich äußere nur meine Ansichten. Die muss man nicht mögen, ist mir auch herzlich schnurz, aber Unterstellungen wie diese verbitte ich mir. Danke.
              Verzweiflung kommt daher, dass sie Leute von Enteignungen hören, von Prügeleien in Unterkünften, von Salafisten die versuchen in den Camps Nachschub zu bekommen oder dass die Turnhallen ihrer Kinder zur Flüchtlingsunterkunft werden oder dass so viele "Fremde" durch die Nachbarschaft stromern und dass selbst die Politik nicht weiß, wohin mit den Leuten. Und wenn man dann fragt, was das soll, wo das endet, ob man sicher ist, dann hört man im immer nur "Wir schaffen das!" und das hört sich an wie "Keine Ahnung, halt die Klappe und zahl Steuern!". Ja, ich verstehe Wut und Verzweiflung und ich verstehe Zulauf zu Pegifa/Afd und Co. Und das heißt nicht automatisch, dass ich es gut finde. Aber ich kann`s nachvollziehen.

              • Ja meinst du denn jemand wie Frau Merkel oder Herr de Maizière könnten genau sagen wie die Gemeinde in Hintertupfingen mit ihren Flüchtlingen klar kommt?

                Das regeln die Behörden vor Ort und von denen schreien einige Zeter und Mordio, andere kommen gut zurecht. Hier ist z.B. noch keine einzige Turnhalle und kein Vereinsheim eingesetzt worden.

                Die anderen "Befürchtungen" verstehe ich nicht. Dass Schlägereien entstehen können, wenn man 1.500 Menschen, die nichts zu tun haben in einen ehemaligen Baumarkt steckt ist nicht weiter verwunderlich, aber das betrifft doch nur die Flüchtlinge selbst.

                Ich wohne in einem Gebiet mit Einfamilienhäusern und in einer Bogenstraße. Dennoch kommen hier täglich fremde Menschen vorbei. Müsste ich jetzt Angst haben? Oder haben die Menschen doch nur dann Angst, wenn die Leute anders aussehen als sie?

                Salafisten sind erst einmal nur Leute, die den Koran wörtlich nehmen wollen. Das ist nicht verboten und es hat auch erst einmal nichts mit Terrorismus zu tun. (Allerdings sind die 100 deutschen Syrienkämpfer allesamt Salafisten gewesen.) Natürlich versuchen sie zu missionieren, das tun christliche Splittergruppen mit einem ähnlichen Bibelverständnis auch. Salafisten fallen aber oft durch ihr Äußeres aus und haben meist Hausverbot. Im übrigen dürfen sich selbstverständlich auch nicht-salafistische Gemeinden um die Flüchtlinge kümmern.

          (10) 21.10.15 - 15:08

          Nee, es interessiert mich wirklich...
          Ich bemühe mich, nichts zu verdrehen, finde aber in Postings wie deinem oft Verallgemeinerungen und das stößt mir dann sauer auf.

          Bzw. erweckt bei mir den Eindruck, man macht sich die Begründungen passend um dann allgemeine Schlussfolgerungen wie "die Asylanten wollen sich nicht integrieren" zu ziehen.

          Übrigens glaube ich, bei Pegida laufen vll 10% "dauerhafte Nazis" mit ... der Rest sind die mit dem Katastrophenszenario. Aber warum?

          Und was bringt es den Leuten, von echten Rechten auf der Bühne bestärkt zu werden, wenn sie gar nicht rechts sind?

          Wie gesagt, Politik auf der Straße finde ich eigentlich großartig, denn auch da gehört sie hin. Aber es wäre trotzdem gut, sich nicht soweit von der Realität abzuheben und zu sehen, dass die Sorgen der Bürger von rechten A-Löchern gerade missbraucht werden.

          LG, Nele

          • Na weil Pegida ihnen zuhört, sie bestärkt und selbstverständlich die Ängste der Leute nutzt, um sie an sich zu binden. Und ich wette, die fühlen sich nichts rechts, sondern einfach unverstanden, von der Politik ignoriert und von den Medien verar.....

            • Schon allen dieses Differenzierungvermögen spricht für sich.

              "Die" Politik gibt es in keinem westlichen Land. Es gibt höchstens Politiker und Parteien, die Politik machen.

              Es gibt auch nicht "die" Presse, es gibt nur ein Vielzahl von Zeitungen und Sendern, dazu kommen die Internetmedien. Die einzelnen Medien haben sehr verschiedene Standpunkte, sie wählen Nachrichten teilweise nach verschiedenen Kritierien aus und sie kommentieren sie verschieden.

              Das kann ich ja sogar noch halbwegs verstehen...

              Aber die Frage ist, ob die Pegida-Oberen und die denen näherstehenden Parteien die Leute dann an den rechten Rand schieben - wo jemand, der nicht rechts ist, ja nicht hin will.

              Pegida hört den Leuten zu?
              Inwiefern?
              Die Leute hören eher Pegida-Rednern zu.

              Lösungsansätze, wenn man von den "leider zur Zeit auße Betrieb genommenen KZs und in der Gegend umeinander getragen Galgen absieht, kommen von Pegida nicht!

          So einfach ist es nicht.

          Aber kurz OT:
          Du hast doch vor ein paar Tagen gefragt, wie das damals war mit dem Bosnienkrieg. Heute wurde auf Bayern 2 im Tagesgespräch (ist eine Hörerrunde) das Thema "20 Jahre danach: Was verbinden Sie mit dem Bosnienkrieg?" behandelt. Hier der Link: http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-472580.html

          Rechts in der Leiste müsstest Du den Link zum Podcast finden.

          Heute Abend kommt im Bayerischen Fernsehen eine Doku dazu: http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/programmkalender/ausstrahlung-475950.html
          Eventuell interessiert Dich das.

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