Uneingeschränktes Geburtsrecht für Kinder mit Down Syndrom?

    • (1) 06.11.15 - 09:58

      In Deutschland ist es möglich bis zum Einsetzen der Eröffnungswehen ein Ungeborenes mit der Diagnose Down Syndrom mit einer Spritze ins Herz abzutöten.

      Die Gesetzesgrundlage: (§ 218 a Abs. 2 StGB)

      "Der [...] Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann."

      Die Anwendung dieses Gesetzes wird bekanntermaßen sehr großzügig bei Behinderungen gehandhabt, insbesondere bei Trisomien, weil die sich im Gegensatz zu anderen genetischen Veränderungen vorgeburtlich feststellen lassen.

      Der Gesellschaft reicht die Begründung: Ich möchte kein behindertes Kind. Da wird dann vom "guten Recht" darauf etc gesprochen.

      Angesichts der Flüchtlingsdiskussionen sehe ich hier immer wieder Parallelen: Da soll jemand kommen (dürfen) egal wie es den hier Lebenden damit geht. Weil er in Lebensgefahr ist.

      Andersrum wird argumentiert, dass es nicht sein kann, dass hier Lebende nun für Asylsuchende Einschränkungen hinnehmen müssen.

      Das Asylrecht bedient erstere Position (die ich 99% teile).
      Bei der Diagnose Down Syndrom wird aber mit offiziellem Segen der Tod des Kindes herbeigeführt, mit der Begründung, dass die Familie damit nicht klar kommt/klar kommen möchte.

      Man könnte mit öffentlichen Mitteln durchaus dafür Sorgen, dass das Leben mit einem Kind mit DS weitaus weniger anstrengend und hürdenreich ist.

      Genauso wie man in gute Integration von Asylsuchenden investieren wird, damit unsere Gesellschaft darunter nicht "leidet".

      Wo seht ihr den entscheidenden Unterschied, sodass ihr die großzügige Handhabung des AbtreibungsGesetzes unterstützen könnt, obwohl ihr andererseits für ein uneingeschränktes Asylrecht seid?

      LG S.

      • Hallo,

        vorab: ich unterstütze ausdrücklich nicht die von Dir zitierte großzügige Handhabung des Abtreibungsgesetzes. Insofern gibt es für mich da keinen Widerspruch zur Befürwortung eines uneingeschränkten Asylrechts.

        Ich bin nicht der Auffassung, dass man diese beiden Bereiche vergleichen oder gar gegeneinander aufrechnen kann.

        In einem Punkt stimme ich Dir zu, nämlich darin, dass es in beiden Fällen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss - sowohl das Leben mit einer Behinderung zu erleichtern, als auch die Integration von Flüchtlingen zu verbessern.
        (Jetzt, wo ich das so nebeneinander stelle, sieht das komisch aus, fällt mir gerade auf. Ich beabsichtige keine Gleichsetzung, das schrieb ich ja oben schon.)

        Der entscheidende Unterschied ist in den paar Zeilen Gesetzestext genannt, die Du zitierst: das Leben und die Gesundheit der Schwangeren, die es zu schützen gilt.

        Dass aus dieser praxis weitreichende gesellschaftliche Implikationen erwachsen, ist klar, aber der grundlegende Unterschied besteht bei den Interessen der beteiligten Personen.

      • Mir ist klar, dass sich vermutlich fast alle gegen einen Vergleich wehren.

        Aufrechnen will ich sicher nicht.

        ***Der entscheidende Unterschied ist in den paar Zeilen Gesetzestext genannt, die Du zitierst: das Leben und die Gesundheit der Schwangeren, die es zu schützen gilt.***

        Gegen den Gesetzestext habe ich auch gar nichts, den will ich gar nicht diskutieren. Nur die praktische Anwendung oder den gesellschaftlichen Umgang damit.

        Welche Gefahr besteht denn eigentlich für eine Schwangere wenn sie ein Kind mit T21 erwartet? (Mir fallen schon ein paar wenige ein). Warum muss nicht nachgewiesen werden, dass eine Gefahr besteht? Warum reicht die Diagnose DS für einen Generalverdacht?

        • Aber trotz allem ist man als Familie mit einem Kind mit T21 eingeschränkt. Das fängt bei so vielen Dingen an. Und nicht jeder möchte das. und ich finde, diese Endscheidung muss jeder selber für sich treffen. Wenn Leute damit leben können, ok. Aber wenn nicht, auch ok.

          • Moin,

            So pauschal kann man das nicht sagen. Meine Nichte hat Trisomie 21 und trotz sehr langem Nachdenken fällt mir nichts, aber auch gaaar nichts ein, wobei wir als Familie eingeschränkt sein sollten!

            ***Aber trotz allem ist man als Familie mit einem Kind mit T21 eingeschränkt. Das fängt bei so vielen Dingen an.***

            Bei welchen Dingen fangen denn die Einschränkungen an?

            *** Und nicht jeder möchte das. und ich finde, diese Endscheidung muss jeder selber für sich treffen. Wenn Leute damit leben können, ok. Aber wenn nicht, auch ok. ***

            Du gehörst ja auch zu denen, die der Meinung sind, dass man (unfreiwillig) für Flüchtlinge keine Einschränkungen hinnehmen soll, oder sehe ich das falsch?

            Also bist du hier deiner Linie treu, da hätte ich jetzt gar keine andere Antwort erwartet.

            Find ich auch, aber wenn man weiß, daß man ein Kind mit T21 nicht möchte, dann müßte man schon früher einen Test machen. Die Tötung bis kurz vor den Wehen.....mh, das find ich nicht gut (außer es wäre total schwerstbehindert und wäre ein lebenslanger bettlägriger geistig behinderter Pflegefall).

            lg

            • >> aber wenn man weiß, daß man ein Kind mit T21 nicht möchte<<
              oder anders rum ausgedrückt: Wenn man weiß, dass man nur ein (nach "normalen" Maßstäben) gesundes Kind möchte....

              Ich fass es nicht. JEDE Frau, JEDER Mann muss sich doch im Klaren darüber sein, dass es IMMER sein kann, dass eben nicht alles "normal" ist.

              Und selbst wenn alles palletti verläuft, Schwangerschaft, Untersuchungen etc.
              Was ist mit einem Kind, dem während der Geburt etwas passiert? Hat so ein Kind kein Anrecht auf Liebe, Leben?
              Aber hier in der Diskussion solls um Trisomie 21-Menschen gehen. ok.
              Ich fahr mich grad mal wieder runter

              Ist doch auch so.Das ETS wird doch, für meinen Geschmack viel zu unkritisch , angepriesen. (Ich erinnere mich an eine Ärztin, die lang auf mich eingeredet hat, ich müsse eine FWU machen, obwohl ich schon gesagt hatte, das käme für mich nicht in Frage.) Wer ein Kind mit T21 nicht will macht normalerweise einen Test.

              Bis zu den Wehen ist doch nur ein theoretisches Konstrukt, weil man irgendeinen Zeitpunkt festsetzen muss. Und auch bei einer schweren Behinderung ist es so spät auch nicht mehr leicht (Wenn es dich interessiert kannst du mal "Der Ludwig lacht" googeln. Das ist ein Spiegel-Artikel, in dem es darum geht, dass Eltern ihr schwerstbehindertes Kind nicht mehr spät abtreiben durften.).

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