Reiches Deutschland

    • (1) 07.11.15 - 09:34
      Enttäuscht

      Hallo,

      seit Jahren engagiere ich mich in der Kinder- und Jugendhilfe. Es gibt so viele arme und benachteiligte Kinder in Deutschland, die Statistiken sind bekannt. Jedes Jahr haben wir um unsere Gelder gebangt, jedes Jahr wurde es weniger. Zuletzt schlossen zwei Zentren, mit denen wir zusammengearbeitet haben.

      Mit großem Aufwand haben wir Spenden eingeworben und damit Kindern Dinge ermöglicht, die sie im Elternhaus nicht erleben können. Mein Ziel war es immer, die in Deutschland besonders deutliche Benachteiligung von Kindern mit sozial schwächeren Elternhäusern abzumildern. Großes Glück, wenn ein Jugendlicher eine Ausbildung in den Griff bekommt und anschließend in ein Leben mit Perspektive startet, das er ohne massive Hilfe von außen nie hätte leben können.

      All die Jahre hieß es, dass kein Geld da wäre. Kein Geld für einen weiteren Sozialarbeiter, kein Geld für Beratung .... für nichts. Also wurde vieles ehrenamtlich organisiert. Und wisst ihr was? Ich fühle mich betrogen. Um die Lebenszeit, die wir für die Organisation der Finanzierung aufgewendet haben. Denn die Aussage "kein Geld" hat offensichtlich nicht gestimmt. Ich bin froh, dass die Flüchtlinge versorgt werden, aber ich verstehe nicht, warum man all die Jahre behauptet hat, im reichen Deutschland sei kein Geld da.

      Vielleicht habe ich aber auch die falschen Prioritäten gesetzt. Wen interessieren schon arme Kinder und Jugendliche? Die Regierung offenbar nicht. Die Kinder haben ja ein Recht auf Schulbesuch, muss reichen. Was aber kostet es, wenn diese Kinder straucheln? Auf Jahre gesehen rentiert es sich, sie auf einen gangbaren Weg zu bringen. Auch deutsche Kinder müssen manchmal integriert werden.

      Aktuell geht es um 20 Milliarden Euro für die Aufnahme und Unterbringung der Flüchtlinge. "Schäuble will trotz der zusätzlichen Ausgaben für Flüchtlinge auch 2016 die schwarze Null schaffen. Der Staat soll also mit seinen Steuereinnahmen auskommen und unterm Strich keine neuen Kredite aufnehmen. "Mit Hilfe des Überschusses aus diesem Jahr können wir nach heutigem Stand auch 2016 ohne neue Schulden auskommen", sagte der Bundesfinanzminister."

      Trotz der Flüchtlinge eine schwarze Null? Haben wir etwa vorgespart für dieses eigentlich unvorhersehbare Ereignis? Wo sind die Milliarden in den Jahren vor der Flüchtlingskrise geblieben? Vermutlich in die Bankenrettung geflossen...

      • Da könnte man jetzt stundenlang philosophieren, warum vieles in der Vergangenheit so gelaufen ist, wie es war. Man macht sich nur verrückt. Ändern können wir es nicht und vielleicht hilft es dir, wenn du einfach daran denkst, dass ihr mit bescheideneren Mitteln sicher viel erreicht habt und so einigen Kindern und Jugendlichen einen besseren Start verschafft habt.

        Meine Schwester ist Dipl. Sozialpädagogin und hat viele Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit gearbeitet. Das war immer alles ungewiss. Sie hat sich lange von einer befristeten Stelle zur nächsten gehangelt, oft nicht wissend, ob sie im nächsten Jahr noch einen Job hat, ob die Einrichtungen wieder Gelder bewilligt bekommen oder die Projekte eingestampft werden. Sehr frustrierend alles.
        Ich arbeite an einer Schule der Sek. II. Wir haben eine begrenzte Zeit endlich eine Schulsozialarbeiterin bekommen, die nicht von der Kommune bezahlt wurde. Ich meine, das Land hat ein Budget bereit gestellt für diese Zwecke. Nach 2 Jahren waren die Mittel erschöpft und das Projekt durch - eigentlich ein Tritt vors Schienbein für alle Beteiligten, denn das hieße ja, die Probleme seien entweder ein für allemal wegtherapiert oder interessierten nicht mehr, wenn nun wieder auf eine Sozialarbeiterin verzichtet werden kann. Wir wollten und konnten nicht mehr verzichten. Die Kommune wollte nicht zahlen, also wurde auf eine volle Lehrerstelle verzichtet ( und die Stunden fehlen an anderer Stelle natürlich). Die Sozialpädagogin ist jetzt beim Land angestellt und verrichtet bei uns ihren Dienst.

        Da fragt man sich wirklich, wieso wegen wirklich wichtiger personeller Entscheidungen immer von Geldmangel die Rede ist und unsere Kinder und Jugendlichen es nicht Wert sind, unterstützt zu werden. Und jetzt werden Beträge rausgehauen und Personal bereit gestellt, was u. a. auch die Kommunen wuppen müssen, dass man sich nur verwundert die Augen reiben kann.

        Aber es ist so, wie es ist. Wir werden von einem Ereignis überrollt und müssen handeln. Ob wir wollen oder nicht. Was bleibt der Regierung denn anderes übrig. Und aufgrund unserer Vergangenheit können bzw. wollen wir es uns nicht leisten, als nicht sozial genug oder gar ausländerfeindlich zu erscheinen. Zumal es den Flüchtlingen um einiges schlechter geht als jedem Kind oder Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind. Dagegen waren unsere Probleme eher Luxussorgen, während es den Flüchtlingen erstmal an allem mangelt, was man zum Leben benötigt.

        Ich kann dich verstehen, dass du frustriert und desillusioniert bist. Es werden auch sicher noch viele, viele Probleme auf uns zukommen, die wir jetzt noch gar nicht absehen können. Im Moment wird eben nur Notversorgung betrieben.

        Hallo, ich arbeite auch im sozialen Bereich, seit ca. 20 Jahren. Und es war schon immer so, in der Prävention wird gespart. In allen Bereichen, dabei könnte man hier viel mehr Geld sparen, weil die Maßnahmen für sozial Gestrauchelte viel mehr Geld kosten.

        Es fehlt hier schlicht die Lobby.

        Aber jetzt zu sagen, schau mal für die Flüchtlinge ist Geld da, finde ich auch falsch. Ja, es ist Geld da, das wäre auch für Kinder und Jugendliche da. Aber viele Menschen sagen jetzt, so die Flüchtlinge bekommen es und wir Deutschen nicht. Hier wächst wieder der Hass auf die Flüchtlinge, die dafür überhaupt nichts können.

        Es ist eine Entscheidung unserer Politiker und die muss man dafür angehen, nicht die Flüchtlinge. Klar stimmt die Aussage, aber ich finde sie trotzdem gefährlich, weil die Falschen dafür angegangen werden.

        Viele Grüße
        Leah

        Zuerst möcht ich dir mal danke sagen für deine wertvolle Arbeit!

        Diese Land hat genug Geld, aber die Kinder -u. Jugendhilfe hat keine Lobby. Es
        kommt dazu daß die Kommunen meist unterfinanziert sind, weil der Bund sich
        die lukrativsten Finanzen unter den Nagel reisst.
        Ich kenne auch KEINEN Parteienvertreter der in seinem sozialen Umfeld

        Berührungspunkte zu deiner Arbeit hat.
        Jetzt sind die Flüchtlinge Thema 1 ,weil sie MEDIAL überall präsent sind und
        das macht dann in deinem Bereich noch mehr Frust.

      • Sehe ich absolut genauso!

        Ein weites Beispiel ist das Betreuungsgeld, welches den Eltern gestrichen wurde, weil man damit angeblich neue Krippeplätze schaffen möchte...

        ... Woher kommt so viel Geld?!

        • Das hast du falsch verstanden: Die CDU wollte das Betreuungsgeld, die SPD den Ausbau der Krippenplätze.

          Dann wurde das Betreuungsgeld vom BVG gekippt und die SPD hat gesagt: Liebe CDU, jetzt stellt das Geld bitte für den Ausbau der Krippenplätze zur Verfügung.

          Und die CDU hat gesagt: Nö.

      hmmm also ehrlich gesagt ist gerade in der Jugendhilfe in den letzen jahren erheblich mehr geld investiert worden.

      Die Zahlen steigen seit jahren kontinuierlich an
      Nur alleine der Vergleich der knapp 23 Milliarden, die für diesen Bereich im jahr 2007 ausgegben wurden mit den zahlen aus 2013 (aktuellere finde ich gerade nicht)- wo wir über 35 Milliarden sprechen, zeigen deutlich, daß es gerade hier sehr viel passiert.

      "Auch deutsche Kinder müssen manchmal integriert werden."

      absoult und genau das macht die Jugendhilfe auch.
      Geld alleien reicht da allerdings nicht aus, das ist bei jeder art von Integration im übrigen so.

      und ja, du hast recht- jeder euro, der früh investiert wird, ist eine gute geldanlage und kostet uns später erheblich weniger.
      Genau zu diesem zweck wurden z.B. die frühen Hilfen i nder Jugendhilfe stark ausgebaut, aber auch das grundsätzliche "recht auf Hilde zur erziehung", wie es den eltern nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz zusteht, soll genau dazu beitragen.
      Ebenso wie das gesetzlich verbriefte Recht des Kindes auf eine Erziehung ohne Gewalt, die inklusionsbemühungen (mit samt ihren Hilfen wie Schulbegleitung und Integrationshelfer,..)

      Ich finde es schön, daß du offenabr spa daran hast, dich ehrenamtlich zu engageiren- aber ich finde du hast du ein schlechtes beispiel ausgesucht um "arme" gegen "arme" auszuspielen. Im übrigen ist nicht jeder flüchtling arm und auch nicht jeder der Angebote der Kinder- und Jugendhilfe wahrnimmt.

      Wieso schreibst du diesen Beitrag im Partnerschaftsforum?

    (14) 08.11.15 - 13:57

    Schon mal in Afrika gewesen?

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