Wie geht man damit um, wenn Menschen, die man schätzt andere Meinungen haben?

    • (1) 20.11.15 - 14:09

      Hallo!

      Ich rede gar nicht um den heissen Brei herum, es sollte allen klar sein, dass es mir um die derzeitigen verstärkten politischen Meinungen geht, um die Instrumentalisierung und rechte Hetze.

      Ich bin ein Vertreter der Menschenrechte, der französischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und lese viel, oft eher sachkundige, neutrale Berichte, bin aber auch von Adorno beeinflusst.

      In meinem Umfeld gibt es hauptsächlich drei Gruppen: Gleichdenkende, unsichere Menschen, die aber offen für Gespräche und Fakten sind und eben... die Neurechten, die ihre Diskriminierung als Meinung betiteln. Nur Gruppe eins und zwei formuliert selber ihre Gedanken, Gruppe drei zeigt ihre Vorurteile eher durch das Teilen von idiotischen Sprüchen.

      Und in Gruppe drei sind aber Menschen, die ich bis anhin sehr schätzte, sehr mochte und die, zumindest mir gegenüber, das Herz am rechten Fleck haben und hilfsbereit und nett sind. Ich mag sie, sehr... und gleichzeitig fühle ich mich schuldig dafür.

      Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. Vorher war mein Freundeskreis politisch neutral, von den meisten, von denen ich die Meinungen kannte, waren ähnlich der meinen oder zumindest offen. Und jetzt fallen die Masken auf allen Seiten und ich weiss nicht, wie stark ich meine Meinung vertreten soll.

      Soll ich Menschen aus meinem Leben werfen, die ich mag, die mich mögen und mit denen ich gerne Zeit verbringen und dafür meine Werteinstellung komprimieren? Darf ich sie überhaupt noch mögen, wenn sie die selektive Anwendung von Menschenrechten als Meinung betiteln?

      Wir haben bereits geredet bzw. sie haben Vorurteile in den Raum geworfen und ich habe versucht einfach sachlich, einfach gewisse Fakten zu klären. Nicht vorkauen wie ich denke, sondern ich hatte die Hoffnung, dass sie ihre Meinung auf Tatsachen bilden und nicht auf Ängsten und Hass. Ich hätte mich genauso gut mit einem Stück Toast unterhalten können und im Endeffekt ist das der frustrierendste Teil.

      Vielleicht überdenke ich dies, vielleicht sollte ich mich deutlicher distanzieren, ich weiss es nicht.

      Ich mag sie sehr und auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, ich darf das nicht denken.

      Das Problem ist eben auch, es ist ein Bildungsunterschied. Auch wenn es völlig arrogant klingt, ich denke es ist in diesen Fällen in meinem Umfeld ein wichtiger Faktor.

      Ich hoffe, ich bin nicht die einzige in solch einem dämlichen Konflikt.

      LG
      margaery

      • hallo,
        das ist etwas, was du nur mit dir selbst aus machen kannst.
        >>Ich mag sie sehr und auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, ich darf das nicht denken.<<
        Warum hast du dieses Gefühl bzw. warum denkst du, dass du nur Leute mögen darfst, die mehr od. weniger identische Einstellungen wie du hast?

        >>Ich mag sie, sehr... und gleichzeitig fühle ich mich schuldig dafür.<<
        kannst du heraus finden, warum du dich schuldig fühlst des wegen?

        Kann es sein, dass du dich nicht schuldig, sondern eher als Verräterin an den von dir vertretenen Werte fühlst, wenn du Menschen magst, die diese Werte zwar bestimmt teilen, aber halt nicht so, wie es deiner Überzeugung nach sein sollte (ich tu mich schwer mit dem formulieren, sorry)

        • Ja, das trifft es schon auch.

          Es geht mir nicht darum, dass sie nicht die exakt gleiche Einstellung haben.

          Ich habe ein Problem damit, dass sie so abwertend über unschuldige Menschen sprechen, aber Informationen nicht verwerten wollen. Das alles eine Meinung ist und sie recht auf die eigene habe, auch wenn es offensichtlich falsch ist. Also keine Meinung mehr, sondern falsche Vorurteile.

          Bis anhin habe ich es noch schnaubend zur Kenntnis genommen, aber gestern wurde im Gruppenchat die "You May Be A Muslim"-Liste gepostet und mit "Stimme aus vollem Herzen zu" und "#pro#pro#pro" unterschrieben und das konnte ich nicht mehr ignorieren. :-(

          • du sollst nicht ignorieren od. deine Meinung verstecken. Du solltst du deinen Werten und Überzeugungen stehen!

            Ja dann sags doch, was du nicht gut findest, auch wenn du der Meinung bist, es würde nicht zu gehört werden. Es wird zu gehört, ganz bestimmt!
            Evtl. löst es sich dann von ....... alleine, vielleicht kommen diese anderen Menschen dann auch ins grübeln. Entweder man rauft sich zusammen oder man läßt es. Und das war es dann. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

            ich wünsche dir alles Gute!

            • Das mache ich auch. Der Situation angepasst natürlich. Aber nachdem sie diese Liste geschrieben haben und ich mich dazu geäussert kam ein "Du bist ja wirklich lieb, aber in dieser Sache gehen unsere Meinungen meilenweit auseinander."

              Und ich dachte nur "Es ist KEINE Meinung! Es ist Hetze, Diskriminierung, Vorurteile, unerträglicher rechter Dreck!" Sie verstehen nicht und sie wollen nicht verstehen. Ich kann mit ihnen nicht reden, weil sie einfach nichts erfassen können... ich sage nicht, dass sie dumm sind, denn das sind sie nicht im üblichen Sinne, aber sie begreifen nicht. Sie begreifen nicht, was sie eigentlich sagen.

              Ich weiss nicht einmal mehr wo ansetzen...

              Danke für deinen Input!

              • Ich kann Deinen Zorn und Deine Frustration in dieser Situation schon nachvollziehen.

                Vor langer Zeit hatte ich einen Fall in meinem Freundeskreis, der nicht genauso aber ähnlich gelagert war.

                Ein Freund, den ich seit Kinderzeiten kannte, der mir oder anderen gegenüber immer sehr hilfsbereit war, mit dem man über die Jahre sehr viel Zeit verbracht hatte, viel geredet, viel gelacht, viel diskutiert und den man meinte zu kennen, ist durch einen Berufswechsel, mit dem er auch viel mit der Polizei zu tun hatte, politisch immer mehr nach rechts gedriftet. Es waren mal pauschale Abzockervorurteile gegen "Asylanten" und immer mehr eine verengte Sichtweise gegen alles Fremde, Türken oder andere Menschen aus dem mittleren Osten waren nur noch "Ölaugen" oder "Teppichflieger", um mal zwei mildere Verunglimpfungen zu nennen.

                Wir haben immer wieder diskutiert. Ich habe irgendwann resigniert aufgegeben. Ich habe mich in seiner Nähe regelrecht unwohl gefühlt wenn wieder diese für mich platten Ressentiments ausgerollt wurden. Bei allem Verständnis für seine Situation, in der es oft mit krminellen Nicht-Deutschen zu tun hatte, war mir dieses einseitige Geschwätz irgendwann zu blöd. Die Freundschaft, die wirklich lange währte, ist seit einigen Jahren Geschichte.

                Bedauerlich aber nicht zu ändern.

                Ich hoffe, dass es bei Deinen Freunden nicht soweit kommt. Ihre Ignoranz gegenüber der Wahrheit, kann ich mir nur mit dem Mangel an Einsichtsfähigkeit erklären und einer gewissen Faulheit, mal das eigene Weltbild gerade zu rücken.

                Ich kann für mich sagen, dass ich immer noch dagegen halte, wenn mir rechte Meinungen über den Weg laufe. Allerdings Freunde, die so denken und das dauerhaft, gehören nicht zu meinem Freundeskreis. Ich erwarte einfach ein Mindesmaß an Intellekt, Zusammen hänge zu erfassen, ebenso das Maß an Empathie, dass ich jemandem freundschaftliche Gefühle entgegenbringen kann.

                • (7) 21.11.15 - 09:37

                  Und die Wahrheit ist natürlich genau da, wo du stehst. Pauschale Beleidigungen sind sicher nicht hilfreich seinen Standpunkt klarzumachen, aber für dich wird vermutlich auch kein Argument stichhaltig genug sein, weil du Null bereit bist dich auch nur einen Millimeter von deiner Meinung abbringen zu lassen. Im Gegensatz zu dir, muss er sich täglich mit dieser Thematik auseinandersetzen und gleichzeitig feststellen, dass er am Problem überhaupt nichts ausrichten kann. Das da Frust aufgebaut wird, finde ich nachvollziehbar. Du kommst sehr überheblich und arrogant rüber, da werden vermutlich auch viele Probleme damit haben dir gegenüber freundschaftliche Gefühle aufzubringen.

              Leider hast du recht. Was da teilweise verbreitet wird ist unter aller Sau.

              Die Meinungsfreiheit ist mir ebenso wichtig wie das Demonstrationsrecht - aber mit Leuten, die vor Flüchtlingsheimen krakeelen will kein anständiger Mensch etwas zu tun haben.

              Auch Leute, die bereit sind anderen unbesehen alles Schlechte zu unterstellen und sich dabei auf vermeintliche Ängste zu beziehen sind durchaus im Recht - und A........ dazu.

              Rassismus, Extremsexismus, Islamophobie oder Antisemitismus sind nicht diskutabel. Solche Positionen kann man eigentlich nur ausgrenzen.

              Aber noch einmal: Ich habe leicht reden, in meiner Region gehen alle, die mir wichtig sind ohnehin zur Gegendemo. Rechte Postionen sind hier nicht salonfähig. Das ist anderswo leider anders :-(

        Sind das wirklich die Leute, mit denen du befreundet sein möchtest?

        Ich nehme das bei einer Freundin auch hin - aber ich weiß, dass sie todkrank ist und früher anders dachte. Außerdem tut sie mit ihren Hasstiraden allenfalls den Zuhörern etwas an.

        Leute, die einfach mal so meinen andere abwerten zu müssen wären schwerlich meine Freunde.

(13) 20.11.15 - 14:46

Hallo Margaery,

Du bist nicht alleine. Und ich habe auch keine Lösung. Ich habe noch nicht mal diskutiert, weil ich an eine Wirkung nicht glaube. Letztendlich lebe ich mein Leben und zeige, dass sowohl mein privates als auch berufliches Leben viel mit Migranten zu tun haben und ich auf keinen Fall ein Claqueur für ihre dumpfe Argumentation bin. Wenn ich unter meinen Klienten mal ein faules Ei habe, erwähne ich das gerne, wenn es sich um Deutsche handelt (soweit die Verschwiegensheitverpflichtung solche Bemerkungen zulässt). Das Problem aber bleibt: ich mag sie und wir haben einander schon oft beigestanden. Will ich Kontakt mit undifferenzierten Menschen? Müsste ich nicht konsequenter sein?

Mein Hintergrund ist eine Erziehung zur Weltoffenheit, Neugierde, "Egalité" und höchstmöglichem Grad an Demokratie. Von mir selber kommt das Prinzip der Nächstenliebe.

Muss aus Zeitgründen hier leider stoppen.

Viele Grüße von
b.

Nein, ich weiß, wie du dich fühlst. Ich hab das in meinem Umfeld auch.

Ehrlich gesagt: Es kommt darauf an, wie wichtig mir die Leute sind. Wenn sie mir wichtig sind, diskutiere ich. "Pädagogisch wertvoll". Achte auf meine Wortwahl, um das anzubringen, was mir wichtig ist. Versuche, Strukturen aufzuzeigen. Wenn das wirklich so idiotische Sprüche sind.. puh, schwierig. Ich habe eine sehr alte, sehr liebe Freundin, die politisch aber eher auf Bildzeitungsniveau stehen geblieben ist. Wenn sie was sagt, lasse ich das nicht so stehen. Sie ist aber emotional auch gut ansprechbar. Mit trockenen Fakten brauch ich ihr nicht kommen, aber auf der emotionalen Schiene ist sie gut erreichbar. Wenn sie das nicht wäre.. oh Mann. Würde ich vielleicht sagen: "Ich will das nicht hören, die Meinung finde ich ganz schrecklich. Lass uns über was anderes reden." Das ist inkonsequent, aber ich könnte sie niemals einfach so aus meinem Leben schmeißen.
Das ist übrigens auch ein Bildungsunterschied bei ihr und mir. Ich hab aber auch deine Erfahrung gemacht, dass manche Leute gar nicht informiert werden wollen. Die haben ihre Meinung und fertig.

Auskotzen tu ich mich dann bei meiner Schwester, die eine ähnliche Meinung vertritt wie ich, und die sehr, sehr klug ist. :-) Sie hat eine Menge psychologische Vorbildung und kann mir oft gut erklären, warum jemand reagiert, wie er reagiert, und wie ich damit umgehen kann. Bei ihr kann ich mich herzhaft ausschimpfen. Das tut gut!
Mein Bruder ist da auch eine große Hilfe. Der hat wahnsinnig was auf dem Kasten. Mit ihm sind politische Diskussionen ein Hochgenuss, und das entschädigt dann immer für die Dummbratzen, die mir so begegnen.

Ja.. schwieriges Thema. Ich fahre da keine gerade Linie. Kommt immer auf den Einzelfall an, wie ich reagiere.

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