Erfahrungsbericht: Weihnachten in einem muslimischen Land

Ein Erfahrungsbericht einer urbia-Forumsteilnehmerin, die dieses Weihnachten in einem arabische Emirat verbracht hat. Interessant...
Ein Tipp vom urbia Team

    • (1) 30.12.15 - 13:51

      Hallo ihr lieben,

      ohne jetzt tief in die Diskussion um Unmut mit und bei den vielen Flüchtlingen einzusteigen, möchte ich einfach mal von unserem Weihnachtsfest berichten, welches ein bisschen, aber eigentlich doch gar nicht so ungewöhnlich war, für uns sowieso nicht!

      Trotzdem: Wir sind in einem Emirat! Auch die Diskussion über viele andere Probleme hier möchte ich an dieser Stelle ausblenden, auch wenn es genug zu diskutieren gäbe. Mein Mann arbeitet hier. Wir (also die Kinder und ich) waren eine Zeit lang dauerhaft, nun aber in Vorbereitung auf die Rückkehr auch meines Mannes nur noch immer wieder besuchsweise mehrere Wochen hier. Wir sind gut eingelebt. Es ist ein muslimisches Land, durch und durch, mit Moscheen und 5 Gebeten am Tag, die über die Dächer hallen, Frauen mit Kopfbedeckungen der verschiedensten Art. Der Anteil der Christen beträgt ca. 15 %, über 80% sind Moslems. Unser Freundeskreis hier ist sehr bunt gemischt was Herkunft, Kultur und Religion angeht.
      Soweit die Rahmenbedingungen. Nun zur Weihnachtszeit:
      Seit Wochen merkt man deutlich, dass Weihnachten naht, zuerst in den Supermärkten. Überall gibt es Weihnachtsspezialitäten aus der ganzen Welt: von Panetone über Candy Canes bis hin zu Lebkuchen und Christstollen. Dekoration und Weihnachtsbäume natürlich auch. Die weihnachtliche Dekoration der Umgebung kam etwas später, erst nach dem Nationalfeiertag, von dem nicht abgelenkt werden sollte, natürlich nicht die Strassen und öffentlichen Gebäude, aber eben Hotels, internationale Schulen, Wohnungen und Häuser von Christen und eben in den Bereichen der Malls, die Weihnachtsgüter verkaufen. Bei Sonne und warmen Temperaturen kommt nicht die aus Deutschland gewohnte Weihnachtsstimmung auf, aber doch ist der Weihnachtsgedanke präsent. Um Weihnachten gibt es viele Aktivitäten, "Gingerbread Decorating", "Christmas Carols in the Dunes", "Christmas Tree Lightning" usw. Sie sind gut besucht, und nicht nur von Christen. Bei der Nikolausfeier in der Schule feiern alle mit, auch die ca. 30 % muslimischen Kinder und Personal (Deutsche Internationale Schule), wie auch schon bei St. Martin (was NICHT Lichterfest hieß!) und das ist ganz selbstverständlich. Die Feier zu Nationalfeiertag war allerdings noch größer! ;-)

      Und was macht man an Weihnachten? Am heiligen Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag sind viele Gottesdienste in den Kirchen. Ja, es gibt hier christliche Kirchen! Und nicht nur eine und keine kleinen, schlichten, sondern riesige und wunderschöne. Auf staatlichen Boden gebaut, zur Verfügung gestellt für eine symbolische Pacht. Ich habe NIE von irgendwelchen Protesten der einheimischen Bevölkerung gegen die Kirchen gehört! Die Gottesdienste finden in den verschiedensten Sprachen statt, letztes Jahr gab es sogar ein deutsches Krippenspiel. Entweder gab es dieses Jahr keines, oder wir haben es irgendwie verpasst. Am Weihnachtstag hört man von überall "Merry Christmas", wahrscheinlich weil man von unserem Aussehen auch schließt, dass wir Christen sind. "Gratuliert" wird an der Kasse im Supermarkt, in der Nachbarschaft, in Restaurants, überall, von den verschiedensten Kulturen. An den Weihnachtsfeiertagen gibt es in den Hotels und Restaurants fast überall Christmas Dinner, Coffee und Brunches. Fast alle großen Hotels haben ein Festtagsprogramm. Dieses Jahr fiel Weihnachten ja sogar auf das Wochenende (Freitag-Samstag). Auch wir waren aus und es war wunderschön! Es gab Pie und Lachs und Truthahn und sogar Glühwein! Und natürlich Fotos vor dem 10 m hohen Weihnachtsmann oder dem 3x4 m (echtem, essbaren) Gingerbread-House! Und auch hier waren zwar mehrheitlich, aber nicht nur Christen! Achso, auch ganz interessant: Muslime kennen und mögen Jesus und Maria, auch von ihnen wird im Koran erzählt. Jesus hat Wunder getan, Kranke geheilt. Für sie ist er nicht Gottes Sohn, aber ein guter Mann und sie "verstehen", dass die Christen in verehren. Hmm, was gibt es noch zu berichten: Weihnachten als Frau? Ist eigentlich nicht Weinachts-spezifisch, aber ich möchte noch erwähnen, dass ich mich als Frau hier noch NIE benachteiligt, diskriminiert oder gar unsicher gefühlt habe. Da pfeifen mir in Südeuropa mehr Männer ungebeten hinterher. Den dringenden Wunsch einen Minirock und/oder ein tief ausgeschnittenes Oberteil zu tragen, habe ich nicht. Es wäre nicht mal direkt verboten, ist aber unhöflich und respektlos. Genau wie man so nicht in eine Kirche gehen würde. Insgesamt ist der Umgang je nach männlichem Gegenüber leicht distanziert, aber absolut nicht negativ, sondern eher respektvoll und würdigend. Ich kann nicht in die Häuser hier schauen und ich weiß, dass Mädchen und Frauen es manchmal schwer mit Freiheit in Bezug auf Zukunftsentscheidungen (Studium im Ausland, Reisen insgesamt, Beziehungen und Heirat) haben. Ganz ähnlich wie bei uns vor 30-40 Jahren vielleicht? Oh, und ganz ähnlich wie wir aus aus (Süd-)Italien kennen, wo wir auch lange gewohnt haben! Trotzdem ist die Frau, und sowieso nicht die ausländische, hier nicht in ihrem Alltag eingeschränkt und ich finde es tatsächlich angenehmer, wenn man mich respektvoll mit "Good Morning Ma'am" begrüßt und dabei evtl. sogar den Blick leicht senkt, als wenn ich ein "Hey Süße!" hinterher gerufen bekomme. So etwas ist hier wirklich VÖLLIG ausgeschlossen! Kein Pfeifen, kein Anquatschen! Unter Bekannten oder gar Freunden kann ich KEINERLEI Unterschiede im Umgang feststellen!

      So, aber ich schweife wieder vom Weihnachts-Thema ab! Vielleicht habt ihr ja noch Fragen? Wir feiern übrigens die muslimischen Feste wie "Fastenbrechen" usw. auch immer gern mit und fühlen uns stets willkommen! Morgen Abend gehen wir in unser Lieblingsrestaurant in der Altstadt: Ein Syrer! Ich kann es kaum erwarten, vor allem die Backwaren und Suppen auch in Deutschland kaufen zu können!

      Insgesamt: Ja, ich fühle mich in Deutschland am wohlsten, auch in unserer Kultur, aber vor allem durch die Erfahrungen hier, sehe ich sie nicht gefährdet! Sowieso nicht von den Neuankömmlingen und viel eher von der „Moderne“, die einfach viel verdrängt und verändert.

      Was möchte ich mit dem Text bewirken? Ich weiß es selbst nicht so genau! Etwas Unsicherheit nehmen vielleicht? Aber im Grunde einfach nur berichten, aufklären irgendwie! Ich möchte keine riesige Diskussion über den Islam und im der Flüchtlingen anzetteln, sondern einfach nur von unseren Erfahrungen erzählen!

      Süß war übrigens meine Tochter (damals 7) letztes Jahr um diese Zeit. Da haben wir bei Panorama ein paar (ungekürzte) Interviews mit Pegida-Demonstraten angeschaut und bei fast jeder "die machen doch" und "dort darf/muss/soll/tut man doch auch" - Weisheit hat sie völlig irritiert protestiert "Was erzählen die da?", "Aber das stimmt doch gar nicht!" und "Warum dürfen die so was sagen?" und "Was ist, wenn die anderen das glauben?" usw. Ich bin so froh, das sie WEISS und ERLEBT und nicht auf Geschichten von anderen aufbaut mit ihrer Sicht der Welt. Frei nach Humboldt:

      "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."

      Sonnige Grüße aus 1001 Nacht und einen guten Rutsch ins neue Jahr,

      Elfchen

      • Dankeschön für diesen sehr interessanten Bericht!

        Ich kenne übrigens auch eine Bulgarin. Sie kommt aus der Oberschicht. Als ihr Vater ihr das erste mal sagte, dass sie in Deutschland bwl studieren müsse, ist sie abgehauen.
        Sie wurde gefunden und dem ganzen wurde sehr deutlich körperlich Nachdruck verliehen.

        "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."

        Das glaube ich auch.

        Hallo Elfchen

        Ich fliege immer mit meiner Freundin in den Urlaub. Sehr gerne und ohne jegliche Angst waren wir in der Türkei, in Ägypten und in Tunesien.

        Der einzige Mann, der mir mal zu nahe kam, war ein Taschendieb.;-)

        In der Türkei haben wir mittlerweile Freunde und man sieht, dass die Frauen dort überhaupt nicht unterdrückt werden.
        Der Mann hat das Sagen außer Haus und die Frau im Haus. Nur flirten dürfen die Frauen

        nicht.;-)

        Dir und deiner Familie auch einen guten Rutsch.
        Eva

        • Was heißt, das sagen haben ausser haus. Darf die Frau allein raus? Darf der Mann flirten? Das hört sich irgendwie so gar nicht nach Gleichberechtigung an. Und das Sagen im Haus zu haben,bedeutet wohl,dass die Frau für das Putzen und kochen zuständig ist oder hab ich das falsch verstanden?

          • Klingt ganz wie hier, oder nicht?

            Wie viele Deutsche leben genau so, wie du es hier gerade darstellst?

            Du natürlich nicht, alle deine Freundinnen leben komplett selbstbestimmt und ihre Männer schwingen die Hufe, wenn sie rufen.
            Das, was hier bei urbia ganz oft geschildert wird im Bereich Partnerschaft, das werden sicher alles unterdrückte muslimische Frauen sein...

            Krampfhaft an etwas festhalten, auch wenn es wieder und wieder widerlegt wird - was ist das wohl?

            • Also ICH kenne das weder von mir noch von meinem Umfeld und wenn,dann sind die Frauen selbst schuld.aber in manchen Ländern ist das halt weitgehend "normal ".die unseren hat geschrieben, dass ihre bekannten nicht unterdrückt werden und ich sehe das halt anders

          Es handelt sich hier um verschiedene familiäre Zusammensetzungen.

          Eine Familie mit 7 Kindern-------- die alle von der Frau gewollt sind. Der Mann wollte nicht so viele Kinder.
          Sie "darf" natürlich einkaufen gehen, macht den Haushalt und bekommt alles was sie will.
          ER kümmert sich rührend um die Kinder und nimmt sie zur Not auch mit zur Arbeit
          ( selbstständiger Gastronom)

          Die andere Familie hat nur 1 Kind. Hier ist die Frau weitaus westlicher. Aber auch sie trägt Kopftuch und sieht ihrem Charmanten Mann lächelnd beim ständigen flirten zu.
          Sie haben ein Geschäft, wo die Frau ab und zu mitarbeitet.
          Obwohl sie sehr westlich ist, hat sie Zuhause noch so ein "Loch" als Toilette. Für ihre Freunde haben sie extra ein Bad mit Wasser WC installiert. ( Gott sei Dank);-)

          Bei der dritten Familie - -- mit mittlerweile erwachsenem Sohn----- macht die Frau eigentlich was sie will. Sie "darf" sich auch mit uns alleine in einem Lokal treffen und trägt kein Kopftuch.

          Also eine gemischte

      Grundsätzlich denke ich auch, dass an Sexismus wenig Gutes ist - nicht hier und auch nicht anderswo.

      Die Formel, der Mann hat außer Haus das Sagen, die Frau im Haus ist eine Umschreibung dafür, dass Frauen faktisch nichts zu sagen haben. Mit der Macht im Haus ist es dann auch nicht so schrecklich weit her, weil die Frau wirtschaftlich von ihrem Mann abhängig ist, aber der Mann nicht von der Frau.

      • Bitte?? Ich denke Frauen in Islamischen Ländern haben oft mehr zu sagen als Männer...(weiß ich als Muslim aus eigner Erfahrung).

        "Muslimische Frauen werden unterdrückt"....
        Leider hat sich diese Art von Rassismus bis in die (angeblich) Linke in DE durchgesetzt.

        Warum sehen sich westliche Frauen immer nur als Abweichung vom "Standard Mann"? Ein bißchen mehr Selbstbewustsein, und westliche Frauen wären interessant!

        Deswegen halte ich die gesamte sogenannte "Willkommenskultur" nur für Heuchelei.

        Schönes Neues Jahr 2016!

Hallo,

in welchem Land bist du denn? Ich war letzte Woche erst in Dubai. In 2 großen Malls, in denen ich war, gab es keinerlei weihnachtliche Deko.

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