Die Früchte des Generalverdachts sind gereift

Es ist nichts passiert, oder!?
Das sollte ja schon gestern geschehen; bzw die Mahnwache heute

Oh well. Das wundert mich sehr wenig.

Was ich aber so richtig absurd finde, ist folgendes: Es ist noch nicht so lange her, da twitterten unter dem Hashtag #aufschrei ganz viele Frauen ganz viele Szenen von ganz alltäglicher sexueller Gewalt in Deutschland. Von unerwünschten Anmachen und Berührungen bis hin zu Vergewaltigungen.
Die Reaktion breiter Teile der Öffentlichkeit war folgende: 1. Ja, das wissen wir. 2. Stellt euch mal nicht so an. 3. Das sind Komplimente, die ihr blöden Schnepfen nicht versteht. 4. Macht die Bluse zu.
Mir ist durchaus bewusst, dass die Vorgänge am Kölner Hauptbahnhof keine alltägliche sexuelle Gewalt waren. Die Täter agierten im Schutz der Menge, sie nutzten die besonderen Gegebenheiten aus und im Regelfall passiert sexuelle Gewalt in einer 1-zu-1-Situation (der gemeine Deutsche ist ja nicht blöd und macht das in der Öffentlichkeit), keine 6-zu-1-Situation.
Und trotzdem erstaunt mich, dass sexuelle Gewalt anscheinend deutlich danach unterschieden wird, wo der Täter herkommt.
Dieselben, die den #aufschrei-Frauen gesagt haben, sie sollen die Bluse zumachen, echauffieren sich jetzt ganz besonders laut über die Vorfälle. Und ich habe den Verdacht, dass es ihnen nicht um die Opfer geht, sondern um die Täter. Wenn jemand unsere Frauen belästigt, dann wir selber. Oder so.

Ich habe null Sympathie für Typen (und Typinnen), die sexuelle Übergriffe begehen. Das muss man ja immer dazu sagen, wenn man nicht "Kopf ab" schreit, sondern über irgendeinen anderen Aspekt spricht. Aber ich wünschte mir, es ginge wirklich endlich mal um die Opfer. Ich wünschte, wir würden wirklich endlich mal über Sexismus reden. Über den religiösen genauso wie über den nicht-religiösen. Über den versteckten. Woher der kommt und was man dagegen tun kann, strukturell wie situationsgebunden. Über die Welt, in der wir leben wollen. Den Rechtsextremen in dem Artikel geht es ja nicht um die Opfer. Denen geht es darum, dass sie endlich wieder einen Grund haben, Ausländer zu klatschen.

Und das ist das zweite Erschreckende: Wieviele Menschen sich über die Vorgänge am Kölner Hauptbahnhof zu freuen scheinen, weil die das bestätigen, was sie seit Jahr und Tag sagen: Dass mit dem "orientalischen Pack" nichts Gutes kommt, dass die Flüchtlinge im Besonderen und Ausländer im Allgemeinen Deutschland ins Verderben reißen. Juhu, der Bürgerkrieg naht. Und genauso nervt mich, dass diese Vorfälle wieder instrumentalisiert werden, um "Lügenpresse" zu schreien und die "Kuscheljustiz" zu verdammen. So im Vorfeld, bevor auch nur eine Anklage erhoben worden ist. Und natürlich: linksgrünversifften Gutmenschen die Schuld zuschieben, weil die irgendwie dafür verantwortlich sind. Wie genau, bleibt dann auch im Ungefähren.

So. My five cent. Und jetzt geh ich mal die drölfzig Kommentare aus dem letzten Thread überfliegen. #zitter

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