Vater Staat -politische Kurzgeschichte

    • (1) 14.03.16 - 20:08

      Luise sah mißmutig auf die Mütter mit ihren Kindern, die sie durch die gläserne Wand ihres Apartments sehen konnte. Alle Wände in der Sarrazin-Stadt waren transparent, nur über Nacht wurden die Schlafzimmer abgedunkelt. Von 10 Uhr nachts bis 6 Uhr morgens, anständige Deutsche standen schließlich früh auf, und die Kinder sollten zur neuen Elite Deutschlands erzogen werden. Damit hatte man Luise auch zu trösten versucht, als sie vor drei Monaten zur Zwangsbefruchtung eingeliefert worden war.
      Angefangen hatte alles damit, dass Horst Meerhöcker vor zweieinhalb Jahren zum Kanzler gewählt worden war. Er hatte große Reformen angekündigt, und große Reformen hatte er durchgeführt. Sein erster Staatsakt war es gewesen, die Deutsche Mauer bauen zu lassen, um weitere Einwanderung zu verhindern. Zugegeben, danach hatte es keine neuen Asylanten mehr gegeben, und viele, die schon in Deutschland lebten, waren wieder nach Hause gegangen. Allerdings auch keinen Export mehr. Etliche Wirtschaftszweige waren langsam abgestorben.

      Sein zweiter Staatsakt war es gewesen, Homosexualität zu verbieten, da sie nicht dem Erhalt des Deutschen Volkes diene. Luise hatte von nun an nicht mehr offen zu ihrer Beziehung zu ihrer Lebensgefährtin Rezi stehen können. Wie es Rezi jetzt wohl erging? Sie war erst 25, hatte also noch ein paar Jahre Zeit, um sich von irgendeinem Kerl schwängern zu lassen, damit sie nicht auch hierher eingeliefert werden würde.
      Denn Meerhöckers dritte Reform war das "Programm zur Aufrechterhaltung des deutschen Volkes" gewesen. Hinter diesen Worten verbarg sich ein Gesetz, demzufolge Frauen, die das 30 Lebensjahr überschritten hatten, ohne Kinder in die Welt zu setzen, zwangsbefruchtet wurden.
      Luise war an ihrem 30. Geburtstag früh morgens von einem Sturmtrupp der Meerhöckerschen Nationalgarde (MNG) aus dem Bett geklingelt worden. Als sie noch schlaftrunken die Tür öffnete, standen dort die Männer in den charakteristischen blau-weiß karierten Uniformen und informierten sie kühl, dass sie sich eigentlich gestern Abend an der Sammelstelle hätte melden sollen.
      Luise antwortete nicht minder kühl, dass sie kein Interesse an einer Schwangerschaft habe und nicht gedenke, mit ihnen mitzukommen. Schließlich sei dies ein freies Land.
      Denkste! Der Hauptmann der MNG gab seinen Männern ein Zeichen, und die packten Luise, legten ihr Handschellen an und zerrten sie trotz Gegenwehr in einen Transportwagen der MNG, der auch blau-weiß kariert war, versteht sich.
      An die folgenden Tage konnte sich Luise kaum erinnern, da sie die meiste Zeit über unter Betäubungsmitteln gestanden hatte. Sie wusste nur noch, dass sie in die Sarrazin-Stadt gebracht worden war, die nach dem berühmten Autoren benannt war. Dort hatte ein aalglatter Arzt sie auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Das Nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie aus einer Narkose erwacht war, und dass der Arzt ihr strahlend mitteilte, dass sie Mutter werde.
      Luise war ein Apartment zugewiesen worden und man hatte ihr versichert, dass ihr Kind die bestmögliche Ausbildung erhalten würde. Überhaupt brauche sie sich um nichts mehr zu sorgen.
      Tatsächlich erhielt sie die bestmögliche Versorgung, wie zum Beispiel Bratwörscht mit Sauerkraut, Weißwörscht, Schweinebraten mit Klößen... der Arzt behauptete, dies sei die gesündeste Nahrung für schwangere Frauen, damit der Nachwuchs groß und stark würde. So stattlich wie Kanzler Meerhöcker.
      Natürlich hatte Luise anfangs versucht, aus der Sarrazin-Stadt zu entkommen, aber die Glaskuppel erwies sich als unzerstörbar und an jedem Ausgang standen Wachposten der MNG.
      Das war vor drei Monaten gewesen. Luise verbrachte nun die meiste Zeit in dem kleinen Park in der Mitte der Sarrazin-Stadt. Auch die anderen Frauen verbrachten viel Zeit dort. Die meisten waren in verschiedenen Stadien der Schwangerschaft, einige hatten schon Babies, die sie in Kinderwägen hin und her schoben.
      Anfangs hatte Luise versucht, sich durch Hausarbeit abzulenken, aber diese war auch bald erledigt. Dann hatte Luise die Bibliothek besucht, war aber enttäuscht über die Auswahl: Heimatromane, Bücher über Bayrische Geschichte, Bayrische Kochbücher und Propaganda der PARTEI, beispielsweise Meerhöckers Autobiographie, oder Bücher über die Vizekanzlerin Petra Fraukey. Mit ihrem Fernseher konnte Luise nur die Öffentlich-Rechtlichen empfangen, die längst nur noch Propaganda der PARTEI ausstrahlten. Soviel zum Thema Lügenpresse, ein Schlagwort, das verwendet worden war, als die Pressefreiheit noch intakt gewesen war.
      Einmal hatte Luise eine Dokumentation über die Meerhöcker-Stadt gesehen, bei der sie fast kotzen mußte. Sie hatten Zenzi interviewt, eine Einwohnerin der Meerhöcker-Stadt. Luise kannte sie und hielt sie für ziemlich hirnlos. Zenzi hatte im Interview strahlend erzählt, wie glücklich sie war, dass man ihr die Chance gegeben hatte, Mutterfreuden zu erleben, obwohl sie leider keinen Mann abgekriegt hatte. Und wie großzügig Vater Staat für sie und ihr Kind sorgte! Luise dachte zynisch, dass die Redensart "Vater Staat" eine ganz neue Bedeutung erlangt hatte.

      Innerhalb der nächsten vier Jahre hatte Luise viel Zeit, sich einigermaßen einzugewöhnen. Das Freizeitangebot war immer noch spärlich: Bayrische Kochkurse, Gottesdienste, in denen der Pfarrer die Vorzüge der PARTEI predigte, organisierte Kaffeekränzchen für die Mütter, während eine Sozialarbeiterin unermüdlich wiederholte, wie glücklich sie sich alle schätzen durften, dass Vater Staat ihnen Mutterfreuden ermöglicht hatte. Ja, dachte Luise zynisch, ob sie nun wollten oder nicht.

      Trotzdem war sie jedesmal froh, wenn sie ihren Sohn vom Kindergarten abholte, denn wenn sie sich um ihn kümmerte, hatte sie wenigstens eine Beschäftigung.
      Aber je älter die Kinder wurden, desto weniger ließ sich eine Tatsache leugnen: sie alle sahen gleich aus! Dieselben stämmigen, dunkelhaarigen Jungen in Lederhosen liefen überall in der Sarrazin-Stadt herum! Auch die Mädchen sahen sich alle recht ähnlich.
      Luise erinnerte sich, dass kurz vor Meerhöckers Amtsantritt die Genforschung erstaunliche Fortschritte gemacht hatte. Konnte es sein...?
      "Wo gehen wir hin, Mami?" fragte der kleine Oscar. Luise hatte ihren Sohn aus Protest nach dem wohl berühmtesten homosexuellen Dichter genannt.
      "In die Bibliothek," antwortete Luise, "ich muss was nachsehen."
      Sie fand auch gleich Meerhöckers Autobiographie. Hastig schlug sie die Kapitel über Meerhöckers Kinderzeit auf. Tatsächlich, da waren die Bilder eines stämmigen, dunkelhaarigen Jungen... Er sah genauso aus, wie ihr Sohn, wie alle Jungen in der Sarrazin-Stadt. Luise öffnete auch ein Buch über Vize-Kanzlerin Petra Fraukey. Tatsächlich, diese hatte als Kind frappierende Ähnlichkeit mit den Mädchen in der Stadt gehabt..
      Luise klappte das Buch zu und brach in hysterisches Gelächter aus. In der Tat, die Redewendung "Vater Staat" hatte eine ganz neue Bedeutung bekommen.

      • Wer hat die Geschichte denn geschrieben?

        Finde sie super!

        Was mir durch den Kopf ging beim Lesen?- Was für ein Horrorszenario.
        Im Kontex mit den Wahlen - was für ein Schwachsinn und meisterliche Übertreibung- ganz das was man dieser hier umstrittenen Partei auch vorwirft.
        Muss man immer Gleichem mit Gleichem begegnen?
        Irgendwie wollen Schreiber solcher Texte nicht ernst genommen werden.

        Im Übrigen glaube ich nicht dass man dunkelhaarige Kinder "züchten " würde.
        Ich glaube man würde blonde, hellhäutige,blauäugige, drahtige Jungen und Mädchen "züchten" . Wenn man schon Klischees unterstellt dann bitte richtig und vollständig.

        Ist es nicht zu früh hier so eine Welle zu schieben?

        Und wer waren die nochmal die mit den Aluhüten?!#klatsch

      Schon mal etwas von Dystopien gehört?

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